NPD bald allein beim „Kampf um die Straße“?

Blockade- und Bündnis-Konzepte von Anti-Nazi-Gruppen haben der rechtsextremen Bewegung in den vergangenen Monaten und Jahren empfindliche Rückschläge bei ihrem „Kampf um die Straße“ beschert. Mittlerweile muss die NPD, welche sich gerne als aktionistische Dachorganisation des „Nationalen Widerstands“ geriert, um ihre Führungsrolle bei Aufmärschen bangen. Die „Freien Kräfte“ beweisen sich als handlungsfähiger – und vor allem als attraktivere Gastgeberinnen. Dies zeigte zuletzt ein NPD-Aufmarsch am 11. Juni 2011 in Northeim: Gerade einmal 32 Anhänger brachte die NPD auf die Straße.

Von Patrick Gensing

Aufgerufen zu dem Aufmarsch in Northeim hatte der NPD-Kreisvorsitzende Osterode/Göttingen, Marco Borrmann. Diese Aktion war eine Reaktion auf die Bemühungen der Stadt, den NPD-Landesparteitag Ende Mai zu verhindern. Daraufhin hatte die Neonazi-Partei angedroht, nun regelmäßig in Northeim aufmarschieren zu wollen. Eine Drohung, die sich als Lachnummer entpuppt. Denn die NPD verfügt längst nicht mehr über den Rückhalt in der Szene wie vor Jahren.

In Berlin ist der NPD-Landesverband sehr schwach - der Einfluss von "aktionsorientierten Neonazis" ist in der Stadt groß. Dementsprechend verlaufen auch NPD-Demos oft extrem aggressiv. (Copyright: C. Jäger)
In Berlin ist der NPD-Landesverband sehr schwach - der Einfluss von "aktionsorientierten Neonazis" ist in der Stadt groß. Dementsprechend verlaufen auch NPD-Demos oft extrem aggressiv. (Copyright: C. Jäger)

So bietet die rechtsextreme Erlebniswelt mittlerweile weit attraktivere Freizeitangebote als Demonstrationen an, bei denen die Teilnehmer ohnehin die meiste Zeit nur warten. Zudem hat die NPD ihre Anhänger durch interne Querelen, Misserfolge bei Wahlen sowie angeblicher „Verbonzung“ immer wieder verprellt, bei den „Freien Kräften“ herrschen offenbar weniger verkrustete bis gar keine festen Strukturen vor – und die kleinen Neonazi-Zellen sind aktionistischer ausgerichtet. Zudem fanden in Niedersachsen und angrenzenden Bundesländern in den vergangenen Wochen mehrere braune Großevents statt, so dass sich auch eine gewisse Übersättigung eingestellt  haben dürfte.

Zwar zeichnen Neonazi-Strategen gerne das Bild des politischen Soldaten – doch der subkulturell geprägte Rechtsextremismus erweist sich als deutlich attraktiver und wandlungsfähiger. Wenn Neonazis die Wahl zwischen einem Konzertbesuch und einer NPD-Veranstaltung haben, auf der sie mit Funktionären über die Farbwahl Schwarz-Weiß-Rot oder Schwarz-Rot-Gold palavern müssen, dürfte die Wahl zumeist einfach sein.

Marco Borrmann und Ricarda Riefling (Foto: Kai Budler)
Marco Borrmann und Ricarda Riefling (Foto: Kai Budler)

Die NPD verliert an Einfluss in der Szene, das zeigen auch offizielle Zahlen. Nach Angaben der Bundesregierung fanden im ersten Quartal 2011 in Deutschland bundesweit 29 Veranstaltungen von Rechtsextremisten mit überregionaler Teilnehmermobilisierung statt, die der Bundesregierung bekannt geworden sind. Die höchste Teilnehmerzahl habe es demnach am 15. Januar 2011 in Magdeburg gegeben, als Neonazis unter dem Motto “Ehrenhaftes Gedenken statt Anpassung an den Zeitgeist” 1300 Teilnehmer auf die Straße brachten. Auffällig ist bei den Angaben, dass die Demonstrationen, die von NPD oder JN organisiert wurden, zumeist sehr niedrige Teilnehmerzahlen aufweisen: 69 am 26. März in Trier, 20 am 05. März in Neustadt a.d.W., 68 am 29. Januar in Hamburg beispielsweise. Nur am 05. März kamen in Chemnitz mehrere Hundert Neonazis zu einem NPD-”Gedenkmarsch”. Auch in Bremen, wo die NPD in die Bürgerschaft einziehen wollte, konnte sie nicht auf den Rückhalt aus der regionalen Kamerschaftsszene bauen.

In Sachsen-Anhalt dürfte nach dem „Junker-Jörg“-Debakel sowie der Rolle Rückwärts der NPD bei der Neubesetzung des Vorstandes mit altbackenen Kadern ebenfalls eine Distanzierung zwischen Partei und Freien Kräften zu erwarten sein. Ähnliche Prozesse sind in Sachsen zu beobachten.

Für die Bündnisse gegen Neonazi-Aufmärsche bedeutet der schrumpfende Einfluss der NPD keine Entwarnung, eher im Gegenteil: Gerade weil die „Kameradschaften“ die Anhänger mit Versprechen für mehr Action mobilisieren können, dürfte die Gewaltbereitschaft noch weiter steigen.  

Siehe auch: Die 10.000 vergessenen Neonazis von Dresden, Northeim: NPD droht mit regelmäßigen Aufmärschen

13 thoughts on “NPD bald allein beim „Kampf um die Straße“?

  1. @8, 10 (axel mylius):

    … und für die mindestens zehn prozent schätze ich sie sehr, herr mylius. heute geht’s auch besser, und gar so falsch war ihre replik ja nicht.

    nichts für ungut also.

    .~.

  2. Ist ja nicht so, dass garkeine Verfahren gegen entsprechende Personen eingeleitet wurden und diese auch teilweise bereits rechtskräftig Verurteilt sind.

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