Reportage: „Dresden, Du Opfer“

Text und Bilder von Benjamin Laufer

Gedenken in Dresden

Am 13. Februar 2011 war Benjamin Laufer in Dresden, um am Liveticker von taz.de zu den Protesten gegen den Naziaufmarsch mitzuarbeiten. In dieser kleinen Reportage schilder er seine Erlebnisse.

Es herrscht eisige Stimmung vor dem Dresdner Heidefriedhof am Sonntag Vormittag. Die Nacht hat das im Wald gelegene Friedhofsgelände mit Schnee eingedeckt. Es stehen sich jeweils rund 30 Antifas und Nazis gegenüber, getrennt nur von der mäßig frequentierten Straße und einer handvoll PolizistInnen. Keine der beiden Gruppen macht Anstalten, die andere zu bedrängen. Sie schweigen geschlossen.

Der Eingang zum Friedhof wird von der Polizei bewacht, junge Neonazis stehen hier Schlange. Auch ein paar Antifas versuchen, sich einzureihen – erfolglos. „Sie gehören zu der Gruppe, die hier von der Stadt Dresden nicht erwünscht ist“, entgegnet ihnen ein Polizist Anfang 20 und schickt die Männer weg.

Ein paar hundert Meter weiter haben sich auf dem Friedhof etwa 200 Dresdner BürgerInnen, viel Politprominenz und auch etwa 50 Neonazis aufgebaut und schreiten ohne viele Worte zu verlieren in Richtung Mahnmal. Begleitet werden sie von zahlreichen FotografInnen und einigen Kamerateams. Ihr weg führt sie auch vorbei an zwei Transparenten, die Mitglieder der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes hoch halten und an den Schwur von Buchenwald erinnern.

Am Mahnmal der Gedenkstätte für die Opfer der Bombardierung Dresdens warten etwa 30 Antifas mit einem Transparent, ein paar Soldaten mit Kränzen und jede Menge Polizei auf die Gruppe. Dresdens zweiter Bürgermeister Detlef Sittel hält eine Rede. „Knapp vier Monate vor Kriegsende ging das alte Dresden in einem Feuersturm unter“, sagt er. „Hier, auf dem Heidefriedhof, fanden Tausende Opfer dieser infernalischen Nacht ihre letzte Ruhe.“ Er erinnert an die deutsche Kriegsschuld, an die Judenverfolgung in Dresden und die Bombenangriffe deutscher Flieger auf Warschau, Rotterdam und Coventry.

Sittel verwahrt sich gegen die Instrumentalisierung des Gedenkens durch Neonazis. „Dresden will Versöhnung und Dresden lebt Versöhnung“, sagt er. Dann werden die Kränze niedergelegt, zuerst die der Soldaten, dann die der Prominenz, ganz am Ende reihen sich die Neonazis ein. Gestört werden sie von den Antifas, die jetzt Sprüche wie „Oma, Opa und Hans-Peter, keine Opfer, sondern Täter!“ skandieren. Die Polizei macht kurzen Prozess und drängt die Linken in den Wald. Begleitet wird die Maßnahme von „Haut ab, haut ab!“-Rufen der Neonazis.

Die Rechten würden sowas nie machen“, empört sich ein älterer Herr mit weißer Rose am Revers. Dann gehen sie alle, die Polizei, die PolitikerInnen und die BürgerInnen. Es bleiben die Nazis, darunter Holger Apfel und der NPD-Wachschutz. Apfel gibt vor dem Mahnmal ein Interview in eine Kamera. Und es bleiben die Kränze, die sie niedergelegt haben. Der von der CDU neben dem von der NPD und dem vom Ring Nationaler Frauen. Der vom Zentralrat der Juden neben dem der Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland, die den Trauermarsch der Nazis seit Jahren organisiert.

Die Gruppe, die „von der Stadt Dresden hier nicht erwünscht ist“, wird nahe des Ausgangs von der Polizei drangsaliert. JedeR wird abgefilmt und muss seine_ihre Personalien abgeben. Die Stadt Dresden habe Strafantrag wegen Hausfriedensbruchs gestellt, erklärt ein Polizist mit vier Sternen auf der Schulter. „Außerdem haben sie gegen die Friedhofsordnung verstoßen“, sagt er. Dann müssen die AktivistInnen gehen, ihnen wurde ein Platzverweis ausgesprochen.

Wenig später sammeln sich Tausende DresdnerInnen vor dem Rathaus, um sich der geplanten Menschenkette anzuschließen. Die Dresnder Tafeln empfangen sie mit kostenlosem Tee und Schokolade. Wieder hält Vize-Bürgermeister Sittel eine Rede, wieder erinnert er an die Deutsche Kriegsschuld. „Die Brandfackel der Nazis fiel auf Dresden zurück“, sagt er und dass Nazis heute keinen Raum mehr haben sollten. „Dresden geht gegen jede Art von Extremisten vor“, verfeinert er seine Rede mit einem Seitenhieb gegen links. Dann bauen sich die DresdnerInnen zur 3,7 km langen Menschenkette auf.

Eine Stunde später, um 14 Uhr, steht die Kette. Es beteiligen sich so viele Menschen an der Aktion, dass das südliche Elbufer entgegen der Planung mit einbezogen wird. „Wir verlängern einfach“, sagt ein Ordner mit einem Grinsen im Gesicht. Auch am Nordufer stehen die Menschen dicht gedrängt in mehreren reihen. 10 Minuten lang fassen sie sich an den Händen, dann gehen die meisten nach Hause.

Hinter dem Bahnhof versammeln sich derweil langsam die ersten Nazis. Auf der anderen Seite der Schienen stehen ein paar hundert Linke, die entgegen des Demoverbots in Hörweite der Nazis protestieren wollen. Die Polizei lässt sie nicht durch, wie sie auch die anderen Blockadeversuche südlich der Bahngleise gut im Griff hat. Dass nur etwa 100 Meter weiter Linke „Nazis raus!“ skandieren, bekommen die Nazis gar nicht mit.

Die werden hinter den Gleisen von der Polizei in eine Art Käfig eingepferrcht und warten darauf, dass es los geht. Fast alle sind schwarz gekleidet, viele Autonome NationalistInnen sind dabei. Aber auch die NPD ist vertreten, unter anderem mit der kompletten sächsischen Landtagsfraktion um Holger Apfel. Auch unauffällig wirkende ältere Herrschaften sind darunter, einige werden am Rande des Polizeikäfigs in hitzige Debatten verwickelt.

Ein paar ältere DresdnerInnen werfen den Senioren auf der anderen Seite des Polizeigitters empört vor, an einem Nazi-Aufmarsch teilzunehmen. Das sei gar kein Nazi-Aufmarsch, empört sich eine ältere Dame. „Sehen sie hier etwa welche?“ fragt sie rhetorisch, hunderte Neonazis im Rücken.

Um kurz nach 17 Uhr geht die Nazi-Demonstration los. Schweigend und mit brennenden Fackeln ausgerüstet ziehen die TeilnehmerInnen, knapp 2000 an der Zahl, durch menschenleere Straßen im Dresdner Univiertel. Aus einem Lautsprecherwagen tönt laute Musik, die aber nicht im ganzen Demozug zu hören ist. Außer den Neonazis selbst hört ohnehin niemand zu.

Die Polizei verkürzt die Route spontan, um eine Blockade von Linken zu umgehen. Hörbaren Protest gibt es kaum, nur vereinzelt rufen AnwohnerInnen „Nazis raus!“ aus ihren Fenstern. Im Großen und Ganzen gehört die Straße aber tatsächlich den Neonazis.

Bis sie in die Schlußgerade in Richtung Bahnhof einbiegen. In den plattenbauartigen Studentenwohnheimen, die hier die Straße säumen, haben sich hunderte an den Fenstern versammelt. Sie rufen Parolen gegen die Nazis und haben riesige Transparente aus den Fenstern gehangen, teilweise sogar beleuchtet. „Ihr habt den Krieg verloren, ihr habt den Krieg verloren“, tönt es von den Häusern. Die Polizei reagiert nervös, postiert sich vor den Eingängen.

Auch in der Straße hinter den Häusern befinden sich hunderte Linke, die ihrem Ärger Luft machen wollen. „Diese Stadt hat Nazis satt!“, skandieren sie. Die Nazis versuchen, die Rufe mit ihrem Lautsprecherwagen zu übertönen, doch das misslingt. Die letzten paar hundert Meter des Trauermarschs werden begleitet von lautstarken Protestkundgebungen, was die Stadt Dresden mit ihrer Taktik, linke Demonstrationen in der Nähe der Nazi-Demonstration zu verbieten, eigentlich verhindern wollte. Gegen 18.15 hat der braune Spuk ein Ende. Vorerst, denn nächste Woche wollen die Nazis erneut nach Dresden kommen.

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26 thoughts on “Reportage: „Dresden, Du Opfer“

  1. Genau diese Polarisierung öffnet den Extremen Tür und Tor.

    Warum sollte ich als Dresdner (oder auch als Nicht-Dresdner) nicht der Zerstörung dieser Stadt gedenken dürfen? Macht mich das zum unreflektierenden Idioten, der nur um die armen Dresdner Opfer heult, statt an die vielen Opfer eben dieser zu denken? Nein! Für mich war der 13.02. von Kindheit an ein Tag an dem die Schrecken des Krieges ganz nah zu sein scheinen, ein Tag der für mich ganz klar mit meiner Haltung GEGEN Krieg und Haß verbunden ist. Die Tatsache, dass es im Krieg IMMER zu viele Opfer gibt, egal auf welcher Seite (und das in jedem Krieg, um mal die Perspektive zu erweitern), erübrigt für mich persönlich auch das viel zu oft geforderte Fremdschämen für die (Dresdner) Täter, auch wenn mir die geschichtlichen Fakten bekannt sind und ich nicht vorhabe diese zu verdrehen, wenn mich jemand nach den damaligen Tätern fragt. So viel dazu.

    Etwas anderes ist in der Tat die Egalität oder Verharmlosung gegenüber den Naziaufmärschen (der Einfachheit halber). Ich kann nur für meinen Bekanntenkreis sprechen. Keiner findet es gut, aber die meisten Ignorieren es einfach und nehmen es nicht so ernst, das kann ich nicht verstehen. Die Gewaltbereitschaft und Intoleranz, das reaktive Gedankengut und der Machthunger dieser Szene ist hinlänglich bekannt, auch den politisch Uninteressierten. Man muss sich über Opfer-Täter-Verhältnisse (Stichwort Dresden) keine Gedanken machen (wenn man das nicht kann), um das Wirken dieses Personenkreises abzulehnen. Vielleicht liegt es an der nicht vorhandenen Protestkultur der Dresdner? An der Passivität des ehemaligen DDR Bürgers? Die, die sich frühzeitig aufgeregt haben, waren ein paar junge „Linke“ (ich hasse dieses Schubladendenken, aber ich müsste zu weit ausholen) und die ebenfalls ideologisch durchgestylten Linksautonomen (schon wieder diese Begriffe). Das hat natürlich nicht dazu beigetragen, den Protest in die „gute Stube“ des Ottonormalos zu tragen, ganz im Gegenteil (wenn ich da an so manche Auftritte dieser Schiene denke). Die Stadt hat mit ihrer pro rechts schmeckenden Haltung ihr Übriges getan und tut es noch (und das macht mir wirklich Angst!).

    Ich hoffe die Parole des „zivilen Ungehorsams“ kehrt nun endlich in die Köpfe meiner städtischen Mitbewohner ein. Aber ich bin optimistisch. Im letzten Jahr haben die Dresdner das erste Mal gesehen, dass Widerstand Erfolg haben kann und das ist notwendig, um die „Erlernte Hilflosigkeit“ zu überwinden. In diesem Sinne bringt es wahrscheinlich mehr, den Menschen hier Vertrauen in ihre Wirksamkeit zu vermitteln, statt darüber zu unken, wie doof die Leute hier sind.

    Gruß, bis Samstag

  2. @Gästin

    Das klingt alles sehr plausibel, wenn nicht sogar äußerst Zustimmenswert … wenn es – zumindest für mich – nicht einen „Hasenfuß“ gebe. Du antwortest offenbar direkt auf das Zitieren von WW (der sich seinerseits an den „Gast“ wendet) und leitest deinen Eintrag mit den „Worten“ ein: „Genau diese Polarisierung öffnet den Extremen Tür und Tor.“…

    Die wie auch immer geartete Doofheit oder Nichtdoofheit „der“ Dresdner stand zwischen Gast und WW gar nicht zur Debatte: WW zitierte passend bzgl. NPD/REP/DVU und gegenüber dem Gast, der sich seinerseits deutlich zu den Neonazis bekannte (für ihn „Rechte“) und nicht zu den Dresdnern, von denen bzw. in deren Namen du offenbar sprichst.

  3. @ Axel

    Nein, ich habe mich nicht auf WW bezogen oder den Gast. Mein Fehler, das hätte ich deutlicher machen sollen. Mein Bezug: Hans-Peter „Der Großteil der heutigen Dresdner Bevölkerung hat damals weder Angehörige verloren noch haben sie die zerstörte Stadt gesehen. Warum also trauern oder gedenken? Diese kleingeistige Gedenkkultur gibts nur in Dresden, in keiner anderen deutschen Stadt…“ / Mäuo „hiermit möchte ich anregen, den “13. februar” unter neuer perspektive erneut zu “missbrauchen”: eine kerze im fenster und ein kopfschütteln für diese dresdner zustände. shame on u, euch selbst so zu feiern und nicht zu reflektieren, dass eure ganze bürokratie und scheinheiligkeit bezügl. des “richtigen” gedenkens ein holes spektakel ist“ „jede stadt bekommt den naziaufmarsch, den sie verdient…“

    Wobei mir besonders der letzte Satz irgendwie sauer aufstößt. Und who is u? Aus emotional entrüsteter Perspektive kann ich das ja nachvollziehen, aber die Frage ist doch: Will ich, dass sich durch mein Handeln etwas ändert oder reicht es mir auf der „richtigen“ Seite zu stehen und mit dem Finger auf die zu zeigen, die es m.E. nach nicht tun? Ich glaube, dass es mehr Menschen zum Handeln bewegt, auf der antifaschistischen Seite einen klaren Aktualitätsbezug herzustellen, statt darauf zu bestehen, dass „wir“ die Täterseite waren und kein Recht auf Gedenken haben (Stichwort Omi, Opi und HansPeter, alle waren Täter). Es sollte unser Ziel sein, nicht mehr auf die Rechte zu reagieren, sondern losgelöst von ihren Argumenten selber zu agieren. Die Rechten missbrauchen diesen Tag indem sie auf die Trauer der Dresdner eingegangen sind und die Täterseite zur Opferseite machen, obwohl ihnen doch scheiß egal ist, wer hier damals umgekommen ist, sie haben nur das Ziel ihre HEUTIGEN politischen/privaten (Gewaltausübung) Interessen hintenrum durchzusetzen. Die junge Linke (man möge es ihr verzeihen) hat von Anfang an den Fehler gemacht, auf den Weg des Einschleichens (Gedenkverdrehung), statt auf das Ziel des Einschleichens (heutige pol./prv. Macht) einzugehen. Daher auch meine Hoffnung auf die Methode des zivilen Ungehorsams. Diese Perspektive löst sich endlich vom Täter-Opfer-Pinpong und wendet sich dem hier und jetzt zu.

  4. @gästin

    ich unterstütze dich voll und ganz bezüglich deiner hoffung den zivilen ungehorsam als methode gegen die nazis einzusetzen. so ist’s recht.

    und genau das bestätigt mich eben auch in der kritik an die stadt dresden an sich. immer sprechen alle davon, dass das gedenken historisch permanent missbraucht wurde. sicherlich. dem ist so – sowohl durch die nsdap (die bösen alliierten) als auch durch die sed (die bösen kapitalistischen, imperialisten)… (und jetzt kommts…) als auch durch die CDU, die eben diese gedenktradition NICHT von anfang an reflektiert hat, sondern sie einfach übernommen hat und weiter im brei der „unschuldigen kulturstadt“ gerührt hat. die veränderung, die frau orosz nun in die öffentlichkeit trägt ist die veränderung von ca. 2 jahren. und immernoch steckt die ganze sache in den kinderschuhen, denn eine positive positionierung zur blockade bekommt die cdu/fdp ja immernoch nicht hin.

    und genau weil die stadt in ihrem gedenkdiskurs stecken bleibt und der schwerpunkt auf der zerbomten (unschuldigen) stadt liegt (13.02.) und NICHT auf der progromnacht im November oder dem tag der befreiung im mai (oder zumindest in gleicher wichtigkeit)… ist die stadt 1. dafür zu kritisieren und 2. selbst dran schuld, dass sie einen naziaufmarsch hat.

    denn: ohne die basis des mythos dresden, hätten die nazis keine anknüpfungspunkte gehabt.

    was nun heißt: das kind liegt im brunnen. denn selbst wenn die stadt zu einem reflektiertem gedenkdiskurs findet (das würde auch die umgestaltung des mahnmals auf dem heidefriedhof einschließen, bei dem dresden in einer reihe mit auschwitz steht), würden die nazis sich bestärkt darin sehen, dass sie die einzigen sind, die wahrhaft erinnern.

    wir sehen: ein dilemma.
    gut hingegen finde ich dieses jahr, dass die stadt wenigstens versucht zumindest den 19.2. zu unterbinden. dass nun aber das verwaltungsgericht die stadt rügt, ist dumm gelaufen.

    aber dennoch zur ursache der naziaufmärsche in dd: jede stadt den marsch, den sie verdient.

    (nachvollziehbar?)

    wie nun damit umzugehen ist?

    die sadt sollte als erstes danke an dd-nazifrei sagen 😉 und zweitens an einem konzept mitarbeiten, das das INSTITUTIONALISIERTE gedenken hinterfragt und drittens sich konstruktiv weiter in die konzepte des zivielen ungehorsams einbringen.

    aber eben NICHT, wie sittel et.al. sich baden im angeblichen erfolg einer symbolischen medienaktion wie der menschenkette, die weder letztes jahr noch dieses jahr einen PRAKTISCHEN teil zum protest gegen die nazis beigetragen hat.

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