Die RAF, die SS und das deutsche Schreckenskabinett

In ihrer Niedertracht knüpfte die RAF an die Tradition der SS an – diese These hat der Germanistik-Professor Jochen Hörisch in der Frankfurter Rundschau aufgestellt. Gleiches gelte für die Weigerung der RAF zu reden, wie kürzlich die Prozesse gegen den SS-Mann Demjanjuk und gegen die mutmaßlichen RAF-Mörder von Generalbundesanwalt Siegfried Buback erneut zeigten, behauptet Hörisch weiter – und betreibt damit eine ahistorische, ideologische Stimmungsmache.

Von Andreas Strippel* für NPD-BLOG.INFO

Die RAF soll also, folgt man der Argumentation von Prof. Jochen Hörisch, eine Art Nachfolgeorganisation der SS gewesen sein. Das, was Hörisch in der Frankfurter Rundschau vom 15. Mai 2011 behauptete, ist nicht nur Unsinn, sondern auch ahistorische, ideologische Stimmungsmache im Fahrwasser des beliebten „die 68er sind schuld“.

Wie kommt er zu seinen Thesen? Der offensichtliche Vergleich schlägt fehl, denn weder hatte die RAF zum Ziel, als rassische Elite über Europa zu herrschen, noch organisierten sie das größte bekannte Verbrechen der Menschheitsgeschichte. Obwohl inhaltlich weitgehend haarsträubend, ist eine Auseinandersetzung mit Hörischs These doch hilfreich, um die Selbstpositionierung gegenüber der postfaschistischen deutschen Nachkriegsgesellschaft und das Selbstverständnis für das Hier und Heute herauszulesen. Einfacher gesagt: Hörisch scheint die Vorstellung ein Graus, dass die eigene Gesellschaft so verstockt und ignorant war, dass aus der Mitte der eigenen Elite so etwas wie die RAF entstand. Bilder dieser Art entsorgt man im Schreckenskabinett der deutschen Geschichte: im Nationalsozialismus.

Neben dem verblüffenden Argument der physischen Ähnlichkeit – das sehr aufdringlich eingeführt wird, um dann großzügig nicht erläutert zu werden – seien es Hörisch zufolge bestimmte ideologische Wesenszüge, die sich aufdrängen. Also mit anderen Worten sahen die Typen schon wie Mörder aus, und sie dachten auch wie welche. Ausschuss, der dem demokratischen Staat und seiner toleranten Gesellschaft im Weg stand. Das schreibt Hörisch zwar nicht, aber was sonst soll der Vergleich beweisen? Dass die RAF Morde begangen hat und dabei skrupellos zu Werke ging, ist hinlänglich bekannt.

Muss man die RAF mit der SS vergleichen, um die "Niedertracht" der Terroristen zu beschreiben?
Muss man die RAF mit der SS vergleichen, um die "Niedertracht" der Terroristen zu beschreiben?

Es reicht offenbar nicht, die RAF als selbstgerechte, politisch motivierte Mörder zu bezeichnen, sondern sie muss mit der widerlichsten Mordbande des NS-Regimes in Verbindung gebracht werden. In einer bizarren Umkehr der Realität wird die von Krieg und Nationalsozialismus geprägte Gesellschaft freigesprochen. Sie hatte die in ihr frei lebenden SS-Täter wieder in die – demokratisch geläuterte – Volksgemeinschaft aufgenommen. Das Opfer der RAF, Hans-Martin Schleyer, wird von seiner SS-Vergangenheit frei gesprochen, seine Mörder schultern nicht nur die Tat, sondern auch die Taten von Schleyer und seinen Kameraden im Zweiten Weltkrieg.

Die tatsächlichen Zustände der 1960er und 1970er Jahre interessieren Hörisch offensichtlich nicht, so erwähnt der Autor beispielsweise nicht, dass Polizeikommandanten mit Erfahrung im Partisanenkampf ihre Truppen auf Studenten hetzten, die ihre demokratischen Rechte wahrnahmen. Das fällt für Hörisch wohl nicht ins Gewicht.

Das unbarmherzige Vorgehen der RAF und der antiimperialistische Antisemitismus sind seit Jahren Thema von Kritik und historischer Aufarbeitung. Aber das Ausnutzen von persönlichen Kontakten zu Mordzwecken ist nicht Dachau – und brutaler Mord kein Massaker an Zehntausenden Menschen. Jeder Maßstab der historischen Bewertung wird eingeebnet, wenn die selbstgerechten Pamphlete der RAF mit den Bekenntnissen Heinrich Himmlers gleichgesetzt werden.

Damit das Ganze dennoch funktioniert, wird ein wenig kontrafaktisch argumentiert. Was, wenn sie dieselbe Macht gehabt hätten?, raunt Hörisch. Ja, was denn? Eine hypothetische Totalitarismus-These verdeckt statt aufzuklären. Selbst den Staatssozialisten um Ulbricht waren die Anarchisten ein Graus (auch wenn die DDR ein funktionales Interesse im Ost-West-Konflikt am westdeutschen Terrorismus hatte). Macht das Ulbricht zum ideologischen Komplizen der westdeutschen Mehrheitsgesellschaft?

Nähe zu völkischen Studenten

Der historische Vergleich soll dabei gar nicht per se verpönt sein. Im Gegenteil, kann er doch erhellend wirken, da er neben Gleichem und Ähnlichem auch Gegenläufiges und Widersprechendes herausstreicht. Die Nähe der RAF und der 68er zu dem Aktionismus der völkischen Studenten der zwanziger Jahre wird aber nicht thematisiert.

Die faschistische Potenz einer intellektuellen Praxis-Verherrlichung gegen die verkopfte Theorie des Akademischen Betriebs hatte schon Ende der 1960er Jahre Theodor W. Adorno erkannt. Ebenso kritisierte Jürgen Habermas die revoltierenden studentischen Milieus als „Rot-lackierte-Faschisten“. Der radikale antibürgerliche Habitus, das überwinden herkömmlicher sozialer Schranken sowie der Anspruch aus höherer Erkenntnis heraus für andere Handeln zu dürfen, waren sowohl ideologische Elemente der 68er als auch der völkischen Studenten der 1920er Jahre. Tat und Aktion waren wichtiger als Institution und Gedanke. Richtig ist, dass viele SS-Führungskräfte aus dem studentischen Milieus der Weimarer Zeit hervorgingen. Diese „Generation der Unbedingten“ (Michael Wildt) verband ebenfalls Intellektualität und eine Ideologie der Tat miteinander.

Ausgelebter Rassenwahn: SS-Arzt Fritz Klein bei der durch die Alliierten erzwungenen Beerdigung der KZ-Opfer von Bergen-Belsen
Ausgelebter Rassenwahn: SS-Arzt Fritz Klein bei der durch die Alliierten erzwungenen Beerdigung der KZ-Opfer von Bergen-Belsen

Jedoch bleiben gravierende Unterschiede. Die soziale Revolution ist nicht die nationale, Internationalismus war den völkischen Studenten verhasst, Rasse war keine politische Kategorie der RAF oder der 68er. Die Ähnlichkeiten liegen mehr in abstrakten Kategorien, wie der Überbetonung einer kollektiven Identität, für die man als Elite handeln will.  Das mag bestimmte Verhaltensmuster produzieren, ist aber politisch erst mal unspezifisch.

Zu untersuchen wäre nun, welche gesellschaftlichen und politischen Umstände solche ideologischen Ähnlichkeiten erzeugen. Dieser Frage aber stellt sich Hörisch nicht. Dabei scheint es notwendig, die Verbindung in einer bestimmten politischen Kultur der deutschen Gesellschaft zu suchen. Die Komplexität von Demokratisierungsprozessen, postnazistischer Gesellschaft, Gewalt, Terrorismus und politischem Mord ersetzt Hörisch durch ideologische Deutung. Das unpassende Erbe der nationalsozialistischen Gesellschaft wird von ihm nicht kritisiert, er exorziert es.

*Andreas Strippel ist Historiker mit den Schwerpunkten Nationalsozialismus, historische Rassimusforschung, deutschen Nachkriegsgeschichte. Am 16. Juni 2011 erscheint von ihm im Schönigh-Verlag “NS-Volkstumspolitik und die Neuordnung Europas. Rassenpolitische Selektion der Einwandererzentralstelle des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD (1939-1945).

Hier der Beitrag von Jochen Hörisch in der Frankfurter Rundschau.

5 thoughts on “Die RAF, die SS und das deutsche Schreckenskabinett

  1. Wieso schreiben Sie von „postfaschistische[r] deutsche[r] Nachkriegsgesellschaft“? M.M.n. ist das eine unglaubliche Verharmlosung! Es muss doch postnationalsozialistische Gesellschaft heißten oder etwa nicht? Die Verharmlosung von Nationalsozialismus als „irgendein Faschismus“ ist doch gefährlich. Bitte erläutern Sie, wieso Sie diese Worte wählten (oft auch bei der Linkspartei bei Anfragen im Bundestag wird über „neofaschistische“ Verbrechen gefragt).
    Danke

  2. Liebes NPD-Blog, lieber Andreas Strippel,

    das ist ein rund um sehr guter Artikel. Allerdings wäre wirklich einmal deutlich zu reden über den Schuld-Abwehr Antisemitismus und die Israel-Feindschaft der linken deutschen Terrorgruppen seit den 70er Jahren und vieler anderer 68er. Das kann und wird aber natürlich kein Grund sein, sie mit der SS und der Gestapo gleichzusetzen. Wie gesagt, ein wirklich guter Artikel.

    Martin Jander

  3. „…eine seltsame List des Weltgeistes…“ Stelle phänotypische Ähnlichkeit mit Bild-Zeitung´s Franz Josef Wagner fest.

  4. „…eine seltsame List des Weltgeistes…“ ..stelle phänotypische Ähnlichkeit mit Bild-Zeitung´s Franz Josef Wagner fest.

  5. Ohne Hörischs Artikel in der FR gelesen zu haben, lässt sich doch sagen, dass gewisse ideologische Affinitäten bestehen. Darauf hat zum Teil schon Jean Améry hingewiesen: Neigung zum Irrationalismus (Romantik & Hippie-Bewegung), Gemeinschaftskult, antikapitalistisches Ressentiment (im Namen des kleinen Mannes), positiver Bezug auf den arabischen Nationalismus und nicht zuletzt der Antisemtismus.
    Empfehlenswerte Lektüre hierzu:
    http://www.ca-ira.net/verlag/buecher/bruhn.gerber-rote.armee.fiktion.html

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