Grab aufgelöst: Ende des Heß-Kultes in der NS-Szene?

Der Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß ist für die NS-Szene eine Art Lichtgestalt, er sollte die „gute und saubere“ Seite des Nationalsozialismus verkörpern. Dementsprechend haben Neonazis immer wieder Gedenkmärsche für den verurteilten Kriegsverbrecher organisiert – vor allem in Wunsiedel, wo Heß beerdigt worden war. Doch nun ist das Grab des NS-Verbrechers aufgelöst worden, denn die Neonazis ließen nicht locker und marschieren in diversen Städten immer wieder auf, obwohl Heß die Neonazis in seinen letzten Lebensjahren angeblich als Esel bezeichnet hatte.

Neonazi-Mobilisierungsplakat für den Heß-Gedenkmarsch am 21. August
Neonazi-Mobilisierungsplakat für den Heß-Gedenkmarsch am 21. August 2010

In den vergangenen Jahren konnte die Stadt Wunsiedel diese Aufmärsche bereits verbieten. Doch nun sei das gar nicht mehr nötig, berichtet die Süddeutsche Zeitung, denn der Wallfahrtsort existiere nicht mehr. In der Nacht zum Mittwoch, zwischen vier und sechs Uhr morgens, wurde das Grab von Rudolf Heß aufgelöst; seine Gebeine wurden exhumiert.

Dass den Neonazis damit eine Pilgerstätte entzogen wird, hat laut SZ der Vorstand der evangelischen Kirchengemeinde Wunsiedel durchgesetzt. Noch im Jahr 1987 hatte das Gremium einer Beisetzung von Heß auf dem Friedhof in Wunsiedel zugestimmt. Sein Leichnam sollte im Familiengrab seiner Eltern liegen dürfen, die in Wunsiedel ein Ferienhaus besessen hatten. In seinem Testament hatte Rudolf Heß den Wunsch formuliert, ebenfalls dort beerdigt zu werden.

Als Wunsiedel und sein evangelischer Friedhof in den Jahren nach 1987 allerdings immer mehr Neonazis anzogen, änderte der Kirchenvorstand dem Bericht zufolge seine Haltung. Und als der Pachtvertrag für das Grab zur Verlängerung anstand, entschied die Gemeinde, den Konflikt einzugehen: Man teilte den Erben mit, dass die Gebeine von Rudolf Heß nur bis zum 5. Oktober 2011 in Wunsiedel bleiben könnten. Der Pachtvertrag war damit gekündigt.

Die Erben beschlossen, dass Heß‘ Gebeine zunächst verbrannt werden. Seine Asche soll danach in einer Seebestattung auf dem offenen Meer verstreut werden. Die Verherrlichung des Helden der Neonazis wird damit noch schwieriger werden. Wahrscheinlich werden sie an den Kult um den NS-Verbrecher aber festhalten – was anderes haben sie ja auch nicht zu bieten. Und so dürfte die Auflösung des Grabes in die Leidenslegende des „Friedensfliegers“ eingefügt werden – als abschließendes Kapitel. Dabei waren es die Neonazis, die dem Hitler-Stellvertreter die letzte Ruhe raubten.

Siehe auch: NS-Kult auf der Straße, Rassismus im Wahlkampf, Heß-Groupies erneut vor Gericht, Militärgeistlicher: “Heß nannte Neonazis immer wieder Dummköpfe”Nazis planen “Zentrum des Widerstandes” im Fichtelgebirge, Bayern: Rieger will angeblich “Heß-Gedenkverein” gründen, Bayern: Rieger und Wulff gehen in Wunsiedel leer aus, Voigt schlägt Hitler-Stellvertreter als Friedensnobelpreisträger vor, Heß-Märsche 2007 in Wunsiedel verboten, Neonazis wollen Heß-Zentrum eröffnen, Neonazis marschieren in Bayern gegen Nürnberger Prozesse

10 thoughts on “Grab aufgelöst: Ende des Heß-Kultes in der NS-Szene?

  1. Interessant die Kommentare bei Altermedia, z.B.:

    „Um Hess zu ehren, brauche ich keine Grabstätte!“

    „Große Persönlichkeiten wie Rudolf Heß sind ein Symbol gegen die heutigen Zustände.
    Und dieses Symbol lebt auch ohne Äußerlichkeiten wie ein “Wallfahrtsort”“

    Dafür, dass man angeblich kein Grab braucht, waren die Aufmärsche aber immer erstaunlich rege besucht. Mal wieder eine total kindliche Reaktion kleiner Geister. Apropos: Erstaunt ist man über diesen Kommentar:

    „Die haben als Waffe nur Schaufel und Spaten – wir unseren Geist!“

    Diese Erkenntnis ist in der Tat sehr überraschend, aber bisher leider nicht belegt :-) Eigentlich wird sie sogleich negiert durch eine solche Bemerkung:

    „Die Juden warten auf _ihren_ Messias. Wir auf den unsrigen.“

    Insgesamt zeigen die Kommentare weniger die Trauer um einen politischen Führer, als vielmehr um einen Sektenguru oder Messias. Entsprechend wird die Ideologie auch gelebt.

  2. Politische Konflikte sollten denn oberirdisch ausgetragen und den Toten ihre Ruhe gelassen werden. Der Verstorbene wird ausgescharrt und kremiert (jahrhundertelang von den Kanzeln verdammt), weil man mit einem Häufchen Lebender nicht zurechtkommt? Erbärmlich! Hätte der Kirchenvorstand noch (Glaubens-) Mark in den Knochen, wäre der Friedhof auch für Hess ein Ort des postmortalen Friedens geblieben. So wird ein Stein des Anstosses entsorgt, die billigste Lösung, bei der tagesaktuelle Opportunität über Grabesfrieden und Totenwürde triumphiert. Erst hat die Gemeinde für Ruhezeit (womöglich auch Grabpflege) abkassiert, dann werden die Reste, überdies mit einem kalendarischen Fußtritt, entsorgt.

  3. Neo-Spenglerian,

    meinen Sie mit die „Toten ihre Ruhe lassen“ jährliche Großaufmärsche?

    Und was die Nazis bei aller aktuellen Heulerei zu diesem Thema gerne vergessen: Auch die Gräber anderer Menschen werden nach einer gewissen Zeit eingeebnet und die Rückstände entsorgt…

  4. @Neo-Spenglerian

    Um was geht` es dir eigentlich..!? – Nun ist eben das Meer der Ort des „post mortalen“ Friedens für Herrn Heß, der soundso nicht gerade der Vorsteher einer christlichen Idee war. Oswald Spengler würde dies mutmaßlich genauso sehen…

    Komm` mir doch nicht mit deiner christlich-gefärbten Pseudo-Entrüstung. – `Ist ja im Kontext der Gesamtdebatte geradezu lächerlich.

  5. @ Axel Mylius

    Wertes Initialrätsel A.M.,
    was R. Hess gewollt hat, ist bekannt: letzte Ruhe im Elterngrab;
    was Oswald Spengler über Bestattungsformen als Ausdruck von kulturgebundenem Weltbewußtsein geschrieben hat, ist interessant.
    Lesen Sie in der vermutlich zur Verfügung stehenden Ausgabe mal auf Seite 238 über Walhal nach. Was Sie mir als „christlich“ zuschreiben, weiß ich nicht, aber an ebendieser Stelle finden Sie etwas über „faustische Religion“. Vertiefende Lektüre dieses großen Buches könnte da vielleicht einen Begriff geben? Vielleicht hilft es weiter. Traurig und noch interessanter ist aber die Frage, wer mit ernsten Dingen sein abgeschmacktes Spiel treibt. Hess war ein Idealist. Leute solcher Art waren mir immer lieber als sämtliche Zyniker des Weltnetzes. In diesem Sinne,
    N.-S.

  6. @ Mylius – alias masonicus

    auf allen Stühlen meisternd reist nach Jerusalem, zwischen allen Stühlen kommt sedes sapientiae hervor. Ich glaube Sie wissen gut, was ich meine. Wenn das Netz zerreissen wird, prätendieren wir beide für höchst verschiedene Sitzgelegenheiten, nicht wahr?

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