Norweger trauern, Rechtspopulisten hetzen

In Norwegen können heute Angehörige der Opfer des Doppelanschlags vor vier Wochen die Insel Utöya besuchen. Während das Land weiter um die 77 Toten trauert, wird in rechtspopulistischen Blogs wieder gehetzt – gegen Muslime und „Gutmenschen“. Dabei spielen Verschwörungstheorien eine große Rolle.

Von Patrick Gensing, zuerst veröffentlicht bei tagesschau.de

Anders Breivik hatte sich für sein rund 1500 Seiten umfassendes Manifest umfangreich bei dem norwegischen Blogger Fjordman bedient. Nach dem Doppelanschlag distanzierte sich Fjordman von der Tat – denn es sei höchst unangenehm, von einem Massenmörder zitiert zu werden. Hinter dem Pseudonym Fjordman steht offenbar der Norweger Peder Jensen. Dies erklärte Jensen gegenüber der Zeitung „Verdens Gang“. Wenige Tage später verkündete er, sich komplett aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen.

Fjordman galt als einer der Stars in der islamfeindlichen Blogosphäre, seine Texte erschienen auch auf der deutschsprachigen Seite PI-News, die nach eigenen Angaben rund 50.000 Besucher täglich verzeichnet und auch Fjordmans Buch „Eurabien besiegen“ verbreitet. In dem Werk soll bewiesen werden, dass es seit den 1970er-Jahren eine internationale Verschwörung gibt, um Europa zu islamisieren. Die Angst davor gehört zu den Grundpfeilern des rechtspopulistischen Weltbilds, aus dem sich unmittelbar ein Selbstverteidigungsszenario ableiten lässt. „Kollaborateure“ eines islamischen Großangriffs sind dieser Ideologie zufolge Liberale und Linke – die „Gutmenschen“. Daraus lässt sich erklären, warum Breivik den sozialdemokratischen Nachwuchs als Ziel wählte – und nicht Muslime.

„Kollaborateure der islamischen Hassideologie“

„Gutmenschen“ und deren „politische Korrektheit“ gehören seit vielen Jahren zum populären Feindbild in rechten Kreisen. Auf der Seite Document.no, auf der sich Breivik ausführlich als Kommentator betätigte, wird der Begriff „politische Korrektheit“ als meist angegebenes Schlagwort geführt. Die „Gutmenschen“ oder auch „68er“ sind in diesen Kreisen an allem Übel schuld. Der deutsche Blogger Michael M. schrieb, die „Kollaborateure der islamischen Hassideologie“, welche Muslime „millionenfach in ihre Länder geholt und das Gesicht Europas in einem historisch beispiellosen Ausmaß bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet“ haben, hätten „den Willen der überwiegenden Mehrheit der indigenen Europäer vergewaltigt und sind daher die wahren Verantwortlichen für das Norwegen-Massaker“.

Norwegen trauert um die Opfer des rechtsextremen Doppelanschlags: Blumenmeer vor der Domkirche in Oslo (Foto: Rotes Kreuz Norwegen)
Norwegen trauert um die Opfer des rechtsextremen Doppelanschlags: Blumenmeer vor der Domkirche in Oslo (Foto: Rotes Kreuz Norwegen)

Allerdings widerspricht dies der in rechten Blogs oftmals vorgetragenen Behauptung, es handele sich bei Breivik um einen unpolitischen Verrückten, der nichts mit der rechtspopulistischen Szene zu tun habe. Auf der rechten schwedischen Seite „Realisten“ wurde Breivik zudem als verkappter Liberaler dargestellt, da er laut Medienberichten an einer Gay-Parade teilgenommen haben soll. Alles wird getan, um eine politische Nähe zum in Skandinavien erfolgreichen Rechtspopulismus zu leugnen – gleichzeitig soll Breiviks Tat als Beweis für die angeblich verzweifelte Lage in Europa missbraucht werden. Ein Widerspruch, der nicht aufgelöst werden kann.

Gewaltaufruf des „deutschen Fjordman“

Die Ansicht, Europa müsse gegen den Islam militant vertedigt werden, ist im rechtsradikalen Milieu keine Einzelmeinung. Der von PI-News als „deutscher Fjordman“ gelobte Blogger Michael M. hatte im April 2011 einen Aufruf verbreitet, wonach die Bürger zu den Waffen greifen sollten. Auch M. bemühte eine Verschwörungstheorie, wonach Muslime „seit Jahrzehnten beharrlich und mit immer größerem Erfolg an der Übernahme unseres Kontinents“ arbeiteten. Das zentrale Ziel des Islam sei die Weltherrschaft. Diesem Ziel sei das gesamte religiöse Leben des Islam untergeordnet. Zahlreiche Kommentatoren lobten den „mutigen“ Aufruf zum bewaffneten Kampf, einige wollten direkt mitmachen.

Breivik verbreitete sein "Manifest zur Rettung" Europas - der Massenmord war offenbar ein Marketinginstrument.
Breivik verbreitete sein "Manifest zur Rettung" Europas - der Massenmord war offenbar ein Marketinginstrument.

M. war auch als Buchautor tätig. Er steuerte drei Kapitel zu einem Werk über Gewalt gegen Christen in islamischen Ländern bei. Das Vorwort zu dem Buch stammt aus prominenter Feder – von Karl Kardinal Lehmann. Auf Anfrage von tagesschau.de ließ Lehmann erklären, die Freigabe des Textes, der ursprünglich für eine Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung verfasst worden sei, sei ohne Kenntnis der übrigen Texte des Buches erfolgt.

Parallelen zum Antisemitismus?

Verschwörungstheorien über internationale Netzwerke, die angeblich die Weltherrschaft anstrebten, sind bislang vor allem aus dem Antisemitismus bekannt. Auf die Bedeutung dieser Legenden in der aktuellen Debatte verweist der norwegische Publizist Öyvind Strömmen. Diese Theorien würden bisweilen als harmlose Unterhaltung wahrgenommen, so Strömmen gegenüber dem norwegischen Rundfunk NRK, allerdings seien sie gefährlich, denn sie könnten zu politischer Gewalt führen. Breivik habe nicht als einsamer Wolf gehandelt, betont Strömmen. Jahrelang hätten Blogger wie Fjordman geschrieben, Europa werde vom „Fremden“ besetzt – und dies werde von der norwegischen Regierung akzeptiert. Jahrelang seien Sozialdemokraten als Vaterlandsverräter gebrandmarkt worden – und so sei es eben keine Überraschung, dass Breivik den sozialdemokratischen Nachwuchs als Ziel gewählt habe.

Der Attentäter inszeniert sich als "Marxist Hunter" - alles unpolitisch?
Der Attentäter inszeniert sich als "Marxist Hunter" - alles unpolitisch?

Strömming beklagt in seinem Blog, die Kommentare von Breivik auf Document.no seien nicht das eigentlich Erschreckende. Schlimmer sei, dass sich die Kommentare des Attentäters kaum von denen in größeren Medien unterscheiden ließen.

Sarrazin der neue Treischke?

Auch in Deutschland sei der Antiislamismus mittlerweile salonfähig, meint der Journalist Alan Posener, der für die konservative Zeitung „Die Welt“ schreibt. Posener schreibt in dem Blog „Starke Meinungen“, Thilo Sarrazin sei der Heinrich von Treischke unserer Zeit. Treischke hatte 1879 den Spruch „Die Juden sind unser Unglück“ geprägt. „Bis dahin galt es einfach als unfein, Antisemit zu sein“, so Posener. Inwieweit es Parallelen zwischen dem Ressentiments des Antisemitismus und der neuen Islamfeindlichkeit in Europa gibt, ist derzeit Gegenstand erbitterter Debatten in Fachkreisen.

Rechtspopulistische Blogger wollen sich mit solchen Feinheiten nicht belasten. Polemiken gegen Muslime, die EU oder vermeintliche Linksextremisten prägen weiterhin die einschlägigen Blogs. Michael M. startete zudem Anfang August eine neue Serie: „Die Feinde Deutschlands“ – wozu M. beispielsweise Grünen-Chefin Claudia Roth zählt. Auch die Krawalle in England sind ein großes Thema in der rechtspopulistischen Szene; die Schuldigen sind einmal mehr schnell ausgemacht: Die Ausschreitungen hingen mit dem Fastenmonat Ramadan zusammen, schuld seien zudem die „Verantwortlichen der political correctness“.

Die Appelle an die Rechtspopulisten, nach dem Doppelanschlag in Norwegen zumindest über die schrille und aggressive Rhetorik nachzudenken, sind ungehört verhallt. Von Kritik wollen die rechtspopulistischen Islam-Kritiker nichts hören. Dabei sei aufgeklärte Kritik am Islam richtig, meint der norwegische Publizist Strömmen, man müsse menschenfeindliches Gedankengut thematisieren – egal von wo es komme.

Siehe auch: Breivik-Debatte: Beißreflexe und Pauschalvorwürfe, Massaker als Marketing: Das Manifest des Massenmörders, Ein unpolitischer Terrorismus?

14 thoughts on “Norweger trauern, Rechtspopulisten hetzen

  1. „Bertelsmann sind Nazis“ finde ich auch ein wenig verkürzt. Wechselwirkung zwischen Medien und Populismus sind auf jeden Fall vorhanden. Der Populismus braucht die Massenmedien. Die Medien oder besser gesagt, bestimmte, brauchen wiederum den Populismus. Der Populismus ist im Fall von Bild und RTL regelrecht Geschäftskonzept.

    Der wirkungsvollste Weg in das Hirn der Menschen, lässt sich über den Bauch finden. Über die Ur-Ängste, jenseits sachlicher Gedanken. Davon profitieren auch Medien. Ist die Vernunft deaktiviert, ist der Mensch zu allem bereit.

    Wer von der Spaltung der Gesellschaft profitiert, ist auf jeden Fall interessant.

    Welch mörderische Dynamik diese Zusammenhänge entwickeln können, haben die Nazis „eindrucksvoll“ bewiesen. Ich denke der „virtuose Umgang“ der Nazis mit den Massenmedien ist, wenn man den Rechtspopulismus untersuchen möchte, durchaus interessant…

  2. www,
    „Sind Rechtspopulisten die wahren Neonazis“ war zugegebenermaßen leicht populistisch. 😉 Die NSDAP, das uniformierte Marschieren, die Volksverhetzung u.s.w. sind nach dem Krieg in Deutschland verboten worden. Deshalb gibt es all das hier nicht oder nur in Ansätzen. Das sind aber konkrete rechtliche Belange. Diese sind natürlich da um die Gesellschaft zu regulieren, trotzdem sind in dieser auch andere Mechanismen aktiv. So wissen die Rechtspopulisten Angst zu schüren und die Gesellschaft zu spalten, niedere Instinkte anzusprechen. Und dann sind wir doch ganz schnell wieder bei den Nationalsozialisten. Aber ebend nicht über das Etikket oder das Recht, sondern über den sozialpsychologischen Mechanismus(Wenn man das so sagen kann).

  3. „Warum erscheint Sarrazins Veröffentlichung in schwarz und weiß auf rotem Grund?“ „Weil´s nicht verboten ist.“ 😉

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