Die Nazis und der 1. Mai: Homogenität statt Egalität

Am 01. Mai wollen erneut Neonazis in mehreren Städten aufmarschieren. Dass Nazis den Tag der Arbeit für sich beanspruchen, ist nicht neu.

Von Ernst Piper 

Großereignisse, bei denen die „Volksgemeinschaft“ zu demonstrativen Zwecken inszeniert wurde, planten die Nationalsozialisten stets sehr genau. Das galt für die Reichsparteitage, aber auch für Erntedankfeste und andere Massenaufmärsche, ganz besonders aber für den 1. Mai, der 1933 erstmals nach der Choreographie des Propagandaministers Joseph Goebbels ablief.

Adolf Hitler, der den Deutschen jahrelang eingehämmert hatte, ihre politische und soziale Not sei ein Resultat ihrer Zerrissenheit, sah hier eine ideale Gelegenheit, in der Rolle desjenigen aufzutreten, der als Kanzler einer „nationalen Regierung“ das Land zu einen versprach.

„Volkszerstörende Klassenkampfhetze“

Lange Zeit, so hieß es im Festtagsprogramm des Propagandaministeriums, habe der Marxismus den 1. Mai für „volkszerstörende Klassenkampfhetze“ missbraucht. Jetzt gehe es darum, „die Millionenarmee der Soldaten der Arbeit so zu ehren, wie sie und ihr schweres Werk es verdienen“. Die Arbeiter waren nicht länger Subjekte sozialpolitischer Forderungen, sie wurden vielmehr von der Nation als Soldaten der Arbeit in die Pflicht genommen.

Ganz Berlin war am 1. Mai mit Fahnen, Girlanden und Transparenten geschmückt. „Wir wollen gemeinsam arbeiten und aufbauen“, hieß es auf einem Transparent, das die Friedrichstraße überspannte. Schon früh am Morgen marschierten Formationen von Jugendlichen aus allen Bezirken zum Lustgarten im Stadtzentrum. Dort begann um 9 Uhr die „gewaltigste Jugendkundgebung, die Berlin je gesehen hat“, wie es in einer zeitgenössischen Darstellung hieß. 1200 Sänger des Berliner Sängerbundes wurden aufgeboten, um „Deutschland, du mein Vaterland“ zu singen. Goebbels sprach zu den Hunderttausenden. Danach erklang das Horst-Wessel-Lied. „Kameraden, die Rotfront und Reaktion erschossen, marschiern im Geist in unsern Reihen mit“ sangen die Jungen und Mädchen, die zum Appell angetreten waren.

Währenddessen ereichte der Wagen, in dem Hitler und Hindenburg saßen, die Kundgebung. Der junge Reichskanzler wollte dem Reichspräsidenten die Begeisterung der Jugend für den neuen deutschen Staat vor Augen führen. Hindenburg war gewissermaßen ein Monument einer vergangenen Epoche. Was er den jungen Leuten zu sagen hatte, war nicht unbedingt typisch für eine Ansprache zum 1. Mai: „Nur aus Manneszucht und Opfergeist, wie solche sich stets im deutschen Heere bewährt haben, kann ein Geschlecht erstehen, das den großen Aufgaben, vor welche die Geschichte das deutsche Volk stellen wird, gewachsen ist.“ Hitler forderte zum Schluss „die deutschen Jungen und Mädchen“ zu einem dreifachen Hoch auf den „großen Soldaten und Führer des Weltkrieges“ auf. Auf das nationalsozialistische „Sieg Heil“ verzichtete er zu dieser Stunde bewusst.

Mehr als eine Millionen Menschen auf Tempelhofer Feld

Gegen Mittag trafen nach und nach Arbeiterdelegationen aus allen deutschen Ländern auf dem Flughafen Tempelhof ein, die von Reichskanzler und Reichspräsident empfangen wurden. Am Nachmittag waren bereits weit über einen Million Menschen auf dem Tempelhofer Feld versammelt. Die Arbeiter hatten am Morgen in ihren Betrieben antreten müssen und waren dann in geschlossener Formation zu dem Flughafengelände marschiert, wo sie in zehn großen Blöcken Aufstellung nahmen. Am Nachmittag traten Arbeiterdichter auf. Anschließend gab es eine Flugschau, an der sich neben einer Fliegerstaffel auch das Luftschiff „Graf Zeppelin“, ein „Wahrzeichen deutscher Arbeit“, beteiligte.,

Der Höhepunkt aber kam am Abend. Um 20.00 Uhr hielt der Führer und Reichskanzler eine große Rede zu den versammelten Volksmassen. Er rief ihnen zu: „Das Symbol des Klassenkampfes, des ewigen Streites und Haders wandelt sich nun wieder zum Symbol der großen Einigung und Erhebung der Nation.“ Hitlers zentrale Botschaft lautete: „Deutsches Volk, Du bist stark, wenn Du eins wirst.“ Das war eine Botschaft, die auch viele erreichte, die der nationalsozialistischen Bewegung durchaus skeptisch gegenüberstanden. Der erste Versuch einer Demokratie auf deutschen Boden, unter den ungünstigen Bedingungen eines verlorenen Krieges gestartet, war kein strahlender Erfolg gewesen. Eine Vielzahl von politischen Parteien hatte sich erbittert, oft genug auch blutig, bekämpft. Die Nazis versprachen, diese inneren Gegensätze zu überwinden und das Volk zu einen. Ihr „nationaler Sozialismus“ sollte das Völkische mit dem Sozialen versöhnen.

Vom internationalen „Kampftag der Arbeiterklasse“…

In der Vergangenheit war der 1. Mai der „Kampftag der Arbeiterklasse“ gewesen. Als am 14. Juli 1889 die Vertreter der sozialistischen Parteien und Gewerkschaften aus zahlreichen Ländern in Paris zusammenkamen, um den 100. Jahrestag des Sturms auf die Bastille zu feiern, übernahmen sie eine Idee des amerikanischen Arbeiterbundes, der im Kampf um den Achtstundentag für den 1. Mai 1890 erstmals eine landesweite Streikaktion organisierte. Auch in Deutschland kam es, noch unter dem Sozialistengesetz, 1890 erstmals zu Aktionen der Arbeiterschaft. Das Ziel, den 1. Mai zum „Feiertag der Arbeiter“ zu machen, wurde aber trotz mancher Erfolge nie erreicht.

volksgemeinschaft
Das Ziel der Nazis heißt auch noch heute: eine komplett gleichgeschaltete Volksgemeinschaft.

Die Weimarer Nationalversammlung erhob den 1. Mai zum gesetzlichen Feiertag, allerdings nur für das Jahr 1919. Die Arbeitsniederlegungen blieben deshalb auch in den Jahren der Weimarer Republik ein steter Gegenstand des Streits. Arbeiter, die dem Aufruf zu den Kundgebungen folgten, waren oftmals von Maßregelungen bedroht. Vor allem in den letzten Jahren der ersten deutschen Demokratie wurden die Demonstrationen zusätzlich durch die politische Feindschaft der beiden Arbeiterparteien SPD und KPD überschattet. Einen traurigen Höhepunkt erreichten diese Auseinandersetzungen 1929 in Berlin bei dem sogenannten „Blutmai“, als bei Konfrontationen mit der sozialdemokratisch geführten Polizei mehr als 30 kommunistische Demonstranten ums Leben kamen.

zum „Feiertag der nationalen Arbeit“

Die Nazis nutzten diese Situation und machten den 1. Mai durch ein Gesetz am 10. April 1933 zum „Feiertag der nationalen Arbeit“. Auf dem Tempelhofer Feld rief Hitler den angetretenen Arbeitern zu, man könne den schönsten Frühlingstag des Jahres nicht als Symbol des Kampfes wählen, „sondern nur zu dem einer aufbauenden Arbeit, nicht zum Zeichen der Zersetzung und damit des Verfalls, sondern nur zu dem der völkischen Verbundenheit und damit des Emporstiegs.“

Es war dies die aggressive Ideologie einer Volksgemeinschaft nationalsozialistischer Couleur. Der einzelne zählte nichts, seine Bedeutung bestand darin, Glied einer großen Gemeinschaft zu sein. Diese Volksgemeinschaft war exklusiv. Wer zu ihr gehörte und wer nicht, wurde vom Nationalsozialismus nach rassistischen Prinzipien definiert. Deshalb kämpfte man einerseits um die „Heimholung“ von Saarländern und Österreichern und grenzte andererseits brutal die jüdischen Mitbürger als „Schädlinge am deutschen Volkskörper“ aus. Gleichheit bedeutete nicht Egalität, sondern Homogenität.

Der Historiker Ernst Piper lehrt an der Universität Potsdam. Von ihm erschien zuletzt eine „Kurze Geschichte des Nationalsozialismus – Von 1919 bis heute“.

Siehe auch: Rangliste von Reporter ohne Grenzen: Rüge wegen Neonazi-Angriffe auf Journalisten, Hintergrund: Die “Autonomen Nationalisten”, Neonazis am 01. Mai in Dortmund: “Gegner werden verschwunden sein”