Nach Attacke von „Kategorie Erfurt“: Prozess gegen Punk

Mit einer vorläufigen Einstellung gegen Auflagen ist am 10. November 2010 vor dem Landgericht Erfurt der Prozess gegen einen der Betroffenen eines vermutlich rechtsextremen Überfalls vom 12. Juli 2008 zu Ende gegangen. Das berichtet der „Infoladen Erfurt“. Im Sommer 2008 waren etwa 50 Personen aus der Punkszene und dem Umfeld des Besetzten Hauses hinter der Krämerbrücke von ca. 20 Hooligans aus dem Spektrum der rechtsextremen Gruppierung „Kategorie Erfurt“ (KEF) überfallen. Dem 28-jährigen Angeklagten wurde vorgeworfen, einen der Angreifer mit einer Flasche auf den Kopf geschlagen zu haben.

Was sich damals genau zugetragen hat, konnte vor Gericht nicht abschließend geklärt werden, berichtet der Infoladen. Der Hooligan, der in der Verhandlung als Geschädigter auftrat, sprach bis zuletzt von einem Flaschenwurf, der ihn im Gesicht verletzt habe, während zwei Polizeibeamte in teilweise wiedersprüchlichen Aussagen von einem Schlag mit einer Flasche auf den Hinterkopf sprachen. Entlastungszeugen wurden nicht gehört. Der Angeklagte selbst hatte den Tatvorwurf zurückgewiesen und wurde in der ersten Instanz vor dem Amtsgericht freigesprochen. Weil die Staatsanwaltschaft Erfurt dagegen Revision eingelegt hatte, wurde nun vor dem Landgericht verhandelt. In der linken Szene Erfurts wurden Vorwürfe erhoben, wonach der Eindruck entstehe, die Staatsanwaltschaft wolle die „Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Schlauchbotttour zu kriminalisieren“. Seit Jahren treffen sich Punks und Alternative in Erfurt jährlich zu einer Schlauchboottour, bei der sie in Trekkerreifen und mit Schlauchbooten einige Kilometer in der Gera zurücklegen. Zielpunkt ist traditionell die Krämerbrücke. 2008 hatten nach Angaben der Teilnehmerinnen und Teilnehmer erst Hooligans und kurz darauf Polizeieinheiten die Punks auf der Krämerbrücke attackiert. Für die rechtsextremen Angreifer vom Juli 2008 habe der Überfall bislang keine juristische Folgen gehabt, schreibt der Infoladen abschließend.

Die Thüringische Landeszeitung schilderte den Ablauf der Ereignisse 2008 so:

“Hooligans, vermutlich aus dem Umfeld der gewalttätigen und rechtslastigen “Kategorie Erfurt”, lieferten sich eine handfeste Auseinandersetzung mit alternativen Jugendlichen und Punks. Die auf dem Wenigemarkt stehende Polizei griff erst ein, als Flaschen flogen. Die Polizei erteilte 42 Platzverweise und nahm drei Personen fest; mehrere Beteiligte wurden ins Krankenhaus eingeliefert.

Gegen 18 Uhr feierten hinter der Krämerbrücke rund 50 Personen, die am Nachmittag an einer Schlauchboottour abwärts der Gera teilgenommen hatten, die alljährlich im Sommer von Punks und alternativen Jugendlichen organisiert wird. Gegen 18.15 Uhr kam eine Gruppe von etwa 25 Personen aus Richtung Wenigemarkt und stellte sich in einer Reihe vor den Versammelten auf.

Eine verbale Auseinandersetzung zwischen einigen Personen schaukelte sich innerhalb von Sekunden derart hoch, dass die Fäuste flogen. Auch zahlreiche Bierflaschen flogen durch die Luft, Bootspaddel wurden zweckentfremdet, mindestens zwei Personen durch Flaschenwürfe am Kopf verletzt.

Erst in diesem Moment kamen behelmte Beamte der Bereitschaftspolizei um die Ecke, setzten Schlagstöcke und Pfefferspray ein. Ein Großteil der eigentlichen Angreifer konnte in diesem Moment das Weite suchen, da sich die Polizei hauptsächlich auf die Teilnehmer der Paddeltour konzentrierte. Schmerzschreie waren zu hören, viele rannten zur Gera um sich das Pfefferspray aus dem Gesicht zu waschen.

Zu einem weiteren Zwischenfall kam es am späten Abend vor dem Klinikum: Ein junger Mann, der sich wegen des Pfefferspray-Einsatzes in medizinischer Behandlung befand, wurde vor der Klinik von rund 20 Personen aus der gleichen Gruppe, die Stunden zuvor bereits Streit an der Krämerbrücke gesucht hatte, zusammengeschlagen und schwer verletzt.

Mindestens eine Person aus der Angreifergruppe gehörte dem organisierten rechtsextremen Spektrum in Erfurt an. Diese soll bereits am Vormittag bei der Abreise zur Schlauchboottour unverhohlen mit Gewalttaten, unter anderem mit einer erneuten Beschädigung des linken Jugendbüros “Redroxx”, gedroht haben.

Schon am Nachmittag habe eine Vielzahl von Leuten bei der Einsatzzentrale angerufen, hieß es in einem Pressebericht der Polizei. Es habe vor allem Beschwerden über Personen gegeben, die hinter der Krämerbrücke Alkohol konsumiert, Lärm verursacht und nackt badend die Öffentlichkeit belästigt hätten. Zusammen mit dem Bürgeramt der Stadt sollte die Situation kommunikativ geklärt werden.

Dem zuvorgekommen war jedoch die Gruppe, die auch laut Polizeidirektion der “Erfurter Hooliganszene” zugeordnet werden konnte. Dass die Polizei während des Überfalls wenige Meter entfernt auf dem Wenigemarkt präsent war und die meisten der Angreifer entkommen ließ, verurteilt die Antifaschistische Koordination Erfurt. Am Abend trafen sich mehr als 150 Personen spontan zu einer Kundgebung in der Innenstadt, um auf die Geschehnisse an der Krämerbrücke aufmerksam zu machen. Die Polizeidirektion wollte sich gestern auf Nachfrage der TLZ zu den Vorkomnissen am Sonnabend nicht weiter äußern.”

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4 thoughts on “Nach Attacke von „Kategorie Erfurt“: Prozess gegen Punk

  1. Sowas kann und will man eigentlich nicht glauben…

    Da werden Menschen von Rechtsextremen angegriffen und danach noch von der Polizei vermöbelt?!?

    Es wurde KEINER(!) der Rechtsextremen angeklagt?!?

    In was für einem Land leben wir eigentlich?

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