Vom Spaltpilz zur Anti-Nation

Natürlich stellt sich zunächst die Frage, weshalb man sich mit einem Text der NPD zum Thema Antisemitismus in der Linken bzw. der Linkspartei beschäftigen sollte, vor allem wenn die Gefahr besteht (und dem Autor auch bewusst ist!), die Denkweise der NPD dadurch irgendwie „aufzuwerten“. Doch für eine Analyse des Textes von Jürgen Gansel gibt es gleich mehrere gute Gründe.

Von Jochen Böhmer für NPD-BLOG.INFO

Nun, erstens, war bzw. ist das Thema Antisemitismus in der Linken aktuell und wird von allen möglichen Seiten auch kommentiert und bewertet. Zweitens ist für die NPD gerade die Linke das Feindbild schlechthin (was sich ja auch in den permanenten Angriffen auf Büros der Linkspartei äußert) und aus diesem Grund ist es von Bedeutung, was die NPD zu den Vorgängen in den Linken schreibt. Drittens reicht es meiner Ansicht nach nicht aus, nach einem Verbot von rechtsradikalen Parteien und Gruppen zu rufen, wenn damit nicht endlich auch eine Auseinandersetzung mit dem Denken der Personen in solchen Parteien und Gruppierungen stattfindet. Gerade in Deutschland hat sich, viertens, gezeigt, dass der Antisemitismus, „nach Auschwitz mehr denn je – eine Option auf Mord“ (G. Hanloser, Krise und Antisemitismus, S. 108) ist, den zu bekämpfen oberstes Gebot für alle sein sollte, die die Idee einer universalen Menschheit noch nicht aufgegeben haben.

Nichts ist anziehender als Erfolg: Jürgen Gansel beim "Trauermarsch" in Dresden.
Jürgen Gansel beim "Trauermarsch" in Dresden.

In dem folgenden Beitrag geht es um den Text „Die jüdische Spaltpilzerei in der Linkspartei“, der von einem NPD-Strategen veröffentlicht wurde. Dieser bietet einerseits das klassische Repertoire des – wenn man so will – klassischen rechten Antisemitismus. Andererseits gibt es aber auch Verweise und Anknüpfungspunkte an den neuen Antisemitismus, also den Antisemitismus, der mit der Chiffre der Kritik an Israel bemäntelt ist. Die diesem Text zu Grunde gelegte Definition des Begriffs Antisemitismus lehnt sich somit an die Antisemitismus-Definition der EUMC an (nachzulesen hier: http://www.european-forum-on-antisemitism.org/working-definition-of-antisemitism/deutsch-german/).

Der Text „Die jüdische Spaltpilzerei in der Linkspartei“ stammt von Jürgen Gansel, einem Mitglied des sächsischen Landtages (alle Zitate, wenn nicht anders gekennzeichnet, stammen aus dem Text). Bereits die Überschrift, in der auf die „jüdische Spaltpilzerei“ verwiesen wird, lässt zumindest auf eine Anlehnung an Biologismen schließen, die beim Antisemitismus immer wieder virulent werden. In der Geschichte des Antisemitismus wurde und wird das Judentum (bzw. Jüdinnen und Juden) immer wieder mit Bildern assoziiert, die beweisen sollten, dass „die Juden“ eigentlich gar nicht zu den Menschen gehören. Grauenvollstes Beispiel ist der NS-Propagandafilm „Der ewige Jude“, in dem Juden mit Ratten gleichgesetzt werden.

Zu Beginn wird gleich ein Kernpunkt ersichtlich: Die Linke müsse sich zwischen „Israel-Kritik“ und „Judentümelei“ entscheiden. Bemerkenswert dabei ist, dass sich auch die NPD das Etikett „Israel-Kritik“ umhängt. Viele linke Antizionist_innen berufen sich auf diese Chiffre, um zwischen – ihrer Ansicht nach – legitimer Kritik an der Politik Israels und dem Antisemitismus, z. B. der Nazis, zu unterscheiden. Dass nun ausgerechnet die Partei, die als Inbegriff des Rechtsextremismus in Deutschland gilt, genau dieses Konstrukt der „Israel-Kritik“ verwendet, müsste eigentlich Anlass zur Selbstreflexion bieten.

Legitime Israel-Kritik? Rechte "Antizionisten" in Aktion (Foto Marek Peters)

Im nächsten Teil wird versucht, die Linkspartei als ein „künstliches“ Gebilde darzustellen. Das Spektrum der Linkspartei reiche von „Neo-Sozialdemokraten“ bis „Alt-Stalinisten“ und würde Spaltungen deswegen provozieren. Solche Flügelkämpfe sind in der Rechten scheinbar völlig unbekannt (http://npd-blog.info/2011/08/02/npd-strategie-analyse-200/). (Die NPD spricht – nebenbei erwähnt – hier von der „mitteldeutschen PDS“, gegenüber der „westdeutschen WASG“.) Mit dem Ressentiment gegen das angeblich nicht homogene und nicht natürlich gewachsene (hier soll als Gegenthese vermutlich die NPD herhalten) bedient der Text einen weiteren Baustein des klassischen Antisemitismus. Nicht zu vergessen ist dabei, dass auch Israel in der Diktion von Antisemit_innen (und/oder Antizionist_innen) immer wieder als „künstliches Gebilde“ (u. a. hier: http://www.n-tv.de/politik/dossier/Ein-Gebilde-das-Israel-heisst-article208070.html und http://www.bpb.de/themen/ CNCDW9,4 ,0, Glossar.html#art4) bezeichnet wird.

Im Anschluss daran geht es meiner Meinung nach um die primären Thesen des Textes. In diesem Teil sind die deutlichsten Verweise auf den klassischen Antisemitismus zu erkennen. Die Debatten und Auseinandersetzungen innerhalb der Linken werden von der NPD wie folgt interpretiert. Durch das „angemaßte Opfermonopol“ (sic!) der Juden gelang es ihnen den Staat Israel zu gründen. Alle Fraktionen von Linken streiten sich seit der Shoah über den Umgang mit Israel, so der Text weiter. Daran schließt die Beschreibung der innerlinken Auseinandersetzungen zwischen Antiimperialist_innen und Antideutschen an. Die NPD sieht bei den Antiimperialist_innen „ehrenwerte“ Motive, da diese „Völker und Kulturen“ gegen den Imperialismus aus den USA bzw. aus Israel verteidigen würden. Auch auf NPD-Blog wurde schon mehrfach über diese Querfrontversuche berichtet (u. a. hier: http://npd-blog.info/2010/08/10/npd-diskussionsangebot-200/). Die Antideutschen hingegen würden aus „Deutschenhaß“ heraus, alles absegnen, was „USrael“ dient. Da diese alle „gewachsenen Völker hassen“, begrüßen diese „Polit-Neurotiker der Anti-Nation“ nur eine „Krämergesellschaft“ von „Amerikas Gnaden“ und würden also somit jeden Rest von Antikapitalismus verraten.

Antizionisten wollen keine Antisemiten sein, machen Israel aber zum "Juden unter den Staaten".
Antizionisten wollen keine Antisemiten sein, machen Israel aber zum "Juden unter den Staaten".

Im genannten Abschnitt werden also viele klassische antisemitische Ressentiments bedient, die in vielen Publikationen untersucht werden. So dokumentiert beispielsweise Tilman Tarach in seinem Buch „Der ewige Sündenbock“ zum Komplex „USrael“ einerseits das sehr ambivalente politische Verhältnis zwischen den USA und Israel (im Buch wird u. a. auf den Ex-Präsidenten Jimmy Carter hingewiesen), um schon rein faktisch dieses Konstrukt zu entkräften. Aber andererseits „beäugt manch ein Blut-und-Boden-Obskurantist die Vereinigten Staaten schließlich wohl auch deshalb so mißtrauisch, weil sie keine ‚Blutsnation’ sind, sondern ein Einwanderungsland, weil sie also nicht wirklich auf einer gemeinsamen Abstammung (oder wenigstens auf einer gemeinsamen Religion) beruhen und ‚mit ihrer Scholle verwachsen’ sind“ (T. Tarach, Der ewige Sündenbock, S. 236). Auch der Begriff der „Anti-Nation“ ist bereits im Antisemitismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts immer wieder vorzufinden. Thomas Haury schreibt dazu: „Kennzeichnend für den modernen Antisemitismus ist vielmehr, daß ‚den Juden’ noch eine ganz andere (als eine „Nation in der Nation“, J.B.), hiervon deutlich zu unterscheidende Funktion zugewiesen wurde: Sie galten vor allem als prinzipielle Feinde und bewußte Zersetzer der ,nationalen Gemeinschaft’ als solcher, verantwortlich dafür, daß sich in der Realität so wenig Anhaltspunkte für diese ersehnte Gemeinschaft fanden. Die Reinform und den logischen Endpunkt hiervon bildet die Konstruktion der ‚Juden’ als Antination, als das absolute Gegenprinzip zu Identität und Gemeinschaft.“ (T. Haury, Antisemitismus von links, S. 93/94)

Auch der Topos der „Krämergesellschaft“ ist beileibe nicht neu. So machte sich u. a. der Soziologe und Volkswirtschaftler Werner Sombart bereits Anfang des 20. Jahrhunderts seine Gedanken: „Im Buch Die Juden und das Wirtschaftsleben knüpfte Sombart einen Zusammenhang, der die Juden als kapitalistische Hauptakteure wie geschaffen erschienen ließ. Als Wandervolk hätten sie nie eine Bindung zum Boden, dafür aber umso intensiver zum abstrakten Wert des Geldes entwickelt, primär zweckrationale Beziehungen ausgebildet und sich damit eine Befähigung zum Kapitalismus angeeignet, wie sie niemals ein sesshaftes Volk hätte entwickeln können. Ferner stellte Sombart die Geschäftsmethode des ‚Kundenfangs’ als unchristlich und damit ‚jüdisch’ dar. Im 13. Kapitel dieses Buches behandelt er ‚Das Rassenproblem’ mit den Stichworten ‚die anthropologische Eigenart der Juden’, ‚die jüdische ‚Rasse‘’, ‚die Konstanz des jüdischen Wesens’, ‚die rassemäßige Begründung volklicher Eigenarten’. Obwohl er damit gängige Vorurteile seiner Zeit auf höchst fragmentarischer und fehlerhafter Evidenzbasis bedient, beansprucht er doch, in seinem Buch ‚streng wissenschaftlich’ vorgegangen zu sein. Für den Wissenschaftler Friedemann Schmoll schlug Sombart hiermit eine Brücke zu einem offenen antisemitischen Antikapitalismus.” (http://de.wikipedia.org/wiki/Werner_Sombart) Wenn diese Art von Antikapitalismus tatsächlich aus der Linken verschwinden würde, und man sich mit einer vernünftigen Kritik an kapitalistischer Vergesellschaftung beschäftigen würde, wäre wirklich viel gewonnen.

Antisemitische Propaganda - dieses Flugblatt lag auf den Seiten der Linkspartei Duisburg
Antisemitische Propaganda - dieses Flugblatt lag auf den Seiten der Linkspartei Duisburg

Weiter geht es im Text dann um die Ergebnisse der Studie von S. Voigt und S. Salzborn zum Antisemitismus in der Linkspartei. Die antisemitischen Vorfälle in der Linkspartei werden noch einmal aufgelistet, um zu betonen, dass die NPD den drei MdBs der Linken gratulierte, da diese nach der Rede von Shimon Peres zum Holocaust-Gedenktag im Bundestag demonstrativ sitzen geblieben sind. Israel wird dabei zum “Aggressions- und Apartheidstaat” erklärt. (Zum Vorwurf “Apartheid” sei auf ein kleines lesenswertes Flugblatt der Deutsch-Israelischen-Gesellschaft hingewiesen: http://www.dig-stuttgart.net/wp-content/uploads/2008/
03/11-05-02-Flyer-zu-Vorurteilen-gegen-Israel.pdf) Gerade dieser Vorwurf, der immer wieder auch von Personen zu hören ist, die sich selbst als “links” definieren, ist ein Verweis auf die Brücke zwischen dem klassischen und dem neuen Antisemitismus. Genau diese Brücke kommt eben auch in diesem Text vor und müsste von Linken zum Anlass genommen werden, über ihre Position nachzudenken.

Gregor Gysi wird – mit einem Spiegel-Zitat – als “Sproß einer Familie mit jüdischen und kommunistischen Wurzeln” vorgestellt und auch damit zitiert, dass er die Ergebnisse der Studie als “Blödsinn” bezeichnete. Aber eine ominöse “Israel-Lobby” (zu der Gysi trotz seiner Herkunft dann scheinbar nicht gehört) freute sich trotzdem über den Beschluss des Parteivorstandes, dass “Rechtsextremismus und Antisemitismus” keinen Platz in der Linken haben. Das wird nämlich im Text der NPD als “Treueerklärung” zu Israel und dem Judentum interpretiert! Im Folgenden werden die Debatten über den genannten Beschluss innerhalb der Fraktion erwähnt: Primär die Aussage, dass die Linke sich nicht an Boykottaufrufen gegenüber israelischen Produkten und dieses Jahr auch nicht an der Gaza-Flottille beteiligen wird, sorgten für Aufruhr. Kritik daran kam hauptsächlich von “antiimperialistisch inspirierten” Mitgliedern, die den Beschluss als “Maulkorberlaß” bezeichneten.

Natürlich kommt man auch ohne Rassismus nicht aus. Denn als der Schatzmeister der Linken Partei für Gysi ergriff, weiß man zu berichten, dass dieser Raju Sharma zwar „selbst kein Jude“ ist, „aber auch ein Fremder im Land der Deutschen“. Zum Schluss wird noch der Zentralrat der Juden in Deutschland als eine Art „Nebenregierung“ (!) der Bundesrepublik bezeichnet. Dabei hat Dieter Graumann, der Vorsitzende des Zentralrates, in der Süddeutschen Zeitung meiner Ansicht nach einen der besten Beiträge zur Debatte geschrieben, gerade weil er auch die Verdienste der Linken in der tagtäglichen Auseinandersetzung mit den Neonazis erwähnt. (nachzulesen hier: http://www.sueddeutsche.de/politik/die-linke-und-die-juden-befreiungsschlag-missglueckt-1.1110274)

Ja, die Linke muss sich tatsächlich entscheiden. Entweder muss sie Rassismus, Antisemitismus und auch Antizionismus kompromisslos ablehnen oder sie ist keine Linke (im Sinne einer auf Emanzipation gerichteten Partei bzw. Strömung) mehr.

Siehe auch: Mutmaßliches Linke-Mitglied posiert mit Waffen und droht gegen Zionisten, “Raffendes” Kapital: NPDler Franz und die FDP-Monopoly-Affäre, Antisemitismus: Nazi-Hetze bei der Linkspartei, “Israel-Kritik”: Wenn NPD-Positionen nicht auffallen

4 thoughts on “Vom Spaltpilz zur Anti-Nation

  1. Der Bericht tut leider vor allem eines:
    Er teilt die einseitige Sicht der NPD.

    Ja, es ist schon interessant, dass die NPD hier das gleiche Ziel verfolgt, wie z.B. klar pro-israelische Organisationen. Sie versuchen, der LINKEN Antisemitismus anzuhängen.

    SPD, CDU und co. tun es, um einer politischen Konkurrenz zu schaden – in dem Wissen, dass viele Menschen, die mit dem Programm der LINKEN übereinstimmen, eine klare Ablehnung gegen Antisemitismus hegen.

    Die NPD tut es hingegen, um Antisemitismus als etwas normales darzustellen und möglicherweise gar Angebote für Querfronten zu unterbreiten.

    Beides ist strikt abzulehnen.

    Ja, es gibt einige wenige in der LINKEN, deren Israelkritik auch mir zu weit geht, weil sie die Grenze der „konstruktiven Kritik“ (wie etwa der klaren Ablehnung der israelischen Siedlungspolitik) deutlich überschreiten und rein destruktive, von Hass erfüllte Kritik betreiben.

    Trotzdem bezeichne ich diese Leute nicht als Antisemiten – sondern lediglich als Menschen, die in ihrem Bestreben zur Solidarität mit den Palästinensern zu emotional auf einer Seite stehen und daher der typische Opfer-Täter-Denkweise unterliegen. Halte ich für falsch, aber es ist kein Antisemitismus, denn in all diesen Fällen liegt dem kein „Hass auf Juden, weil sie Juden sind“ zu Grunde, sondern wenn überhaupt ein „Hass auf Israel, weil sie ihrer Meinung nach ungerecht gegenüber den Palästinensern sind“ – dabei teile ich die Meinung, dass Israel unter Liebermann und co. sich den Palästinensern gegenüber ungerecht verhält, durchaus – aber Hass ist nicht der richtige Weg.

    Die Bezeichnung „Antisemit“ geht in diesen Fällen einfach zu weit – und desto inflationärer man diesen Begriff für alles benutzt, was einem nicht israelfreundlich genug ist, desto mehr von dem Schrecken, den er eigentlich bezeichnen soll, verliert er.

  2. @Dennis K.

    Wenn es in der Linken keinen Antisemitismus gibt, dann frage ich mich, weshalb es das Theater um ein Papier gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus in der Linken gab bzw. gibt.

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