Cui bono? Verschwörungstheorien und Pseudokritik

Der Publizist Tobias Jaecker hat im Interview mit tagesschau.de erklärt, warum Verschwörungstheorien entstehen, welche Funktion sie haben – und was sie so attraktiv macht. Aufhänger für das Gespräch war der Tod von Al-Kaida-Chef Bin Laden – doch die Verschwörungstheorien sind universell einsetzbar. Auch in vielen rechtsextremen Schriften und Blog-Beiträgen fällt auf, dass zunächst die Frage nach dem Schuldigen gestellt wird: „Cui bono?“ fragen die Hetzer gerne, geben sich pseudokritisch – und breiten dann ihre kruden Legenden aus.

Antisemitische Propaganda - dieses Flugblatt lag auf den Seiten der Linkspartei Duisburg
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Das kann NPD-BLOG.INFO aber auch: Wem nützen die Brandanschläge auf PKW in Hamburg und Berlin? Ganz klar, der Gewerkschaft der Polizei, die mehr Mittel für die Kollegen fordern kann – sowie der Automobilindustrie, deren Absatz angekurbelt wird! Dafür spricht auch, dass die Polizei bislang kaum Täter gefasst hat, und zumeist teure Autos brennen.

Verschwörungstheorien, so erklärt es Jaecker, seien eindeutig, sie „benennen klar die vermeintlichen Drahtzieher des Geschehens“. Damit erhielten viele Menschen „das gute Gefühl, die Zusammenhänge zu durchschauen“. Die Ausgangsfrage sei, wie erwähnt, dabei immer gleich: „Cui bono, wem nützt es? Aktuell behaupten Verschwörungstheoretiker, die Nachricht von der vermeintlichen Tötung Bin Ladens nutze Barack Obama, weil sie ihm die Wiederwahl sichere. Das mag ein willkommener Nebeneffekt für den US-Präsidenten sein. Aber hat er die ganze Aktion nur zu diesem Zweck durchgeführt?“

Jaecker betont, es gehe nicht darum, Kritik zu unterbinden, viel mehr betont er das anti-aufklärerische an den Verschwörungstheorien. Es sei „ein zutiefst menschliches Bedürfnis, nach einleuchtenden Erklärungen zu suchen. Aufklärung und Kritik sind selbstverständlich richtig und wichtig. Bei Verschwörungstheorien handelt es sich aber um das glatte Gegenteil: Es sind selbsterfüllende Prophezeiungen. Zur Aufklärung oder gar zu einer Verbesserung der Verhältnisse tragen diese Theorien nichts bei. Sie schüren Ressentiments und bedienen Feindbilder – das macht sie so gefährlich.“

Verschwörungstheorien sind im Internet verbreitet.
Verschwörungstheorien sind im Internet verbreitet.

Typisch für die Therien sei ihre geschlossene Form, erläutert Jaecker weiter: „Die zentrale Frage nach dem Täter und den Schuldigen steht immer vorher fest. Darauf aufbauend werden ausgeklügelte Begründungszusammenhänge konstruiert. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass Verschwörungstheorien oft widersprüchlich sind: Willkürlich herausgegriffene Fakten dienen als „Beweise“. Zufälle werden bestritten. Alles, was in die Theorie nicht hineinpasst, wird unterschlagen oder als „Propaganda“ abgetan. So werden komplexe Vorgänge auf eine simple und überschaubare Story reduziert.“

So könne die komplexe Moderne erklärt werden, gesellschaftliche Prozesse werden personalisiert – die Suche nach dem Sündenbock. Stets werde, so Jaecker, „im Verborgenen wirkenden Mächten unterstellt, das „einfache Volk“ über den Tisch zu ziehen. Das war schon im 19. Jahrhundert der Fall, wie die antisemitische Hetzschrift „Die Protokolle der Weisen von Zion“ zeigt. Darin wird im Grunde die gesamte moderne Gesellschaft durch das geheime Wirken „der Juden“ erklärt. Heute wird Amerika mehr denn je für alle möglichen als negativ empfundenen Entwicklungen, wie etwa die wirtschaftliche Globalisierung, verantwortlich gemacht.“ Die USA hätten eine große Macht, und die setzten sie auch ein, betont Jaecker. Das mache es Verschwörungstheoretikern leicht, ihnen „reflexartig alle möglichen Dinge in die Schuhe zu schieben. Verschwörungstheorien sind allerdings nur dann erfolgreich, wenn sie gesellschaftliche Stimmungen und Vorurteile aufgreifen. In Deutschland gibt es eine unselige Tradition antiamerikanischer Ressentiments. Viele trauen „den Amis“ generell nicht über den Weg.“

Eine zentrale Rolle bei der Verbreitung spielt heute das Internet. Verschwörungstheorien mit Argumenten widerlegen zu wollen, ist in der Regel zwecklos – Verschwörungstheoretiker fühlen sich dadurch in ihren kruden Theorien meist nur noch mehr bestätigt. Es beschleunige und verstärke die Entstehung von Verschwörungstheorien, „unbewiesene Behauptungen ohne Quellenangabe werden oft in Sekundenschnelle zu vermeintlichen Beweisen“. Das Internet verschaffe derartigen Theorien eine neue Sichtbarkeit und Wucht, so Jaecker. Es seien „ideologische Deutungsmuster in unübersichtlichen Zeiten, die im Internet ihr ideales Medium gefunden haben“.

Siehe auch: Von einer vereinfachten Weltsicht und Verschwörungstheorien,  Antisemitischer “Kommunisten-Rap”, Wenn der Kieler Staatsschutz den US-Geheimdienst abhört, Neonazis besorgt: Halbe Hähnchen machen schwul!

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37 thoughts on “Cui bono? Verschwörungstheorien und Pseudokritik

  1. @Demokrat

    Eine Frage an Sie als ausgewiesenen Rechts-Experten:

    Meine These: Die Geheimhaltung von Demonstrationsrouten angemeldeter Demonstrationen ist illegitim. Dadurch wird das Recht einer (kritischen) Teilnahme beschnitten. Laut Demonstrationrecht wird jedem das Recht einer Teilnahme eingeräumt, auch freier Zugang ist zu gewähren.

    Ist die These falsch oder richtig und wenn ja warum.

  2. Sehr geehrter Herr Mylius,

    „Ich habe langsam den Eindruck, dass Sie hier eine bestimmte Rolle spielen sollen oder wollen…“

    Sollen… Sie haben komische Vorstellungen!

    Ich bin Teil der Exekutive mit dem „Hobby“ Rechtsextremismus. Insbesondere beschäftige ich mich mit der strafrechtlichen Verfolgung der §§86a, 130 StGB.

  3. @Quarktasche
    Die Geheimhaltung von Demonstrationsrouten dient dem Schutz eines Aufzuges. Das Recht auf Teilnhme wird dann nicht beschränkt, wenn ein bestimmter Ort und eine bestimmte Zeit für die Versammlung genannt wird, von wo aus ein Aufzug beginnt.

    @Mylius
    Tatsächlich besteht mein Beruf aus der Verfolgung von Straftaten. Das beinhaltet in meinem Bereich, aufgrund der Häufung an Autonomen Nationalisten, insbesondere die §§86a, 130 StGB. Die Verfolgung richtet sich dabei ausschließlich nach den Gesetzen. Denn jeder Bürger, auch rechtsextreme, hat ein Recht auf ein faires Verfahren.

  4. @Demokrat

    Dann kann ich Ihnen nur um so mehr raten, sich mit Ihren Aussagen – bzgl. einer vorgeblich fehlenden Strafrelevanz der unter „Altermedia“ getätigten Aussagen und Aufforderungen – nicht allzu sehr aus dem Fenster zu lehnen. Ich finde es übrigens auch „unpassend“, dass Sie Ihr Berufliches nun unter einem Pseudonym und als offensichtliches „Hobby“ hier im Blog fortsetzen …

  5. Ob Äußerungen auf Altermedia Straftatbestände erfüllt. entscheidet schlußendlich nur ein Richter. Ich wollte nur zum Ausdruck bringen, dass es sich nicht so klar darstellt, wie Sie es immer formulieren!

    Ich sehe meinen Beruf auch mehr als Berufung, weshalb ich mich auch in meiner Freizeit mit relevanten Inhalten auseinandersetze. Dabei ist mir diese Seite aufgefallen, auf der ich ineressante und überregionale Artikel erhalte, die vernünftig recherchiert sind und eine hohe Qualität aufweisen.

  6. Apropos Verschwörungen:

    Herr Generalstaatsanwalt Trost sowie seine Mitarbeiter vom LG Rostock belieben weiter über die „Gepflogenheiten“ des Judentums und über „besatzungsbedingte Schlitzaugen“ „aufklären“ zu lassen. *lol* 😉

    http://de.altermedia.info/general/ein-saubermann-unserer-tage-15-05-11_65186.html#comments
    http://de.altermedia.info/general/abt-alter-wein-in-neuen-schlauchen-personalrochade-bei-der-fdp-14-05-11_65154.html#comments

    In Berlin läßt man diesbezüglich seitens der Polizei schon die „ethnischen Säuberungen“ in Kreuzberg durch auf die Strasse geschickte NS-Horden anlaufen … wie von „Altermedia“ und mit Fingerzeig auf Griechenland „angeraten“. Nun, ja…

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