Neonazis in Sachsen: Die eigenen Reihen schließen

Wer ein aktionsorientierter Neonazi ist, muss an Wochenenden viel unterwegs sein. Eine Woche nach dem Neonazi-Spuk in Leipzig waren die braunen Kameraden schon wieder unterwegs. Eine Abordnung der Veranstalterkreise des braunen Großevents am 16. Oktober besuchte eine Demonstration befreundeter Kameraden im Ruhrgebiet. Rund 40 Neonazis aus dem Umfeld des „Freien Netz Borna-Geithain“ ersparten sich die weite Anreise. Sie versammelten sich stattdessen am Samstagnachmittag auf einem Parkplatz im heimischen Borna.

Von Patrick Limbach

Unter dem Motto „Das System bringt uns den Volkstod – Freie Völker statt freie Grenzen“ riefen Kameradschaften aus Hamm und Unna zu dem Aufmarsch im östlichen Ruhrgebiet auf. „Die Überfremdung wurde von Menschen gemacht, also kann sie auch von Menschen wieder rückgängig gemacht werden“, so die rassistische Logik der Veranstalter um Versammlungsleiter Sascha Krolzig (Hamm). Ihre Forderung: Die Deportation aller Nicht-Deutschen in ihre Heimatländer. Gleichzeitig stellten sie in ihrem Aufruf die Systemfrage: „Eine freie und unabhängige Nation mit einer am Gemeinwohl orientierten Wirtschaftsordnung kann es nur in einem neuen System, einem neuen Deutschland geben.“ Dass es sich dabei um denselben Nationalsozialismus handeln soll, der in der Vergangenheit Millionen Menschen das Leben gekostet hatte, verschwiegen sie nicht. Im Gegenteil: „Nationaler Sozialismus“ sei ein Naturgesetz, mittels dessen man kulturelle und völkische Vielfalt erhalten wolle. So elegant kann also gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit umschrieben sein.

Neonazis aus Leipzig beim Aufmarsch in Hamm
Neonazis aus Leipzig beim Aufmarsch in Hamm

Zu den Rednern zählten die bundesweit aktiven Kameradschaftsaktivisten Christian Worch (Parchim), Axel Reitz (Köln) und Sven Skoda (Düsseldorf) sowie der stellvertretende JN-Bundesvorsitzende Andy Knape. Sven Kahlin, der erst jüngst wegen der Tötung eines Dortmunder Punkers nach fünf Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen worden war, verlas eine Grußbotschaft von Ursula Müller. Sie steht der „Hilfsgemeinschaft für politische Gefangene und deren Angehörigen e.V.“ vor, deren Verbot gerade vom Bundesinnenministerium geprüft wird.

Aus Leipzig und Umland reisten rund 15 Neonazis nach Hamm. Eine politische Geste, um sich für den zahlreichen Besuch der Ruhrgebiet-Neonazis am vergangenen Wochenende in Leipzig zu revanchieren. Neben zwei bekannten Köpfen aus dem Umfeld des militanten „Aktionsbüro Nordsachsen“ trat erstmals eine Leipziger Gruppe namens „Heimat-Treues-Leipzig“ öffentlich mit eigenem Transparent in Erscheinung. Die aus 9 Jugendlichen im AN-Look bestehende Gruppe fiel erstmals auf, als sie in der Nacht zum 30. September in der Georg-Schwarz-Straße Plakate gegen die Linkspartei klebte. In den Leipziger Szene-Strukturen dürften ihre Mitglieder angesichts des einflussreichen JN-Stützpunkts von Tommy Naumann zunächst nur eine untergeordnete Nebenrolle spielen.

Parallel versammelten sich am späten Nachmittag rund 40 braune Kameraden in Borna (Landkreis Leipzig). Dort hatte Stadtrat Tony Keil (NPD) am Containerplatz in der Heinrich-Heine-Straße eine Kundgebung unter dem Motto „Unsere Heimat stirbt“ angemeldet. In der Region sind seit Monatsbeginn wieder verstärkte Neonazi-Aktivitäten zu beobachten. Die Veranstaltung ist in diesem Monat bereits die vierte rechte Versammlung im Raum Borna-Geithain. Erst am 16. Oktober waren rund 100 Neonazis am frühen Vormittag spontan in Geithain aufmarschiert, bevor sie sich auf den Weg zu einer geplanten Großkundgebung in Leipzig machten. Bereits am 10. Oktober besetzten etwa 30 von ihnen anlässlich einer Kundgebung den Geithainer Marktplatz. Und am 02. Oktober spielte sich auf dem Marktplatz in Kohren-Salis ein ähnlich gespenstisches Schauspiel ab.

Neonazis aus dem Umfeld des „Freien Netz Borna-Geithain“ um die Kader Tony Keil und Manuel Tripp (Geithain) versuchen sich seit einiger Zeit in öffentlichkeitswirksamen Machtdemonstrationen. Angesichts dessen, dass ihre angemeldeten Versammlungen an Wochenenden nachmittags stattfinden, wenn vergleichsweise wenig Bürger unterwegs sind, kann die Außenwirkung dieser Kundgebungen allerdings in Frage gestellt werden. Offensichtlich sollen die Versammlungen weniger der Öffentlichkeitsarbeit dienen, sondern vielmehr der Festigung jüngst erweiterter Strukturen. Erst vor gut zwei Wochen erklärten sich die „Freien Kräfte Kohrener Land“ als Teil des „Freien Netz Mitteldeutschland“, dem auch die Kameraden aus Borna und Geithain angehören.

Siehe auch: NPD darf in Wunsiedel marschieren, Die Neonazis und der Krampf um die Straße

5 thoughts on “Neonazis in Sachsen: Die eigenen Reihen schließen

  1. Die „JLO“ bereitet sich wieder auf ihren jährlichen Winterfeldzug in Dresden vor und nimmt dafür bereits vorab Bundesverfassungsrichter Johannes Masing für sich in Beschlag:

    http://www.jlosachsen.de/index.php?option=com_content&task=view&id=148&Itemid=1

    Also nicht vergessen: Wenn im nächsten Jahr Europas Neonazis wieder durch Dresden ziehen, um ihr „arisch-weisses“ Europa durch ihren jeweilig nationalen Schlägermob einzufordern, dann ist „Meinungsfreiheit keine Frage der Meinung.“ …. 😉

    „An einem ließ Masing keinen Zweifel: „Es geht nicht an, daß sich staatliche Behörden dafür feiern lassen, daß sie eine erlaubte Veranstaltung abgedrängt haben.“ Hier spielte der Staatsrechtslehrer auf die beliebte Übung von manchen Bürgermeistern und Abgeordneten an, genehmigte Aufmärsche faktisch zu unterbinden. „Es ist keine gute Tat, rechtsradikale Demonstrationen zu verhindern.“ (FAZ / http://www.faz.net/s/RubD5CB2DA481C04D05AA471FA88471AEF0/Doc~E7589552636A9442099A4E3F2CB32B021~ATpl~Ecommon~Scontent.html )

    Das hat die FAZ aber schön blumig zusammengefügt … da wird sich „mancher Bürgermeister“ aber freuen. *lol*

    Aber selbstverständlich wollen wir alle miteinander immer artig „rechtsstaatlich“ bleiben, vor allem jene Stellen, die eigentlich in Hinweisen zum NS-Mob „ersaufen“ und um deren Zielstellungen wissen müssten – um ihn dennoch aufmarschieren zu lassen.

    Hochgebildeten Verfassungsrechtlern kann man in Deutschland leider keinen „dezidierteren“ Blick auf Nazis zumuten, da käme ja ein muffiger Wind in ihre Nachkriegs-Elfenbeintürme.

    Abgründe der „deutschen Intelligenz“ …

  2. Apropos Sachsen: Nach dem Brandanschlag auf den Sitz der „Sozialen und politischen Bildungsvereinigung“ in Limbach-Oberfrohna, nimmt die Polizei 13(!) Personen fest (12 Männer und eine Frau) – aber das Motiv für den Anschlag sei der Polizei „unklar“ … *rofl* 😉

    MDR-Text vom 13.11.10:

    „Brandanschlag auf linken Verein

    Auf einen linksorientierten Jugendtreff in Limbach-Oberfrohna ist in der Nacht zu Sonnabend ein Brandanschlag verübt worden. Wie die Polizei mitteilte, wurden 12 Männer und eine Frau im Alter zwischen 16 und 38 Jahren festgenommen. Der Sitz der „Sozialen und politischen Bildungsvereinigung“ sei verwüstet worden. Der Verein sprach von einer „neuen Stufe rechter Gewalt“. Für die Polizei ist das Motiv unklar. Vor dem Brand hatte es in der Stadt eine Auseinandersetzung zwischen linken und rechten Jugendlichen gegeben.“, Meldung Ende.

    Wahrscheinlich wird jener Jugendtreff „linksorientiert“ sein, da er der einzige Treff ist/war, in dem keine aktionsorientierten Nationalsozialisten rumgelungert haben, die beinahe täglich in Sachsen (und Anderswo) ihren „Bürgerrechten“ nachgehen können – auf staatlich sanktionierten „Demonstrationen“ gegen den „Volkstot“, oder unter dem Motto: „VOLKSGEMEINSCHAFT statt Massenarmut“. – Da wir ja 1921 haben und an Suppenküchen anstehen.

    Daher auch die vielen Kochsendungen für die hungernden Deutschen (das war jetzt Polemik und unpassend zum Thema, sorry.) 😉

    p.s. Zum Glück sind 13 Personen kein Personenzusammenschluss.

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