Droht Hamburg der Verlust seiner Musikhochschule?

Die Musikhochschule Hamburg ist weit über die Grenzen der Hansestadt bekannt – nicht nur wegen ihrer musischen Qualitäten, sondern auch wegen ihrer Lage: Sie ist untergebracht im sogenannten Budge-Palais – einer auf rund 20 Millionen Euro geschätzten Villa an Hamburgs Außenalster. Doch das Domizil ist möglicherweise gefährdet: Die Erben der jüdischen Familie Budge verlangen das einstmals von den Nazis einbehaltene Grundstück jetzt wieder zurück.

Von Stefan Schölermann NDR Info

Dreh- und Angelpunkt ist die Kanzlei des Berliner Rechtsanwalts Lothar Fremy. Er vertritt die Erben der einst in Hamburg lebenden jüdischen Familie von Emma Budge. Deren Mann hatte es im 19. Jahrhundert in Nordamerika zu geradezu märchenhaftem Reichtum gebracht. Nach dem Tod der Emma Budge im Jahre 1937 rissen sich die Nazis das Vermögen der Budges unter den Nagel. Dazu gehörte unter anderem ein Wandteppich, der später im Hamburger Luxushotel „Vier Jahreszeiten“ hing, vor allem aber das einstige „Budge-Palais“ an der Alster. Diese Villa an der Alster beherbergt heute die Musikhochschule. Damals zog Nazi-Gauleiter Kaufmann in der Villa ein – für den schon damals geringen Preis von 300.000 Reichsmark.

1952 wurde die Villa nach einem Wiedergutmachungsverfahren ein zweites Mal sprichwörtlich verramscht – für rund 20.000 Mark. Diesmal war Nutznießer die Hansestadt Hamburg, die seitdem als Eigentümer im Grundbuch steht.

Das Budge-Palais an der Hamburger Außenalster (Foto: Staro1)
Das Budge-Palais an der Hamburger Außenalster (Foto: Staro1)

Das Problem: Sowohl 1937 als auch 1952 hatte ein Mann maßgebend seine Finger im Spiel, der von den Nazis als „Testamentsvollstrecker“ für dass Budge-Vermögen eingesetzt worden war, der Steuerberater Gottfried Franke. Seine Aufgabe war es, das „jüdische Vermögen für das Reich zu sichern“, wie Lothar Fremy sagt. 1937 sorgte Franke dafür, dass die Güter der Budges unter den Hammer kamen, 1952 hatte die Hansestadt Hamburg offenbar keine Probleme damit, ihn als rechtmäßigen Sachwalter des Budge-Vermögens zu betrachten. Zwar hatte das Landgericht Hamburg die Hansestadt 1951 verpflichtet, die Grundstücke der Familie Budge an die Erben zu übertragen (AZ WIK 420/51/57/Z-487/5), doch Franke unterlief diesen Richterspruch durch einen Vergleich: Für die Zahlung von rund 20.000 Mark bot er das Grundstück der Stadt Hamburg an – ein Schnäppchen.

Für Anwalt Fremy ein Skandal: „Ein von den Nationalsozialisten eingesetzter Testamentsvollstrecker handelt nach dem Krieg weiter – den Interessen der Erben zuwider.“ Der Berliner Anwalt spricht von skandalösem Verhalten – auch der Stadt Hamburg. Schließlich hätten die Erben schon unmittelbar nach Kriegsende ihren Protest gegen den „Testamentsvollstrecker“ bei der alliierten Wiedergutmachungsstelle im niedersächsischen Bad Nenndorf geltend gemacht. Für Anwalt Fremy gibt es deshalb gute Gründe, jetzt von der Stadt Hamburg die Rückübereignung der Villa an der Alster an die Budge-Erben zu verlangen: “Die Hansestadt Hamburg ist 1937 der Täter gewesen, der dafür gesorgt hat, dass das Grundstück an sie veräußert werden musste, 1952 haben sie die Sache durch der Vergleich mit Franke noch einmal verfestigt und sie ist heute noch der Eigentümer und damit Nutznießer dieses nationalsozialistischen Unrechts.“

Bereits im vergangenen Jahr hatte Fremy sich bei der in Hamburg zuständigen Stelle, der Finanzbehörde, gemeldet. Deren Antwort fiel aus Fremys Sicht dürftig aus: „1952 wurde in einem Gutachten festgestellt, dass 1937 umgerechnet 22.500 Mark zu wenig gezahlt wurden. Dieses Geld hat die Stadt nachgezahlt. Und es wurde ein Vergleich im gegenseitigen Einvernehmen geschlossen“, zitiert Fremy die Finanzbehörde der Hansestadt. Seine Kommentar: „Es war ganz klar, zu welchem Zweck der sogenannte Testamentsvollstrecker von den Nazis eingesetzt worden war – nämlich das Vermögen des Reiches zu mehren.“ Mit ein wenig Feingefühl hätte auch der Stadt Hamburg klar sein müssen, wer zu welcher Zeit in welche Angelegenheit verstrickt gewesen ist. Dass man dennoch nach dem Zusammenbruch des Nazireiches mit Franke verhandelte, sei aus seiner Sicht „ wenig hanseatisch“, sagt der Berliner Anwalt.

Siehe auch: Nazi-Beute: “Vier Jahreszeiten bleibt ohne Teppich”