Legenden nach 9/11: Masse statt Qualität

Das ARD-Magazin titel, thesen, temperamente (ttt) hat ein ganz „neues“ Thema entdeckt – Verschwörungstheorien zum 11. September. Nun schaufelten die Kultur-Fachleute jedoch keine Sendezeit frei, um über die Scharlatane zu berichten, die mit ihren Legenden ordentlich Geld kassieren, nein, zehn Jahre nach dem Massenmord in den USA präsentierte ttt einen bekannten Verschwörungstheoretiker als „streitbaren Publizist aus Deutschland“, der „unangenehme Fragen“ stelle. Die Rede ist von Matthias Bröckers, der es sich nicht nehmen ließ, zum 10. Jahrestag des 11. Septembers 2001 ein neues Buch auf den Markt zu werfen, das in ttt von vermeintlich kritischen Kulturjournalisten abgefeiert wird.

Dabei darf sich Bröckers als vermeintlicher Tabubrecher präsentieren – und, das darf in solchen Fällen nicht fehlen, als Stimme der schweigenden Mehrheit:

Ärger, mediale Prügel sind ihm, er ahnt es, auch diesmal gewiss: „Ich habe ganz oft gehört, von Kollegen auch in der Vergangenheit – aus dem Medien- und aus dem journalistischen Bereich, die sagten: ‚Bröckers, was Du da schreibst, das ist doch gar nicht so falsch, aber ich will damit nichts zu tun haben‘.“

NPD-BLOG.INFO veröffentlicht keinen neuen Text zu dem Buch Bröckers, sondern bewusst einen Text, der bereits acht Jahre alt ist. Vielen Dank an Albrecht Kolthoff, dem Autoren dieses Beitrag. Er hat nichts an Aktualität verloren, leider. Der Text Masse statt Qualität ist zuerst auf den Seiten von „Klartext.ch“ erschienen.

Masse statt Qualität

Zwei Jahre nach den Anschlägen auf die beiden Türme des World Trade Centers vom 11. 9. 2001 zweifeln viele Leute an der offiziellen Version der Ereignisse. Eine repräsentative Umfrage der Wochenzeitung “Die Zeit” unter deutschen BundesbürgerInnen zeigte:

68 Prozent glauben nicht, dass sie aus TV- und Presseberichten die volle Wahrheit über die Anschläge erfahren haben,
19 Prozent glauben, dass die US-Regierung die Anschläge selbst in Auftrag gegeben hat.

Konspirologen in den Bestsellerlisten

In den Bestsellerlisten stehen drei deutschsprachige Bücher von Gerhard Wisnewski, Mathias Bröckers/Andreas Hauss und Andreas von Bülow, die nicht weniger versprechen, als die “Lügen und Fälschungen von Medien und Geheimdiensten” zu entlarven und “akribisch” recherchiert “Spuren ins Zentrum der Macht” zu zeigen. Gemeinsam ist diesen Opponenten der “offiziellen Version” die Freisprechung islamistischer Terroristen von der Verantwortung für die Anschläge. Mehr oder weniger verklausuliert sehen sie die Schuld bei Regierungen und Geheimdiensten der USA und Israels.

CNN Special Report über die Anschläge vom 11. September 2011
CNN Special Report über die Anschläge vom 11. September 2011

Die Kritik der “Konspirologen” (so die Eigenbezeichnung von Mathias Bröckers) richtet sich aber auch gegen die Medien, die als “gleichgeschaltet”, als “Diffamierungsliteratur” oder als “Medienbordell” angegangen wurden. Bröckers beispielsweise schreibt über die Medien: “Ob TV-Stationen, Radios, Nachrichtenmagazine oder Tageszeitungen, nahezu ohne Ausnahme befreite sich die ‚freie Presse‘ umstandslos von ihren investigativen Kardinalpflichten: der Überprüfung des Wahrheitsgehalts offizieller Behauptungen, der kritischen Nachfrage, der eigenen Recherche und der vorurteilsfreien Berichterstattung.”

Damit wird die Messlatte hoch gelegt. Findet der Mediennutzer bei den Konspirologen die versprochene “akribische Recherche”? Genügen sie den selbst genannten Ansprüchen? Die Antwort fällt bei näherer Betrachtung ernüchternd aus, wie einige Beispiele zum Umgang dieser Autoren mit ihren Quellen zeigen.

Beton oder nicht Beton

Die live übertragenen Bilder vom WTC zeigen laut Gerhard Wisnewski kurz vor dem Einsturz des Südturms zwei weisslich-graue horizontale Staub- oder Rauchwolken etwa in Höhe des 79. Stockwerks. Seine Deutung der Rauchwolken: “Was wir hier sehen, sind zwei Sprengungen im World Trade Center.” Eine kühne Analyse für einen Journalisten; man hätte doch eine Stellungnahme eines Experten für Sprengungen erwarten können. Wisnewski behauptet weiter, die Staubwolken seien “wahrscheinlich aus Beton”, der Ursprung dieses Betons liegt für ihn auf der Hand: “Es ist der mächtige Kern aus Stahl und Beton, sozusagen die Wirbelsäule des World Trade Centers.” Tatsächlich bestand die tragende Struktur der WTC-Türme – wie im amerikanischen Hochhausbau üblich – aus einem Stahlträgerskelett und nicht aus massivem Stahlbeton. In einer Diskussionssendung des WDR wurde Wisnewski damit konfrontiert und antwortete: “Nein, das weiss ich nicht” und musste vom anwesenden Experten Prof. Peter Schaumann (Technische Universität Hannover) entsprechend korrigiert werden.

Lebende Attentäter?

Bröckers/Hauss und von Bülow greifen Berichte britischer Medien wie der BBC und des “Telegraph” vom 23. September 2001 auf, die nahe legten, dass keineswegs alle der 19 vom FBI genannten islamistischen Terroristen bei den Anschlägen umgekommen waren. Bei Bröckers/Hauss waren es dann “sechs lebende Selbstmordattentäter”, von Bülow meldete “mindesten sieben” als noch lebend.

Völkische Propaganda gegen die USA (Foto: Marek Peters)
Völkische Propaganda gegen die USA (Foto: Marek Peters)

Bei einer Nachrecherche des “Spiegel” stellte sich jedoch heraus, dass diese Meldungen im wesentlichen den gleichen Quellen entstammten: arabischen Zeitungen, bei denen sich auf der FBI-Fahndungsliste geführte Männer gemeldet hatten, die auf ihrer Lebendigkeit und Unschuld bestanden. Die Sache klärte sich aufgrund der “Spiegel”-Recherche mit wenigen Anrufen. Das FBI hatte am 14. September eine Namensliste der mutmasslichen Attentäter herausgegeben, und in einigen Fällen handelte es sich um im arabischen Raum häufige Namen. Nachdem das FBI am 27. September, vier Tage nach den Medienberichten über “lebende Attentäter”, eine weitere Liste mit Fotografien herausgab, hatte sich die Angelegenheit geklärt. Nicht jedoch für die deutschen Autoren, die noch eineinhalb Jahre später von “lebenden Attentätern” zu berichten wussten. In einem dem Bröckers/Hauss-Buch beigelegten Zettel, datiert vom 11. 9. 2003, bedauert der Verlag, dass “die BBC und der ‚Telegraph‘ von ihren ursprünglichen Darstellungen, auf die sich Bröckers und Hauss gestützt haben, abgerückt [sind] – warum, ist zur Zeit noch nicht eindeutig geklärt”.

Vorwarnungen?

Ein Grossteil des verwendeten Materials der 11.-9.-Bücher stammt aus dem Internet. Kein Problem, wenn man weiss, wie Quellen und Informationen zu bewerten sind.

Schon wenige Stunden nach dem Einsturz der WTC-Türme geisterte eine Behauptung durchs Internet, am 11. 9. seien 4000 jüdische ArbeitnehmerInnen nicht zur Arbeit im WTC erschienen. Die beabsichtigte Schlussfolgerung war klar: Sie waren vorgewarnt, weil Juden/Israel/der Mossad mit den Anschlägen zu tun hatten. Die “4000 nicht zur Arbeit erschienenen Juden” werden in dieser Form von keinem der Konspirologen ernsthaft vermeldet. Allerdings weiss von Bülow, dass “ein Israeli unter die Opfer zu rechnen ist, der als Besucher einen der Türme betreten hatte, statistisch gesehen auffallend wenig”. Eine Quellenangabe dafür fehlt völlig. Die israelische Zeitung “Ha’aretz” führt dagegen auf ihrer Website drei israelische Staatsbürger mit Kurzbiografien auf, die sich im WTC aufhielten und dort zu Tode kamen (zwei weitere Israelis kamen in den entführten Flugzeugen um).

Konkreter wurde eine zweite Meldung ähnlicher Art. Dort war von einer per Internet übermittelten Warnung vor dem WTC-Anschlag die Rede, die zwei Angestellte der Firma Odigo in Israel zwei Stunden vor dem Ereignis empfangen hatten. Bröckers hatte die Odigo-Warnung in seinem ersten Buch als Tatsache abgedruckt. Im zweiten Buch drücken Bröckers/Hauss immerhin etwas vorsichtiger aus, dass die Nachricht an die Mitarbeiter “der israelischen Kommunikationsfirma Odigo” von einem unbekannten Absender stamme. Tatsächlich handelte es sich bei Odigo um eine in New York ansässige US-Firma, die im israelischen Herzliya eine Forschungs- und Entwicklungsabteilung betrieb. Zitiert wird der Vorfall nach der Internet-Ausgabe der Zeitung “Ha’aretz”, die über eine entsprechende Stellungnahme der Firma Odigo selbst berichtet hatte. Ein Odigo-Sprecher hatte tags darauf auf die telefonische Nachfrage eines Journalisten den Bericht korrigiert; demnach hatte sich die Warnung nicht spezifisch auf das WTC bezogen. Diese Korrekturmeldung war der “akribischen Recherche” der Autoren entgangen. Laut Bröckers gilt damit weiterhin, dass die Odigo-Mitarbeiter eine Warnung vor dem Anschlag gegen das WTC erhalten hatten.

Von Bülow – bei ihm ist Odigo eine “in Israel ansässige Firma” – bezieht sich auf eine Meldung der “Washington Post” über die angebliche WTC-Warnung und schreibt dazu: “Es finden sich eine Reihe von Indizien, die auf eine wie auch immer geartete Verbindung des israelischen Mossad zu der Tat und den Tätern des 11. 9. weisen.” Zu seinen Mossad-Thesen vom ZDF-Magazin “Frontal 21″ befragt, verhedderte sich von Bülow:

“FRONTAL 21″: Warum stellen Sie dann die Frage, ob der Mossad da verwickelt war, wenn Sie gar keinen Beleg dafür haben?

VON BÜLOW: Ich hab doch Belege dafür. Nein, ich hab keine Belege dafür. Ich habe Indizien, die geprüft werden müssen. Nichts anderes.”

“Augenzeugen”

Eigene Recherchen sind bei Konspirologen Mangelware. Wisnewski war für seinen WDR-Film immerhin in die USA gereist und hatte dort Interviews geführt. In dem 45-minütigen Report wurden zwei Personen als Augenzeugen gezeigt; der Rest des Filmes war grösstenteils organisierten Skeptikern und Kritikern der “offiziellen Version” vorbehalten.

 

 

Der erste Zeuge in Wisnewskis Film ist Ernie Stull, Bürgermeister der Gemeinde Shanksville in Pennsylvania, dem Absturzort des Fluges UA 93. Stulls Aussage wird im Film vom Journalisten so eingeleitet: “Doch für die ersten Augenzeugen an der Unfallstelle ist die weltbekannte Geschichte von Flug 93 bis heute ein ungelöstes Rätsel. Ernie Stull, der Bürgermeister der nahegelegenen Gemeinde Shanksville, erinnert sich.” Anschliessend berichtet Stull, wie sein Schwager und ein guter Freund Stulls nach dem Absturz zur Unfallstelle gefahren waren und dort noch vor der Feuerwehr eingetroffen seien. Stull war also nicht selbst unmittelbar nach dem Absturz an der Unfallstelle, alles Folgende ist somit kein Bericht eines Augenzeugen vom Unfallort, sondern Hörensagen:

ERNIE STULL: […] da war kein Flugzeug. – Kein Flugzeug.
FRAGE: Sie [die Feuerwehrleute] wurden hier zu der Unfallstelle geschickt, und da war kein Flugzeug?
ERNIE STULL: Nein! Da war nichts! … Nur dieses Loch.

Der “Spiegel” fragte bei Ernie Stull nach und legte ihm die von Wisnewski zitierten Aussagen vor. Stull verlor laut “Spiegel” die Fassung: “Meine Aussagen wurden völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Natürlich gab es ein Flugzeug, es war nach der Explosion nur nicht mehr viel davon übrig. So habe ich ‚no airplane‘ gemeint. Ich habe doch selbst Trümmerteile gesehen, sogar eines der Triebwerke, das im Gebüsch lag.”

Wisnewski hatte noch einen Augenzeugen, den er so vorstellte: “Und noch ein Zeuge bestätigt Ernie Stulls Aussage.”

O-TON DENNIS RODDY: “Flugzeugtrümmer? … Nichts, was ich hätte erkennen können.”

In der nächsten Einstellung wird dann erläutert: “Dennis Roddy ist Chefredakteur der ‚Pittsburgh Post Gazette‘. Unmittelbar nach dem Crash schickte er ein Team von Journalisten zur eineinhalb Autostunden entfernten Absturzstelle.”

Der Chefredakteur, der seine Reporter zur Unfallstelle schickt, wird also zur Bestätigung einer Aussage herangezogen, die vom Hörensagen stammt. Andere BewohnerInnen von Shanksville zu befragen, die – zum Beispiel auch Reportern der “Pittsburgh Post Gazette” gegenüber bereits am 11. 9. und in den folgenden Tagen – geschildert hatten, wie das Passagierflugzeug über Shanksville flog und wenige Sekunden später in einem Feuerball verging, war Wisnewski offenbar nicht in den Sinn gekommen.

Ein Zwischenresümee
Bei den “konspirologischen” Recherchen zeichnen sich mehrere Muster ab:
o Fragliche Details werden nicht abgesichert, zum Beispiel durch Befragung von Experten oder Augenzeugen (WTC-Stahlbeton, Shanksville).
o Obsolete Informationen werden nicht auf Validität überprüft (“lebende Attentäter”, Stellungnahme der Firma Odigo).
o Angaben werden nicht belegt (israelische Opfer bei von Bülow).
o Angaben werden nicht sauber recherchiert (“israelische Firma” Odigo).
o Zeugenaussagen werden selektiv präsentiert, unpassende Aussagen nicht zur Kenntnis genommen (Shanksville).

Fazit: Die Autoren ziehen es offenbar vor, in die Breite statt in die Tiefe zu arbeiten; sie ergattern zwar Mengen von Fakten-Häppchen, für sorgfältige Überprüfung und Nachrecherche bleibt kaum Zeit. In der Materialschlacht geht die Qualität der Information unter.

Es steht alles im Netz

Ein bedeutender Teil der konspirologischen Faktenflut stammt aus dem Internet. Unbestritten ist: Zeitungs- und Nachrichtenarchive im Netz können eine grosse Hilfe bei der Recherche bieten. Ein Verständnis für die Entwicklung von Nachrichtenlagen ist dabei wichtig. Die Recherche eines Fussballergebnisses geht in die Irre, wenn statt des Endstandes der Halbzeitstand ermittelt wird. Genau das aber ist bei der “Odigo-Warnung” und bei den “lebenden Attentätern” passiert.

Nun könnte man solche Fehler ja noch reparieren, wenn sie nur als Fehler anerkannt würden. Manche Äusserungen wie diese von Mathias Bröckers lassen jedoch Schlimmes ahnen: “Nehmen wir zum Beispiel das Phänomen der ‚elusiven Information‘, dem wir bei unseren Recherchen permanent begegnet sind. Das sind Nachrichten, die kurz auf- und dann dauerhaft wieder abtauchen, Nachrichten, die nicht am Erscheinen gehindert werden, die aber sofort wieder aus dem Aufmerksamkeitsfokus der Medien herausfallen, weil sie nicht ins Bild passen, und damit so gründlich entsorgt sind, als hätte es sie nie gegeben. Wäre da nicht das grandiose Weltgedächtnis des Internets, das in seinem Archiv all diese weggeworfenen Krümel registriert, sammelt und zugänglich macht!”

Damit verflüchtigt sich die Hoffnung auf Korrigierbarkeit konspirologischer Recherchen. Nachrichten, die aufgrund fehlenden Realitätsgehaltes nicht weiter verbreitet werden, werden zu verschütteten Schätzen hochstilisiert, deren Hebung dank des “grandiosen Weltgedächtnisses” dem Sammler und Jäger exklusive Einsichten vermittelt. Dass der Weltgedächtnis-Forscher dabei auf Katzengold statt eines echten Schatzes gestossen ist, fällt gar nicht mehr auf.

Umgekehrt wird tendenziell zur Nicht-Realität, was nicht im Netz steht. Die Allmachts- und Allwissensfantasien des Weltgedächtnis-Forschers schliessen aus, was nicht als Link angeklickt werden kann. Der simple Griff zum Telefon, die Fahrt zum Ort des Geschehens, die Befragung von Experten – alles überflüssig.

Verschwörungstheorien sind im Internet verbreitet.
Verschwörungstheorien sind im Internet verbreitet.

Zum journalistischen Handwerk gehört, verwendete Quellen kritisch auszuwählen. Vertrauenswürdigkeit und Brauchbarkeit der Quellen einschätzen zu können, ist Voraussetzung dafür. Und hier wird es bei den konspirologischen Autoren bedenklich düster. Hochgradig dubiose Websites wie die der rechtsextremen LaRouche-Bewegung oder die antisemitisch gefärbte rense.com stehen da gleichberechtigt neben der “New York Times” oder dem “Spiegel”. Die deutsche Übersetzung des Atta-Testaments wird dem Web-Diskussionsforum einer Moschee entnommen, wo sie von einem Teilnehmer namens “iron fist” eingestellt wurde. Dass journalistisch saubere Arbeit so nicht funktionieren kann, muss man wohl nicht weiter ausführen. Die Beliebigkeit der Quellenverwendung korrespondiert mit der Materialschlacht; Masse statt Qualität ist Trumpf.

Rekonstruktion oder Dekonstruktion

Journalistische Recherche und Präsentation der Ergebnisse hat das Ziel, dem Mediennutzer gesicherte Fakten und Hintergründe zu vermitteln. Mit zunehmender Entwicklung der Informationslage sollte es möglich sein, ein zusammenhängendes – wenn auch nicht notwendigerweise vollständiges – Bild der Realität zu rekonstruieren.

Die Konspirologen gehen jedoch einen anderen Weg: Sie greifen die vorhandene Berichterstattung auf und verwerfen gleichzeitig deren Gesamtbild als Irreführung und Täuschung. Am deutlichsten hat Mathias Bröckers sein Selbstverständnis als “Dokumentarist der gesicherten Ungereimtheiten” beschrieben, der “nicht die Wahrheit über den 11. September” enthüllen will, sondern das vorherrschende Gesamtbild als “Konstrukt zu Propagandazwecken” entlarven will. So kommt es auch nur begrenzt zum Versuch, ein faktenbasiertes Gesamtbild zu schaffen, es bleibt bei Konjunktiven, Szenarien, Andeutungen.

Damit immunisieren sich Konspirologen gegen Qualitätsansprüche, denn “sie stellen ja nur Fragen” bzw. “stellen die offizielle Version in Frage”. Ein eigenes Gegenmodell der Ereignisse wird nicht ausformuliert, es wird suggeriert und der Ausfüllung durch den Leser überlassen.

Spätestens hier wird klar, dass der Versuch, Konspirologen an journalistischen Massstäben zu messen, scheitern muss, denn sie spielen in einer anderen Liga. Sie arbeiten nicht an der Rekonstruktion dessen, was geschah, sondern vor allem an der Dekonstruktion dessen, was darüber in den Medien kommuniziert wird.

Dabei sind ironischerweise konspirologische Veröffentlichungen auf eben diese Medien angewiesen, denn sie stellen zu einem guten Teil den Steinbruch für die Faktenhäppchen-Sammlung dar. Vom lauthals geschmähten “Medienbordell” sind Konspirologen durchaus abhängig.

Weitere Informationen: Der Beitrag von ttt am 10. Juli 2011 in der ARD, Verschwörungstheorien im Internet: Eindeutig, scheinbar schlüssig – und kaum zu widerlegen (Interview von Patrick Gensing mit Tobias Jaecker), Von einer vereinfachten Weltsicht und Verschwörungstheorien, Neonazis besorgt: Halbe Hähnchen machen schwul!, Querfront: Rosa Luxemburgs Erben für Rudolf Heß

21 thoughts on “Legenden nach 9/11: Masse statt Qualität

  1. Man merkt, dass sich die Verfasser dieses Textes mit der Materie nicht wirklich befasst haben.
    Das Problem in der Debatte ist, dass alles, was von der offiziellen Meinung abweicht, unter dem Label „Verschwörungstheorie“ subsummiert wird. Das umfasst dann völlig durchgeknallte Theorien wie intelligente Fragen gleichermaßen.
    Die Leute, die Zweifel an der offiziellen Version anmelden, sind keinesfalls irgendwelche Nerds. Es gibt Zusammenschlüsse von vielen Spezialisten in ihrem Feld, Architekten und Ingenieuren, Feuerwehrleute, Militärs etc., die Zweifel an der offiziellen Version anmelden und nachvollziehbar begründen. Auf diese Kritik wird eben nicht eingegangen, sondern versucht, zu diffamieren, meist ad personam, und missliebige Argumente werden nicht zur Kenntnis genommen.
    Im Übrigen wird eine Theorie nicht deshalb unseriös, weil sie von Extremisten missbraucht wird. Letztendlich kommt es darauf an, was wirklich gesagt wird. Und es lohnt sich, sich mit der sachlichen Kritik auseinanderzusetzen.

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