Das „Vier Jahreszeiten“ und der Gobelin-Teppich

Im Restaurant „Haerlin“ des Hamburger Hotels „ Vier Jahreszeiten“ hängt ein Teppich, den mancher Museumsdirektor gewiss gern in seiner Sammlung sähe: Ein rund 12 Quadratmeter großer Gobelin, gefertigt aus Wolle und Seide in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Seit vielen Jahren ist das wertvolle Kunstwerk hier ein Blickfang – viele Jahre nahm offenbar niemand Anstoß daran, dass nirgendwo ein Hinweis auf die Herkunft des Golbelins zu finden war: auf die jüdische Familie Budge.

Von Stefan Schölermann, NDR Info

Doch seit mehr als einem Jahr gibt es jemanden, der Anstoß daran nimmt. Denn der Teppich stammt aus dem Nachlass der vermögenden jüdischen Familie Budge aus Hamburg. Nach dem Tod der Emma Budge im Februar 1937 ließen die Nazis die wertvolle Kunstgewerbesammlung der Familie versteigern, darunter auch den Gobelin. Der Erlös wurde von den Nazis beschlagnahmt, keiner der Erben wurde daran beteiligt. Ein Teil der Erben wird vertreten durch den Berliner Anwalt Lothar Fremy. Er wandte sich im Oktober 2009 schriftlich an das Hotel Vierjahreszeiten und fragte nach, ob man grundsätzlich bereit sei, das wertvolle Stück herauszugeben. Denn Fremy kann nachweisen, dass der damalige Direktor des Hotels, Fritz Haerlin, den Gobelin in der Versteigerung im Oktober 1937 erwerben ließ.

Stichwort: Gobelin-Manufaktur (Wikipedia)

Der Teppich ist unter der Nummer 459 im offiziellen Dokument der Versteigerung erwähnt. Handschriftlich hat der Auktionator einen Anfangspreis von 4000 Reichsmark hinzugefügt – für 14.100 Reichsmark wechselte das Werk damals den Besitzer. Den Erlös behielten die Nazis. Zumindest moralisch sieht Anwalt Fremy einen Anspruch der Erben auf Herausgabe des Teppichs begründet, weil man „ja erkennen muss, dass es hier eine ganz klare Kette gibt: Der ehemalige Eigentümer, Fritz Haerlin, hat über einen Kunsthändler diese Gegenstände und auch eben den Gobelin seinerzeit 1937 erwerben lassen und der Gobelin ist die ganzen Jahre über im Hotel verblieben – und ist somit auch in das Eigentum der aktuellen Hoteleigentümer übergangen. Und somit besteht auch eine Verpflichtung der Wiedergutmachung an die jüdischen Erben.“

Im Nazireich sei jedermann klar gewesen, unter welchen Bedingungen solche Auktionen zustande kamen, sagt Fremy. Diverse deutsche Behörden hätten in den vergangenen Jahrzehnten die Folgen solcher Versteigerungen als verfolgungsbedingten Vermögensschaden angesehen. Fremy fühlte sich also gut gerüstet, als er im Oktober 2009 sein Schreiben an die Leitung des Hotels schickte. Dessen Eingang wurde auch kurz darauf schriftlich bestätigt. Das Hotel merkte damals an: “Um eine Antwort zur Sachlage geben zu können, sind noch einige Recherchen und Nachforschungen unsererseits notwendig. Anschließend werden wir uns zur Sache erklären.“ Und dann geschah nichts mehr.

Dabei hatte das Schicksal der umfangreichen Kunstsammlung der Familie Budge in der Zeit danach mehrfach bundesweit die Medien beschäftigt. Bei der Budge- Stiftung selbst wäre man schon froh, wenn wenigstens eine Plakette in der Nähe des Teppichs Auskunft über die Herkunft des Gobelins geben würde, sagt Stiftungssprecher Heinz Rauber: „Das wäre zwar eine Minimalforderung – aber immerhin ein erster Schritt.“ Doch nichts ist bisher geschehen. Dabei ist die Geschichte des Teppichs bei der Leitung des „Vier Jahreszeiten“ nach Informationen von NDR Info durchaus bekannt. In einem 460 Seiten starken Buch über das Hotel ist der Gobelin schon vor elf Jahren erwähnt worden.

Das Nobel-Hotel "Vier Jahreszeiten" an der Hamburger Außenalster. (Quelle: Garitzko)
Das Nobel-Hotel "Vier Jahreszeiten" an der Hamburger Außenalster. (Quelle: Garitzko)

Die Leitung des Hotels hat eine Stellungnahme gegenüber dem NDR abgelehnt, eine Interviewzusage wurde kurzfristig wieder zurückgezogen. Stattdessen verwies man auf ein Schreiben des Hausanwalts an den Berliner Advokaten Fremy. In dem Schreiben vom 6.Jauar 2011 ist von einem „Büroversehen“ die Rede. Zugleich wird darauf verweisen, dass der Erwerb des Wandteppichs rechtmäßig erfolgt sei. Tatsache ist: das Schreiben an den Vertreter der Budge-Erben wurde erst verfasst, nachdem der NDR das Hotel mit den Rechercheergebnissen konfrontiert hatte.