Von Oklahoma nach Oslo: Norwegens Rechte

In Norwegen spielt die militante neonazistische Szene kaum noch eine Rolle – im Gegensatz zu den 1980er Jahren. Doch schon seit den 1990er Jahren verfügt die Fortschrittspartei (Fremskrittspartei, Frp) über einen großen politischen Einfluss. In einigen norwegischen Kommunen waren die Rechtspopulisten sogar die stärkste Partei, in der Stadt Os in Westnorwegen stellen sie den Bürgermeister.

Von Patrick Gensing

Os` Bürgermeister Terje Söviknes galt lange sogar als Kronprinz des legendären Frp-Chefs Carl I. Hagen (auf Deutsch: Carl in den Garten). Doch geriet seine Parteikarriere ins Stocken, als er eine Affäre mit einer Minderjährigen gehabt haben soll. Dennoch ist Söviknes noch immer Bürgermeister in Os – und wurde von den Medien so zum „Wizard of Os“.

Der langjährige Vorsitzende der Frp, Carl I. Hagen (c) Frp
Der langjährige Vorsitzende der Frp, Carl I. Hagen (c) Frp

Die Frp verschob die politischen Koordinaten in Norwegen nach rechts, eine besonders restriktive Einwanderungspolitik und Privatisierungen waren unter anderem die Folge. Eine ähnliche Entwicklung, wie in Schweden, Dänemark oder Finnland –  das Image der liberalen Skandinavier blieb in Deutschland aber bestehen; vielleicht, weil die Öffentlichkeit sich mehr für nackte Haut denn dröge Politik interessiert.

Öffentlichkeit vollkommen unvorbereitet

Experten in Norwegen sind nun aber besonders überrascht, dass ein ehemaliges Frp-Mitglied ein solches Massaker wie auf Utöya anrichten konnte. Kein Wunder, mit so einer Tat kann niemand rechnen – und neben einer politischen Verblendung gehört ein besonders ausgeprägter psychischer Schaden zu den Grundvoraussetzungen für eine solche Tat. Und diese Elemente verstärken sich gegenseitig: Verfolgungswahn, Intoleranz, Minderwertigkeitsprojekte.

Wahlkampf der Frp im September 2009 in Oslo (Foto: Punkmorten)
Wahlkampf der Frp im September 2009 in Oslo (Foto: Punkmorten)

Der Schock in Norwegen sitzt tief, verständlicherweise. Die Reaktionen der Öffentlichkeit beeindrucken gleichwohl. Ministerpräsident Stoltenberg von der Arbeiterpartei spricht den Menschen Mut zu und betont, die Antwort auf solchen Terror sei nicht weniger Toleranz und Demokratie – sondern mehr!

Folgen nicht absehbar

Welche Kosequenzen dieser Terrorakt für den starken Rechtspopulismus in Europa hat, ist nicht abzusehen. Noch sind die genauen Motive unklar, sicherlich werden sich die „Islam-Kritiker“ aber nicht mehr als tolerante Freiheitshelden gerieren können. Einmal mehr zeigt sich, dass der vermeintliche Kampf von Rechtsradikalen für mehr Freiheit das genaue Gegenteil ist.

Doch heute ist nicht der Tag, dies zu diskutieren – dies gebührt der Respekt vor den Opfern des mutmaßlich schwersten Anschlags von Rechts in Europa seit dem 2. Weltkrieg.

Siehe auch: Norwegen: Mutmaßlicher Attentäter war bei der “Fortschrittspartei”, Norwegen: 87 Tote bei Blutbad, Verdächtiger aus rechter Szene, Rechtsterrorismus: Hunderte Tote in Europa und den USA, Deutsche Neonazis verhöhnen norwegische Opfer