Anders Breivik: Wohl kein frommer Christ

Am 22. Juli 2011 hat der mutmaßliche Attentäter Anders Behring Breivik mehr als siebzig Menschen in Norwegen ermordet. Der Norweger hat offenbar eine Menge Text im Internet hinterlassen. Die Medien verorten ihn vor allem im rechtspopulistischen Spektrum. Immer wieder fällt auch das Stichwort: “Christlicher Fundamentalist“. Und tatsächlich findet man in einem mehr als 1000-seitigen Manifest, das er unter seinem Namen verbreitet hat, zahlreiche christliche Bezüge. Doch auf den zweiten Blick scheinen die recht krude.

Von Christian Baars und Oda Lambrecht*

Angeblich ist Breivik Protestant und war als Jugendlicher getauft und konfirmiert worden. In dem Text dagegen bezieht er sich häufig auf den Papst, das Oberhaupt der katholischen Kirche. Immer wieder spielt er auf die Geschichte des Christentums an, scheint sich als eine Art Kreuzritter zu fühlen.

Breivik inszenierte sich im Netz 2.0
Breivik inszenierte sich im Netz 2.0

Doch ein christlicher Fundamentalist? Er schreibt, dass eine persönliche Beziehung zu Jesus nicht so wichtig sei. Das spricht dagegen. Denn für christliche Fundamentalisten ist neben einem engen Bibelverständnis genau diese Beziehung der Kern ihres Glaubens. Außerdem zeigt er bereits in seinen Texten eine große Gewaltbereitschaft, christliche Fundamentalisten lehnen Gewalt dagegen eher ab.

Andererseits vertritt Breivik offenbar Positionen, die auch in christlich-fundamentalistischen Kreisen zu hören sind. Den Islam verurteilt er pauschal und aggressiv, sieht ihn offenbar als Bedrohung. Eine multikulturelle Gesellschaft lehnt er ab. Er scheint das Christentum als eine Art Gegenmodell zum Islam zu begreifen. Und er sieht sich offenbar in einem Kampf gegen das Böse und damit auch gegen den Islam. Alle Menschen in Europa sollen aus seiner Sicht getauft werden.

Eine ähnliche Rhetorik wird auch in vielen pfingstlich-charismatischen Gruppen verwendet. Hier wird oft von einem “geistlichen Kampf” und von einem “Krieg gegen die Mächte der Finsternis” gesprochen. Andere Religionen wie zum Beispiel der Islam werden abgelehnt, abwertend dargestellt und verurteilt. Es gilt der “Missionsbefehl”, und es ist immer wieder von “Märtyrern” die Rede. Das Ziel: Alle Menschen sollen zum christlichen Glauben bekehrt werden. Bei der Islamfeindlichkeit, der Intoleranz, der militaristischen Sprache finden sich also Parallelen. Und genau wie viele christliche Fundamentalisten hält er die Kirchen anscheinend für viel zu liberal, die Bibel wird aus seiner Sicht nicht mehr als Autorität angesehen.

Es gibt also offenbar ideologische Überschneidungen mit christlich-fundamentalistischen Kreisen. Er vertritt kompromisslos bestimmte konservative Werte, die auch viele fundamentalistische Christen aus ihrem Bibelverständnis heraus teilen. Doch ein frommer Christ scheint Breivik nicht zu sein.

* Christian Baars und Oda Lambrecht arbeiten beim NDR. Sie haben das Buch „Mission Gottesreich“ über fundamentalistische Christen in Deutschland veröffentlicht und betreiben einen gleichnamiges Blog.

Amazon: Mission Gottesreich – Fundamentalistische Christen in Deutschland

Siehe auch: Ein unpolitischer Terrorismus?

6 thoughts on “Anders Breivik: Wohl kein frommer Christ

  1. Das erinnert an die rechtsesoterischen Verschwörungstheorien. Da wird alles mögliche zusammengerührt und passend gemacht, daß es die eigenen Vorstellungen untermauere.

  2. Eine persönliche Glaubens- und Gebetsbeziehung zum Herrn und Heiland Jesus Christus, wie sie als Kennzeichen für „christlichen Fundamentalismus“ gefordert wird, entspricht dem evangelikalen Fundamentalismus. Die unterhalten sich gerne direkt und unmittelbar, wie George W. Bush, mit ihrem „himmlischen Vater“. Das ist allerdings weniger die Ecke, aus der Breivik kommt.

    Indiziert aber schon, daß es mit dem zweiten Kennzeichen von „chrsitl. Fundamentalismus“ so weit her auch nicht sein kann: Fundamentalisten egal welcher Coleur sind nicht gerade Radikalpazifisten, wieso das denn? Gibt es auch; der vorige Papst, der Kriegsgegner war aus den selben Gründen, wie er als „Lebensschützer“ Abtreibungen geißelte.

    Insgesamt sehr oberflächlich und wenig hilfreich, dieser Artikel.

  3. Der Typ ist halt genauso christlicher Fundamentalist wie ein Taliban islamischer Fundamentalist ist.

    Hat in beiden Faellen nicht wirklich was mit der Religion und ihrer Werte zu tun.

  4. Der Täter schreibt in seinem Manifest genauer, wen er für Christen hält und wie er sich da sieht. Es ist eine rein kulturelle Definition, bei der – wenn korrekt journalistisch gearbeitet werden – die evangelikalen Christen gerade NICHT gemeint sein können.

    Der Attentäter schreibt auf Seite 1307 seines Manifests:

    3.139 Distinguishing between cultural Christendom and religious Christendom – reforming our suicidal Church:
    A majority of so called agnostics and atheists in Europe are cultural conservative Christians without even knowing it. So what is the difference between cultural Christians and religious Christians?
    If you have a personal relationship with Jesus Christ and God then you are a religious Christian. Myself and many more like me do not necessarily have a personal relationship with Jesus Christ and God. We do however believe in Christianity as a cultural, social, identity and moral platform. This makes us Christian.“

    Damit jetzt Evangelikale zu verbinden, wäre so sachlich, wie die von ihm bezeichneten Atheisten in dieses Boot zu holen.

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