Kommentar: Das (Mutter-)Kreuz mit den Nazis

Kann ein Kind etwas für die Gesinnung seiner Eltern? Natürlich nicht. Soll ein Bundespräsident die Patentschaft für ein Kind rechtsextremer Eltern ablehnen? Auch nicht. Aber er könnte öffentlich deutlich Stellung beziehen zu der Angelegenheit – und zu dem braunen Terror in der Region, die Betroffenen unterstützen. Die Ostsee ist von der Hauptstadt aus zwar nur zwei Autostunden entfernt, doch Lalendorf liegt vom politischen Berlin aus betrachtet auf einem anderen Kontinent.

Von Patrick Gensing

Bundespräsident Wulff hat die Patenschaft für das siebente Kind von rechtsextremen Eltern aus Lalendorf in Mecklenburg-Vorpommern übernommen. Das ist in sich schlüssig, eine Absage hätte den Eltern nur Munition geliefert, um ihre Kinder in ihrem braunen Sinne zu beeinflussen. Zudem müssen die Kinder nicht noch zusätzlich für die braune Gesinnung der Eltern abgestraft werden. Eine Patenschaft könnte ihnen zudem später signalisieren, dass die Propaganda von Neonazis als verfolgte Minderheit hohle Propaganda ist. Allerdings hätte Wulff die Chance nutzen können, in einem Brief an die Eltern und öffentlich Stellung zu dem Fall beziehen. Das hat er versäumt.

Stattdessen warnte er bei seinem Besuch in Mecklenburg-Vorpommern allgemein vor „Extremisten“, die stärker würden. Als es um die Außenwirkung Deutschlands ging, wurde er allerdings deutlicher: In den USA werde bereits in Reiseführern vor Reisen nach Deutschland gewarnt, insbesondere für Menschen mit dunkler Hautfarbe, sagte Wulff in Waren an der Müritz bei seinem Antrittsbesuch in Mecklenburg-Vorpommern. Ungewöhnliche Töne für einen Bundespräsidenten, andere Personen des öffentlichen Lebens mussten verbale Prügel einstecken, als sie vor Angstzonen oder No-Go-Areas warnten; schwarze Initiativen wurden einfach belächelt oder als Nestbeschmutzer beschimpft.

Wulffs Worte haben hingegen Gewicht in den bürgerlichen Medien. Umso bedauerlicher, dass er nicht den Weg zu Lalendorfs Bürgermeister Knaack fand, der von Neonazis bedroht wird, da er Wulffs Ehrenpatenschaft nicht überbringen wollte, sondern an den Präsidenten zurückschickte. Dieses Verhalten ist mutig und nachvollziehbar, Knaack sieht vor Ort, wie Neonazis ihre Ideologie verbreiten, ohne großen Widerstand zu erfahren. Die „große“ Politik arbeitet sich derzeit lieber an der „Integrationsdebatte“ ab, die zuständigen Ministerien, von denen Impulse gegen den rechtsextremen Terror ausgehen könnten, widmen sich dem Kampf gegen Islamismus und Linksextremismus; für die Menschen in den Regionen, in denen Neonazis den Alltag mitbestimmen, bleiben bestenfalls ein paar warme Worten in Sonntagsreden. Die beliebten Urlaubsorte an der Ostsee sind von Berlin aus zwar nur zwei Autostunden entfernt, doch Lalendorf liegt vom politischen Berlin aus betrachtet auf einem anderen Kontinent.

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Bis auf Knaacks Grundstück waren Neonazis, inklusive hochrangiger NPD-Funktionäre, bereits vorgedrungen. Im Internet hetzen die braunen Kader munter gegen den Linkspartei-Politiker. Hier tragen die Versäumnisse der vergangenen Jahre nun Blüten, die Neonazis fühlen sich so sicher, dass sie längst zum Angriff übergegangen sind. Die braunen Attacken auf Büros von demokratischen Parteien werden gar nicht mehr gezählt. Alltag. Und Alltag interessiert nicht.

Wulffs Besuch war kein Alltag, er hätte die skandalösen Zustände in Mecklenburg-Vorpommern thematisieren können, ja müssen. Bürgermeister Knaack steht nun unter Polizeischutz, die Nazis freuen sich über die Patenschaft eines Präsidenten, der aus ihren Reihen sonst als „Türken-Wulff“ tituliert wird – und Wulff selbst weilt wieder in Berlin. Warum überhaupt eine Patenschaft des Bundespräsidenten für ein siebentes Kind in einer Familie versprochen wird, bleibt ebenfalls unklar. Das jeweilige Kind kann nämlich nichts für seine Eltern, aber auch nicht dafür, dass es sechs größere Geschwister hat. Anerkennung für besonders mutige Menschen wäre sinnvoller, als eine Patenschaft für Kinderreichtum, welche nicht wenige Leute spontan an das „Mutterkreuz“ erinnerte.

Siehe auch: “Vorstufe von Terror”: NPD mittendrin statt nur dabei

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5 thoughts on “Kommentar: Das (Mutter-)Kreuz mit den Nazis

  1. Na, dieses Herumgeeiere vom BuPrä kommt dann aber besonders gut nach der Anzeige von Frank Rennicke und dem Jubel der HSS von PI-News

    Inkonsequenz ist nie empfehlenswert.

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