Breivik-Debatte: Beißreflexe und Pauschalvorwürfe

Auf den Debatten-Seiten der Welt, bei der Achse des Guten und anderen konservativen Seiten geht es zurzeit hoch her. Nachdem verschiedene Journalisten und Fachleute die rechtspopulistischen Hintergründe des Doppelanschlags in Norwegen benannt haben, fühlen sich prominente Islam-Kritiker nun offenbar mächtig auf den Schlips getreten. Die dabei immer wieder vorgebrachte Behauptung, sie würden „pauschal“ für die Verbrechen von Anders Behring Breivik „verantwortlich“ gemacht, entbehrt jedoch jeder Grundlage.

Von Patrick Gensing und Andrej Reisin

Nachdem Henryk M. Broder Patrick Gensing in der „Welt“ vorgeworfen hatte, rechtsradikale und bürgerliche Kreise in einen Topf zu werfen, hat Richard Herzinger in einem lesenswerten Artikel in der gleichen Zeitung heute an einer Stelle noch einmal ähnlich argumentiert:

„Wer jetzt pauschal „islamkritischen“ Autoren und Internetforen die „geistige Schreibtischtäterschaft“ für das Blutbad von Norwegen in die Schuhe schieben will, verrät vor allem eins: seine ignorante Hilflosigkeit gegenüber der tiefen Erschütterung aller bisherigen Gewissheiten, die der unfassbare Gewaltausbruch des vergangenen Wochenendes ausgelöst hat. Zunächst wäre doch zu fragen, was die Ankläger mit dem Begriff „Islamkritik“ eigentlich meinen. Diese Kampfvokabel schüttet den diametralen Gegensatz zwischen neonazistischen und rechtsnationalistischen Islamfeinden einerseits und andererseits aufklärerischen Säkularisten zu, die in den totalitären Zügen des politischen Islam eine akute Gefahr für die freiheitlichen Errungenschaften der offenen, pluralistischen Gesellschaft sehen.“

Broder und Herzinger teilen hier – bei aller Unterschiedlichkeit ihrer sonstigen Argumentation – eine Prämisse, die wir für so elementar falsch halten, dass wir sie anhand einfacher Fragen entschieden zurückweisen: Was soll überhaupt eine „pauschale Schreibtischtäterschaft“ sein? Reicht es schon aus, zu erwähnen, dass „Islam-Kritiker“ immer wieder über das Ziel hinausgeschossen sind, um dies als pauschale Anklage in Sachen Massenmord aufzufassen? Und: In welchen ernstzunehmenden Publikationen  soll diese pauschale Zuschreibung überhaupt stattgefunden haben – außer in Blogs, Foren oder Blättern wie der „Jungen Welt“?

Breivik inszenierte sich im Netz 2.0
Breivik inszenierte sich im Netz 2.0

Wir haben „auch“ an bürgerliche Kreise appelliert, „endlich“ die Koketterie mit dem vermeintlichen Tabubruch zu überdenken. Das ist – beim besten Willen – nicht der Vorwurf (schon gar nicht an Broder persönlich), den Weg zum Massenmord geebnet zu haben, wie er in der „Welt“ ohne jeden Beleg behaupten durfte. Weder im Tagesschau-Blog, noch hier gab  es bislang den „Pauschalvorwurf“, auf den Broder und Herzinger rekurrieren.

Wir schlagen deshalb vor, das Schattenboxen zu beenden und sich ernsthafter auf einen weiteren Teil des o.a. Zitats einzulassen: Nämlich, sich der „tiefen Erschütterung aller bisherigen Gewissheiten“ zu stellen, der sich zumindest Henryk M. Broder und einige andere (nicht alle) Autoren der „Achse des Guten“ bisher trotzig verweigern.

Die Kehrseite des Broder-Schuhs

Wer nach den offenkundigen rechtsextremen Hintergründen des norwegischen Terroristen fragt, relativiert damit nicht islamistischen Terror. Gerade umgekehrt wird aber ein Schuh draus: Wem jetzt nichts einfällt als billige Polemik gegen „linke Gutmenschen“, ausgeprägtes Freund-Feind-Denken-Denken und die Darstellung von Breivik als unpolitischem, weil offenkundig verrücktem Einzeltäter mit einem individuellen „Spaß am Töten“ (Broder), der verharmlost rechtsextremen Terrorismus.

Der Anschlag von Oklahoma kostete mehr als 150 Menschen das Leben.
Der Anschlag von Oklahoma kostete mehr als 150 Menschen das Leben.

Dieser ist auch keineswegs so neu, wie einige nun offenbar überrascht festzustellen meinen: Vom Bahnhof in Bologna, über das Münchner Oktoberfest, den „Unabomber“ und Oklahoma City bis nach Oslo und Utoya zieht sich eine beachtliche Blutspur von Mördern, deren Gedankengebäude einem rechtsradikalen Spektrum zugeordnet werden können. Ob es jetzt zu einer Ausweitung dieses Phänomens kommt, ist derzeit nicht vorauszusagen, man darf wenigstens hoffen, dass dies nicht der Fall sein wird.

Gleichzeitig aber nehmen Endzeitszenarien in der rechtsextremen Szene gefährlich zu, unter anderem, weil man dort – exakt wie Breivik – den „Volkstod“ durch Migration und „Rassendurchmischung“ befürchtet. Nur noch bis 2040 – so haben die Nazis ausgerechnet – bleibt Zeit, das eigene Volk vor dem Untergang zu bewahren. Es könnte also durchaus sein, dass sich noch ein paar mehr „Tempelritter“ angestachelt fühlen, den apokalyptischen Endkampf durch die „Propaganda der Tat“ in die eigene Hand zu nehmen und ein wenig voranzutreiben.

Vielleicht könnten einige Vertreter der „Islamkritik“ sich daher zu der Einsicht durchringen, dass es neben der islamistischen Bedrohung auch noch einen militanten Rechtsextremismus geben könnte, der durch öffentliche Debatten über „Überfremdung“, Gene und Gemüsehändler durchaus bestärkt wird? Alan Posener hat dazu sehr zutreffend festgestellt:

„Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Neuen Rechten und den Terror-Attentaten in Norwegen. Ideen haben Konsequenzen. Worte haben Folgen. Wer das leugnet, verwirkt den Anspruch, ernst genommen zu werden.“

Herzinger weist in seinem Leitartikel auch auf die Schwäche des Begriffs „Islamkritiker“ hin. Wir teilen diese Einschätzung, weisen aber darauf hin, dass es sich keinesfalls nur um einen „Kampfbegriff“ handelt, sondern dass viele Autoren dieses Spektrums sich selbst so bezeichnen (aktuell unter anderem Bernd Zeller auf der „Achse des Guten“ in einem bemerkenswert destruktiven Beitrag). Herzinger fordert zudem eine sprachliche Mäßigung und Selbstdisziplinierung. Dies scheint tatsächlich geboten, denn einige Autoren verlieren sich derzeit in einer geradezu sektiererischen Rhetorik, die zwar ausreicht, um den Status als Helden der Rechtspopulisten und Anti-68er zu festigen – für sachliche Debatten jedoch nicht genügt. Viel mehr könnte in der derzeitigen Stimmung durch den altbekannten Beißreflex gegen „Gutmenschen“ einer weiteren Radikalisierung im rechtspopulistischen Milieu Vorschub geleistet werden. Soll das die Lehre aus dem Massaker auf Utöya sein?

Es ist irritierend, dass gerade auf der „Achse des Guten“ nachdenkliche Kommentare wie diejenigen von David Harnasch und Hannes Stein direkt neben indiskutabler Polemik stehen, die nicht begreifen kann, was sie nicht begreifen will – und dass auch noch propagiert. „Mäßigung ist nicht Verzicht auf Meinungsfreiheit“, schreibt Herzinger. Wer aber Meinungsvielfalt und Vielstimmigkeit redaktionell (denn schließlich hat die „Achse“ nach eigenen Angaben mit Broder/Maxeiner/Miersch eine Redaktion) derart erratisch auslegt, dass auch noch Stimmen publiziert (bzw. verlinkt) werden, die stolz verkünden, Breiviks Manifest nicht zur Kenntnis nehmen zu wollen und stattdessen meinen, Schuld am Massaker sei der Staat, der den Bürgern das Tragen von Waffen verbiete, der entzieht sich jeder ernstzunehmenden Debatte. Schade eigentlich.  

Siehe auch: Massaker als Marketing: Das Manifest des Massenmörders, Ein unpolitischer Terrorismus?


 

8 thoughts on “Breivik-Debatte: Beißreflexe und Pauschalvorwürfe

  1. ich möchte noch einmal darauf hinweisen, dass broder in seiner entgegnung die urheberschaft der texte, die in dem pamphlet des b. zitiert werden, offensichtlich ungenau darstellt. broder schreibt ein umfangreiches zitat eines volkskrant-interviews einem anonymen blogger zu, der aber urheber eines kurzen zitates aus broders buch „hurra, wir kapitulieren“ ist. der namentlich bekannte autor des ausführlichen zitates bleibt ungenannt.

    aus broders eigenen quellen in der gestern verlinkten fassung ist das mit zwei klicks ersichtlich.

    in der oben verlinkten version ist der hierfür notwendige link zum „fjordman-text“ auf „die achse des guten“ nicht vorhanden.

    .~.

  2. Ich hab mal das Herzinger Zitat durch’s BlaBlaMeter gejagt (http://www.blablameter.de/index.php) ERgebnis:

    Bullshit-Index :0.47
    Ihr Text riecht schon deutlich nach heißer Luft – Sie wollen hier wohl offensichtlich etwas verkaufen oder jemanden tief beeindrucken. Für wissenschaftliche Arbeiten wäre dies aber noch ein akzeptabler Wert (leider).

    Der Rest des Artikels (ohne Zitat) kommt auf:

    Bullshit-Index :0.22
    Ihr Text zeigt erste Hinweise auf ‚Bullshit‘-Deutsch, liegt aber noch auf akzeptablem Niveau

    QED

  3. Oh, und weil ich es grad vergessen habe: Das Posener Zitat kommt auf

    Bullshit-Index :0
    Ihr Text zeigt keine oder nur sehr geringe Hinweise auf ‚Bullshit‘-Deutsch.

    Und ueberhaupt, dieses „Wir wussten doch nicht, dass der Wahnsinnige das ernst meint“, das hoeren wir hier doch schon seit 65 Jahren. Glaubhafter wird die Aussage dennoch nicht.

  4. Das BLaBlaMeter ist ja eine coole Seite 😉

    Immerhin fühle ich mich mit 0.3 und 0.29 meiner Abschlussarbeiten gebauchpinselt 😉

  5. Was mich bei Broder verwundert, ist dessen fehlende Hinterfragung, warum sich der Teenager-Killer aus Norwegen mit seinem „Manifest“ nicht an Jene gewandt hat, von denen er (so Broder) vorgeblich gelernt hätte: an Mohammed Atta und Osama Bin Laden, die Attentäter von Madrid, London, Mumbai, Bali; an Carlos, den Schakal, und an die „Märtyrer“, die ein Video aufnehmen, bevor sie ins Paradies aufbrechen…

    Dieser Hinterfragung weicht Broder mit seiner bornierten notorischen Ätz-Rhetorik für Anfänger aus. – Will` er nicht wissen, warum nun gerade er (unter Anderen) zum offensichtlich „geistigen Kumpel“ des Breivik geworden ist, der sich eine intellektuelle „Absolution“ für seine Morde u.A. durch einen Hinweis auf Broder zu erhoffen wünscht..!?

    Broder – als alternder Elefant im Porzellanladen – wird denkfaul und erhofft` sich nun alleinige „Absolution“ durch Hinweis auf Kant und Kafka, die „Islamkritiker“ … so, wie er. Nun ja…

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