Rohe Bürgerlichkeit und Klassenkampf von oben

Seit 2002 untersuchen Wissenschaftler in einer Langzeitstudie die Ausmaße, Entwicklungen und Ursachen von Vorurteilen in Deutschland. Aktuell nahmen die Forscher die Folgen der Wirtschaftskrise unter die Lupe – und beobachteten dabei eine „deutliche Vereisung des sozialen Klimas“, rohe Bürgerlichkeit und einen zunehmenden Klassenkampf von oben. Die Feindbilder in einer durchweg wirtschaftlich geprägten Gesellschaft seien Muslime und „wirtschaftlich Nutzlose“.

Von Patrick Gensing

In der 9. Folge des jährlichen Reportes „Deutsche Zustände“ wird die Frage nach den Folgen der Wirtschaftskrise gestellt. Welche Auswirkung hat das Gefühl der Bedrohung durch die Krise auf Einstellungen zu schwachen Gruppen? Wie steht es um die Solidarität in unserer Gesellschaft, und welche Entwicklung zeichnet sich dabei gerade in den höheren Einkommensgruppen ab? Welches Verständnis von Gerechtigkeit gibt es, wem wird Unterstützung zugebilligt, wem nicht, und welche Auswirkung hat die Ökonomisierung der Gesellschaft für Einstellungen gegenüber schwachen Gruppen?

Vorurteile gegenüber unterschiedliche Gruppen bilden ein Syndrom der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, in dessen Zentrum eine Ideologie der Ungleichwertigkeit.
Vorurteile gegenüber unterschiedliche Gruppen bilden ein Syndrom der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, in dessen Zentrum eine Ideologie der Ungleichwertigkeit.

Die Langzeitstudie untersucht die Ausmaße, Entwicklungen und Ursachen von Vorurteilen gegenüber unterschiedlichen Adressatengruppen. Es geht um die Abwertung von Menschen aufgrund von ethnischen, kulturellen oder religiösen Merkmalen, der sexuellen Orientierung, des Geschlechts, einer körperlichen Einschränkung oder aus sozialen Gründen. Die Wissenschaftler unter der Leitung von Wilhelm Heitmeyer vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung in Bielefeld gehen von zehn „Vorurteilen“ gegenüber unterschiedlichen Adressatengruppen aus, welche einen gemeinsamen Kern teilen. Dieser lasse sich als eine Ideologie der Ungleichwertigkeit identifizieren.

Das Projekt ist das weltweit das größte Vorurteilsprojekt. Jährlich eine telefonische Befragung einer repräsentativen Auswahl der deutschen Bevölkerung statt. Im Mai/Juni 2010 wurden 2000 Personen befragt.

Zentrales Ergebnis der diesjährigen Untersuchung: Angefeuert von politischen, medialen und wissenschaftlichen Eliten sind in höheren Einkommensgruppen deutliche Anstiege hinsichtlich abwertender, menschenfeindlicher Einstellungen gegenüber verschiedenen schwachen Gruppen aus dem Syndrom der Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit vorzufinden, insbesondere Islamfeindlichkeit. Dies müsse als eine deutliche Vereisung des sozialen Klimas interpretiert werden, meinen die Forscher.

„Entkultivierte Bürgerlichkeit“

Zudem sprechen die Wissenschaftler von einer zunehmend rohen Bürgerlichkeit. Diese Rohheit zeichne sich dadurch aus, dass es infolge von ökonomischen wie gesellschaftlichen Kriseneffekten deutliche Hinweise auf eine entsicherte wie entkultivierte Bürgerlichkeit gebe, die auch über angeblich liberale Tages- und Wochenzeitungen verbreitet werde. Diese zeige sich in Forderungen nach Abbau von Bedarfsgerechtigkeit. Die neue Formel des Abbaus von sozialstaatlichem Anrecht auf Unterstützung laute: Gnade durch Wohlhabende und Selbstverantwortung der sozial Schwachen. Hinzu komme die Reklamierung eigener ungerechter Behandlung durch Wohlhabendere trotz der Umverteilung von unten nach oben. Dies sei „die Entblößung bisheriger ohnehin labiler Moralität. Der semantische Klassenkampf von oben wird ungeniert offenbart.“

Abgebildet sind Mittelwerte. Alle Unterschiede 2009/2010 signifikant, mit Ausnahme der Abwertung von behinderten Menschen und von Antisemitismus. Achtung: Unterschiede im Ausmaß verschiedener GMF-Elemente lassen sich nicht interpretieren, weil die Elemente mit unterschiedlich harten bzw. weichen Formulierungen erfasst wurden.
Abgebildet sind Mittelwerte. Alle Unterschiede 2009/2010 signifikant, mit Ausnahme der Abwertung von behinderten Menschen und von Antisemitismus. Achtung: Unterschiede im Ausmaß verschiedener GMF-Elemente lassen sich nicht interpretieren, weil die Elemente mit unterschiedlich harten bzw. weichen Formulierungen erfasst wurden.

Diese rohe Bürgerlichkeit scheine ihren gepflegten Konservatismus unter dem Druck der Verhältnisse abzustreifen. Zivilisierte, tolerante, differenzierte Einstellungen in höheren Einkommensgruppen scheinen sich in unzivilisierte, intolerante – verrohte – Einstellungen zu wandeln, warnen die Forscher. So nimmt beispielsweise in der höheren Einkommensgruppe (ab 2500 Euro pro Kopf; Haushaltsnettoeinkommen, umgerechnet und gewichtet nach Anzahl der Personen im Haushalt) die Zustimmung zu Etabliertenvorrechten und Islamfeindlichkeit besonders deutlich zu.

Ökonomistische Durchdringung der sozialen Verhältnisse

Auch die Entsolidarisierung der Besserverdienenden fällt bei den Ergebnissen der Studie ins Auge. Bei den Besserverdienenden steigt der Anteil derjenigen, die meinen, weniger als ihren gerechten Anteil zu erhalten. Höherverdienende werten Langzeitarbeitslose mit 50% deutlich mehr ab als Befragte in niedrigeren Einkommensgruppen dies tun. Wer eine ökonomistische Sichtweise teilt – d.h. Menschen nach ihrem Nutzen beurteilt – neigt deutlich eher zur Abwertungen schwacher Gruppen. Der Zusammenhang ist bei denen besonders hoch, die sich selbst „oben“ verorten. Insgesamt ist eine ökonomistische Durchdringung sozialer Verhältnisse zu registrieren. Sie fördert auch den Flexibilitätszwang, um aufzusteigen, zu sichern oder Abstiege zu verhindern. Führt diese Flexibilisierung nicht zum beruflichen Erfolg, hängt damit eine verstärkte Gewaltbilligung und -bereitschaft zusammen.

Die Feindbilder: Muslime und „wirtschaftlich Nutzlose“

Insgesamt sei das Verhältnis von regierender Politik und gesellschaftlichen Gruppen nachhaltig gestört, so die Ergebnisse der Untersuchung. Das rechtspopulistische Potential, mit islamfeindlichen Einstellungen verbunden und aggressiv aufgeladen, zeige dies. Dieses rechtspopulistische Potential sei in allen gesellschaftlichen Gruppen vorrätig, aber die Zunahme in höheren Einkommensgruppen sei „auffällig und gefährlich“, weil die rohe Bürgerlichkeit und ihre Mobilisierungsexperten in Medien die angebliche Dekadenz dieser Gesellschaft, das angebliche Schweigen über die Integrationsprobleme von Eingewanderten und fehlende Leistungsbereitschaft „unten in der Gesellschaft“ etc. aggressiv beklagen. Zur Bekämpfung dieser Dekadenz bedarf es nach ihrer Ansicht innergesellschaftlicher Feindbilder. Muslime gehören ebenso dazu wie wirtschaftlich Nutzlose.

Prozentsatz der Befragten, die einer Aussage „eher“ oder „voll und ganz“ zugestimmt haben. (2009/10)
Prozentsatz der Befragten, die einer Aussage „eher“ oder „voll und ganz“ zugestimmt haben. (2009/10)

Passend zur Verrohung der Bürgerlichen deute sich seit 2008 ebenfalls ein erneuter Anstieg von Antisemitismus an. Das Niveau liege allerdings immer noch unter dem von 2002. Der Anstieg ist vor allem bei Israel-bezogenem Antisemitismus zu beobachten, welcher voll Salonfähig ist. 38 Prozent stimmen in 2010 zu: „Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden“ und 57 Prozent sagen: „Israel führt einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser.“

 

Keine beruhigende Prognose

Rechtspopulistische Positionen versprechen angebliche Sicherheit in unruhigen Zeiten. Dies nehme mit dem Alter zu und sei in einer alternden Gesellschaft keine beruhigende Prognose für die zukünftige demokratische Qualität dieser Gesellschaft, warnen die Forscher. Für den sozialen Zusammenhalt in einer zunehmend ethnisch-kulturell heterogenen Gesellschaft seien das keine positiven Signale – besonders, da die rechtspopulistischen Einstellungen besonders bei Höherverdienenden zunehmen.


Siehe auch: Menschenfeindliche Einstellungen: Die Mitte am Rand?, Integrationsdebatte: Simplifizieren, polarisieren, ausgrenzen, Integrationsdebatte: Wann habt Ihr fertig?“Kante zeigen – gegen einen Ruck nach Rechts”, Ungeliebte Groupies: Sarrazin zeigt die NPD anPro-Deutschland bietet Sarrazin den Vorsitz an, Rechte Revolte: Mehr Gott, mehr Staat, mehr Vaterland, Konservatismus – ein ideologischer Phantomschmerz, Auf dem Selbstfindungstrip, Die Union und der rechte Rand

10 thoughts on “Rohe Bürgerlichkeit und Klassenkampf von oben

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  2. Erstmal Glückwunsch und Danke an die Autorenzur gut ausgearbeiteten Langzeitstudie, die ein erschütterndes Ergebnis bringt!

    Der Punkt „Islamfeindlichkeit“ passt allerdings nicht zu den anderen Variablen!

    Eine Religion darf man sehr wohl als Ideologie ablehnen, wenn sie so ausgelebt wird, dass u. a.
    – Andersgläubige unterdrückt und in ihren Menschenrechten eingeschränkt werden,
    – die Todesstrafe im Rahmen dieser Religion gefordert und praktiziert wird (z. B. Steiigungen von vergewaltigten Frauen zur rettung der befleckten Familienehre),
    – in ihrem Namen Ehrenmorde geduldet und befürwortet werden,
    – Frauen in ihren Rechten stark eingeschränkt werden, z. B. durch Beschneidung, Zwangsehe, Kopftuchzwang,
    – bei „Gotteslästerung schwerste Bestrafung droht,
    – Kritiker (mund)tot gemacht werden sollen und z. B. auf Karikaturen die Todesstrafe steht …

    Vor einer solchen Religion darf ich mich völlig zu Recht fürchten und sie ablehenen!

  3. @ MaL:

    Natürlich passt der Punkt zu den anderen Variabeln, dass sieht man ja besonders schön an Ihrer Reaktion!

    Sie setzen „Islam“ mit fundamentalistischer Religiösität gleich und stereotypisieren ihn. Da könnte ich genauso gut sagen, dass ein Katholizismus, der Frauen unterdrückt, eine nach wie vor kolonialistisch-missionarische Ideologie vertritt und darüber hinaus homophob und reaktionär antiliberal ist, abzulehnen sei.

    Hier geht es aber darum, dass gerade auch die bürgerlichen Presse wie FAZ, Welt, Zeit usw. Antiislamismus produziert, indem sie behaptet, unsere achso-freie Gesellschaft (in der es Sexismus oder Homophobie ja üüüüberhaupt nicht gibt), sei durch den Islam gefährdet. Da werden sozial oder rechtlich benachteiligte Gruppen gegeneinander ausgespielt.

    Gerade Ihr Kommentar spiegelt diese Undifferenziertheit wieder.

  4. @Michel:

    Die Islamophobie äußert sich fast nie in Form von Ablehnung der Islamischen Religion, sondern in der Ablehnung / Abneigung von arabisch oder türkischstämmigen Menschen, ganz egal welcher Religion und Ausübung des Islam. (Gibt ja auch viele Moslems die (genauso wie die meisten Christen) nur an Feiertagen in Moscheen (Kirchen) gehen.

    Antisemitsmus äußert sich ja auch nicht in Form von Kritik an der Religion sondern nur in Form von Vorurteilen oder – wie im schlimmsten Falle geschehen : Dem beispiellosen Massenmord an den Juden.

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