Landsmannschaft: „Pawelka und seine Unverbesserlichen“

Die Landsmannschaft Schlesien soll gegenüber Bundesinnenminister Friedrich eine Stellungnahme zu den rechtsextremen Umtrieben der „Schlesischen Jugend“ abgeben. Eine interessante Rolle nimmt dabei der Vorsitzende der Landsmannschaft, Pawelka, ein. Immerhin bedankte er sich 2003 bei der SJ angeblich für eine illegale Aktion in Polen und veröffentlichte zuletzt einen Artikel auf der rechtsradikalen Internet-Seite kreuz.net. Seit seinem Amtsantritt im Jahr 2000 sorgte der Vertriebenen-Funktionär immer wieder für Streit und Kopfschütteln. Die SZ schrieb von „Pawelka und seinen Unverbesserlichen“.

Von Patrick Gensing

Im August 2003 sprach der damalige SJ-Chef Christoph Wylezol mit der rechtsradikalen „Jungen Freiheit“ über „den Volkstumskampf der Schlesier in Deutschland und Polen“. Ein Ausschnitt aus dem Interview:

JF: Die Schlesische Jugend ist sonst als besonders aktiver Jugendverband bekannt, im Mai etwa haben Sie in einer aufsehenerregenden Nacht-und-Nebel-Aktion im heute polnischen Niederschlesien 700 Holzkreuze an Autostraßen illegal aufgestellt, um auf die Vertreibung und Ermordung zahlloser Deutscher nach dem Zweiten Weltkrieg aufmerksam zu machen. […] Drei Tage lang konnten Sie Katz und Maus spielen, bevor es der polnischen Polizei gelang, Ihnen eine Falle zu stellen.

Wylezol: Gerade, als wir die letzten der 700 Kreuze aufgerichtet hatten, sind drei unserer Aktivisten der Polizei ins Netz gegangen, die übrigen setzten sich unauffällig über die Grenze in die Bundesrepublik ab.

Was geschah mit Ihren Kameraden?

Wylezol: Sie wurden über dreißig Stunden in Untersuchungshaft gehalten ohne Essen, Trinken oder die Möglichkeit, sich zu waschen! Das entspricht nicht rechtsstaatlichen Gepflogenheiten, und dreißig Stunden ohne Wasser, das ist sehr, sehr hart. Zudem wurden unsere Leute mit gewöhnlichen Kriminellen zusammengesperrt. Was als weitere Schikane zu werten ist, denn die Polizisten haben sehr wohl begriffen, daß wir politische Absichten hatten und nicht kriminell gehandelt haben. Zum Glück ist nichts passiert.

Wie haben sich die Polizisten gegenüber Ihren Leuten verhalten?

Wylezol: Sie müssen bedenken, daß die meisten Polen in der Vorstellung erzogen worden sind, die Deutschen seien bösartige Landräuber, die möglichst niedergemacht werden müßten. Dementsprechend ruppig war die Behandlung. Immerhin kam es aber zu keinem Zwischenfall.

Schließlich wurden die Verhafteten über die bundesdeutsche Grenze abgeschoben.

Wylezol: Es stellt für die Polen natürlich eine erhebliche nationale Provokation dar, wenn man sie daran erinnert, daß dieses Land kulturell und moralisch gesehen deutsches Land ist und daß seine ursprünglich rechtmäßigen Einwohner von ihnen ermordet oder vertrieben worden sind. Da wir uns aber nicht wirklich etwas zuschulden haben kommen lassen, wurden unsere Leute mit der Auflage, das Land zu verlassen, entlassen. Sie durften alleine bis zur Grenze reisen, wo sie sich beim Zoll zu melden hatten. […]

Wie haben die Landsmannschaft Schlesien und die Jugendorganisationen der anderen Landsmannschaften reagiert?

Wylezol: Ausgesprochen positiv. Rudi Pawelka, der Vorsitzende der Landsmannschaft Schlesien, hat sich beim Schlesiertreffen in Nürnberg gar offiziell für die Aktion bedankt. […] Auch die anderen Jugendvertriebenenverbände waren beeindruckt, wobei man sagen muß, daß auch zum Beispiel die Ostpreußen, sei es nun der Bund Junges Ostpreußen (BJO) oder die Junge Landsmannschaft Ostpreußen (JLO), sehr aktiv sind.

Pawelka, damals übrigens auch Vorstandsvorsitzender der „Preußischen Treuhand„, bedankte sich demnach also für eine illegale Aktion in Polen. Bemerkenswert, denn der „Bund der Vertriebenen“ wird staatlich gefördert, weil an der Erfüllung seiner Aufgaben ein Bundesinteresse bestehe. Zu diesen Aufgaben gehöre unter anderem die Verständigung und Zusammenarbeit mit den Nachbarvölkern, heißt es. Blickt man allerdings auf Pawelkas Wirken in den vergangenen Jahren zurück, wird deutlich: Der Vertriebenen-Funktionär hat seit seinem Amtsantritt im April 2000 immer wieder für Unfrieden, Zwietracht und Streit gesorgt.

Im Jahr 2001 trat der damalige Innenminister Otto Schily (SPD) bei den Schlesiern auf. Es kam zum Eklat. Die „Süddeutsche Zeitung“ fragte damals: Wohin war Schily geraten?

„Auf einen Parteitag der NPD oder der DVU? In ein Nest von Skinheads? Nein, Innenminister Otto Schily war Gast des Schlesier-Treffens in der Nürnberger Frankenhalle. Mehrere tausend überwiegend ältere Menschen hatten sich eingefunden, und ein großer Teil von ihnen wollte dem SPD-Politiker nicht einmal den selbstverständlichen Satz über die Nazis und die deutsche Schuld durchgehen lassen. Auch vom „massenmörderischen Zweiten Weltkrieg“ und vom Holocaust als „schlimmstem Schandmal deutscher Geschichte“ wollten die Heimatverbundenen nichts hören. […] Buh und Pfui waren die Lieblingswörter auf dem Schlesiertreffen. Schließlich zeigten NPD-Aktivisten ein Transparent mit der Fascho-Losung: „Die Bonzen lügen alle gleich, mit uns kehrt Schlesien heim ins Reich“. […] Der Bundesvorsitzende der Landmannschaft Schlesien, Rudi Pawelka, hätte im Nachhinein die Chance gehabt, die unglaublichen Entgleisungen zu verurteilen. Aber ihm fiel zur Tatsache, dass sich eine ganze Fraktion pöbelnd gegen Schily und auf die Seite der Nazis gestellt hatte, nicht nur einzelne unverbesserliche Zwischenrufer, nur ein: „Buhrufe gibt es häufig“. […] Vielleicht sollte Schily aus diesem Erlebnis die Konsequenz ziehen, Pawelka und seinen Unverbesserlichen ein paar Kurse in neuerer Geschichte anzubieten. Dann würde Pawelka vielleicht nicht mehr mit der Peinlichkeit hervortreten, die Zwangsarbeiter der Nazis und „deutsche Nachkriegs- Zwangsarbeiter“ seien gleichzustellen.“

Für internationales Aufsehen sorgte Pawelka durch die „Entschädigungsklagen“ der „Preußischen Treuhand“ gegen Polen. „Wir klagen, weil wir die Sache mal zu Ende bringen wollen“, sagte Pawelka dazu im Deutschlandfunk. Sogar mit BdV-Chefin Steinbach überwarf sich der Chef der Landsmannschaft laut Medienberichten in dieser Frage. Steinbach verkündete laut Medienberichten hingegen, Pawelka sei in dieser Sache kein Ansprechpartner mehr.

Beim Schlesiertreffen 2007 sorgten Vertriebene durch ihre revisionistischen Reden für Aufsehen.
Beim Schlesiertreffen 2007 sorgten Vertriebene durch ihre revisionistischen Reden für Aufsehen.

Im Jahr 2007 verkündete Pawelka auf dem Schlesiertreffen in Hannover, der Zweite Weltkrieg habe die Möglichkeit geschaffen, „das umzusetzen, was man vorhatte“ – nämlich die Verfolgung der Deutschen. Der Krieg kam den Polen dieser Lesart zufolge also angeblich ganz passend. Polen fühle sich heute „frei von Schuld“, warf Pawelka dem Nachbarvolk vor. Die nach 1945 Vertriebenen hätten jedoch „die gleiche Würde wie andere NS-Opfer“, so Pawelka. Und weiter: Immer wieder werde die Wahl Adolf Hitlers durch die Deutschen als Ursache für die Vertreibungen angeführt. „Das klingt, als ob die Rote Armee wegen Hitler geradezu gezwungen war, Gräuel zu begehen“. Es habe „die Hetzschriften eines russischen Literaten, Ilja Ehrenburg, millionenfach unter den sowjetischen Soldaten verteilt: „Tötet, tötet, tötet“, „Nehmt die deutschen Frauen als gerechte Strafe“.“ Auf Ehrenburg bezieht sich auch immer wieder die NPD in ihren Hetzschriften.

Deutsche und Juden als Opfer der Polen

Im Jahr 2009 warf Pawelka dann polnischen Regierungsvertretern vor, diese sei „mittlerweile so dreist, dass sie selbst in die deutsche Innenpolitik“ eingriffen. Hintergrund war der Streit um die Besetzung des Stiftungsrates für das „Zentrum gegen Vertreibung“. Polen wolle sich nicht den dunklen Seiten seiner Geschichte stellen, so Pawelka. Wer das versuche, werde von Regierung und Medien schnell wieder zum Schweigen gebracht. Die Polen wollten es nicht wahrhaben, auch Verbrechen gegen Juden und Deutsche begangen zu haben. „Die Polen wollen lupenreine Opfer sein“, polterte der Chef der Landsmannschaft.

Bemerkenswert, wie Pawelka auch hier Deutsche und Juden in einem Atemzug als Opfer der Polen darzustellen versucht. Die Strategie war auch bei der „Preußischen Treuhand“ zu beobachten, welche auf Englisch „Prussian Claims Society“ heißt – der Name erinnert stark an die Interessenvertretung der jüdischen Holocaust-Opfer – die „Jewish Claims Conference“, welche den Namen der Vertriebenen-Firma als „beleidigend und schmerzhaft“ bezeichnete.

Sieg für die Freikorps!

Zuletzt meldete sich der Chef der Landsmannschaft, die angeblich 200.000 Mitglieder hat, auf der Seite kreuz.net zu Wort: „Das muß zu einem neuen Krieg führen“ – so der Titel seines Artikels. Inhalt: Vor neunzig Jahren sei das „demokratische Selbstbestimmungsrecht der Völker mißachtet“ worden – natürlich von den Polen. Ein Auszug:

Die Hiobsbotschaften über die Not der Deutschen bewirkten, daß viele Freiwillige in Freikorps nach Oberschlesien strömten. In einer nächtlichen Aktion am 21. Mai 1921 griffen Freikorps mit 3.000 Mann die auf dem Annaberg verschanzten Polen an und konnten sie bereits am selben Tag von dort vertreiben. Dieser Sieg hatte großen symbolischen Wert und verstärkte den Zerfallsprozeß der polnischen Einheiten. Diese hatten schon vorher unter Disziplinlosigkeiten gelitten, vor allem bei den als Söldner bezahlten Kräften. Obwohl größere polnische Verstärkungen herangeführt wurden, einschließlich Artillerie und Minenwerfer, mußten sich die polnischen Verbände immer schneller zurückziehen.

Das Kreuz.net wird übrigens von vielen Beobachtern als rechtsextrem eingestuft. Doch selbst hier trifft Pawelka mit seinen revanchistischen Aussagen auf Widerspruch, wenn auch mit einer eigenwilligen Argumentation dahinter:

Was soll diese Diskussion, ich stamme von Schlesiern ab, von dieser Familie kann niemand zurückkehren, weil alle verhütet haben und fast keine Nachkommen da sind, und die die da sind, haben keine Lust zurückzukehren, einschließlich meiner Wenigkeit. Und so geht es auch den anderen, wer will heute aus Bayern , wo so viele Schlesier hinflüchteten , zurück nach Schlesien, doch kein Mensch. Ich bin auch dagegen dass man alles hinnimmt, aber wir beten doch täglich „ wir vergeben unseren Schuldigern“. Im Gegensatz zu den Palästinensern haben die Schlesier eine neue Bleibe gefunden, und will man die Polen dort wieder absiedeln? Überigens Deutschland hat Polen dreimal geteilt.

Im Februar 2009 distanzierten sich laut Wikipedia Radio Vatikan sowie die deutsche und österreichische Bischofskonferenz ausdrücklich von kreuz.net. Die deutsche katholische Bischofskonferenz warf kreuz.net antisemitische und homophobe Äußerungen vor, die österreichische kritisierte „sektiererische Hetzpropaganda“. Teile der Website wurden demnach wegen Holocaustleugnung durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indiziert.

Die Landeszentrale für politische Bildung Brandenburg schrieb über kreuz.net:

Neben Holocaust-Leugnern, Antisemiten und aggressiven Abtreibungsgegnern schreiben auf kreuz.net auch Schwulenhasser. In einem Artikel über das Berliner Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen heißt es: „Homo-Verlangen ist zwar eine schlimme Geisteskrankheit, aber erfahrungsgemäß immer vollständig heilbar.“ Die Artikelüberschrift lautet: „Ein Denkmal für Straftäter“. In einem anderen Beitrag wird ein Politiker als „homoperverser antikatholischer Abgeordneter und Vertreter der linksextremen ‘Grünen’-Partei“ bezeichnet. In vielen Artikeln wird ein Zusammenhang von Homosexualität und „Kinderschändung“ suggeriert.

Und FAZ-Redakteur Daniel Deckers meinte am 20. Juni 2010 in einem Artikel über den Rücktritt von Walter Mixa:

„In dem von selbsternannten Rechtgläubigen betriebenen Internetportal „kreuz.net“. Dort wird das kirchliche Geschehen im deutschsprachigen Raum über Server in den Vereinigten Staaten tagtäglich im Hetzvokabular des „Stürmers“ kommentiert.“

In diesem Umfeld veröffentlicht also Pawelka seine Texte über Polen. Übrigens heißt es ebenfalls bei Wikipedia zu der Schlacht, welche Pawelka oben glorifizierte:

Am 21. Mai 1921 erfolgte durch den aus deutschen Freikorps gebildeten Selbstschutz Oberschlesien (SSOS) im Sturm auf den Annaberg die Einnahme des Berges. Am 20. Oktober 1921 beschloss der Oberste Rat der Alliierten nach einer Empfehlung des Völkerbunds, den Osten des oberschlesischen Industriereviers, das einem Drittel der Gesamtfläche Oberschlesiens entsprach, an Polen zu übertragen. Beim Deutschen Reich verblieb der zwar flächen- und bevölkerungsmäßig größere, aber eher agrarisch strukturierte und dünner besiedelte Teil des Abstimmungsgebiets. Dieses Ereignis wurde sowohl während des Dritten Reiches als auch während der kommunistischen Herrschaft in Polen durch nationalistische Propagandadarstellungen verklärt“

Und auch im 21. Jahrhundert wird dieses Ereignis in bestimmten Kreisen noch verklärt.

Auf die Stellungnahme Pawelkas für das Bundesinnenministerium zu den „Heldentaten“ von SJ in Kooperation mit  der rechtsextremen JLO darf man wahrhaftig gespannt sein. Angeblich war man sich beim Bundesdelegiertentreffen der Landsmannschaft bereits einig, dass es keine Probleme mit Rechtsextremen gebe.

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