Adolf Eichmann – Stratege der Vernichtung

Bis zuletzt hatte er noch Tausende Juden auf Fußmärschen in den Tod getrieben, dann musste er einsehen, dass auch in Ungarn die Voraussetzungen für eine Weiterführung des Vernichtungsprogramms nicht mehr gegeben waren, weil es inzwischen an jeglichen Transportmöglichkeiten mangelte. Am 24. Dezember 1944 machte Adolf Eichmann der erzwungenen Untätigkeit ein Ende, setzte sich in seinen Mercedes und suchte das Weite. Erfolglos. 1962 wurde er in Israel hingerichtet.

Von Ernst Piper*

Der Eichmann-Prozess in Israel (Screenshot YouTube)
Der Eichmann-Prozess in Israel (Screenshot YouTube)

Am 11. April 1961 wurde im Bezirksgericht von Jerusalem der Prozess gegen ihn eröffnet. Diese beiden Daten umspannen eine bewegte Zeit. Ein Teil des Geschehens liegt noch immer im Dunkeln, was auch damit zusammenhängt, dass ein Teil der Akten, etwa beim BND, bis heute gesperrt ist.

Zunächst hatte Eichmann sich von seiner Familie im österreichischen Altaussee getrennt und sich dann unter wechselnden Namen als Waldarbeiter, Hühnerzüchter und Gelegenheitsarbeiter durchgeschlagen. 1950 setzte er sich dann mit Hilfe katholischer Kirchenmänner über die sogenannte Rattenlinie nach Argentinien ab. Der Reisepass vom Internationalen Komitee des Roten Kreuzes in Genf wies ihn als den staatenlosen Techniker Ricardo Klement aus. Er ließ sich in der Nähe von Buenos Aires nieder, fand als Elektriker sein Auskommen, zuletzt bei Mercedes-Benz Argentina, und holte auch Frau und Söhne ins Land. Ein vierter Sohn, Ricardo Eichmann, wurde in Argentinien geboren.

Hier gab es ein effizientes Netzwerk geflüchteter NS-Täter. 1949 war der österreichische SS-Standartenführer Otto Skorzeny, einer der engsten Mitarbeiter Eichmanns, ins Land gekommen. Skorzeny machte Eichmann mit den niederländischen SS-Untersturmführer Willem Sassen bekannt. Skorzeny und Sassen arbeiteten als Berater für den argentinischen Präsidenten Juan Perón und seine Gattin Evita, berieten aber auch zahlreiche andere Staatschefs, von dem Ägypter Nasser bis zu Pinochet in Chile. Zu dem Kreis um Sassen gehörte auch der Verleger Eberhard Fritsch, in dessen Dürer Verlag nicht nur die Zeitschrift „El Sendero“ (Der Weg) erschien, sondern auch Memoiren ehemaliger SS-Angehöriger, deren Ghostwriter meist Sassen war. Auch mit Eichmann führte Sassen über längere Zeit Gespräche. Die Abschriften der Tonbänder füllten 900 Seiten. Eichmann versuchte die Arbeit der letzten Jahre beschreibend zu rechtfertigen und schwankte dabei zwischen Selbstmitleid und Größenwahn. Er klagte, dass „durch des Schicksals Tücke“ viele der über zehn Millionen Juden in Europa, deren Ermordung zu organisieren seine Aufgabe gewesen war, am Leben geblieben seien. Wenn es gelungen wäre, sie alle zu töten, „dann hätten wir unsere Aufgabe erfüllt“.

Adolf Eichmann lebte unbehelligt in Argentinien und fühlte sich so wohl, dass er sogar für seine Familie ein Haus baute. Dies obwohl sein Name auf der Liste der bekannten und gesuchten Kriegsverbrecher stand und auch die Bundesrepublik Deutschland Haftbefehl gegen ihn erlassen hatte. Der Bundesnachrichtendienst war schon seit 1952 über Eichmanns Aufenthaltsort informiert gewesen, aber die Bundesrepublik hatte an seiner Verhaftung kein Interesse, was man auch die Amerikaner hatte wissen lassen, die eindringlich gebeten wurden, in der Sache nichts zu unternehmen. Unter anderem fürchtete man, ein Prozess gegen Eich-mann könnte der DDR neues Material für ihre Kampagne gegen alte Nazis im bundesdeut-schen Staatsdienst liefern.

Als Adolf Eichmann im Mai 1960 schließlich von Geheimagenten des Mossad nach Israel entführt wurde, erregte diese Aktion international größtes Aufsehen. Der deutsche Außenminister Heinrich von Brentano zeigte sich irritiert und forderte einen Bericht bei der Botschaft in Buenos Aires an. Botschaftsrat Brückmann schrieb darauf hin, kein Botschaftsangehöriger, auch nicht der Botschafter selbst, hätten „von Adolf Eichmann und seinen Untaten vor den Mai-Ereignissen dieses Jahres jemals etwas gehört“. Diese Behauptung war schon per se wenig glaubhaft, aber umso erstaunlicher, als die Söhne nach wie vor den Namen Eichmann führten und bei dem Antrag auf Passverlängerung jeweils den bei ihrer Geburt aktuellen SS-Rang des Vaters angegeben hatten.

Die Inkarnation des nationalsozialistischen Vernichtungswillens

Eichmanns Entführung löste auch eine diplomatische Krise aus. Der UN-Sicherheitsrat verurteilte die Aktion einstimmig und der israelische Botschafter in Argentinien musste das Land verlassen. Die Staatschefs von Argentinien und Israel verurteilten in einer gemeinsamen Erklärung, dass „israelische Bürger“ die fundamentalen Rechte des Staates Argentinien verletzt hätten.

Doch der israelische Premierminister David Ben Gurion ging bald in die Offensive. Er sah, welche Möglichkeiten der anstehende Prozess gegen Adolf Eichmann bot. Auch die Israelis waren zunächst mit der Stabilisierung ihres jungen Staates beschäftigt gewesen und hatten versucht, jenseits der traumatischen Erfahrung des Holocaust in ihrer historischen Heimat ein neues Leben zu beginnen. Nun plötzlich war der Organisator der Deportationen, der Protokollführer der Wannsee-Konferenz, die Inkarnation des nationalsozialistischen Vernichtungswillens mitten unter ihnen. Der frühere Botschafter Avi Primor schreibt dazu in seiner Autobiografie: „Für uns bedeutete der Prozess eine äußerst schmerzhafte Auseinandersetzung mit diesem Trauma, ja er kam einer gigantischen Unterbrechung jedweder Art von Verdrängung gleich.“

Diese schmerzhafte Auseinandersetzung bot aber auch die Chance, wie Ben Gurion es formulierte, dass „die in Israel aufgewachsene und hier erzogene Jugend, die nur eine schwache Vorstellung von den beispiellosen Grausamkeiten hat, erfahren kann, was sich wirklich ereignet.“ Der jüdische Staat sei der Erbe der sechs Millionen, die ermordet worden waren.

Yad Vashem Hall of Names / Quelle: David Shankbone
Yad Vashem Hall of Names / Quelle: David Shankbone

1953 war Yad Vashem, die nationale Holocaust-Gedenkstätte des Staates Israel, gegründet worden. Hier hatte man sich schon früh um Holocaust-Überlebende, die auch in Israel oftmals am Rande der Gesellschaft lebten, gekümmert und ihre Zeugnisse gesammelt. Dieses Archiv mit Zeugenaussagen bildete nun eine entscheidende Basis für die Anklage im Eichmann-Prozess. Eine lange Reihe von Zeugen und Überlebenden der Shoah trat im Gerichtssaal auf. Der Eichmann-Prozess war nicht nur eines der ersten weltweit beachteten Medienereignisse. Es war auch das erste Gerichtsverfahren gegen einen NS-Täter, bei dem die Opfer im Mittelpunkt standen. Männer und Frauen, denen bis dahin niemand Beachtung geschenkt hatte, berichteten, wie sie unter unfassbar menschenfeindlichen Bedingungen überlebt hatten, nicht selten als einzige Angehörige ihrer Familien. Die Ermordung der europäischen Juden wurde mit einem Mal zu einer Geschichte von individuellen Menschen. Die Polyphonie ihrer Stimmen hatte eine überwältigende Authentizität und gab dem Vernichtungsgeschehen eine Plastizität, die alle abstrakten Zahlen in den Hintergrund treten ließ.

„Der schlimmste Mörder der Menschheitsgeschichte“

Hierin liegt die eigentliche Bedeutung des Eichmann-Prozesses. Er hat auch den Auschwitz-Prozess möglich gemacht, der im Dezember 1963 in Frankfurt am Main begann und das Geschehen in den Vernichtungslagern ins Land der Täter zurückholte. Nun konnten sich die Deutschen sich ein Bild von der Hölle machen, die sie einst selbst geschaffen hatten. Der entscheidende Mann, der diesen größten Strafprozess der deutschen Nachkriegsgeschichte unermüdlich vorangetrieben hatte, war der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der sich unschätzbare Verdienste um die Aufarbeitung der NS-Verbrechen erworben hat. Bauer war auch frühzeitig über den Aufenthaltsort von Eichmann informiert gewesen und war nicht weniger als drei mal nach Israel gereist, um die israelischen Behörden zum Eingreifen zu bewegen.

Im Gerichtssaal von Jerusalem spielte sich noch etwas anderes ab, ein Konflikt zwischen dem Generalstaatsanwalt Gideon Hausner und der Philosophin und Publizistin Hannah Arendt, der seinerzeit vielleicht berühmtesten Prozessbeobachterin. Für Hausner war Eichmann der schlimmste Mörder der Menschheitsgeschichte, die „Verkörperung des satanischen Prinzips“. Arendt dagegen versuchte in ihrem Bericht „Eichmann in Jerusalem“ zu zeigen, dass selbst ein unscheinbarer Bürokrat, und als solcher inszenierte sich Eichmann vor Gericht, in einem totalitären Staat jeden moralischen Maßstab verlieren kann und zu den schrecklichsten Untaten fähig ist. Sie verkannte nicht nur die Indienstname des traditionellen Verwaltungsapparats durch die Nationalsozialisten, sondern auch die Tätigkeit und die Motivation der „Eichmann-Männer“, die die Historiker Hans Safrian und Yaacov Lozowick später gründlich analysiert haben. Hannah Arendts Deutung hat trotz offensichtlicher historiografischer Defizite und trotz sofortigen lebhaften Widerspruchs eine erstaunliche, bis heute anhaltende Wirkung gezeitigt.

Liste mit Zahlen über die jüdische Bevölkerung, die bei der Konferenz benutzt wurde.
Liste mit Zahlen über die jüdische Bevölkerung, die bei der Wannsee-Konferenz benutzt wurde.

Die Ausstellung in der Topographie des Terrors behandelt diese Kontroverse nur ganz am Rande. Nach einer biografischen Hinführung, die Eichmanns Karrierestationen als Stratege der Vernichtung folgen, steht der Prozess ganz im Zentrum. Die Anklage wird durch den Chor der Zeugen vertreten, dem Eichmann gegenüber steht. In der Mitte ist das Gericht positioniert. Der ganze Prozess wurde seinerzeit gefilmt, sodass der Ausstellungsbesucher anhand von Filmsequenzen der Aura dieses epochemachenden Gerichtsverfahrens nachspüren kann. Die Ausstellung ist zurückhaltend inszeniert und wirkt gerade dadurch überzeugend. In ihrer dokumentarischen Kargheit erinnert sie an Peter Weiss’ Oratorium „Die Ermittlung“. Der Besucher ist mit den Stimmen der Zeugen konfrontiert und im Gegensatz zum Angeklagten haben sie ihm etwas zu sagen.

Adolf Eichmann, der zu Beginn damit geprahlt hatte, er könne sich als Sühneleistung für seine Taten selbst das Leben nehmen, stellte nach seiner Verurteilung ein Gnadengesuch, das jedoch abgewiesen wurde. Am 31. Mai 1962 wurde er in der Nähe von Tel Aviv hingerichtet.

*Der Historiker Ernst Piper lehrt an der Universität Potsdam. Von ihm erschien unter anderem eine “Kurze Geschichte des Nationalsozialismus – Von 1919 bis heute”. Weitere Texte von Ernst Piper auf Publikative.org: Die Nazis und der 1. Mai: Homogenität statt Egalität, Nürnberger Gesetze: “Zum Schutze des deutschen Blutes”, Hitler tat alles, um seine erbärmliche Existenz zu verlängern, Beflissener Verwalter der Vernichtungsmaschinerie, Georg Elser und das gescheiterte Attentat auf Adolf Hitler, Vor 75 Jahren: Der “Röhm Putsch” (Teil I), Kapitulation und Kriegsende 1945: Das Geschenk der Freiheit

Siehe auch: 400 Stunden Eichmann-Prozess auf YouTube, Eichmanns Rolle: “Die ultimative Kollektivunschuldthese”

2 thoughts on “Adolf Eichmann – Stratege der Vernichtung

  1. „SEIN“ Vermächtnis für unser aller „Aufklärung“… 😉

    Ach du großer Schreck..! DAMIT http://de.altermedia.info/kalenderblatt/einem-lieben-verstorbenen-dessen-name-uns-leider-entfallen-ist-pro-memoriam-zum-heutigen-todestag-30-04-11_64385.html#comments hätte ja die Polizei in MV (nebst diversen „Verschleppungsrichtern“) nicht rechnen können..! *gröööl*

    Ob es sich um „den Führer“ handelt..!? – Nein! Bestimmt nicht! – Das bliebe nur zu mutmaßen! *loool*

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