Das Auswärtige Amt und der Holocaust

Eine Historiker-Kommission hat dem Auswärtigen Amt die Studie zu dessen Beteiligung am Holocaust offiziell überreicht. „Das Auswärtige Amt war ein Teil, ein aktiver Teil der verbrecherischen Politik“, betonte Bundesaußenminister Westerwelle bei der Übergabe, er zeigte sich „beschämt“ über die Ergebnisse. Dabei sind diese seit Jahrzehnten bekannt. Der Historiker Ernst Piper* zeigt: Die Verstrickung des Amts in den Holocaust ist weder neu aufgedeckt worden – noch kann sie überraschen, wenn man sich die seit mehreren Dekaden vorliegende Fachliteratur anschaut.

Franz Rademacher war ein rechtschaffener Mann. Er kam aus einfachen Verhältnissen. Sein Vater wollte, dass aus dem Jungen etwas wird und ließ ihn studieren. 1937 gelang Radema-cher der Eintritt ins Auswärtige Amt. Drei Jahre später übernahm er die Leitung von D III; das war das Judenreferat in der neu gebildeten Abteilung Deutschland. Am 6. April 1941 marschierten die Deutschen in Jugoslawien ein, eroberten das Land im Handumdrehen und zerschlugen es. Serbien kam unter deutsche Militärverwaltung. Am 16. Oktober 1941 fuhr Rademacher nach Belgrad. Wieder in Berlin erstattete Bericht: „Die männlichen Juden sind bis Ende der Woche erschossen, damit ist das in dem Bericht der Gesandtschaft angeschnittene Problem erledigt.“

Léon Poliakov und Joseph Wulf haben Rademachers Belgradreise in ihrem Buch „Das Dritte Reich und seine Diener“ ausführlich dokumentiert. Rückblickend schrieb Wulf: „Ich habe 18 Bücher über das Dritte Reich veröffentlicht und das alles hat keine Wirkung. Du kannst Dich bei den Deutschen tot dokumentieren.“ Wenig später nahm sich Wulf aus Verzweiflung über die Wirkungslosigkeit seines Tuns das Leben.

Als der amerikanische Historiker Christopher Browning auf der Suche nach einem Dissertati-onsthema war, warnte ihn sein Doktorvater: Die Beschäftigung mit dem Auswärtigen Amt könne ihn die Karriere kosten. Browning ignorierte die Warnung und 1978 erschien seine Arbeit über das Judenreferat. Browning ist heute ein weltweit anerkannter Holocaustforscher, seine wichtigen Bücher sind alle ins Deutsche übersetzt. Nur bei diesem Buch dauerte es mehr als 30 Jahre, bis eine deutsche Übersetzung herauskam.

Jews from Subcarpathian Russia (then part of Hungary) undergo a "Selektion" on the ramp at the Auschwitz-Birkenau extermination camp, May 1944. The officer in front holding a riding crop is either SS Unterscharfuehrer Wilhelm Emmerich or SS Haupsturmfuehrer Georg Hoecker; inmates in striped uniforms—to be killed at a later date—assigned to the "Kanada" section collect the property. Note the physician in the white coat between the columns, Gyorgy Havas, selecting who is sent immediately to death and who will wait. (Diese Datei wurde unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation veröffentlicht.)
Jews from Subcarpathian Russia (then part of Hungary) undergo a "Selektion" on the ramp at the Auschwitz-Birkenau extermination camp, May 1944. The officer in front holding a riding crop is either SS Unterscharfuehrer Wilhelm Emmerich or SS Haupsturmfuehrer Georg Hoecker; inmates in striped uniforms—to be killed at a later date—assigned to the "Kanada" section collect the property. Note the physician in the white coat between the columns, Gyorgy Havas, selecting who is sent immediately to death and who will wait. (Diese Datei wurde unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation veröffentlicht.)

Rademacher hatte 1941 in seiner Spesenabrechnung als Zweck der Reise „Liquidation von Juden“ angegeben. „Der Spiegel“ hatte das in einem Bericht über NS-Diplomaten im Auswär-tigen Amt schon 1971 zitiert. Auch bei Browning findet sich das schaurige Zitat. In der Studie „Das Amt und die Vergangenheit“ ist der Vermerk, mit Brownings Buch als Quellenangabe, wiederum zitiert. Jahrzehntelang hatte der offenherzige Umgang des Diplomaten Rademacher mit dem Judenmord niemanden interessiert. Diesmal ist das mediale Echo gewaltig, das faksimilierte Dokument findet seinen Weg sogar auf die Titelseite mehrerer Tageszeitungen.

Ausgangspunkt für die vorliegende Publikation war eine Kontroverse um die Nachrufpraxis des Auswärtigen Amtes. 2003 war Franz Nüßlein verstorben, der als Staatsanwalt im soge-nannten Reichsprotektorat Böhmen und Mähren an zahlreichen Todesurteilen mitgewirkt hat-te. Nach Kriegsende floh er nach Süddeutschland, wurde von den Amerikanern verhaftet und an die Tschechoslowakei ausgeliefert, wo er zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. 1955 wurde Nüßlein im Zuge der Entlassung von Kriegsgefangenen als „nicht amnestierter Kriegs-verbrecher“ in die Bundesrepublik abgeschoben, wo er noch im selben Jahr in den Auswärti-gen Dienst übernommen wurde. Seine einzige Auslandsverwendung führte ihn in das faschis-tische Spanien. Als Nüßlein starb, erhielt er den üblichen Nachruf in der Hauszeitschrift InternAA. Das „ehrende Andenken“, das das Amt ihm bewahren wollte, empörte eine frühere Mitarbeiterin. Sie gab den Anstoß dafür, dass Außenminister Fischer im September 2003 verfügte, ehemalige Mitglieder der NSDAP sollten künftig keinen Nachruf mehr erhalten. Der erste, den das betraf, war im Jahr darauf Franz Krapf. Er war nicht nur Parteimitglied gewe-sen, sondern 1933 auch der SS beigetreten. Krapf war außerdem einer der fünf „ehrenamtli-chen Mitarbeiter“ des Reichssicherheitshauptamtes im Auswärtigen Amt, d.h. er versorgte die Mörderzentrale in der Prinz-Albrecht-Straße laufend mit Informationen aus dem Amt.

Diesem Mann wurde das „das ehrende Andenken“ verweigert, was zu einer nie dagewesenen Revolte unter deutschen Spitzendiplomaten führte. Ein Botschafter, vormals Büroleiter von Hans-Dietrich Genscher, der den Minister in einem offenen Brief scharf angriff, musste zwangspensioniert werden. 76 Mitarbeiter des AA warfen Fischer „anmaßende Selbstüberschätzung“ vor. In der FAZ, dem Zentralorgan des Fischer-Bashing, schalteten prominente Altdiplomaten eine Todesanzeige für Krapf. Zahlreiche Leserbriefe erschienen und in redak-tionellen Beiträgen wurde Fischers Erlass als „unsachlich, unanständig, unehrlich“ angeprangert.

Am Ende berief der Außenminister zur Klärung der Sachlage eine Historikerkommission, die nach vierjähriger Arbeit jetzt ihren Bericht vorgelegt hat. Die vier international angesehenen Experten waren unter dem Gesichtspunkt des Pluralismus ausgewählt worden. Unterstützt von einem Dutzend hochqualifizierter Mitarbeiter haben sie ein epochales Werk vorgelegt. Es ist eine bedrückende Lektüre, die Geschichte von Korpsgeist und Kumpanei, Naivität und Ignoranz, Lüge und Vertuschung, die Geschichte einer elitären Beamtenschaft, die jahrelang einer ungeheuerlichen Mord- und Vernichtungsmaschinerie zugearbeitet hat und dabei nicht selten sogar die Initiative ergriff. Deutsche Diplomaten organisierten und koordinierten die Deportationen in die Vernichtungslager z.B. in Bulgarien, Griechenland oder der Slowakei.

„Das Amt und die Vergangenheit“ entlarvt lange gehegte Legenden. Das Auswärtige Amt war nicht nur kein Hort des Widerstands. Es war auch nicht ein Refugium altgedienter Ministerialbürokraten, die auch unter einer schlechten Regierung ihr Land nicht im Stich lassen wollten und einfach weiter ihren Dienst verrichteten. Es gab auch keine gezielte Infiltration durch Nationalsozialisten, die war gar nicht notwendig. Kennzeichnend für das Auswärtige Amt war vielmehr die „Selbstgleichschaltung“. Zwischen den Beamten in der Wilhelmstraße und der Regierung Hitler herrschte ein antidemokratischer und ein auch ein antisemitischer Konsens, wobei die meist adeligen Diplomaten den traditionellen Oberschichtantisemitismus vertraten, der weit weniger radikal war als der genozidale Erlösungsantisemitismus der Nationalsozialisten. Aber beide wollten den „Schandfrieden“ von Versailles überwinden und Deutschland wieder zur Großmacht machen. Nur in der Beur-teilung des Kriegsrisikos gab es Differenzen.

Im Mai 1933 erließ die NSDAP angesichts der Flut von Aufnahmeanträgen eine langjährige Mitgliedersperre, die aber für Angehörige des Auswärtigen Amtes schon bald wieder aufge-hoben wurde. In mehreren Wellen traten zahllose Diplomaten der NSDAP bei, 1943 waren 573 von 703 Angehörigen des höheren Dienstes Parteigenossen.

Den zweiten und größeren Teil ihrer Darstellung haben die Autoren der Nachkriegszeit gewidmet. Hier treffen wir die „feinen Herren mit den blutbesprenkelten weißen Westen“ (Ro-bert Kempner) fast alle wieder. Im März 1952 sind 49 von 75 Ministerialdirektoren, -dirigenten und Referatsleitern ehemalige Mitglieder der NSDAP. Männer wie Fritz Kolbe, die im Widerstand gewesen waren, wurden dagegen als Verräter stigmatisiert und ihre Wieder-verwendung im Auswärtigen Dienst von den alten Wilhelmstraßen-Seilschaften erfolgreich hintertrieben. Es ist dieser zweite Teil des Buches, der ebenso schockierend wie verdienstvoll ist. Die Schrecken des Holocaust sind auch in ihren gewaltigen Dimensionen inzwischen im Wesentlichen bekannt. Auch die tiefe Verstrickung der Ministerialbürokratie und der diplo-matischen Vertretungen war für Fachleute kein Geheimnis. Aber das Ausmaß der personellen Kontinuität nach 1945 und die Skrupellosigkeit, mit der sie durchgesetzt wurde, werden hier erstmals systematisch beschrieben. Dabei wird auch deutlich, dass es keine Rolle spielte, ob der Außenminister der CDU, der SPD oder der FDP angehörte.

Paradigmatisch ist der Fall Werner von Bargen. Der hatte unter anderem Judendeportationen in Belgien organisiert. Ein Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages kam 1952 zu dem einstimmigen (!) Ergebnis, dass Bargen für eine weitere Verwendung im Auswärtigen Dienst nicht geeignet sei. Daraufhin wurde er eine Zeit lang offiziell beurlaubt und arbeitete als Dozent in der Attachéausbildung. Bereits 1954 wurde er reaktiviert und rückte zum stell-vertretenden Leiter der handelspolitischen Abteilung auf. Bargen gehörte zu den schwer Be-lasteten, die im Ausland nur in arabischen Ländern eingesetzt wurden. So wurde er Botschaf-ter in Bagdad. Anlässlich seiner Pensionierung erhielt der Mann, der einst das „Abschlachten“ von Juden begrüßt hatte, das Große Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutsch-land.

Zu denen, die 2003 gegen die von Außenminister Fischer angeordnete neue Nachrufregelung protestiert haben, gehörte auch Ludwig Biewer, der Leiter des Politischen Archivs. In „Das Amt und die Vergangenheit“ wird er namentlich nur einmal erwähnt, als Verfasser eines ungewöhnlich inkompetenten Gutachtens. Dabei ging es ihm um die Verhinderung der Würdi-gung eines Diplomaten, der Widerstand geleistet hatte. Im Nachwort beklagen die Autoren in diplomatisch vornehmen Worten die Behinderung ihrer Arbeit durch die Archivleitung. Die Ausgliederung dieser Bestände aus dem Bundesarchiv ist eine der fragwürdigen Traditionen des Auswärtigen Amtes.

1947 begann der Prozess „The United States of America vs. Ernst von Weizsäcker et. al.“, der sogenannte Wilhelmstraßen-Prozess. Angeklagt waren neben anderen Ministerialen acht Diplomaten. Der ranghöchste war Staatssekretär Weizsäcker, der als Kriegsverbrecher zu einer vergleichsweise milden Strafe von zunächst sieben, dann fünf Jahren Gefängnis verurteilt wurde. 1950 edierte Robert Kempner die wesentlichen Dokumente des Prozesses. Auf dem Umschlag des Buches stand in großen roten Versalien: „Dieses Buch muss jeder Deutsche lesen!“ Ein Appell, der ungehört verhallte. Was das für Folgen hatte, wissen wir jetzt ganz genau. Und die Zeichen stehen gut, dass „Das Amt und die Vergangenheit“ nicht von jedem, aber doch von vielen Deutschen gelesen wird. Hoffentlich sind auch ein paar Diplomaten darunter.

*Ernst Piper ist Historiker und lehrt Neuere Geschichte an der Universität Potsdam.

Christopher R. Browning, Die „Endlösung“ und das Auswärtige Amt. Das Referat D III in der Abteilung Deutschland 1940-1943, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2010, 320 Seiten, € 49,90

Eckart Conze/Norbert Frei/Peter Hayes/Moshe Zimmermann, Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik, Karl Blessing Verlag, München 2010, 879 Seiten, € 34,95

Siehe auch:  Auswärtiges Amt als “verbrecherische Organisation, Die gewonnene Ehre des Revisionisten Konrad Löw, Nürnberger Gesetze: “Zum Schutze des deutschen Blutes”, Eichmann-Akten: “Kanzleramt behindert historische Aufklärung”, NS-Vergangenheit: Offenlegung der BND-Akten gefordert, Beflissener Verwalter der Vernichtungsmaschinerie

4 thoughts on “Das Auswärtige Amt und der Holocaust

  1. Und jetzt, nach all den Jahren kommt Westerwelle und stellt sich als FDP Mann mutig, schützend vor seine NSDAP- Mitglieder Vorgänger.
    Wieso nicht einfach Einsichtig sein? Oder muss um jeden Preis die Liaison zwischen Kapital und Menschenverachtender Politik verschleiert werden?

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