Krieg um den Friedenspreis

Die „Klagemauer“ in Köln hat mehrfach wegen aggressiver antiisraelischer Karikaturen und Texte für Schlagzeilen gesorgt. Die NPD-NRW verteidigte die Dauerausstellung, da Initiator Walter Herrmann „nichts anderes als Fakten“ vermittele. Herrmann ist Preisträger des Friedenspreises – und kurz vor der Ehrung seiner diesjährigen Träger steht einer der renommiertesten Preise der deutschen Friedensbewegung vor einer Zerreißprobe. Der Grund: im Aachener Friedenspreis läuft eine Diskussion zum Thema Antisemitismus. Im Zuge der Streitereien legten im August zwei Mitglieder des Vorstandes ihre Ämter nieder.

Von Michael Klarmann

So trat die Aachener Bürgermeisterin und Grünen-Politikerin Hilde Scheidt von ihren Ämtern zurück. Scheidt kritisierte, dass sich der Verein nicht ausreichend von beiden Preisträgern distanziert hat. Kurz zuvor hatte Matthias Fischer, Mitglied der Partei Die Linke, auf einer Vorstandssitzung aus demselben Grund sein Amt niedergelegt.

"Israel-Kritik" an der Kölner Klagemauer
"Israel-Kritik" an der Kölner Klagemauer

Auslöser für den Disput waren eine Aktionen des Siegener Friedens-Pädagogen Bernhard Nolz und ein sich seit Jahren abzeichnendes Debakel rund um den Initiator der Kölner Klagemauer, Walter Herrmann. Nolz, Preisträger 2002, hatte sich einer Karikatur bedient, bei der eine Krake, die am Kopf eine israelische Flagge mit einem Hakenkreuz statt des Davidsterns trägt, ein Schiff der Gaza-Flotille attackiert. Herrmann wiederum hatte an seiner Klagemauer unter anderem eine Grafik gezeigt, die im Stil der NSDAP einen Juden zeigte, der ein palästinensisches Kind mit Messer und Gabel verspeist und ein Glas Blut dazu trinkt.

Während sich der Disput in Aachen weniger um Nolz dreht, sorgt jener um Herrmann seit Anfang 2010 für heftigen Streit. Der Kölner hatte den Friedenspreis nach Anfeindungen gegen ihn und seine Klagemauer vor dem Dom erhalten. Seit 1989 setzte sich Herrmann mit seiner Dauerdemonstration gegen Obdachlosigkeit zur Wehr, engagierte sich für soziale Gerechtigkeit und für Frieden. Wiederholt hatten Stadtverwaltung und Kirche versucht, die seinerzeit als Schandfleck angesehene Klagemauer zu entfernen, juristisch wie mit Hilfe der Polizei.

Aus Solidarität erhielt Herrmann 1998 den Aachener Friedenspreis. Doch im Zuge einer Zuspitzung des Nahostkonfliktes war die Klagemauer ab dem Jahr 2004 zu einer antiisraelischen bis antisemitischen Schau geworden. Hans-Peter Killguss von der Info- und Bildungsstelle gegen Rechtsextremismus der Stadt Köln sagt, dass dabei „immer wieder höchst problematische antizionistische Texte“ anzutreffen waren, die „antisemitischen Vorstellungen den Boden bereiten“. Killguss weist auch auf Bilder hin, „die an der Grenze des Antisemitismus sind“.

2007 zitierte die taz einstige Weggefährten, die in Herrmann nur noch einen „querulantischen Plagegeist“ und „Eiferer“ im „Größenwahn“ sahen. Mancher hält den rüstigen Senior heute für einen notorischen Israelhasser. Und so sorgt es für Verwunderung, dass der Friedenspreis-Verein nach dem Ende interner Flügelkämpfe ausgerechnet wegen Herrmann wieder erneut in Schieflage gerät.

Seit 1988 ehrt der Verein einmal im Jahr Menschen und Initiativen, die „von unten“ her zu Frieden und Völkerverständigung beitragen. Preisträger waren etwa der peruanische Priester Marco Arana (2010), der sich gegen unmenschliche Zustände beim Goldabbau engagiert, und das Friedensdorf San José de Apartadó (2007), dessen Vertreter sich friedlich gegen die bürgerkriegsähnlichen Zustände in Kolumbien wehren. Auch die türkischen Menschenrechtlerinnen Eren Keskin (2004) und Leyla Zana (1995) wurden geehrt. Viele Preisträger sind Angriffen von Nationalisten, Kriegsparteien, Politik oder Milizen ausgesetzt, manche müssen den Tod fürchten.

Auch Menschen, die sich gegen den Nahostkonflikt engagieren, wurden geehrt, 1997 etwa der Kritiker der Politik Israels, Uri Avnery. 2003 wurden der Holocaust-Überlebenden und ehemalige israelische Soldat Reuven Moskovitz gemeinsam mit der Palästinenserin Nabila Espanioly ausgezeichnet. 2008 ehrte man den palästinensischen Pfarrer Mitri Raheb und die israelische Menschenrechtsinitiative Machsom Watch. Einen Mangel an profunder Kritik gegenüber Israel gab es nie, auch Roni Hammermann, die 2008 für Machsom Watch den Preis in Aachen in Empfang nahm, kritisiert die Besatzungs- und Militärpolitik scharf.

Hammermann wertet aber auch das Treiben von Herrmann kritisch, nämlich in Teilen als „Demonstration von rohem Antisemitismus“. Ende 2010 verabschiedeten Kölns Oberbürgermeister Jürgen Roters, die Ratsfraktionen – mit Ausnahme jener der Partei Die Linke – sowie religiöse Gemeinden eine Resolution gegen die Klagemauer. Darin wurde die „extreme Einseitigkeit gegen Israel“ kritisiert. Derlei vermittele „keine Botschaften des Friedens, sondern des Hasses“ – gegen Juden. Offenkundig werteten das Teile des Friedenspreises als Bedrohung ihres Preisträgers und publizierten Anfang 2011 eine Solidaritäts-Erklärung.

Die Klagemauer, so der Friedenspreis-Vorsitzende Karl Heinz Otten und dessen Stellvertreterin Vera Thomas-Ohst, sei „ein Angebot zur politischen Bewusstseinsbildung“ und eine „Plattform des Diskurses im öffentlichen Raum“. Beide verglichen Herrmann sogar mit Sokrates. Davon unberührt eskalierte der Streit in Köln weiter. Grund dafür waren jedoch mehr die Pläne zur Erweiterung des linken Bürgerzentrums Alte Feuerwache (BAF), wo Herrmann Räumlichkeiten zur nächtlichen Lagerung seiner Klagemauer nutzte.

Das BAF plant Umbauarbeiten für ein Kulturbotschaft-Projekt, in dessen Rahmen Künstler aus aller Welt zeitweise in Köln leben, arbeiten und ausstellen sollen. Herrmann diskreditierte das als „elitäres Prestigeobjekt für Vorzeigekünstler“. Das BAF kündigte ihm angesichts des heftigen Streites die Räumlichkeiten und erteilte ihm Hausverbot. Manch einer vermutet, dass hier nur alte Konflikte aus der linken Szene neu ausgefochten werden, wobei ausgerechnet Herrmann wieder im Mittelpunkt steht.

Ausgerechnet zu diesem Hickhack publizierten Otten, Thomas-Ohst und Gerhard Diefenbach, Ex-Vorsitzender des Friedenspreises, eine neue Solidaritätsnote. Darin heißt es, man wolle „von interessierter Seite“ Herrmann „vertreiben“. Der Monate zuvor noch durch den Friedenspreis gescholtene Roters müsse, hieß es nun, „Schutz für einen Künstler und ein weltweit bekanntes Kunstobjekt“ leisten. Die Erklärung stieß in Köln kaum auf Gehör – in Aachen traten Vorstandsmitglieder zurück, auch, weil der Verein sich ohne Not mit der „unglaublich formulierten Erklärung“ (Scheidt) weiter in die Nähe antisemitischer und antiisraelischer Ausfälle begebe.

Am 1. September werden mit dem Rüstungsgegner Jürgen Grässlin und der Tübinger Informationsstelle Militarisierung zwei renommierte Preisträger geehrt. Der Aachener Friedenspreis, sagt Otten, habe weiterhin „ein wunderbares Renommee nach außen“. Nur „nach innen“ herrsche „Krieg“.

Siehe auch: Eine “deutsche Rechte ohne Antisemitismus”?

4 thoughts on “Krieg um den Friedenspreis

  1. Mhh, es ist interessant, dass es immer das Thema „Israelkritik“ ist, das zu internen Zerwürfnissen führt. Sowohl in linken Parteien, als auch bei linken Projekten.

    Ich versuche immer, beide Seiten zu verstehen.

    Die eine Seite solidarisiert sich dabei leider so sehr mit den Palästinensern und ist so schockiert vom Leid er Palästinenser, dass sie ihrer Empörung über – wie auch ich finde – sehr einseitige und geschmacklose Israelhetze Platz machen. Wie ich in einem anderen Kommentar bereits schrieb sehe ich darin weniger „Antisemitismus“, denn dazu fehlt das ideologische Gewand, sondern eher eine gewisse Hilflosigkeit und letztlich der naive Gedanke, mit Hass gegen den Gegner des eigenen Solidaritätsobjekts würde man diesem helfen. Halte ich für falsch, wie Hass allgemein nunmal ist. Aber nicht Antisemitisch.

    Die andere Seite solidarisiert sich wegen der deutschen Vergangenheit leider oft zu sehr mit Israel und ist dadurch mitunter bereit, unerträgliches Unrecht zumindest zu billigen. Hier sehe ich tatsächlich öfters die Gefahr, dass letztlich die Palästinenser für die deutsche Schuld bezahlen dürfen, wenn man berechtigte – auch harsche – Kritik aus eigenen Schuldgefühlen zu sehr zurückhält und dadurch den Palästinensern Hilfe verweigert, die man jedem anderen gewähren würde.

    Beide Seiten sind im linken Spektrum – egal ob Partei oder Szene – vertreten. Und das führt immer und immer wieder zu Zerwürfnissen.

    Im konservativen Spektrum hat sich der alte Antizionismus aus Schuldgefühlen gegenüber Israel und nicht zuletzt Sicherung eines Feindbildes bereits oft genug in Antiislamismus umgewandelt – was sowohl bei der CDU als auch, vor allem, bei den ganzen Rechtspopulisten (von PI-News bis Wilders und co.) bereits mehr als deutlich geworden ist.

    Ich kann daher immer nur beide Seiten zur Mäßigung aufrufen.
    Keinem Palästinenser wird dadurch geholfen, gegen Israel zu hetzen.
    Ein inflationärer Gebrauch der Bezeichnung „antisemitisch“ hilft aber ebenso wenig.

  2. Pressespiegel …
    …rund um die aktuellen Auseinandersetzungen zwischen
    der Kölner Klagemauer & der Alten Feuerwache

    Sokrates an der Klagemauer
    [ Jungle World | 18.08.2011 ]
    http://jungle-world.com/artikel/2011/33/43802.html

    Krieg um den Friedenspreis
    [ 18.08.2011 | NPD-Blog.info ]
    http://npd-blog.info/2011/08/18/krieg-um-den-friedenspreis/

    Interview mit dem Aachener Politikwissenschaftler Richard Gebhardt
    [ 14.08.2011 | haGalil ]
    http://www.hagalil.com/archiv/2011/08/14/gebhardt/

    Weiter Unfriede im Friedenspreis
    [ 09.08.2011 | Aachener Nachrichten ]
    http://www.an-online.de/lokales/aachen-detail-an/1778084

    “Aachener Friedenspreis im kollektiven Selbstmord”
    [ 08.08.2011 | haGalil ]
    http://www.hagalil.com/archiv/2011/08/08/aachener-friedenspreis/

    Kein Frieden im Aachener Friedenspreis
    [ Aachener Zeitung | 06.08.2011 ]
    http://www.az-web.de/artikel/1774864

    Streit um die Alte Feuerwache
    [ Kölner Wochenspiegel | 29.07.2011 ]
    http://www.koelner-wochenspiegel.de/rag-kws/docs/418082/innenstadt-nord

    Kommentar von Otmar Steinbicker
    [ Aachener Friedenspreismagazin | 21.07.2011 ]
    http://www.aixpaix.de/aachen/afp_selbstmord.html

    Verein Aachener Friedenspreis scheitert am Antisemitismus
    [ Aachener Friedenspreismagazin | 20.07.2011 ]
    http://www.aixpaix.de/aachen/afp_antisemitismus.html

    Quo vadis Alte Feuerwache?
    [ NrhZ | 20.07.2011 ]
    http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=16763

    Aachener Friedenspreis ringt um Haltung zu Israel
    [ Aachener Nachrichten | 19.07.2011]
    http://www.an-online.de/lokales/aachen-detail-an/1756926

    Hakenkreuz und Davidstern: Über die Grenze der Kritik
    [ Aachener Zeitung | 19.07.2011 ]
    http://www.az-web.de/lokales/aachen-detail-az/1756913

    Presseerklärung des Aachener Friedenspreises
    http://www.aachener-friedenspreis.de/uploads/media/Solidarit%C3%A4t_KM_WH-1-1.pdf

    “Mossad, Mossad!!!”
    [ haGalil | 21.06.2011 ]
    http://www.hagalil.com/archiv/2011/06/21/klagemauer-3/

    Hausverbot für Walter Herrmann?
    [ NrhZ | 16.06.2011 ]
    http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=16645

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