Jugendclub nach Brandanschlag zerstört

Während sich in Sachsen diverse Vorzeigeprojekte gegen Rechtsextremismus derzeit mit Anti-Extremismus-Klauseln rumärgern müssen, gehen Neonazis offenbar weiterhin gezielt gegen alternative Initiativen vor. In Limbach-Oberfrohna brannte ein Jugendclub nach einem Anschlag aus. Tische, Sofas, Lampen und Teppiche im Erdgeschoss und der ersten Etage des Jugendclubs sind nicht mehr zu gebrauchen. Der Schaden wird auf mehrere Zehntausend Euro geschätzt. Die Polizei geht laut Freie Presse von einer politischen Straftat aus, aber es werde in alle Richtungen ermittelt. Es könne schließlich auch andere Möglichkeiten geben, so Sachsens Polizeipräsident Bernd Merbitz. Oberbürgermeister Hans-Christian Rickauer (CDU) bezeichnete den Brandanschlag als eine Eskalation, über die er zutiefst erschüttert sei.

Alterntativer Jugendclub in Limbach-Oberfrohna (Quelle: Indymedia)
Alterntativer Jugendclub in Limbach-Oberfrohna (Quelle: Indymedia)

In der Nacht zum Sonnabend waren in dem Vereinsgebäude die Scheiben eingeschlagen und Brandsätze gelegt worden. Wie die Polizei mitteilte, drangen die Täter durch ein Fenster in das Erdgeschoss des ansonsten unbewohnten Hauses ein. Dort zündeten sie mehrere Gegenstände an und flohen. Anwohner bemerkten den Brand und riefen Polizei und Feuerwehr. Diese musste wegen der starken Rauchentwicklung vier Bewohner eines Nachbarhauses in Sicherheit bringen. Die 58 und 82 Jahre alten Frauen und Männer blieben unverletzt.

Nach Angaben des MDR ließ die Stadtverwaltung inzwischen einen anderen Jugendclub im Ort schließen. Dort soll der Übergriff auf den linken Verein offenbar geplant worden sein. Die 13 Tatverdächtigen, die nach dem Brand festgenommen wurden, sind am Wochenende wieder freigelassen worden. Es hätten keine Haftgründe vorgelegen, sagte eine Polizeisprecherin dem MDR.

Nach Informationen von MDR 1 RADIO SACHSEN kam Merbitz am Montag zu einem Blitzbesuch in den Erzgebirgsort. Dabei erklärte Merbitz, dass ab sofort 20 Polizisten für den Streifendienst abgestellt werden. Sie sollen die Lage nach dem Brandanschlag auf ein alternatives Jugendzentrum kontrollieren. Wie lange sie in Limbach-Oberfrohna bleiben, sei noch unklar. Merbitz erklärte weiter, dass inzwischen die Soko Rex die Ermittlungen zu dem Überfall übernommen hat.

„Probleme ignoriert“

Zeugen und die Opferberatung Sachsen-RAA in Chemnitz machten Rechtsextreme für den Anschlag verantwortlich. In einer Mitteilung wird von einer „neuen Stufe rechter Gewalt in Limbach-Oberfrohna“ und der naheliegenden Vermutung gesprochen, „dass es sich bei den Tätern um Neonazis handelt“. Dem Rechtsextremismusexperten der Grünen-Landtagsfraktion, Miro Jennerjahn, zufolge ist die die Existenz einer massiven rechtsextremen Szene in Limbach-Oberfrohna seit langem bekannt. Er warf Oberbürgermeister Hans-Christian Rickauer (CDU) vor, das Problem zu ignorieren. Stattdessen habe das Stadtoberhaupt diejenigen diskreditiert, die versuchten, das Problem anzusprechen. In Limbach-Oberfrohna gab es in letzter Zeit mehrfach rechtsmotivierte Übergriffe und Nazischmierereien.

Vor dem Brandanschlag auf den Jugendclub hatten sich dem RAA Sachsen zufolge mehrere Neonazis versammelt, welche auf eine Gruppe Jugendlicher losging. Engagierte Jugendlichen seien seit nunmehr zwei Jahren gezielten Angriffen wie Körperverletzungen, Bedrohungen und Sachbeschädigungen durch Neonazis ausgesetzt. „Mit ihren Beschreibungen selbst erlebter Bedrohungssituationen fanden die Jugendlichen in der Kommune bisher kein Gehör, viel schlimmer noch, sie werden als Ursache für die „Störungen“ benannt. Das die Jugendlichen einen wichtigen Beitrag für die Entwicklung und Wahrung einer demokratischen Gesellschaft in Limbach-Oberfrohna leisten, wird von den örtlichen Entscheidungsträgern leider nicht gesehen.“ so Andre Löscher von der Opferberatung des RAA-Sachsen e.V..

In einer Mitteilung kommentierten betroffene Jugendliche:

Der Brandanschlag zeigt, wie notwendig unsere Vereinsarbeit ist, sich für Toleranz, Demokratie und gegen Gewalt zu engagieren. Er zeigt aber auch die Gewaltbereitschaft örtlicher Nazistrukturen, die keine Scheu davor haben Menschenleben zu gefährden.

Hier verlangen wir endlich eine klare Position der Stadtverwaltung sowie des Präventiven Rates. Weiter fordern wir die lokalen Bündnisse dazu auf, endlich klare Konzepte zur Problembekämpfung zu erstellen, anstatt sich in bloßer Selbstbeweihräucherung durch Persönlichkeiten zu profilieren. So schön diese Veranstaltungen auch klingen mögen, vor Ort an der Situation ändern diese nichts.

Denn solange hier vor Ort keine eindeutigen Signale gesendet werden, das rechte Problem in Schulen, auf der Straße und im Alltag nicht erkannt und nicht ernst genommen wird, sind Jugendliche jeder anderer Couleur in dieser Stadt auf sich allein gestellt.

Diese Tatsache sollte für jeden Demokraten nicht zumutbar sein und jeder Demokrat sollte sich in der Pflicht fühlen dieses Problem auf jeder Ebene, die ihm zur Verfügung steht, anzugehen

In Sachsen war im Oktober ein Iraker erstochen worden, ein bekannter Neonazi-Kader gilt als dringend tatverdächtig. Zudem hatte es in diesem Jahr eine ganze Serie von Brandanschlägen gegeben.

Siehe auch: Mehr als 1000 rechte Straftaten im August, Iraker erstochen: Neonazi-Kader in Haft

 

10 thoughts on “Jugendclub nach Brandanschlag zerstört

  1. Pingback: Feuerwehr News
  2. „(…) Linke Jugendliche haben es in Limbach-Oberfrohna nicht leicht. In dem sächsischen Ort, etwa 20 Kilometer westlich von Chemnitz, der als Hochburg der Rechten gilt, müssen sie sich auch noch gegen die Stadtverwaltung durchsetzen. »In ihrem Jugendklub gehen regelmäßig die Scheiben zu Bruch, und die Jugendlichen werden bedroht«, berichtet eine Mutter anläßlich der Vorstellung der jüngsten Studie der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) zum Rechtsextremismus in Zwickau am Dienstag vergangener Woche. Von der Stadtverwaltung erhalten die Jugendlichen dabei keine Unterstützung. »Im Gegenteil. Den konservativen Politikern gelten sie als linksradikale Provokateure und man will sie los haben«, sagt die Ingenieurin. (…)

    Wie schwierig die Umsetzung einer solchen Formel vor Ort sein kann, zeigt wiederum das Beispiel Limbach-Oberfrohna. Nachdem sich dort die Eltern der linken Jugendlichen zu einer Bürgerinitiative zusammenfanden, hat die Stadt ein eigenes, kommunal organisiertes Bündnis aus der Taufe gehoben. »Die beiden Bündnisse arbeiten seitdem parallel, es gibt kaum gemeinsame Aktionen«, so die Mutter aus Limbach-Oberfrohna.“
    http://www.mannheim.vvn-bda.de/artikel/2010/20101110.html

    „(…) Am 25.10.2008, eine Woche vor der offiziellen Eröffnung der von uns gemieteten Räume im Zentrum der Stadt, gingen drei Mal die Fensterscheiben zu Bruch. Der Staatsschutz erschien und erörterte, dass es keine Nazis in und um Limbach-Oberfrohna gäbe. Noch in derselben Nacht wurden zwei Hakenkreuze in die Holzverkleidung der Fenster, welche aufgrund der komplett zerstörten Scheiben angebracht werden mussten, geritzt. Drei Tage später wurde die Eingangstür gleich zweimal Ziel von Angriffen. Eine zehn- bis fünfzehnköpfige Gruppe skandierte erst Naziparolen auf offener Straße, schlug danach die Tür ein und versuchte in das Innere zu kommen. In weniger als drei Monaten wurde das Vereinsbüro, das wir »Schwarzer Peter« genannt hatten, insgesamt dreizehn Mal das Ziel von Nazi-Übergriffen. Das Mietverhältnis wurde daraufhin seitens der Vermieterin zum 31.03.2009 gekündigt. Durch die Stadt werden keine neuen Räumlichkeiten in Aussicht gestellt.

    Also kann man sagen, dass hier das Opfer-Täter-Verhältnis umgedreht wurde? Ihr, die Zielscheiben rechter Gewalt wart und seid, werdet für euer Engagement für ein friedliches, diskriminierungsfreies Miteinander bestraft?

    Ja, das kann man so sehen. Die Polizei hat Recht, wenn sie sagt, dass es seit der Schließung des »Schwarzen Peters« ruhiger geworden ist. Es ist aber eine trügerische Ruhe, auf Kosten von öffentlichen Räumen für eine nicht-rechte Jugendszene. Diese werden jetzt eben auf der Straße verfolgt und auch attackiert, wie ich eingangs erwähnt habe. Von offizieller Seite wird das Problem bagatellisiert und das bekannte Schema »Rechts- versus Linksextremisten« aufgemacht. Das verkennt die Tatsache, dass es Nazis sind, die Menschen – auch mit Gewalt – ausgrenzen wollen. Unser Vereinsziel ist es ganz klar, ein friedliches Miteinander zu befördern, was den Kampf gegen nazistische Einstellungen einschließt.

    Wie reagiert die offizielle Politik auf die Problemlage?

    Die Stadt meint, dass es kein rechtes Problem gibt. Dies meint sie sogar, nachdem das »Rede-Duell« zwischen den Kandidaten für den Parteivorsitz der NPD, Udo Voigt und Udo Pastörs, am 22.03.2009 in Limbach stattgefunden hat. Die Stadt hatte dazu lediglich zu sagen, dass das Treffen eine private Veranstaltung war und der Wirt ohnehin ein »schwieriger Typ« sei, der für Geld alles mache. In Niederfrohna wohnt übrigens auch Gitta Schüßler, eine Landtagsabgeordnete der NPD. Sie und ihre ganze Familie engagiert sich für die NPD im Chemnitzer und Zwickauer Land und im Erzgebirge. Sie und weitere Nazis versuchten im Februar eine Demonstration des Bündnisses »Buntes Limbach« zu stören. Dabei attackierte eine Person aus dem Umfeld von Frau Schüßler einen Ordner, als dieser sie darauf aufmerksam machen wollte, dass sie nicht erwünscht seien.

    Was haltet ihr für geeignete Ansätze, um der Nazi-Dominanz entgegenzuwirken?

    Ein erster Schritt wäre, dass Stadt und Polizei sich offiziell dieses Problems annehmen würden. Unter der Hand geben Polizisten ja zu, dass es Nazis in der Stadt gibt. Dass allerdings erst gehandelt wird, nachdem Übergriffe geschehen sind, ist untragbar. Ansonsten ist es eine Herausforderung, der Stadtgesellschaft Mut zu machen, gegen die Nazibedrohung aktiv zu werden, ohne dass sie deswegen mit Gewalt rechnen muss. Auch hier könnten Stadt und Polizei ein entschiedenes Zeichen setzten. Inspiriert durch unseren Verein hat sich inzwischen die »Elterninitiative Limbach-Oberfrohna« gegründet, die unser Anliegen, bei der Stadt Gehör und einen neuen Raum zu finden, aktiv unterstützt.“
    http://www.meine-stimme-gegen-nazis.de/index.php5?go=broschuere-6-raeume

    Komisch ist nur, dass offenbar die Stadtverwaltung nach dem jetzigen Anschlag zu wissen scheint, aus welcher Ecke, bzw. aus welchem anderen Club, die NS-Hanseln stammen könnten. – 13 verdächtige Personen scheinen in der Großstadt Limbach-Oberfrohna aber nicht dazu zu gehören … *lol* 😉

    Und das Folgende ist fünf Jahre alt … sieht` nicht so aus, als wenn sich etwas geändert hätte – das Gegenteil scheint der Fall.

    http://www.kulturbuero-sachsen.de/dokumente/Dossier.pdf

    Aber solange dem MDR die Volksmusik nicht aus geht, ist alles halb so schlimm …

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