Rechtsextremismus auf dem Dorf: Zwischen Lageanalysen und Zonen der Angst

Wissenschaftler der Universitäten Rostock und Greifswald haben eine Studie über Strategien gegen Rechtsextremismus auf dem Land vorgelegt. Die Forscher betonen, das in Großstädten übliche Vorgehen helfe den Einwohnern in Dörfern kaum. Dierk Borstel, Mitautor der Studie, betonte im NDR zunächst, es gebe eine differenzierte Lage auf dem Land in MVP. Teilweise träten Neonazis als Kümmerer auf, teilweise seien aber auch gar keine rechtsextremen Strukturen vorhanden, dies variiere von Dorf zu Dorf. Fast überall gebe es hingegen ein grundsätzliches Problem, nämlich die fehlende „demokratische Infratstruktur“ auf Dörfern.

Neonazis bei einem Fußballturnier (Screenshot "Die Tragödie in der Provinz")

Zudem funktionierten Dörfer ganz anders als Städte, so Borstel: „Jeder kennt jeden, man kann sich nicht aus dem Weg gehen.“ Dies sei eine andere Basis als im städtischen Raum. Man sei bei den Untersuchungen auch auf ganze „Zonen der Angst“ gestoßen. Daher sei es wichtig, zunächst eine lokale Lageanalyse vorzunehmen. Zunächst müsse ehrlich, möglicherweise auch mit Hilfe von außen, festgestellt werden, wie groß das rechtsextreme Potenzial sei. Dann müsste eine „seriöse Beschreibung der eigenen Potenziale“ folgen, also was kann man eigentlich leisten. Daraus könnten realistische Ziele abgeleitet werden. Das Buch soll helfen, diese Ziele zu formulieren, denn oft werde erst gehandelt, wenn sich ein Problem nicht mehr ignorieren lasse. Auch eine vernünftige Lageanalyse sei selten.

Ein aktuelles Beispiel, wie Rechtsextremismus ignoriert und geduldet wird, weil keine seriöse Lageanalyse zugelassen wird, ist die Gemeinde Limbach-Oberfrohna in Sachsen: Ignorant gegen Rechts: Zum Beispiel Limbach-Oberfrohna

Borstel und andere Wissenschaftler aus Mecklenburg-Vorpommern haben bereits mehrere wertvolle Studien zum Rechtsextremismus in dem Bundesland vorgelegt, beispielsweise über die Arbeit der NPD im Landtag oder auch zu dem Auftreten der Neonazis in den Kommunen. 

Die Studie über Gegenstrategien im ländlichen Raum ist leider nicht online verfügbar.

Allerdings sind die Erkenntnisse in Sachen Dorf zwar richtig und auch wichtig für die Entwicklung von Strategien, aber auch nicht ganz neu. Im Juni 2007 hatte die Grüne-Bundestagsfraktion die Ergebnisse der Studie ‘Grenzen lokaler Demokratie -Zivilgesellschaftliche Strukturen gegen Nazis im ländlichen Raum’ vorgestellt.

Neonazistische Lokalblättchen sind in einigen Regionen fast konkurrenzlos.
Neonazistische Lokalblättchen sind in einigen Regionen fast konkurrenzlos.

Die Bundestagsabgeordnete Monika Lazar, Sprecherin für Strategien gegen Rechtsextremismus, kommentierte damals, ohne die Offenheit der Bürgermeister gehe nichts. Als Grund für die Probleme von Antinazi-Initiativen in Dörfern und Kleinstädten ermittelte die Studie ein Demokratiedefizit. „Andere Meinungen in wichtigen politischen Fragen werden kaum ertragen“, so Doris Liebscher (Antidiskriminierungsbüro Leipzig) und Dr. Christian Schmidt (Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig), die Autorinnen und Autoren der Studie. Entsprechend schwer haben es politische Gruppen, mit ihrer Kritik von den kommunalpolitisch Verantwortlichen gehört zu werden. Wer Kritik an den Behörden übt, gilt schnell selbst als extrem. Dies belegen viele Interviews, die mit Personen von unterschiedlichen Behörden und Initiativen durchgeführt wurden.

`Spezifisch siedlungsstrukturelles Problem`

Ähnlich hatten sich der Experte Bernd Wagner sowie der Wissenschaftler Wilhelm Heitmeyer jüngst geäußert. Heitmeyer sagte im Gespräch, statt neuer Bürokratie und Imagepolitik brauche man Unruhe in Ostdeutschland. Empirische Untersuchungen hätten gezeigt: Ostdeutschland habe ein spezifisch siedlungsstrukturelles Problem – durch die vielen kleinen Gemeinden und Kleinstädte. `Die gut ausgebildeten Menschen, die Widerworte geben, die wandern ab. Dadurch wird die Struktur immer homogener, sowohl sozial als auch von den Einstellungsmustern her`, erklärte Heitmeyer. `Und von homogenen Gruppen geht an vielen Stellen weit mehr Gefahr aus als von heterogenen Gruppen. Weiterhin herrscht ein hoher Konformitätsdruck in diesen kleinen Gemeinden, man kennt sich, es ist kaum möglich, alternative Bekanntschaften und Freundeskreise aufzubauen – anders als in Großstädten.`

Siehe auch: “Kümmerer-Partei”: “Die Medien fallen zu leicht auf die NPD-Propaganda rein”, Studie: NPD-Fraktion gelingt “interne Balance”, MVP: Studie über Rechtsextremismus auf dem Land

4 thoughts on “Rechtsextremismus auf dem Dorf: Zwischen Lageanalysen und Zonen der Angst

  1. „Rudolf Hess Gedenkturnier 88 – Ich war dabei!“.

    Der Dorfsheriff war offenbar beim „Turnier“ nicht dabei … war mutmaßlich das Fahrrad kaputt. *lölchen* 😉

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