“Minderheitenquartett”: Muss man darüber lachen?
Das Minderheitenquartett hat sich einen hohen Anspruch gesetzt: Es soll aufzeigen, wie Minderheiten in Deutschland gegeneinander ausgespielt werden. Das Spiel sei so geschmacklos wie die Wirklichkeit, werben die Macher von der „Zeitschrift – das Magazin“.
Von Patrick Gensing
Worum geht es? 24 „Minderheiten“ sollen in sechs Kategorien gegeneinander ausgespielt werden: Bildungsniveau, Wohlstand, Bevölkerungsanteil, Homogenität, gesellschaftliche Akzeptanz sowie Schamgefühl. Um die Minderheiten zu sortieren, wurden sechs Kategorien gebildet: Religionen, Ethnien, Radikale, Sexualität, Behinderte, Demographie.
Und hier beginnt das Desaster. Nazis, Pädophile, Adipöse, Kinder, Alte, “Neger” und Juden werden hier alle zu gleichrangigen Minderheiten, die in Deutschland angeblich gegeneinander ausgespielt werden. Für die braunen Opferfetischisten ein Träumchen, denn sie gerieren sich stets als Dissidenten, verfolgt wegen ihrer “Meinung” – dabei geht es um Rassismus und andere menschenverachtende Einstellungen, die reale und vor allem handfeste Folgen für viele der im Quartett dargestellten Minderheiten haben.
So weit, so schlecht. Die nächste Frage, die sich aufdrängt: Wer soll über die „Neger“-Karte lachen? Wer findet die Schwulen, Lesben und Feministinnen-Abblindungen lustig? Das Magazin queer beantwortet diese Fragen so:
„In der Tat können sich über die Auswahl der Minderheiten wohl nur deutschstämmige Heteros amüsieren, die ordentlich getauft wurden und nicht im Rollstuhl sitzen.“
Zu allem Überfluss wird das Spiel auch noch mit der Empfehlung „politisch semi-korrekt“ beworben. Möglicherweise findet das Quartett genau auch bei den vermeintlichen Opfern der politischen Korrektheit seine Abnehmer. Auf einer bekannten Neonazi-Seite wird das Spiel empfohlen – und auch die Kommentatoren bewerteten es überwiegend positiv. Nur der vermeintlich jüdische Name eines der Herausgeber störte einige Dumpfbacken.
Max Upravitelev gehört zu den Machern des Quartetts, er schrieb in einem Mail-Wechsel, das Quartett sei so etwas ähnliches wie das “Wörterbuch der Gemeinplätze” von Gustave Flaubert und dokumentiere “offensichtlichen Humbug, genauer Bullshit, in gängigen Diskursen. Es ist eine Dokumentation von Vorurteilen einerseits und andererseits aber eben die satirische Anklage, dass gewisse Leute innerhalb von z.B. der Bundesregierung genau mit solchen Bildern arbeiten.“
Die Intention des Spiels liege „viel mehr im Aufzeigen von Argumentationsmustern, als nur im Aufzeigen von Vorurteilen“. Die Bezeichnung als “semi-politisch-korrekt” sei „gedacht als Gegenstück zum “political incorrect” Gedöns von rechts – weil es impliziert, dass es durchaus korrekt ist. Das Feindbild ist keinesfalls PC.“
Hohes Schenkelklopfer-Potenzial
Gut gemeint ist bekanntlich das Gegenteil von gut gemacht. Die Idee des Spiels ist löblich und spannend, doch der Transfer des Gedankens in ein Kartenspiel funktioniert kaum – das zeigen auch die Reaktionen in Neonazi-Kreisen. Die Intention des Minderheitenquartetts dürfte bei Leuten, die sich mit Vorurteilen beschäftigen, rüberkommen, bei vielen anderen verkommt das Ganze zum Schenkelklopfer. Die Gleichsetzung von Nazis und ethnischen Minderheiten passt zudem überhaupt nicht – auch von der internen Logik nicht.
Bei dem Minderheitenquartett stellt sich nicht die Frage, ob man über Satire lachen darf, sondern viel mehr, ob man darüber lachen muss.
Siehe auch: „Heil Hitler“ darf ich als Linker sagen! Oder?



Habt ihr das Spiel schon mal in der Hand gehabt? Ich habe mich anfangs sehr dagegen gewehrt, aber nachdem die miserable Spielanleitung (das ist nämlich der Hauptkritikpunkt am Quartett) einigermaßen durchdrungen wurde, kam hier und da doch mehr oder minder energische Freude auf. Ganz so einfach, wie das obenstehende Resümee ist es aber mit dem Spiel nicht. In Nazi-Kreisen beschwerte man sich inzwischen darüber, dass einige Minderheiten viel besser ausgestattet sind als andere. Wer z.B. die Juden auf der Hand hat, dem ist der Rundensieg einigermaßen sicher. Die Nazis sind dagegen ziemlich blöde und mit Intellektuellen und Schwulen kann mensch gut punkten.
Der Lern- und Lehreffekt des Spieles entspringt aber keineswegs den Punktwerten der einzelnen Minderheiten, sondern vielmehr den Aktionskarten. Denn es ist im Zweifel die eingreifende Bundesregierung, welche Minderheiten gegeneinander ausspielt und Interessen gegeneinander positioniert.
Ich empfehle daher wärmstens, nicht nur über dieses Spiel zu lesen, sondern es tatsächlich zu spielen!
[...] This post was mentioned on Twitter by ::BK::BembelKandidat and TrailChem, Gegen Nazis. Gegen Nazis said: @npdde @claus_cremer “Minderheitenquartett”: Muss man darüber lachen?: Das Minderheitenquartett hat sich einen h… http://bit.ly/e19AFh [...]
“Wer z.B. die Juden auf der Hand hat, dem ist der Rundensieg einigermaßen sicher. Die Nazis sind dagegen ziemlich blöde und mit Intellektuellen und Schwulen kann mensch gut punkten.”
Also ist die Aussage “Nazis sind dumm und Juden schlau”?
Meine Güte.
Nein, die Aussage ist, dass die Minderheit ‘Juden’ der Minderheit ‘Nazis’ in den Kategorien Bildungsniveau, Wohlstand und gesellschaftliche Akzeptanz überlegen ist. Allerdings sind die Minderheit ‘Nazis’ gegen die Minderheiten ‘Juden’ und ‘Neger’ Trumpf, weil sie mit antisemitischen und ausländerfeindlichen Angriffen verbunden werden.
Und was lehrt uns das?
Die Intention des Spiels soll doch sein, dass Minderheiten gegeneinander ausgespielt werden – beispielsweise von der Bundesregierung. Werden Juden gegen Nazis deiner Ansicht nach gegeneinander ausgespielt?
Nein, werden sie natürlich nicht (müssen sie auch nicht, weil die Nazis ja Trumpf sind). Aber zum Beispiel werden Muslime als greifbarste migrantische Minderheit gegen andere Minderheiten ausgespielt, z.B. gegen Hartz4-Empfängerinnen. Im Spiel fallen die gesellschaftlichen Schranken und das Potential, Interessen gegeneinander zu formieren, wird sehr sichtbar. Um bei den Muslimen zu bleiben: die fordern authentischen Islamunterricht an Schulen, während die Analphabeten kostenlose Deutschkurse nachfragen, “nicht nur für Migranten”.
Die postiven Reaktionen auf Sarrazins Buch zeugen doch davon, wie empfänglich bestimmte gesellschaftliche Gruppen für dessen diskriminierenden Thesen sind.
Ich will das Minderheitenquartett nicht in den Himmel loben, sondern dem Verriss eine positive Meinung gegenüberstellen. Die Erklärung und (politisch-korrekte) Abbildung des politischen und gesellschaftlichen Systems kann ein Kartenspiel – wie im Artikel erwähnt – einfach nicht leisten. Und die Kritik, dass dieses Spiel zum Schenkelklopfer für alljene, denen die Beschäftigung mit Stereotypen und Vorurteilen fremd ist, verkommt, mag auch zutreffen.
Ob man darüber lachen muss, das wird jede für sich selbst herausfinden. Dass ich darüber lachen kann, habe ich erlebt, auch wenn sich der Spielspaß nach wenigen Partien ganz erheblich abnutzt – ein Blick in die Zeitung kann aber hier und da für Fortsetzung sorgen.
Also ich finde das gut. So.
Aber ich habe auch schon das Führer-Quartett:
http://www.onkelundonkel.com/verlagsprogramm/das-fuhrer-quartett
Und in der Tat bin ich “ein deutschstämmiger Hetero, der ordentlich getauft wurde und nicht im Rollstuhl sitzt.”
Dabei wird übersehen, das Behinderte, Homosexuelle, Schwarze gleichwohl auch über sich selbst lachen können und eben nicht immer die bemitleideten Opfer sein wollen, weil sie sich selbst nicht als solche fühlen, sondern von ihrer Umwelt in diese Rolle gedrängt werden.
Der Aufreger scheint doch zu sein, dass Opfergruppen (Juden, Neger…) mit Tätergruppen gleichgesetzt werden. Nur weil die Nazis das gerne selbst von sich behaupten und sich sogar als “die neuen Juden” darstellen, darf es nicht mehr Gegenstand von Satire sein? Das schreit doch nach Satire!
Und was sind Feministen? Opfer oder Täter? Da werden die Meinungen wohl auseinander gehen.
Ich finde, es ist eine erlaubte Provokation, religiöse, politische, biologische, gesellschaftliche Minderheiten im Spiel zu vermischen. Das könnte zum Nachdenken anregen: Wenn man sie alle zusammen nimmt – sind sie dann nicht schon die Mehrheit? Wer kann sich nicht alles mindestens einer Gruppe zuordnen? Wer ist denn “die Mehrheit” in Deutschland? Wer ist “normal”? Und sind “Normale” = Mehrheit ?
Die bildliche Darstellung der Figuren kokettiert gezielt mit Vorurteilen. Und Karikaturen sind seit jeher mittel der Darstellung, um Irrsinn zu verdeutlichen – und hier soll es verwerflich sein?
Hier wird Satire geübt und die darf böse sein. In jeder Satire ist aber auch Wahrheit enthalten, die auf bestimmte Aspekte zugespitzt wird. Durch diese Übertreibung wird der Blick auf die Wirklichkeit geschärft und eine Problematisierung über bestimmte Zustände ist umso effektiver.
Dass Nazis die Satire großenteils nicht verstehen werden und sich bestätigt fühlen, dürfte klar sein. Aber kann das ernsthaft die Richtschnur für gute Satire sein?
Einen Satz finde ich auffällig:
“Die Intention des Minderheitenquartetts dürfte bei Leuten, die sich mit Vorurteilen beschäftigen, rüberkommen, bei vielen anderen verkommt das Ganze zum Schenkelklopfer.”
Ich erinnere mich an die Serie “Ein Herz und eine Seele”, welche sich bis heute großer Beliebtheit erfreut (und auch die habe ich auf DVD) ob ihrer Rassismen und plumpen Vorurteile. Viele Zuschauer haben sich davon angesprochen gefühlt und diese Satire ebenso wenig verstanden wie das Kartenspiel. Einen Tumult wie damals wird das Kartenspiel nicht erwirken, weil es an Bekanntheit fehlt. Das Prinzip ist aber dasselbe.
Was Intelligenz und kritisches Bewusstsein erfordert, wird immer nur eine Minderheit erreichen. Damit muss man sich abfinden.
Zu guter Letzt: Dass die Politik mit Minderheiten spielt, sie instrumentalisiert und für politische Zwecke missbraucht, auch gerne im Wahlkampf, das wird niemand bestreiten wollen. Mit Minderheiten zu spielen ist darum kein neues Phänomen. Aber nie kam es deutlicher zum Ausdruck.
Würde mich wundern, wenn sich jemand von dem Spiel verletzt fühlt.
Zwei Dinge hätten das Spiel für mich wirklich bemerkenswert gemacht:
-wenn die Macher_innen sich einer eigenen Randgruppe zugeordnet und diese ins Spiel eingeführt hätten
-Wenn es eine Wendung/Aktion im Spiel gegeben hätte, bei der deutlich wird, daß Menschen mehreren Randgruppen angehören können
@Quarktasche:
Da stimme ich dir zu. Eine eigene Minderheit, z.B. aus dem journalistischen Bereich, wäre witzig gewesen. Deine zweite Idee wird ansatzweise durch die Aktionskarte “Genmanipulation” umgesetzt, mit der man Minderheiten kreuzen kann. Muslimische Transsexuelle treten dann plötzlich gegen rollstuhlfahrende Leistungsträgerinnen an.
[...] “Minderheitenquartett”: Muss man darüber lachen? [...]
“Kreative” könnte die Randgruppe heißen. Auch “Normalos” sind im Grunde genommen eine. Zumindest empfinden sie sich so… Hätte ich auch interessant gefunden.
Hatten Sie das Spiel schon in der Hand? Gibt´s auch Linksextremisten? Das sind die, die nicht dauernd Menschen verunglimpfen und statt dessen lieber unabhängige Medien lesen. Sehr unbeliebt…
Oha! Schwarzer Humor und sehr böse!
Das Kartenspiel scheint aus A1-F4, also 24 Karten zu bestehen. Kann bitte jemand auflisten, welche Karikaturen es außer den 6 bzw. 10 (Magazin-Link) genannten noch so alles vorkommen? Ich finde, man kann diese Satire erst dann angemessen beurteilen, wenn man alle Inhalte davon kennt.
Dererlei putzige Kartenspiele erheben, seitens der Macher, immer den Anspruch auf ‘Erkenntnis’
bzw. ‘Aufklärung’. – Ich kann dem nicht folgen und empfehle lediglich ‘L.A. Crash’ (3SAT, 22:25).
Alles klar, ich übernehme…
Die hanebüchenen Kategorien sind der Spielanleitung entnommen:
Sexualität: Pädophile, Schwule, Lesben, Transsexuelle
Behinderte: Rollstuhlfahrer, Autisten, Wachkomapatienten, Intelektuelle (sic!), Analphabeten
Religion: Muslime, Hindus, Scintologen, Juden
Ethnien: Adipöse, Neger, Pygmäen, HartzIV-Empfänger
Demographie: Studenten, Kinder, Rentner
Radikale: Leistungsträger, Punks, Nazis, Feministen
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