„Junker Jörg“: NaziLeak statt Datendiebstahl

Die NPD spricht nach den Enthüllungen über „Junker Jörg“ von Datendiebstahl. Außerdem prüfe man diverse rechtliche Schritte, verlautete es aus der rechtsextremen Partei. Alles wie gewohnt. Allerdings haben die Veröffentlichungen aus dem Forum „Freie-Freunde.de“, welches am 15. März 2011 plötzlich gelöscht wurde, nichts mit Datendiebstahl zu tun, auch nicht mit den internen Emails aus der NPD, wie spekuliert wird. Es handelt sich um ein Leak.

von Patrick Gensing

Ein Mitglied der „Freien-Freunde“ stellte seinen Zugang dem Autor zur Verfügung, so dass es möglich war, sich in Ruhe und genau in dem rechtsextremen Forum umzuschauen – und auch Mitglieder zu identifizieren. Dahinter verbirgt sich ein rechtsextremes Netzwerk, welches deutlich über die NPD hinausgeht – und das interessante Einblicke zulässt. Schon am 16. März 2011 berichtet beispielsweise „Der Standard“ darüber.

In der NPD scheint es derweil keine einheitliche Strategie zum Umgang mit dem Exklusivbericht von tagesschau.de zu geben. Viel mehr beschimpft man den Autor, weist alle Vorwürfe von sich, gegenüber dem Tagesspiegel sprach Heyder von „hanebüchenem Unsinn“. Er gab allerdings zu, in einem Forum unter dem Namen „Junker Jörg“ Einträge verfasst zu haben, „aber nur zeitweise“, behauptete er. In dem Forum der „Freien Freunde“ hatte „Junker Jörg“ über mehrere Jahre regelmäßig geschrieben. Auf Anfrage des Autors sagte Heyder, er „bezweifelt“ in dem Forum geschrieben zu haben.

Holger Apfel, auf dem die Domain zuletzt registriert war, behauptet zudem, seine Identität sei missbraucht worden – er wolle daher Anzeige erstatten. Übrigens trat als Verantwortlicher für das Forum im Impressum der Seite zwischenzeitlich auch Heyder selbst auf. Auch alles manipuliert?

Selbst in den eigenen Reihen sorgt die „antideutsche Hetze“ für große Unruhe. Ein Macher der Seite „Deutschlandecho“, welche den Wahlkampf Heyders unterstützte, kündigte an, sich zurückziehen zu wollen. „Es sind Tatsachen, allen Beteuerungen zum Trotz, das ist mir aus sicherer Quelle bekannt“, schreibt er als Begründung zu den Berichten über Heyder.

Derweil ist das Forum im digitalen Nirwana verschwunden, aber es gibt noch Spuren, wie beispielsweise das Impressum mit Heyder. Die NPD will die Geschichte nun Antifa-Hackern in die Schuhe schieben, nachdem am Vortag, wenige Stunden nach der Anfrage an Heyder, angeblich Reparaturen an der Seite durchgeführt wurden.

Zwischenzeitlich war auch Heyder selbst als Verantwortlicher für das Forum "Freie-Freunde.de" aufgeführt.
Zwischenzeitlich war auch Heyder selbst als Verantwortlicher für das Forum "Freie-Freunde.de" aufgeführt.

Katrin Budde, Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion und SPD-Landesvorsitzende, sagte zu den Recherchen: „Wenn sich das bewahrheiten sollte, hat das eine neue Dimension. Das Ganze ist absolut abstoßend. Hier zeigt der angebliche Biedermeier sein wahres, grässliches Gesicht. Wer zum Bauen von Bomben und zur Vergewaltigung von Frauen aufruft, steht weit außerhalb der Gesellschaft und hat in einem demokratischen Parlament nichts zu suchen.“

Derweil hat das Landeskriminalamt in Sachsen-Anhalt die Ermittlungen aufgenommen. Nach Angaben des Innenministeriums wird die Staatsanwaltschaft in Magdeburg federführend sein. Auch die Generalstaatsanwaltschaft sei mit dem Fall befasst.

Grünen-Landeschefin Claudia Dalbert kündigte am Dienstag eine Anzeige gegen Heyder an. Die Verbreitung von Bombenbauanleitungen sei eine „konkrete Vorbereitung von Terror“, der Aufruf zu Vergewaltigungen ein „Zeugnis vollkommener moralischer Verwahrlosung“, sagte Dalbert.

Screenshots aus dem Forum finden Sie hier.

Die Mitteldeutsche Zeitung kommentiert die Berichte über „Junker Jörg“:

Es spricht vieles dafür und kaum etwas dagegen, dass Heyder als „Junker Jörg“ im Internet Rezepte zum Sprengstoffmixen veröffentlichte und zur „Schändung“ von linken Politikerinnen aufrief. Eine geschickte Fälschung, wie die NPD als Reaktion auf das Bekanntwerden der Vorwürfe behauptete? Wohl kaum. Denn wer macht sich die Mühe, sieben Jahre lang einen auf Heyder in einem geschlossenen Forum zu machen? Zudem sind die Einträge viel zu persönlich und viel zu detailreich, um gefälscht zu sein: Wer so etwas über Jahre hinweg schreibt, benötigt intimste Kenntnisse des NPD-Innenlebens. Wer’s nicht glaubt, kann sich im Internet selbst ein Bild machen. Am besten vor der Wahl. 

35 thoughts on “„Junker Jörg“: NaziLeak statt Datendiebstahl

  1. Mein Browser ist vorhin abgestürzt.
    Der obere Bericht irrelevant stammt von mir nicht von Anonymous,hatte den Browser gewechselt und vergessen meinen Namen neu einzugeben.

  2. Ja, Sabine, der Spruch „Heyder räumt auf!“ gewinnt unter den aktuellen Erkenntissen einen ganz neuen Sinn. Immerhin, Glaubwürdigkeit kann man den Nazis nicht absprechen, nur anders als gedacht.

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