Historikerstreit 2.0: Wiederaufführung ohne neue Argumente

Ein Viertelhundert nach dem Historikerstreik möchte der Althistoriker Egon Flaig den Streit nochmal führen und selbst gewinnen. Ungeachtet des gesellschaftlichen und politischen Wandels wird für eine Normalität gestritten, die es längst schon gibt.

Von Andreas Strippel für NPD-BLOG.INFO*

Der Historikerstreit des Jahres 1986 war eine der wichtigsten geschichtspolitischen Debatten der späten westdeutschen Republik. Ernst Nolte auf der einen Seite und Jürgen Habermas auf der anderen stritten um die Deutung und Bedeutung des Holocaust. Entgegen der einen oder anderen Vorstellung von der westdeutschen Geschichte war die Stellung des nazistischen Jahrhundertverbrechens keineswegs so ausgemacht wie es heute ist. Man stritt darüber, ob Auschwitz ein singuläres Verbrechen sei. Nolte meinte nein. Der Mord an den europäischen Juden sei eine Reaktion auf die Schrecken der russischen Revolution, auf eine „asiatische Tat“. Dieser „kausale Nexus“ würde Auschwitz zu einer Art übertrieben Reaktion auf die Kommunistische Bedrohung machen. Schließlich verstieg sich Nolte dazu, dass die Erklärung des Präsidenten der Jewish Agency, Chaim Weizmann, von 1939, wonach alle Juden an der Seite Englands gegen Deutschland kämpfen würden, ein Art Kriegserklärung an Deutschland war. Die Formulierung von der „Schuld der Deutschen“ stellte er auf eine Stufe mit der Nazipropaganda von der Schuld der Juden. In der FAZ stellte Nolte seine These einem breiten Publikum vor.

Jews from Subcarpathian Russia (then part of Hungary) undergo a "Selektion" on the ramp at the Auschwitz-Birkenau extermination camp, May 1944. The officer in front holding a riding crop is either SS Unterscharfuehrer Wilhelm Emmerich or SS Haupsturmfuehrer Georg Hoecker; inmates in striped uniforms—to be killed at a later date—assigned to the "Kanada" section collect the property. Note the physician in the white coat between the columns, Gyorgy Havas, selecting who is sent immediately to death and who will wait. (Diese Datei wurde unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation veröffentlicht.)
Jews from Subcarpathian Russia (then part of Hungary) undergo a "Selektion" on the ramp at the Auschwitz-Birkenau extermination camp, May 1944. The officer in front holding a riding crop is either SS Unterscharfuehrer Wilhelm Emmerich or SS Haupsturmfuehrer Georg Hoecker; inmates in striped uniforms—to be killed at a later date—assigned to the "Kanada" section collect the property. Note the physician in the white coat between the columns, Gyorgy Havas, selecting who is sent immediately to death and who will wait. (Diese Datei wurde unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation veröffentlicht.)

Habermas intervenierte in der Zeit gegen Noltes Thesen. Dabei und dafür wurde er sehr heftig kritisiert, machte er eine Front von konservativen Historikern – neben Nolte waren dies Michael Stürmer, Andreas Hillgruber und Klaus Hildebrandt  –  auf, die für ihn „eine Art Schuldabwicklung“ betrieben. Seine Kritik kreiste um die Stellung des Holocaust und des Nationalsozialismus. Bei den konservativen Historikern sah die Gefahr einer Normalisierung und Einordnung des Holocaust, dass die Ausnahme Stellung der Shoa in der Geschichte einebne. Habermas konstruierte dabei eine einheitliche Stoßrichtung, die inhaltlich so sicherlich nicht vorhanden war. Bereits in der damaligen Debatte wurde Habermas vorgeworfen, er zitiere nicht korrekt. Ein Vorwurf, den Flaig ein Vierteljahrhundert später zum Hauptargument gegen Habermas macht.

Der Historikerstreit war dabei auch Teil einer geschichtspolitischen Auseinandersetzung der 1980er Jahre. Im Wahlkampf 1980 sprach Kohl von der Notwendigkeit einer geistig-moralischen-Wende. In den 80er Jahre begann eine ganze Reihe von runden Jahrestagen  entscheidender Ereignisse wie 50 Jahre Machtergreifung, 40 Jahre Kriegsende und 50 Jahre November-Pogrome. Alle diese Ereignisse hatte eine große mediale Öffentlichkeit. Die Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäckers zum 40. Jahrestags des Kriegsendes erregte noch damals den Widerwillen national-konservativer Kreise um den CDU-Politiker Alfred Dregger. Dregger wollte es ich bis zum Schluss nicht nehmen lassen tapfer mit Hitlers Armeen die Kommunisten aufgehalten zu haben. Weizsäcker sprach von der Befreiung von Nationalsozialismus und ebnete gerade mit dieser Rede die möglich, den Bezug der Deutschen zu ihrem Staat, zu sich selbst als Nation normalisieren.

Politische Intervention als methodische Kritik getarnt

In diesem Kontext kritisierte Nolte den Umgang mit dem Nationalsozialismus als „Vergangenheit, die nicht Vergehen will“. Er reihte sich also ein in ein Geschichtsverständnis, an dem sich damals auch die politischen Lager sortierten. Aber die historische Konstellation interessiert den Historiker Flaig nicht, für ist es eine aktuelle Auseinandersetzung, seine politische Intervention tarnt er als methodische Kritik. Und genau deshalb laufen auch seine berechtigten Einwände gegen Habermas ins Leere, ertrinken in einer kaum gebändigten Polemik.

Flaigs Denken ist dabei genauso Vergangenheit wie der Streit, auf den er sich bezieht. Es ist nicht nur ein Nachtreten, wie Wolfgang Wippermann im Freitag meint. Es ist ein Schattenspiel in den politischen Konstellationen der 1980er Jahre. Die Nachrüstung und das Wiederaufflammend des Kalten Kriegs sind die Rahmenbedingungen einer Selbstfindungsdebatte des westdeutschen Staates, für den die deutsche Vereinigung nicht vier Jahre entfernt war, sondern praktisch kaum erreichbar erschien. Hierein gehört auch das Habermasche Diktum eines „Verfassungspatriotismus“ als modernes republikanisches Identitätsangebot an die Bundesrepublik.

Seitdem ist viel passiert. Habermas verteidigt die Europapolitik Helmut Kohls. Andere Kontrahenten der damaligen Debatte finden sich bei Skeptikern der EU-Erweiterung, wie z.B. Hans-Ulrich Wehler, der damals Habermas fulminant verteidigte. Die politischen Linien und Allianzen haben sich verschoben, ein „Normalisierung“ des deutschen Verständnisses von Nation hat längst stattgefunden. Auschwitz ist kein Menetekel deutscher Geschichte mehr, sondern die deutsche Gedenkkultur brüstet sich mir ihrer Fortschrittlichkeit. Und offensichtlich hat Flaig auch die beiden letzten Fußball-Weltmeisterschaften und das Fan-Verhalten nicht wahrgenommen. Die da in Schwarz-Rot-Gold feierten scherten sich allerdings erstmals nicht um die Bedeutungsschwangeren Identitätskonzepte einer deutschen Geschichte, die im europäischen Kontext bis zum antiken Griechenland reichen soll. Davon mal ab, dass moderne Nationsforschung solche Theorien schon lange wiederlegt hat, ist diese „Gymnasialideologie“,  wie es sie Micha Brumlik in der taz verspottete, ein weitere Ausweis dafür, das Flaig die deutsche Normalität selbst missfällt. Das sei ihm freigestellt, aber mit ideologisch-politischen Vorstellungen von nationaler Normalität aus dem letzten Jahrhundert kann er wohl keinen Einfluss mehr nehmen.

Präzedenzloses Verbrechen

Da passt es sehr gut, dass Flaigs Aufsatz aus der FAZ eine gekürzte Fassung seines Beitrags für den von Mattias Brodkorb herausgegebenen Sammelband „singuläres Auschwitz“ ist. Auch hier wird der Historikerstreit nochmal vor leeren Rängen aufgeführt. Seine langen diskutierten Fragen werden hier nochmal aufgenommen, die Diskussionen, die dazu stattgefunden haben, jedoch weniger. Und natürlich kann man den Begriff der Singularität von Ausschwitz kritisieren – ganz ohne die Besonderheit des Verbrechen herunterzuspielen. Historiker wie Yehuda Bauer bevorzugen deswegen auch den Begriff des präzedenzlosen Verbrechens, weil es kein Historisches Vorbild für den Holocaust gab. Jedoch hat das Ereignis selbst gezeigt, das es möglich ist – und deswegen ist der Begriff des Singulären irreführend, da es als einmalig – also nicht wiederholbar – interpretiert werden könnte.

Auch wurde der Holocaust immer wieder mit anderen genozidalen Verbrechen verglichen, zuletzt von Christian Gerlach, ohne das Verbrechen selbst zu relativieren. Hinzu kommt noch, dass die Totalitarismustheorie, die dem Historikerstreit als Subtext begleitete, für solche Forschungen gar keine Rolle spielt. Selbst Timothy Snyder der mit seinem Buch Bloodlands die Verbrechen des Stalinismus und des Nationalsozialismus in den Killing Fields Osteuropas vergleicht, weist diesen Ansatz im Spiegel-Interview zurück.

 

Flaigs Attacke zeigt, dass die Strukturen des Kalten Krieges offensichtlich noch bis heute das politische Denken präformieren. Er ignoriert offensichtlich die gesellschaftlichen und politischen Veränderungen seit dem Fall der Mauer. Man muss das alles nicht mögen – und es gibt gute Gründe, das hier und jetzt zu kritisieren. Aber mit dem zweiten Aufguss einer geschichtspolitische Debatte kommt man sicherlich nicht ins Gespräch über die Gegenwart.

*Andreas Strippel ist Historiker mit den Schwerpunkten Nationalsozialismus, historische Rassimusforschung, deutschen Nachkriegsgeschichte. Am 16. Juni 2011 erscheint von ihm im Schönigh-Verlag “NS-Volkstumspolitik und die Neuordnung Europas. Rassenpolitische Selektion der Einwandererzentralstelle des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD (1939-1945).

Siehe auch: Adolf Eichmann – der Stratege der Vernichtung, Eichmanns Rolle: “Die ultimative Kollektivunschuldthese”62 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz: Das präzedenzlose Verbrechen 

7 thoughts on “Historikerstreit 2.0: Wiederaufführung ohne neue Argumente

  1. @Dings & Franz

    Ach du dickes Ei … ihr habt` ja recht! – Nun verstehe ich gar nicht, worum es im Artikel geht … ihr ooch` nicht, wa!? *lol* 😉

  2. @Axel: nee nee, die beiden haben schon recht! wehret den anfängen! denn als nächstes werden lederhosen als kopfschmuck getragen und mit sauerkraut nacktgetöpfert! nee nee so geht das nicht, da musz rechtzeitig interveniert werden! 😉

  3. Der „Historikerstreit“ wurde von den Konservativen damals schon als gesellschaftliche, nicht als historische Debatte geführt. Der Konservatismus wollte sich so einerseits von NS distanzieren, ihn andererseits aber auch auf eine historische Dimension relativieren.

    Wie sinnlos die Argumentation Noltes war, erkennt man, wenn man den Gedanken zu Ende denkt. Wenn der NS eine Reaktion auf die russische Revolution gewesen wäre, dann muss man sich aber auch die Umstände der Revolution in Russland genauer ansehen.
    Einerseits resultierte die Revolution (wie die revolutionären Strömungen überall in Europa) in der konservativen und „liberalen“ Politik, mit der das Bürgertum und der Adel versuchten die Arbeiter klein zu halten. Ohne diese Unterdrückung hätte das Pulverfass niemals seine kritische Masse erreicht.
    Andererseits war ein Funken zur Entzündung notwendig. Dieser Funke war der Revolutionär Lenin, der bis 1918 im schweizerischen Exil lebte und dann von Hindenburg und Ludendorff (OHL) nach Russland gebracht wurde, um die Revolution zu entfachen.
    Insofern hätten Adel und Bürgertum, laut Nolte, auf eine Entwicklung reagiert, die sie selber angestoßen haben.

    Zieht man das Ganze andersrum auf, würde ein Schuh daraus werden: Das deutsche Kaiserreich unter Wilhelm II versucht durch eine massive imperialistische Politik die Vorherrschaft über Europa herzustellen. Als das nicht so gut läuft, versucht die OHL (die damals faktisch regiert hat) Russland durch eine Revolution auszuschalten und bringt Lenin nach Moskau. Nachdem der Krieg dennoch verloren geht und die Demokratie zwangsweise eingeführt wird, schrecken Teile des Bürgertums und der Adel nicht davor zurück alles zu tun, um die Demokratie zu sabotieren. Ludendorff verbreitet die Dolchstoßlegende und tritt bald in die NSDAP ein. Hindenburg lehnt die NSDAP zunächst ab, nicht weil er gegen ihre Ziele ist, sondern weil Hitler nicht aus seinem Stand kommt und in der Armee ein kleines Licht war, hilft ihm aber mit von Papen an die Macht. Wozu das geführt hat, wissen wir ja.

    Man findet also einen direkten roten Faden vom preußischen Junkertum und seinen imperialistischen Versuchen bis 1945.

    Noltes Argumentation sollte insofern dazu dienen, die konservativen Kreise (die in der damaligen Zeit wesentlich stärker in den alten Denkmustern verharrten) reinzuwaschen und die Schuld mal wieder den Linken in die Schuhe zu schieben. Da diese Denkweise sehr gut zur Propaganda im Kalten Krieg gepasst hat, wäre ihm das ja auch fast gelungen.

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