Neonazis online: massiver Missbrauch des Web-2.0

Eine ehrenwerte Gesellschaft bei Facebook - eine NPD-Funktionärin, "Nationale Sozialisten" und "Bloodfister"
Eine ehrenwerte Gesellschaft bei Facebook - eine NPD-Funktionärin, "Nationale Sozialisten" und "Bloodfister"

Rechtsextreme haben ihre Präsenz im Internet verstärkt, ihre Hassinhalte erreichen dadurch ein immer größeres Publikum. Laut dem neusten Bericht zu Rechtsextremismus online hat jugendschutz.net 2010 etwa 6.000 rechtsextreme Beiträge im Web-2.0 dokumentiert und damit drei Mal so viele wie im Vorjahr. Neben aktuellen Trends und Zahlen stellt der Bericht dar, wie die rasante Entwicklung von Sozialen Netzwerken, Videoplattformen und Blogs auch die rechtsextreme Angebotsstruktur im Internet verändert hat. Vor allem Autonome Nationalisten ködern Jugendliche mit modernen und professionellen Angeboten, auf denen sie Action, Kommunikation und Multimedia bieten.

Viele Kampagnen von Rechtsextremen erhalten großen Zuspruch. Ein aktueller Clip zeigt Fackelträger beim nächtlichen Marsch durch leere Straßen, die Gesichter mit weißen Masken verhüllt. Die Szenerie wird untermalt von dramatischer Musik. Dahinter stecken Neonazis, die vor dem „drohenden Volkstod“ warnen und dabei rassistisches und antidemokratisches Gedankengut verbreiten. Das Video erzielte binnen weniger Wochen über 20.000 Zugriffe. Vor allem bei stark emotionalen Themen sind die Zugriffszahlen gigantisch: Ein rechtsextremes Musikvideo zum Thema Kindesmissbrauch brachte es bislang auf mehr als 880.000 Klicks.

Auf allen großen Plattformen fanden sich rechtsextreme Beiträge: NPD und Kameradschaften waren auf Facebook und YouTube aktiv, Neonazibands und Versandhändler promoteten Tonträger in Musik-netzwerken wie Myspace. Auch bei Twitter sichtete jugendschutz.net 2010 mehr rechtsextreme Useraccounts als im Vorjahr (73; 2009: 41).

Während Websites gezielt angesteuert werden müssen und über eine eher begrenzte Nutzerzahl verfügen, wird in Communitys, auf Videoplattformen und in der Blogosphäre ein Millionenpublikum erreicht. Auch Szenematerialien können darüber schnell zugänglich gemacht werden. Diesen Diensten kommt damit für die Verbreitung von Rechtsextremismus eine immer größere Bedeutung zu.

Je stärker sich die Aktivitäten der Rechtsextremen ins Web-2.0 verlagern, desto wichtiger ist es, dass die großen Plattformen Regeln aufstellen und effektiv durchsetzen. jugendschutz.net erreicht zwar in vielen Fällen eine schnelle Entfernung von strafbaren Inhalten aus dem Netz, es gibt jedoch zu wenige Vorkehrungen, damit dieselben oder ähnliche Beiträge nicht erneut hochgeladen werden. Daher müssen Betreiber stärker gegensteuern – technisch und redaktionell. Mehr soziale Verantwortung ist auch seitens der Nutzergemeinde gefragt: User dürfen Hass in Communitys nicht dulden, sondern müssen grundlegende Werte der demokratischen Gesellschaft auch im Internet verteidigen.

Hakenkreuze und "Der ewige Jude" bei Facebook
Hakenkreuze und "Der ewige Jude" bei Facebook

Damit unzulässige Inhalte aus dem Internet entfernt werden, kontaktiert jugendschutz.net deutsche und ausländische Provider und Plattformbetreiber, gibt Fälle an die Kommission für Jugendmedien-schutz (KJM) als zuständige Aufsichtsstelle ab oder schaltet Partner aus dem International Network Against Cyber Hate (INACH) ein.

Gelingt bei ausländischen Angeboten keine Löschung, regt das Team über die KJM eine Indizierung durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) an, damit die Angebote von deut-schen Suchdiensten nicht mehr als Treffer ausgegeben werden.

Die Erfolgsquote lag 2010 mit 59 % unter der Quote des Vorjahres (2009: 81 %). Dies liegt unter anderem an der höheren Zahl an Ver-tößen auf fremdsprachigen Neonaziportalen sowie an jugendgefährdenden Angeboten auf nichtdeutschen Servern, die jugendschutz.net aufgrund von Hinweisen und eigenen Recherchen dokumentierte.

Viele Demo-Seiten

1.708 eigenständige rechtsextreme Websites verzeichnete jugendschutz.net im Verlauf des Jahres 2010 und damit im Vergleich zum Vorjahr eine rückläufige Tendenz (2009: 1.872 Websites). Weniger Angebote wurden vor allem aus der rechtsextremen Musikszene (z.B. Bands, Foren) dokumentiert.

Neonazis bei Facebook
Neonazis bei Facebook

Zusätzlich wurden aus diesem Umfeld 58 Mobilisierungssites ins Netz gestellt, im Vergleich zum Vorjahr ein Zuwachs um 32 % (2009: 44). Diese Angebote dienen dazu, die wichtigsten Informationen wie Ort, Zeit und Thema einer Aktion gebündelt bekannt zu machen. Zum festen Bestandteil gehören Websites zu wiederkehrenden Events wie dem Antikriegstag, dem Tag der Deutschen Zukunft oder Demonstrationen zum Gedenken an Rudolf Hess.

Mit 247 Websites dokumentierte jugendschutz.net in etwa so viele Angebote aus dem Umfeld der NPD wie im Vorjahr (242), die meisten aus Nordrhein-Westfalen (40, 2009: 42), Bayern (32, 2009: 32) und Sachsen (31, 2009: 34). Viele NPD-Seiten unterschieden sich optisch und inhaltlich kaum. Das Gros war einheitlich gestaltet und es wurde auf die gleichen Inhalte zentraler Parteiangebote zugegriffen.

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Die Zahl rechtsextremer Versandhandelsangebote ging leicht zurück. 160 Onlineshops (2009: 177) verbreiteten rechtsextreme Musik, Schriften und neonazistische Devotionalien. Weitere Szenedienste deckten beispielsweise den Bedarf nach Grafikdesign oder Lifestyle-angeboten ab. Außerdem wurden 20 rechtsextreme Onlineradios dokumentiert (2009: 18).

Präventionsarbeit wichtig

Die Fähigkeit zur kritischen Nutzung des Internets wird laut Jugendschutz.net für Kinder und Jugendliche immer mehr zur Kernkompetenz. jugendschutz.net setzt bei seiner Präventionsarbeit vor allem auf die Ausbildung von jugendlichen und erwachsenen Multiplikatorinnen und Multiplika-toren. Aber auch Polizei und Strafverfolgung werden regelmäßig über Erkenntnisse aus der Arbeit von jugendschutz.net informiert.

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