Szene-Zwist: „Idioten von der Thüringer NPD“

Bereits ein Vierteljahr vor dem Aufmarsch zum rechtsextremen „Tag der deutschen Zukunft“ in Braunschweig gibt es handfesten Krach innerhalb der Naziszene. Grund dafür: der „Thüringentag der nationalen Jugend“, den die NPD am selben Tag in Nordhausen feiern will. Besonders Neonazis aus der Kameradschaftsszene glauben nicht an Zufall, denn auch andere NPD Veranstaltungen in Thüringen fallen auf Tage, an denen Großevents der Szene vorgesehen sind. Die Organisatoren befürchten rückläufige Teilnehmerzahlen, der interne Streit ist vorprogrammiert.

Von Kai Budler für NPD-BLOG.INFO

„Idioten von der Thüringer NPD“, Mitgliederfang und „Musik-Säufer-Proll-Assis“ – die Empörung in der rechtsextremen Szene ist groß, wenn es um die Doppelbelegungen für wichtige Termine der Neonazis neben der NPD geht. Während der zehnte „Thüringentag der nationalen Jugend“ in Nordhausen zeitgleich zum „Tag der deutschen Zukunft“ (TddZ) im 100 km entfernten Braunschweig stattfinden soll, ist für den 6. August das rechtsextreme „Rock für Deutschland“ im thüringischen Gera geplant. Für den selben Tag allerdings mobilisiert die Neonazi-Szene zum sog. „Trauermarsch“ im niedersächsischen Bad Nenndorf. Auch der von Neonazis instrumentalisierte Antikriegstag bleibt nicht verschont: parallel zum geplanten Aufmarsch in Dortmund am 3. September wirbt der NPD-Funktionär Thorsten Heise aus Thüringen für den „Eichsfeldtag“ seiner Partei in  Leinefelde. Neonazis mutmaßen über einen Auftritt des ehemaligen „Landser“-Sängers Mihael Regener („Lunikoff“) in Leinefelde und befürchten, ein solches Event trage „ganz sicher dazu bei, dass viele Kameraden (nicht nur aus Mitteldeutschland) auf eine Fahrt nach Dortmund verzichten werden“.

„Sieht so aus, als hätte das Ganze Methode“

Vier Rechtsrockbands und sechs Redner in neun Stunden: für das Jubiläum des „Thüringentages“ hat sich Marco Kreutzer von der NPD Nordhausen ins Zeug gelegt. Neben dem unvermeidlichen Frank Rennicke ist auch ein Auftritt der Band Sleipnir angekündigt, die bereits seit 20 Jahren ein fester Bestandteil der subkulturellen Neonazi-Szene ist. Nach ihrem Auftritt auf dem „Rock für Deutschland“ im Jahr 2009 in Gera soll die Band um Sänger Marco Laszcz nun in Nordhausen das entsprechende Publikum anlocken. Ergänzt wird das Programm in Thüringen durch das norddeutsche Nazirock-Trio „Words of Anger“ und die Naziband „Kraftschlag“ um den mehrfach verurteilten Neonazi Jens-Uwe Arpe aus Itzehoe, die Teil des in Deutschland mittlerweile verbotenen „Blood and Honour“ Netzwerks war. Wegen ihres langjährigen Bestehens und ihrer aggressiven Texte genießt die Band einen guten Ruf in der extrem rechten Szene. Auch aus ihrem offenen Antisemitismus macht “Kraftschlag“ keinen Hehl, wie der Mitschnitt ihres Auftritts 1992 bei Weimar zeigt: „Juden raus, Juden raus! Eine solch hohe Zahl ist gelogen, seit 1945 werden wir betrogen. (…) Die Juden sind alle noch am Leben. Wehrt euch, ihr habt die Wahl! (…) Deutschland erwache, Juda verrecke“. Neben der willkommenen Einnahmequelle will die NPD ihre Veranstaltung auch medienwirksam verkaufen und hat außer regionalen Parteivertretern den Bundesvorsitzende Udo Voigt als Redner angekündigt. Nicht nur dieses Programm, auch die geographische Nähe zu den angrenzenden Bundesländern mit ihren potenziellen Besuchern lässt die sog. „Initiative Zukunft statt Überfremdung“ um ihren Aufmarschs in Braunschweig bangen. Die Organisatoren des geschichtsrevisionistischen „Trauermarschs“ in Bad Nenndorf um Marcus Winter sind ebenfalls alarmiert: angesichts des „Rock für Deutschland“ werben sie inzwischen mit der Parole„Widerstand statt Party und Konsum“ für ihren Aufmarsch.

Erfolgsdruck und Machtkämpfe

Nach dem Erfolg im vergangenen Jahr muss das norddeutsche Neonazi-Netzwerk jetzt beweisen, dass die 2009 gestarteten Kampagne zum „Tag der deutschen Zukunft“ wirklich zu den „festen, bekannten Jahresveranstaltungen des nationalen Widerstandes im Westen“ gehört wie die Veranstalter behaupten. Für zusätzlichen Ärger sorgte die Nachricht, die NPD habe dem Neonazi Dieter Riefling „angeboten, seine Demonstration ‚abzukaufen‘, d.h. alle bisher angefallenen Kosten zu erstatten und im Gegenzug eine Terminverlegung des TDDZ durchzudrücken“.

Ein solches Angebot dürfte für den mehrfach vorbestraften Riefling ein Affront sein, denn trotz seiner Kandidatur für die NPD ist der Neonazi aus Coppengrave für sein gespaltenes Verhältnis zur Partei bekannt. Bei dem Versuch, den TddZ als als kontinuierliche Großveranstaltung im norddeutschen Raum auszubauen, war er im vergangenen Jahr durchaus erfolgreich: im Gegensatz zu den 190 Neonazis in Pinneberg zählte Riefling in Hildesheim knapp vier mal so viele Teilnehmer, darunter auch Neonazis aus Berlin, Rostock und Nordrhein-Westfalen.

Doch mit dem Streit bahnt sich nicht nur eine Auseinandersetzung zwischen der NPD und Neonazis aus der Kameradschaftsszene an. Im Vorfeld der niedersächsischen Kommunalwahlen im kommenden September geht es auch um die öffentliche Akzeptanz der NPD gegenüber der rechtsextremen Szene jenseits der Partei. Die Ankündigung von Patrick Kallweit aus dem NPD-Kreisverband Goslar als Redner in Nordhausen dürfte dabei für parteiinternen Ärger gesorgt haben. Für seine Position in der Region ist Kallweit, der sonst keine Berührungsängste zur Kameradschaftsszene hat, das länderübergreifende NPD-Projekt „Festung Harz“ langfristig offenbar wichtiger als der Aufmarsch in Braunschweig.

Der personell schwach besetzte NPD-Unterbezirk Braunschweig hingegen kann schon für die praktische Arbeit in der Region auf die Braunschweiger Neonazis um die „Burschenschaft Thormania 88“ nicht verzichten. Von einer Neustrukturierung und einem personellen Erstarken des Unterbezirks Braunschweig wie zu Zeiten des ehemaligen Spitzenkandidaten der niedersächsischen NPD, Andreas Molau, ist schon lange keine Rede mehr. Diese Entwicklung hat offenbar auch den aktuellen Vorsitzenden des Unterbezirks, Friedrich Preuß, veranlasst, sich hinter die Organisatoren des Aufmarschs in Braunschweig zu stellen und ihnen Unterstützung zuzusagen. Die vollmundig propagierte Unterstützung des NPD-Unterbezirks Oberweser dürfte hingegen bloß eine Formalie gewesen sein: schließlich gehörte die Vorsitzende Ricarda Riefling bereits im letzten Jahr zu den maßgeblichen Organisatoren des Neonazi-Aufmarschs.

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