„Thüringentag“ – ein weiteres Desaster für die NPD?

Neben dem „Tag der deutschen Zukunft“ in Braunschweig wird am 4. Juni 2011 auch in Nordhausen das erlebnisorientierte Spektrum der extremen Rechten mit einer Konkurrenzveranstaltung bedient: dem „Thüringentag der nationalen Jugend“. Doch für die NPD könnte der Plan zum Desaster werden.

Von Lea Stein und Madlen Warskow

Die extreme Rechte hat sich in den vergangenen Jahrzenten deutlich verändert. Sie ist heute ein Zusammenspiel aus sehr heterogenen Teilen, welches sich vom rechten Skinhead mit Springerstiefeln bis zum „neurechten“ Publizisten erstreckt. Jeder hat dabei seine Aufgabe. An verschiedenen Punkten gibt es Brücken, welche aus der Szene hinaus, in die Gesellschaft hinein reichen und so auch personellen Zulauf bringen. Eine dieser Brücken ist der aktionsorientierte, vor allem durch Musik geprägte Teil der extremen Rechten. War die extrem rechte Jugendszene in den 70er und 80er Jahren organisatorisch noch stark am nationalsozialistischen Vorbild orientiert, wandelte sich diese Kultur mit den beginnenden 90er Jahren stark. RechtsRock und andere Elemente bekamen eine immer größer werdende Bedeutung und führten zur Entstehung eines extrem Rechten Marktes für Musik, Kleidung und anderen subkulturellen Erkennungszeichen. Dieses Potential erkannte in den 90er Jahren auch die NPD, die sich seit Mitte der 90er Jahre immer stärker dem jugendlich-subkulturellen Kreisen öffnete.

Mittlerweile ist es üblich, dass auch die NPD als Organisatorin für extrem rechte Musikveranstaltungen auftritt, um so den subkulturellen Teil der Szene zu bedienen. Dies trifft auch für den „Thüringentag der nationalen Jugend“ zu, eine Veranstaltung, die 2011 zum zehnten Mal stattfindet.

Die Szene festigen

Für die Szene selbst dienen solche Veranstaltungen als Stabilisierung. Hier kommen verschiedene Akteure der Szene zusammen. Man trifft sich auf einer Großveranstaltung mit mehreren hundert Teilnehmern und erzeugt ein Gemeinschaftsgefühl, welches kleine Gruppen auf lokaler Ebene so kaum bieten können. Hier trifft man „Kameraden“, die man lange nicht gesehen hat und feiert zusammen, tauscht sich aus oder knüpft neue Kontakte, wodurch also auch die Vernetzung der Szene erhöht werden kann. Dies fördert die kollektive Identität als „nationaler Widerstand“. Für noch nicht fest eingebundene junge Menschen ist dies der subkulturell verpackte Zugang zur menschenverachtenden Ideologie der Szene. Hier treten einschlägige extrem rechte Bands auf, welche durch Reden von NPD-Politikern abgelöst werden. Dieses Jahr gehören neben politisch eher unbedeutenden Kommunalpolitikern wie Marco Kreutzer, aus dem gastgebenden NPD-Kreisverband Nordhausen, auch der NPD-Vorsitzende, Udo Voigt, und der sächsische Landtagsabgeordnete Andreas Storr zu den Rednern auf dem „Thüringentag der nationalen Jugend“.

Neonazistinnen werden bei der Anreise zum Rechtsrock-Konzert in Eschede kontrolliert. (Foto: monitorex)
Neonazistinnen werden bei der Anreise zum Rechtsrock-Konzert in Eschede kontrolliert. (Foto: monitorex)

Storr ist nicht zum ersten Mal Gast auf derartigen Veranstaltungen. Er gehört der extrem rechten Szene seit den 80er Jahren an und war in den 90ern unter anderem Vorsitzender der „Jungen Nationaldemokraten“(JN), der Jugendorganisation der NPD. Besonders in den 90er Jahren wurde die JN nach dem Verbot vieler neonazistischer Organisationen zum Bindeglied zwischen Kameradschaftsszene und NPD.

Neben Reden finden auf dem „Thüringentag“ auch Stände rechtsextremer Zeitschriften, Versände und Kleidungsmarken ihren Platz. In Nordhausen werden unter anderem Verkaufsstände vom Germania-Versand und der Kleidungsmarke Ansgar Aryan zu finden sein. Neben den Verkaufsständen für Szenekleidung soll es auch einen Informationsstand der Publikation Zuerst geben, einem rechten Nachrichtenmagazin, welches 2010 mit dem Anspruch angetreten war, ein rechter Spiegel zu sein. Schon 2010 beim Parteitag der NPD in Bamberg war ein Stand von Zuerst zu finden, an welchem für NPD-Mitglieder Spezialangebote gemacht wurden. Hierbei ist also klar zu erkennen, an welches Klientel sich die Zeitschrift offenbar richtet. Neben diesen Ständen werden mehrere Organisationen Propagandamaterial auf dem „Thüringentag der nationalen Jugend“ verteilen.

Szenegrößen angekündigt

Wichtiger und vor allem gewinnbringender Bestandteil der Veranstaltungen sind die auftretenden Bands und Liedermacher. Je bekannter die gebuchten Akteure, desto mehr Besucher lassen sich erwarten, was gleichzeitig die Einnahmen nach oben treibt. In Nordhausen sollen unter anderem die bekannten Bands Sleipnir, Nordglanz und Words of Anger auftreten. Die Band Sleipnir feiert in diesem Jahr ihr 20-jähriges Bestehen. Waren die Texte zu Beginn vor allem noch eine Mischung von rassistischen Elementen in Verbindung mit sozialen Problemlagen und einem unterschiedlich starken Bezug auf den Nationalsozialismus, beziehen sich Sleipnir seit 2000 textlich stark auf die nordischen Mythologie, was mittlerweile typisch für extrem rechte Szene ist: „Hörst du unsere Schreie in der Nacht, der Geist unsrer Väter ist erwacht. Wie einst die Kämpfer aus dem hohen Norden, unerschrocken und von Odin gesandt.“

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Noch nicht ganz so lange wie Sleipnir sind die Bands Words of Anger und Nordglanz in der extrem rechten Szene bzw. an deren Rand unterwegs. Jede der beiden Bands beschreibt aber gut die Öffnung der Szene hin zu anderen jugend- und subkulturellen Musikrichtungen und weg vom klassischen Rechtsrock. So wird die Band Nordglanz durch den Verfassungsschutz Hessen dem nationalsozialistischen Black Metal zugerechnet.

Bei Nordglanz sind, typisch für die derzeitige Szene, die Texte heidnischer Natur, weisen dabei aber einen starken Bezug zu historische Begebenheiten auf. So wird z.B. immer wieder der Zweite Weltkrieg thematisiert; in Wolgawinter wird die deutsche Ostfront beschrieben, wo „weit im Osten [die Soldaten] gegen die rote Macht“ kämpften, oder Winston Churchill wird in Wotan strafe England als reiner Antigermanist beschrieben, der aus reinem Hass auf das deutsche Volk Angriffe durchführen ließ: „Die Schand‘ von England / Ein Mörder zum Sir ernannt. / Schande über die Herren, / sie führten seine Mörderhand. / Deutsche Menschen hasste er, /so ist es bekannt.“ Im selben Lied wird auch Rudolf Heß als deutscher Friedensbringer und Märtyrer glorifiziert.

Words of Anger ist eine seit ca. 2003 bestehende Rechtsrock-Band, deren erstes Album gleich von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indiziert wurde. Die Mitglieder der Band sind teilweise bei den Bands Oidoxie und Sturmwehr aktiv, welche in der extrem rechten Szene ebenso beliebt sind. Die Band spielte mit ihrem gängigen Rechtsrock-Sound bereits im europäischen Ausland und hatte diverse Auftritte in Deutschland.

Weiterhin wird der obligatorische Frank Rennicke (trat u.a. für die NPD als Bundespräsidentschaftskandidat an) das Publikum mit seinem musikalischen „Können“ unterhalten. Nach Schätzungen von Experten werden bis zu 500 Personen beim „Thüringentag“ erwartet.

Brücke nach außen

Durch dieses große Angebot an Erlebniswelt gepaart mit Ideologie wird die Bedeutung an die eigene Szene deutlich. Neben diesen Funktionen nach innen verfolgt die Szene aber auch Wirkungen nach außen. Zunächst sind diese Veranstaltungen von erheblichem symbolischen Wert, denn sie zeigen eine öffentliche Präsenz. Hiermit ist immer auch die Gefahr verbunden, dass derartige Veranstaltungen als normal empfunden werden und so besonders auch auf kommunaler Ebene eine schleichende Normalisierung von Partei und Subkultur mit sich bringen.

Zum anderen dient die Veranstaltung als Brücke nach außen. Als Brücke für Jugendliche, die so den Zugang zu Szene über Musik und Erlebniswelt finden noch bevor sie ideologisch gefestigt wirklich integriert sind. Dies schafft Nachwuchs für die extreme Rechte, in welcher die parteifreien Strukturen wie Kameradschaften oder „Autonome Nationalisten“ ohnehin in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen haben.

Blamage zeichnet sich ab

Doch bisher ist unklar, ob der „Thüringentag der nationalen Jugend“ überhaupt stattfinden wird. Die NPD mobilisiert zu einem Platz, der nach Aussagen der Verwaltung noch nicht als Kundgebungsort genehmigt ist. Nach Medienberichten hat das Weimarer Verwaltungsgericht die Veranstaltung verboten. Damit steht die NPD-Nordhausen wenige Tage vor der geplanten Veranstaltung, zu der bundesweit mobilisiert wird, ohne Veranstaltungsort da – und somit kurz vor einer Blamage. Der Ausfall der Veranstaltung wäre für die NPD-Nordhausen um Marco Kreutzer und Roy Elbert ein Desaster, vor allem, da es wegen der Terminüberschneidung mit dem geplanten Aufmarsch in Braunschweig ohnehin schon szene-internen Streit gab.

In Nordhausen ruft das Bündnis gegen Rechts zu einer Gegenveranstaltung auf – unabhängig davon, ob der „Thüringentag“ stattfindet oder nicht.

Siehe auch: Kommunalpolitik und extrem rechte Erlebniswelt, “Eichsfelder Heimattag” – das neue Rechtsrock-Event in Thüringen?, Szene-Zwist: “Idioten von der Thüringer NPD”