„Ein ordentlicher Faschist muss Juden hassen“

Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, hat im Gespräch mit dem Autor für  tagesschau.de ein erneutes NPD-Verbotsverfahren gefordert. Graumann sagte anlässlich des Holocaust-Gedenktages, es sei nicht hinnehmbar, dass die NPD Steuermittel, Parlamente sowie den Anschein der Legalität nutze und dabei missbrauche. „Damit können sich vielleicht andere abfinden, ich kann es nicht“, so Graumann. Er betonte den überragenden Stellenwert des Antisemitismus für Rechtsextreme in Deutschland: „Ein ordentlicher Faschist muss Juden hassen, und zwar alle auf einmal, sonst ist er einfach nicht glücklich. Das ist die Seele des Faschismus.“

Legitime Israel-Kritik? Rechte "Antizionisten" in Aktion (Foto Marek Peters)

Auf die Frage nach dem neuen Antisemitismus sagte Graumann, man müsse differenzieren. Natürlich sei es legitim, die konkrete Politik der israelischen Regierung zu kritisieren. Das geschehe in Israel auch ständig. Dort werde sehr leidenschaftlich diskutiert. „Auch wer in Deutschland israelische Politik leidenschaftlich ablehnt, ist damit noch längst nicht Antisemit“, sagte Graumann. Es gebe aber einen Unterschied zwischen konkreter Kritik und einer Feindschaft, die sich dadurch zeige, dass „man Israel die Existenzberechtigung abspricht. Oder dadurch, dass man alle Juden auf der Welt gleich in Generalhaftung nimmt für alles, was einem an Israel nicht gefällt, von geschmacklosen Nazi-Vergleichen ganz abgesehen.“ Wer sich derart äußere, so Graumann weiter, der habe „die Schwelle zum Antisemitismus überschritten“.

„Wir brauchen Menschen, die das interessiert“

Graumann betonte, die Erinnerung an die Shoah werde auch ohne Zeitzeugen weiterleben. Nichts sei zu vergleichen mit der unmittelbaren Authentizität von Zeitzeugen. „Doch, so hat es der Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel formuliert, wer Zeitzeugen zuhört, der wird selbst zu einem“, sagte Graumann. „Wir, die zweite Generation, haben sehr viel zugehört. Wir sind aufgewachsen mit den Geschichten aus dem Holocaust. All das, was unsere Eltern erlebt und erlitten haben, all die Traumata – das ist in unser Fleisch und Blut übergegangen. Es liegt daher nun an uns, die Erinnerung weiter zu tragen. Aber wir brauchen Menschen, die das interessiert, die zuhören wollen, damit man das überhaupt verstehen kann.“

Literaturtipp: ‘Der patagonische Hase’ ist kein Angsthase

Graumann fordert bereits seit Längerem ein erneutes NPD-Verbotsverfahren. Allerdings erscheint dies recht unwahrscheinlich. Vor zehn Jahren hatten die Innenminister von Bund und Ländern fast einstimmig für ein Verbotsverfahren gegen die NPD gestimmt. Dieses hatte damit die erste große Hürde genommen – und scheiterte dennoch kläglich – wegen der V-Männer des Verfassungsschutzes. Die NPD triumphierte – und gilt seitdem als „unverbietbare“ Organisation.

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