Zweifelhafter Reichstagsbrandforscher Tobias verstorben

Nur wenigen Zeitgenossen ist es gegönnt, per Nachruf und Porträtfoto im Nachrichtenmagazin Der Spiegel posthum geehrt zu werden. Diese Ehre wurde im Januar dem im 98. Lebensjahr verstorbenen Ministerialdirektor a.D. Fritz Tobias zuteil. Tobias hatte die These geprägt, dass der Reichstag 1933 nicht von den Nazis selbst, sondern von einem Alleintäter angezündet wurde. Weithin unbekannt ist, dass er Kontakte zu rechtsextremen Kreisen hatte.

Von Anton Maegerle

Anlass des Spiegel-Nachrufs: Der Hobbyhistoriker Tobias hatte sich den Reichstagsbrand am 27. Februar 1933, einen der großen politischen Kriminalfälle der Zeitgeschichte, zum Lebensthema gemacht. Noch in der Brandnacht wurden tausende Sozialdemokraten, Kommunisten und Pazifisten eingesperrt. Hitler nutzte den Brand zum Vorwand, um mit der Reichstagsbrandverordnung die formaljuristische Grundlage für sein NS-Terrorregime zu errichten.

Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat vom 28. Februar 1938
Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat vom 28. Februar 1938

Der einstige niedersächsische Verfassungsschützer Tobias war derjenige, der die Ansicht durchsetzte, dass der 1934 hingerichtete niederländische Anarcho-Sozialist Marinus van der Lubbe als Alleintäter den Brand gelegt hat. Vor der Veröffentlichung von Tobias` elfteiliger Serie „Stehen Sie auf, van der Lubbe“ 1959/1960 im Spiegel und seinem 1962 erschienenen Buch „Der Reichstagsbrand – Legende und Wirklichkeit“ herrschte in Wissenschaft und Öffentlichkeit die These von der Nazi-Täterschaft vor.

„Stehen Sie auf, van der Lubbe“ – im Spiegel vom 21. Oktober 1959 (pdf)

Bearbeitet wurde das Serien-Manuskript von Tobias durch den Spiegel-Mitarbeiter Paul Karl Schmidt, vormals Pressechef des NS-Außenministeriums und SS-Obersturmbannführer. Mit seinen Publikationen löste Tobias, wie der Spiegel in seinem Nachruf treffend schreibt, „einen erbittert ausgetragenen Historikerstreit“ aus, „der bis heute andauert.“ Kronzeuge der Alleintäterschaft von Tobias war der damals ermittelnde Kriminalkommissar und SS-Sturmbannführer Walter Zirpins, der van der Lubbe 1933 vernommen hatte. Zirpins war später bei der „Endlösung der Judenfrage“ in den Ghettos von Warschau und Lodz (Litzmannstadt) beteiligt.

In rechtsextreme Zusammenhänge verstrickt

Verschwiegen wird vom Spiegel jedoch, dass Tobias wiederholt in rechtsextreme Zusammenhänge verstrickt war. Mit dem Tod von Tobias, so der „Euro-Kurier“, die „Buch- und Verlags-Nachrichten“ des rechtsextremen Grabert-Verlags, in einem Nachruf, sei „einer der bedeutendsten Revisionisten in der Zeitgeschichte“ von der „Lebensbühne abgetreten.“ Der Verfassungsschutz zählt den Grabert-Verlag alljährlich in seinen Berichten zu den wichtigsten organisationsunabhängigen rechtsextremen Verlagen in der Bundesrepublik. Zu den Autoren des Grabert-Verlages zählt – posthum – auch Tobias.

ADN-Zentralbild/Archiv/27.2.1933 Berlin: Das brennende Reichstagsgebäude Am 27. Februar 1933 wurde das Reichstagsgebäude durch einen von den Nationalsozialisten inszenierten Brand zerstört. Der Hitlerregierung diente er als Vorwand für einen Terrorfeldzug vor allem gegen Kommunisten und andere Antifaschisten. In diesem Zusammenhang wurde der bulgarische Kommunist Georgi Dimitroff festgenommen und im Reichstagsbrandprozess als Unschuldiger angeklagt. Aufnahme 1933
ADN-Zentralbild/Archiv/27.2.1933 Berlin: Das brennende Reichstagsgebäude Am 27. Februar 1933 wurde das Reichstagsgebäude durch einen von den Nationalsozialisten inszenierten Brand zerstört. Der Hitlerregierung diente er als Vorwand für einen Terrorfeldzug vor allem gegen Kommunisten und andere Antifaschisten. In diesem Zusammenhang wurde der bulgarische Kommunist Georgi Dimitroff festgenommen und im Reichstagsbrandprozess als Unschuldiger angeklagt. Aufnahme 1933

Zudem stattete der international bekannte Holocaust-Leugner David Irving Tobias in dessen Privatwohnung in Hannover im Juni 2010 einen Besuch ab. Der im November 1993 von der Ausländerbehörde München mit einem Einreiseverbot in die Bundesrepublik belegte Irving berichtete auf seiner Homepage über den Besuch bei „my old friend the historian ministerialdirektor a.D. Fritz Tobias“. „His memory for names and dates half a century or more is extraordinary“, wusste Irving zu berichten. Beiläufig erwähnte Irving auch die Freundschaft von Tobias mit dem 1994 verstorbenen einstigen SS-Standartenführer Hans-Hendrik Neumann. Neumann, Träger des Goldenen Parteiabzeichens der NSDAP, war von 1935 bis 1939 Adjutant von Reinhard Heydrich , Chef der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes.

David Irving bestreitet in Büchern und Vorträgen die Massenvernichtungsaktionen während der NS-Zeit. Im Jahr 2000 unterlag Irving in einem von ihm gegen die US-amerikanische Historikerin Deborah Lipstadt angestrengten Verleumdungsprozess vor dem Londoner High Court. Lipstadt hatte Irving „als „einen der gefährlichsten Holocaust-Leugner“ bezeichnet. Das Gericht charakterisierte Irving in der Urteilsverkündung als Rassisten, Antisemiten und Fälscher historischer Tatsachen. Im Februar 2006 wurde Irving vom Wiener Straflandesgericht wegen nationalsozialistischer Wiederbetätigung zu einer dreijährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Irving musste von seiner Haftzeit ein Drittel absitzen, da das Oberlandesgericht später in der Berufungsverhandlung das Urteil in eine Bewährungsstrafe umwandelte. Das niedersächsische Landesamt für Verfassungsschutz notierte über die geschichtsrevisionistischen Umtriebe von Irving: „Irving glorifiziert die soldatischen Leistungen von Wehrmacht und Waffen-SS und klammert dabei die verbrecherischen Kriegsziele des nationalsozialistischen Deutschlands aus seiner Betrachtung aus.“

Neben mehreren ausgewiesenen Rechtsextremisten und Geschichtsrevisionisten steuerte Tobias 1998 einen Artikel namens „Auch Fälschungen haben lange Beine“ für den Sammelband „Wagnis Wahrheit. Historiker in Handschellen?“ bei. Der Sammelband ist eine „Festschrift“ für den Holocaustleugner Irving. Verlegt wurde das Buch vom norddeutschen Arndt Verlag des Rechtsextremisten Dietmar Munier. Der Arndt Verlag ist seit Jahren regelmäßig in Verfassungsschutzberichten in der Rubrik Rechtsextremismus aufgeführt. Im Vorwort des Buches ist zu lesen, dass „diese Festschrift für einen ausgewiesenen Revisionisten“ zeigt, dass es „viele aufrechte Deutsche gibt, die sich keinen grundgesetzwidrigen Maulkorb umhängen und auch kein Schreibverbot“ auferlegen lassen.

„Strafbewehrte Denkverbote“

2007 stand Tobias anlässlich seines 95. Geburtstages dem rechtsextremen österreichischen Monatsmagazin „Die Aula“ als Interviewpartner zur Verfügung. In dem FPÖ-nahen Blatt wiederholt Tobias seine Behauptung, dass die Alleintäterschaft van der Lubbes „die Wahrheit“ sei. Kritikern der Alleintäterschaftsthese wirft Tobias dagegen die „Fälschung der Zeitgeschichte“ vor. Ganz im Sinne von Geschichtsrevisionisten orakelt Tobias: „Obwohl Geschichtsfälschungen von Leuten, die wissen, welche Folgen das hat, nämlich Verwirrung der Begriffe und einseitige Beeinflussung, Verbrechen sind, werden sie hierzulande nicht einmal als läßliche Sünde betrachtet.“ Tobias abschließend: „Ich bin außerstande … noch mit weiteren Veröffentlichungen der Wahrheit zu dienen, was ich sehr bedauere.“

Das Interview mit Tobias führte der Österreicher Fred Duswald (Jg. 1934), seit 1962 Alter Herr der extrem rechten Münchner Burschenschaft Danubia, deren Aktivitas zeitweilig im Fokus der bayerischen Verfassungsschützer stand. Duswald setzt sich nach eigenem Bekunden „für historische Wahrheit und gegen verlogenen Schuldkult und einseitige Vergangenheitsbewältigung zu Lasten des eigenen Volkes … und strafbewehrte Denkverbote“ ein. Ein Dorn im Auge ist Duswald die „Holocaust-Zivilreligion“.

Angaben des aktuellen „Euro-Kuriers“ zufolge erscheint beim Grabert-Verlag im ersten Halbjahr 2011 ein neues Buch über den Reichstagbrand – von dem Autorenduo Duswald und Tobias.