„Volksgemeinschaft: Neue Forschungen zur Gesellschaft des Nationalsozialismus“

Im Buch „Volksgemeinschaft. Neue Forschungen zur Gesellschaft des Nationalsozialismus“ werden von verschiedenen AutorInnen neuere Forschungsergebnisse vorgestellt, die einen zentralen Topos der NS-Propaganda, nämlich der deutschen „Volksgemeinschaft“, untersuchen.

Von Jochen Böhmer für NPD-BLOG.INFO

Die beiden Herausgeber, Frank Bajohr und Michael Wildt, betonen bereits in der Einleitung zu diesem Band, dass der untersuchte Begriff keineswegs eine Erfindung der Nazis war. Bereits „lange vor 1933 gehörte die ‚Volksgemeinschaft’ zu den am meisten gebrauchten Termini politischer Kommunikation“ (S. 10). Weiterhin betonen sie die dynamische und mobilisierende Funktion dieses Konzepts für die deutsche Bevölkerung, die aktive Umsetzung im Alltag im Sinne einer „Herrschaft als sozialer Praxis“ (ebda.) und natürlich auch die In- und Exklusionsmechanismen der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ für die Menschen der damaligen Zeit.

Volksgemeinschaft: Neue Forschungen zur Gesellschaft des Nationalsozialismus
Volksgemeinschaft: Neue Forschungen zur Gesellschaft des Nationalsozialismus

Im Aufsatz „Die Ungleichheit des Volkes“ wird anhand von vielerlei Beispielen die Attraktivität des Konzeptes der „Volksgemeinschaft“ bereits in der Weimarer Republik deutlich gemacht. Der Autor verweist auf die fast schon metaphysische Bedeutung des Begriffes „Volk“ in Deutschland, der sich selbst bis in die Verfassung von Weimar niederschlug. Eindeutig festzuhalten bleibt aber, dass der Antisemitismus die NS-Volksgemeinschaft konstituierte, während z. B. die Gemeinschaftsideologien in und auch vor der Weimarer Republik „Juden und Sozialdemokraten“ (S. 37) mit einschloss.

Zwei Beiträge befassen sich dem schwedischen „Volksheim“ und dem englischen Konzept des „People´s War“, welches anhand der „Moral“ im Bunker untersucht wird. Hierin werden sowohl Analogien zum Konzept der NS-Volksgemeinschaft herausgearbeitet, aber auch die Differenzen betont, die zwischen einem totalitären Führerstaat und demokratisch verfassten Gesellschaften bestehen. Interessant sind neben historischen Fakten (z. B. die Ausgrenzung von sozial unangepassten Menschen in Schweden, die über einen langen Zeitraum sogar sterilisiert wurden) ebenso die Auswirkungen von Leistungs- und Nützlichkeitskriterien, die auch in demokratischen Gesellschaften immer vorhanden sind. Dennoch ist gerade im Verweis auf England bzw. zur „Moral“ im Bunker zu betonen, dass dort „Selbstmobilisierung, Ungleichheit und Gewalt“ (S. 141) in völlig anderer Weise zum tragen kamen.

Im Aufsatz „Inklusion und Exklusion im ‚Dritten Reich’“ wird unter Rekurs auf Luhmanns Systemtheorie dargelegt, wie eine Mitgliedschaft in der NSDAP Mechanismen der weiteren Inklusion bzw. der Aufstiegsmöglichkeit für die deutschen „Volksgenossen und Volksgenossinnen“ bot. Natürlich muss man hierbei immer mitdenken, dass diese Inklusion für die „Gegner“ der NSDAP Exklusion, Ausschaltung und letztlich auch Ermordung bedeutete. Etwa „68 Millionen“ (S. 18.) Menschen waren damals in die NS-Organisationen in Deutschland eingebunden. Somit wird das Potenzial dieser (Selbst-)Mobilisierung der Gesellschaft deutlich, die den Individuen in allen möglichen gesellschaftlichen Systemen begegnete. „Mitglieder besaßen Möglichkeiten, von denen Nichtmitglieder ausgeschlossen blieben.“ (S. 76)

Ganz zentral gilt festzuhalten, dass die NS-Volksgemeinschaft keine egalitäre Gemeinschaft darstellte (und auch nicht darstellen sollte!), sondern Leistungssteigerung im Dienste der „rassistischen Mobilisierung“ (S. 10) zum Ziel hatte und innerhalb der Gemeinschaft starke Ungleichheit vorherrschte. Dies ist auch für heutige Argumentationen gegen Neonazis aktuell, die die Volksgemeinschaft häufig glorifizieren oder mythisch verklären. Diese Ungleichheitstendenzen zeigt der Aufsatz „Dynamik und Disparität“ am Beispiel der Rüstungsmobilisierung. Im Deutschen Reich bildeten sich starke regionale Unterschiede heraus, zwischen „Gewinner- und Verlierer-Regionen“ (S. 79). So zählte z. B. die Stadt Rostock (mit den Heinkel-Werken) zu den Gewinnern des Rüstungsbooms. Die Landwirtschaft hingegen verlor zwischen 1933 und 1938 „21 % ihrer Arbeitskräfte“ (S. 83), während z. B. die chemische Industrie einen „Beschäftigungszuwachs von 28 %“ (ebda.) verzeichnete. Darüber hinaus sind auch starke Lohnunterschiede zu beobachten gewesen. Gerade die Beschäftigten in der Flugzeugindustrie sahen sich als eine Art „Elite“, die sich „dünkelhaft“ (S. 85) gegenüber anderen ArbeiterInnen verhielt. Somit wurde wahr, was der im Aufsatz zitierte Parteiideologe Alfred Rosenberg verkündete: „Den Nationalsozialismus zeichne vielmehr ein ‚Bekenntnis zur Ungleichheit und Ungleichwertigkeit des Menschen’ aus.“ (S. 89)

Ein weiterer Aufsatz beschäftigt sich mit der Geschlechterfrage in der NS-Volksgemeinschaft. Zwar waren Frauen einerseits durch die traditionelle NS-Ideologie an Heim und Herd gefesselt, andererseits gelang aber eine „Flexibilisierung der Stereotype“ (S. 99) von Geschlecht, ohne diese in ihren Fundamenten zu entkräften. Deutlich wurde dies in der Mobilisierung der Frauen zum Zwecke der Produktion in den letzten Kriegsjahren, die der eigentlichen NS-Ideologie völlig widersprachen. Zum Abschluss dieses Aufsatzes wird noch einmal darauf verwiesen, dass es sehr wenige Prozesse gegen Frauen gab, obwohl das „Engagement“ (S. 103) vieler Frauen doch ganz erheblich war.

Besonders erschreckend sind für den bzw. die heutige LeserIn die Aufsätze, die sich um nationalsozialistische „Volkstumspolitik“ im Warthegau bzw. mit der Frage der sog. „Mischlingen“ beschäftigen. An den Problemen, vor denen die RassepolitikerInnen standen, wird zunächst deutlich, wie irrsinnig die Einteilung von Menschen in „Rassen“ und nach „Blutszugehörigkeit“ ist. Im besetzten Polen „konnte potenziell jeder Pole ein Deutscher sein wie umgekehrt jeder Volksdeutsche nicht unbedingt auch deutsch sein musste“ (S. 108), was eben an der „großen Verschiedenartigkeit der Bevölkerung“ (S. 107) lag. Auch beim Konstrukt der jüdischen „Mischlinge“ standen die RassenideologInnen vor großen Problemen: „Und wenn ‚jüdisches Blut’ so gefährlich zersetzend wirkte: Müssten die Maßnahmen dann nicht auch solche mit einem Viertel-, einem Achtel, einem 16tel-Anteil einschließen? Gab es Personen, bei denen der ‚deutsche’ Blutsanteil höher wog als der jüdische, die also von Restriktionen auszunehmen waren? Galt das für ganze Familien oder das einzelne Individuum?“ (S. 145) Solche Fragen führten zu Ungleichbehandlungen, denn in den konkreten Alltagshandlungen musste der „Volksgenosse“ alleine entscheiden (S. 147), wie z. B. mit einem „Mischling“ umgegangen werden sollte.

Zum Ende des Buches wird auf die Erinnerungen an die „Volksgemeinschaft“ in der Nachkriegszeit Bezug genommen. Zunächst weisen auch aktuelle Umfrageergebnisse darauf hin, dass ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung hierzulande in der „Volksgemeinschaft“ mit einer starken Partei eine Alternative zum bestehenden Parteiensystem sieht (ca. 25 %). Während in der unmittelbaren Nachkriegszeit eine „’Volksgemeinschaft’ ohne Führer“ (S. 167) zu konstatieren sei, die sich u. a. darin manifestiert, dass sich das deutsche Volk als vom Führer missbraucht selbst viktimisiert, geht es im lokalen Gedenken häufig um die Erfolgsgeschichte des Wiederaufbaus. Zwar gibt es auch in diesen Diskursen immer wieder Anknüpfungspunkte an eine Gemeinschaftsideologie, allerdings geht es nicht um die Herstellung von völkischer „Homogenität oder um rassisch begründete Exklusion, sondern um eine kollektive Mobilisierung im Dienste des Wiederaufbaus“ (S. 174). Besonders interessant ist die Erinnerung von ZeitzeugInnen an die Volksgemeinschaft. Trotz oft nachteiligen Erzählungen und Erlebnissen wird im Kontrast zur Gegenwart die damalige Gesellschaft beschönigt.

Das Buch ist ein wichtiger Beitrag um der Verklärung der NS-Volksgemeinschaft, sowohl in Erzählungen, als auch in der direkten Konfrontation mit neonazistischer Propaganda, entgegenzutreten. Es verhilft dem bzw. der LeserIn darüber hinaus, Kontinuitäten des Gedankens der „Volksgemeinschaft“ auch in der Nachkriegsgesellschaft leichter aufzuspüren. Außerdem bietet es Ansätze, um antihumanes Denken, im Sinne von gewalttätig hergestellten Kollektiven, weiter zu entlarven.


 

Volksgemeinschaft
Neue Forschungen zur Gesellschaft des Nationalsozialismus
Herausgegeben von Frank Bajohr und Michael Wildt
http://www.fischerverlage.de/buch/Volksgemeinschaft/9783596183548?_navi_area=fv_home&_navi_item=03.00.00.00