Von einer vereinfachten Weltsicht und Verschwörungstheorien

Hamed Abdel-Samad war bei der ägyptischen Muslimbruderschaft, heute arbeitet er als Publizist in Deutschland. Im Interview mit dem Autor für tagesschau.de warnt er vor der weltweiten Gefahr durch Anschläge der „Do-it-yourself-Al-Kaida“. Zudem betont er, der Islamismus biete klare Antworten sowie eine vereinfachte Weltsicht. Keine Alleinstellungsmerkmale…

Völkische Propaganda gegen die USA (Foto: Marek Peters)
Völkische Propaganda gegen die USA (Foto: Marek Peters)

Durch die klaren Antworten und die vereinfachte Aufteilung der Welt in Gläubige und Ungläubige werde Orientierung geboten, so Abdel-Samad weiter. „Die jungen Muslime fühlen sich als Soldaten Gottes, als eine Vorhut der Revolution.“ Die Parallelen zu jungen Neonazis drängen sich geradezu auf.

Im Bezug auf den Islamismus führte Abdel-Samad zudem aus:

Man beharrt auf der eigenen kulturellen Überlegenheit, obwohl diese keine Substanz mehr hat. Das ist eine explosive Mischung. Auf der einen Seite Minderwertigkeitskomplexe gegenüber dem Westen, der überlegen in allen Gebieten des modernen Lebens ist – und andererseits Allmachtsfantasien. Dies führt zu einer explosiven Paranoia. Die islamistische Gewalt ist genau hier zu lokalisieren.

Exakt so verhält es sich mit der politischen Gewalt von Rechts. Einerseits fühlen sich Neonazis ihren Gegnern moralisch und politisch überlegen, andererseits ist die Szene gesellschaftlich in den meisten Regionen Deutschlands komplett isoliert und kann kaum politischen Einfluss aufbauen. Abdel-Samad hob zudem weitere Überschneidungen hervor, beispielsweise „die Abkapselung von der Gesellschaft, die Verschwörungstheorien sowie die Aufteilung der Welt in Gut und Böse. Das findet man in der Rhetorik aller dieser radikalen Gruppen [auch auf Linksradikale bezogen, PG]. Auch die Vorstellung, dass man alleine im Besitz ewiger Wahrheiten ist. Dazu kommt die Ablehnung von Relativismus und Ambivalenz.“

Bei der Auseinandersetzung mit Rechtsextremisten beeindruckt in gewisser Weise immer wieder deren unerschütterlicher Glaube, im Recht zu sein. Ganz im Stil eines politischen Geisterfahrers, der alle Entgegenkommenden für unzurechnungsfähig erklärt, wollen die Anhänger einer Volksgemeinschaft keine gesellschaftlichen Aushandlungsprozesse durch unterschiedliche Interessensvertretungen, längere Debatten halten sie für überflüssig, Parlamente verachten sie als „Schwatzbuden“. Hinter diesen Ansichten steht die tiefe Überzeugung, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein – und diese muss demnach auch nicht hinterfragt werden. Der Wissenschaftler Wolfgang Gessenharter weist in diesem Zusammenhang auf den Verismus hin, den die Völkischen vertreten – gegen den Fallibilismus, von dem pluralistische Demokratien ausgehen, bzw. ausgehen sollten. Dem Fallibilismus liegt zugrunde, dass ein Irren möglich sei, dass eine kritische Überprüfung der eigenen Meinung stets notwendig sei (was allerdings nicht mit ständigen Relativierungen verwechselt werden darf). Der Begriff Verismus wurde aus der Kunst entliehen. Er steht laut Gessenharter für die

Betonung der absoluten Richtigkeit, der wirklichen Wahrheit der eigenen Erkenntnisse die spöttische Herabwürdigung der Andersdenkenden verknüpft. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit deren Argumenten, ein nachvollziehbares Abwägen der jeweiligen Positionen kann damit für die Neuen Rechten unterbleiben; der Gegner ist – gemäß der Freund-Feind-Unterscheidung – eben nicht prinzipiell gleich und ebenbürtig, sondern erkenntnismäßig wie auch moralisch längst disqualifiziert. Eine Auseinandersetzung mit ihm müsse nur deshalb geführt werden, weil er (noch) faktisch herrsche und diese Herrschaft mit dem Totschlags-Mittel der „Political Corectness“ (PC) zu stabilisieren versuche.

Durch dieses Konstrukt kann auch erklärt werden, wie NPD und Konsorten sämtliche Erkenntnisse von Experten, Wissenschaftlern, Politikern und anderen Menschen einfach aus ihrem völkischen Wolkenkuckucksheim beiseite wischen: Sie sind natürlich im Recht, alle anderen Fakten und Erkenntnisse sind entweder schlichtweg falsch oder aus Gründen des Machterhalts von der „politkriminellen Kaste“ manipuliert worden.

Seit Jahrzehnten richten die etablierten Politiker unser Land systematisch zu Grunde und rauben der deutschen Jugend ihre Zukunft. Mittlerweile weiß jeder, dass die Politbonzen mit ihrer volksfeindlichen Kahlschlagpolitik endgültig abgewirtschaftet haben. […] Der jämmerliche ‘Kampf gegen Rechts’ ist nunmehr ein letzter Rettungsanker, an den sich die charakterlich und geistig verlumpten Pseudo-Demokraten in ihrer Verzweiflung klammern. (Flugblatt des NPD-Landesverbands Saar)

Oder auch:

Innerhalb des Systems gibt es keine Hoffnung auf Erneuerung. Erst die rücksichtslose und restlose Beseitigung des korrupten liberal-kapitalistischen Systems kann den Weg freimachen für einen nationalen und sozialen Neuanfang in Frieden und Freiheit für unser Volk. (Winfried Petzold, NPD-Landesvorsitzender in Sachsen im Januar 2006)

Die Schuld an Problemen wird wie gewohnt „denen da oben“ zugeschoben, die Rechtsextremisten entledigen sich jeglicher Verantwortung und jeglicher Selbstreflexion. Eine bequeme Weltsicht, von Denkfaulheit geprägt – für eine antimoderne und rückwärtsgewandte Ideologie, die der Realität immer weiter hinterhinkt, allerdings eine elementare Voraussetzung.

Eine ideologische Verbindung zwischen Islamismus und Rechtsextremismus kann zudem im Antisemitismus festgemacht werden, der praktischerweise sowohl gegen „Spekulanten“ als auch gegen „Schnorrer“ eingestzt werden kann – ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen Formen der Menschenfeindlichkeit. Auch dogmatische linksradikale Elemente, wie der veraltete Antiimperialismus, kann beim Islamismus und Rechtsextremismus immer wieder beobachtet werden.

Trotz der Gemeisamkeiten (vor allem, was die Feindbilder angeht), kommt es nur punktuell zu Kontakten zwischen Neonazis und Islamisten. Denn an der „inneren Front“, also in Deutschland, sehen viele Rechtsextremisten „den Islam“ als die größte Bedrohung überhaupt an; die Gemeinsamkeiten ergeben sich er an der „äußeren Front“, wenn es gegen die USA oder Israel geht.

„Die richtigen Akteure müssen am Werk sein“

Die Bundesregierung will Programme gegen Islamismus auflegen. „Wie können solche Projekte sinnvollerweise aussehen?“, so eine Frage in dem Gespräch. Abdel Samad betonte in seiner Antwort, die

„richtigen Akteure müssen am Werk sein. Wenn man rein deutsche Anlaufstellen für Aussteiger anbietet, wird es schwierig. Da sind die Moscheevereine ein wichtiger Faktor. Sie haben bislang nicht ihre Aufgabe erfüllt, gegen radikale Tendenzen an ihren Rändern vorzugehen. Auch als Anlaufstelle für Aussteiger fungieren sie bislang nicht. Dafür müssen sie sich vollkommen von der Gewaltrhetorik verabschieden, mehr Vertrauen in Sicherheitskräfte und in die deutsche Gesellschaft aufbauen. Immerhin hat man nun begonnen, Imame hier auszubilden. Es ist ein langer Weg.“

Also auf die Mehrheit in der islamischen Community kommt es an. Auch hier eine Paralelle zu den Strategien gegen Rechtsextremismus, bei denen immer wieder angemahnt wird, sich nicht auf die Neonazis zu fokussieren, sondern die Mehrheitsgesellschaft zu untersuchen und zu verändern. 

Abdel-Samad sagte abschließend, er habe aus seinen Erfahrungen in islamistischen Kreisen gelernt, dass

„jeder Mensch durstig ist nach Anerkennung und sozialer Wärme. Wenn dies in der Familie oder in der Gesellschaft fehlt, besteht Gefahr, dass Individuen von Radikalen vereinnahmt werden. Und ich habe gelernt, mich niemals mit vorgefertigten Antworten und Wahrheiten zufrieden zu geben. Außerdem muss man allen Menschen in allererster Linie als Menschen begegnen – und nicht als Christen, Juden, Atheisten oder was auch immer.“

Siehe auch: Und noch ein “unabhängiges Monatsmagazin”…, “Israel-Kritik”: Wenn NPD-Positionen nicht auffallen, Völkische Querfront: Glückwunsch, Ahmadinedschad!, Warum sich die Öffentlichkeit in der ökonomischen Krise gegen Israel wendet, Fatale Gleichsetzung: Die Entsorgung des Rechtsextremismus, Programme gegen Extremismus: “Der Alltagsrassismus fällt komplett weg”, Die deutsche Rechte: Mit Carl Schmitt für Allah und Ahmadinedschad

3 thoughts on “Von einer vereinfachten Weltsicht und Verschwörungstheorien

  1. 2 kleine Bemerkungen:

    1) Beim Thema Verschwörungstheorie muss man differenzieren, von welcher Art Verschwörungstheorie man spricht: es gibt einmal die (irrsinnigen) Weltverschwörungstheorien mit lustigen Illuminaten, satanischen Kulten und natürlich den „jüdischen Bolschewisten“. Diese sind sehr häufig unter Nazis, wie auch unter islamischen Fundis (allerdings sind die auch unter christlichen Fundis zu finden – v.a. die satanische Variante), weil sie schön die Welt erklären ohne eine strukturelle Kritik anführen zu müssen.
    Es gibt andererseits auch sehr plausible Verschwörungstheorien. Diese handeln von Verschwörungen, die auch tatsächlich machbar sind und auch empirisch nachweisbar. Zu diesen Verschwörungen zählen beispielsweise Militärputsche, die in der Vergangenheit oft von den USA finanziert wurden (zB. gegen Salvador Allende in Chile) und bis heute auch gerne von der Friedrich-Naumann-Stiftung der FDP.

    2) Kommt es in dem Artikel so rüber, als sei es was Schlechtes, das herrschende System zu zerschlagen. Das ist aber m.E. die falsche Herangehensweise: schlecht an Nazis und Islamisten ist nicht, dass sie das System zerschlagen wollen – sondern ihre „Alternative“ dazu. Anstatt nämlich über den Kapitalismus hinaus zu wollen, wollen sie den Kapitalismus per se schon erhalten und mit extrem reaktionären Elementen versehen (starker staatlicher Zentralismus, Verfolgung von Andersdenkenden, Diskriminierung von Frauen und ethnischen/religiösen Minderheiten, etc., um mal die einleuchtenden Gemeinsamkeiten zu nennen).

    My 2 cents.

  2. Die haben sich auf dem Photo aber verschrieben …
    Es muß doch eigentlich, in wunderschöner altdeutscher Schrift, lauten:

    „Deutsche macht euch frei von der Juden-Tyrannei“.

    Darauf hätten die Versammlungsbehörden im Vorfeld aber einmal hinweisen können … also nein… :)

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