Eichmanns Rolle: „Die ultimative Kollektivunschuldthese“

Vor 50 Jahren begann der Prozess gegen Adolf Eichmann. Bis heute gilt er als Inbegriff des subalternen Bürokraten. In einem neuen Buch rekonstruiert Bettina Stangneth die Karriere des SS-Manns und zeigt, wie er die Welt täuschte. Mit der Autorin sprach Alan Posener in der „Welt am Sonntag“. Das Gespräch behandelt auch die Berichte von Hannah Arendt von dem Prozess. Stangneth wollte sich aber vor allem mit „Eichmann vor Jerusalem“ beschäftigen. Denn Eichmann habe sich in Jerusalem als Bürokrat, als Rädchen im System inszeniert – und damit den Deutschen einen ungeheuren Gefallen erwiesen. Er habe die ultimative Kollektivunschuldthese geboten: Das System sei schuld gewesen „und wir waren alle Opfer“, so Stangneth. „Er sagt wörtlich: Ich wurde missbraucht. Eichmann inszeniert sich damit als Erlöser des deutschen Volks, das hat er von seinem Lehrer Hitler…“

Jews from Subcarpathian Russia (then part of Hungary) undergo a "Selektion" on the ramp at the Auschwitz-Birkenau extermination camp, May 1944. The officer in front holding a riding crop is either SS Unterscharfuehrer Wilhelm Emmerich or SS Haupsturmfuehrer Georg Hoecker; inmates in striped uniforms—to be killed at a later date—assigned to the "Kanada" section collect the property. Note the physician in the white coat between the columns, Gyorgy Havas, selecting who is sent immediately to death and who will wait. (Diese Datei wurde unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation veröffentlicht.)
Jews from Subcarpathian Russia (then part of Hungary) undergo a "Selektion" on the ramp at the Auschwitz-Birkenau extermination camp, May 1944. The officer in front holding a riding crop is either SS Unterscharfuehrer Wilhelm Emmerich or SS Haupsturmfuehrer Georg Hoecker; inmates in striped uniforms—to be killed at a later date—assigned to the "Kanada" section collect the property. Note the physician in the white coat between the columns, Gyorgy Havas, selecting who is sent immediately to death and who will wait. (Diese Datei wurde unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation veröffentlicht.)

Stangneth widerspricht dem Bild des „Rädchen im Systems“ aber energisch: Eichmann sei eine der Symbolfiguren des Dritten Reiches gewesen.

„Eichmann gilt als Organisator. Aber er war viel mehr. Er war Ideengeber, Praxisfinder, Innovator, und zwar von Anfang an. Er wird in Wien nicht auf einen Posten gerufen. Er schafft sich diesen Posten. Er galt als ein schöpferischer Antibürokrat, der neue Ideen entwickelt, der vor Kreativität geradezu sprüht, wenn es darum geht, die Judenverfolgung zu radikalisieren. […] Er ist in jeden Winkel Europas gekrochen, wie er in Argentinien sagte, schaute sich die Ghettos, die Deportationsmaßnahmen und die Vernichtungslager an, reiste von einer Dienstbesprechung zur nächsten und ist Gast auf so manchem Empfang.“

Besonders interessant auch die Ausführungen über die Exil-Zeit in Argentinien. Da sitze ein Kreis von Nazis in Buenos Aires herum und versuche, eine revisionistische Geschichte des Dritten Reichs zu schreiben, wirft Posener ein. Eichmann sei dabei – und Willem Sassen, ein holländischer Nazi und Freund des deutschen Publizisten Henri Nannen, lasse ein Tonbandgerät laufen. Stangneth ergänzte, dieser Kreis wollte

„Geschichtspolitik in Deutschland machen. Dafür holen sie sich den Spezialisten für das schwierige Thema Judenvernichtung. Eichmann überrascht sie allerdings mit einer unliebsamen Erkenntnis, denn er erklärt: Ja, das war unser Ziel, so haben wir es gemacht. Fanatisch, unbürokratisch, mörderisch kreativ. Für einen SS-Mann war die Bezeichnung Bürokrat eine Beleidigung.“

Auch in Jerusalem habe sich Eichmann noch immer im Krieg befunden, so Stangneth. Sie führte aus:

Für ihn hat der Krieg gegen die Juden nie aufgehört. Und er wusste, dass es Untergrundbewegungen gab, die diesen Krieg ebenfalls nicht aufgegeben hatten, also ein Netzwerk, das argentinische Nazis mit Nazis, die im Nahen Osten Zuflucht gesucht haben, und westdeutschen Gruppierungen verbindet. Diese Verbindungen werden Anfang der 50er-Jahre intensiviert. Der Schlachtflieger Hans-Ulrich Rudel, der in Argentinien ein Hilfswerk für NS-Kriegsverbrecher organisiert und für den „Weg“ schreibt, soll für die Deutsche Reichspartei kandidieren. Es gibt Kontakte zu Werner Neumann, den Hitler zum Nachfolger seines Propagandaministers Goebbels ernannt hatte und der 1953 mit dem „Gauleiter-Kreis“ versucht, die FDP in Nordrhein-Westfalen zu unterwandern. Eberhard Fritsch etabliert eine enge Zusammenarbeit mit gleich gesinnten Verlagen in der Bundesrepublik. Sassen schreibt auch für deutsche neonazistische Zeitschriften wie Adolf von Thaddens „Reichsruf“ und „Nation Europa“. Man betreibt auch durch die Verteilung gefälschter Zeitzeugenberichte, die bis heute im Internet kursieren, Geschichtspolitik.

Wie aber konnten die Nazis die Verbrechen relativieren? Durch Verschwörungstheorien, erklärt Stangneth – und nennt Beispiele. Dazu gehörte beispielsweise die Behauptung, der Holocaust habe zwar stattgefunden, aber dahinter hätten die Zionisten gestanden, die drei Fliegen mit einer Klappe schlagen wollten, nämlich die Auswanderung nach Palästina forcieren, die assimilierten Juden loswerden und die Deutschen moralisch vernichten. Oder der Massenmord sei einer kleinen Verschwörergruppe zugeschrieben worden. Auch sei Eichmann als ein naives Opfer der jüdischen Weltverschwörung dargestellt worden. Und auf einer Parteiveranstaltung der Deutschen Reichspartei wurde laut Stangneth die Vermutung laut, dass Eichmann selber Jude sein muss. „Verschwörungstheorie für Fortgeschrittene. Dieser Unsinn hält sich hartnäckiger, als man es für möglich halten mag.“ Mit Eichmann sei diese Theorie allerdings nicht zu untermauern gewesen, betont Stangneth: „Er war ein überzeugter Nationalsozialist und genau darum ein Massenmörder, voller Stolz auf das, was er gemacht hatte. Das Einzige, was er bereute, war, dass er die Aufgabe nicht ganz geschafft hatte und es nicht möglich gewesen war, zehn Millionen zu ermorden.“

Bettina Stangneths Buch „Eichmann vor Jerusalem. Das unbehelligte Leben eines Massenmörders“ erscheint am 18. April im Arche-Verlag. Es hat 600 Seiten und kostet 39,90 Euro

Siehe auch: Auswärtiges Amt als “verbrecherische Organisation, Die gewonnene Ehre des Revisionisten Konrad Löw, Nürnberger Gesetze: “Zum Schutze des deutschen Blutes”, Eichmann-Akten: “Kanzleramt behindert historische Aufklärung”, NS-Vergangenheit: Offenlegung der BND-Akten gefordert, Beflissener Verwalter der Vernichtungsmaschinerie

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