Tödliche Realitäten – der Mord an Marwa El-Sherbini

Am 1. Juli 2009 erstach der Russlanddeutsche Alex Wiens die Muslima Marwa El-Sherbini im Dresdner Landgericht, wo die Ägypterin in einem Berufungsprozess wegen Beleidigung gegen Wiens ausgesagt hatte. Auslöser waren rassistische, islamfeindliche Beleidigungen von Wiens gegenüber El-Sherbini und ihrem Kind auf einem Spielplatz im Jahre 2008 gewesen. Deswegen war der Russlanddeutsche in erster Instanz zu einer Geldstrafe verurteilt worden, hatte jedoch gegen das Urteil Beschwerde eingelegt.

Von Michael Klarmann

In dem Beschwerdeschreiben und dem Verfahren hatte Wiens die Muslima weiter diskriminiert, sie unter anderem als Terroristin beleidigt sowie ihr und anderen Muslimen ein Lebensrecht in Europa abgesprochen.

In dem Sammelband „Tödliche Realitäten – Der rassistische Mord an Marwa El-Sherbini“ hat die Opferberatung des RAA Sachsen e.V. die Bluttat und das gesellschaftliche Umfeld, auf das Wiens sich vermeintlich zu stützen glaubte, beleuchtet. Zudem wird beschrieben respektive analysiert, wie Politik und Behörden sowie Medien – auch in Ägypten – sich nach dem Mord und während des Prozesses äußerten. Problematisch an dem Fall und dessen Auslegung in Politik, Medien und Gesellschaft war, dass ein Russlanddeutscher eine Kopftuch tragende Muslima aus Ägypten erstach. Unter Rechtsextremen etwa gelten Menschen wie Wiens als Mitglieder der Volksgemeinschaft der Deutschen, für das Gros der Bürger Deutschlands indes gelten Spätaussiedler wie Wiens schlicht als Migranten.

War der Mord im Gerichtssaal also nur eine Tat unter Fremden und deswegen gar kein innerdeutsches „Thema“? War es nur die Tat eines gesellschaftlich gescheiterten Migranten (Wiens) an einer ausgebildeten Pharmazeutin, deren Ehemann in Dresden am renommierten Max-Planck-Institut promovierte (El-Sherbini)? Oder war es der Mord eines eiskalten Rassisten und Islamhassers, der vorgab, gedanklich eine Nähe zur NPD zu haben, weswegen es denn auch ein rechtextremer Mord war? Solchen und weiteren Fragen geht das Buch nach und bringt Licht ins Dunkel. Und auch, wenn der Sammelband zwar vorwiegend an Marwa El-Sherbini erinnert, wird ebenso das Schicksal weiterer Todesopfer rechtsmotivierter und rassistischer Gewalt in Sachsen seit 1990 geschildert.

Schwerpunkt des Bandes, an dem Journalisten, Wissenschaftler, Behördenvertreter, Opferberater und Menschen aus Initiativen mitgewirkt haben, ist zweifellos die Tat in Dresden. Beleuchtet wird aber zudem ein zuweilen problematischer Umgang der Gesellschaft, Politik und Justiz in Sachsen mit Fällen rechter Gewalt. Letztgenanntes verleiht dem Buch zwar einen lokalen bis regionalen Schwerpunkt, indes ist ein Großteil der Texte auch für Interessierte außerhalb des Bundeslandes Sachsen interessant, zumal der Fall El-Sherbini nicht nur bundes-, sondern weltweit Aufsehen erregte.

Das Buch ist kostenlos respektive gegen die Übernahme von Portokosten erhältlich. Bei Bestellung von mehr als einem Exemplar bitten die Herausgeber um Spenden. Ortskundige können das Buch in den Büros des RAA Sachsen e.V. abholen, andere es gegen Übernahme der Portokosten unter projekt@raa-sachsen.de bestellen.

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