Blaue Narzisse: Jammern auf hohem Niveau

Die Schreiberlinge des neurechten Online-Magazins „Blaue Narzisse“ spielen sich offenbar gerne als Oberlehrer auf – und versenden daher „Blaue Briefe“: unter anderem an Heiner Geißer (CDU, Attac) oder Katja Kipping von der Linkspartei. Nun wurde auch NPD-Chef Udo Voigt ein entsprechendes Dokument von den rechten „Frechdachsen“ zugestellt – öffentlich versteht sich.

Von Patrick Gensing

In dem Schreiben regt der Absender einen Kurswechsel der Partei an, immerhin sei die NPD die „momentan einzige große radikale rechte Partei in Deutschland, die in zwei Landesparlamenten vertreten ist“. Und ab dem kommenden Jahr sind es möglicherweise sogar drei Landtagsfraktionen – mit einer ganzen Menge Jobs.

Doch bislang stört sich die „Blaue Narzisse“ vor allem daran, dass die NPD zu unchristlich sei:

Deutschland als Land der Deutschen liegt uns am Herzen, das Christentum liegt uns am Herzen, das abendländische Menschentum liegt uns am Herzen, soweit sind wir uns wohl einig, oder? Wie können Sie es daher zulassen, dass Ihre Partei sich in Teilen zu einer anti-abendländischen, zu einer antichristlichen Sekte entwickelt?

Außerdem, kritisiert die BN die Propaganda der NPD gegen die „Ostküste“ (eine weitläufig verbreitete antisemitische Chiffre), diese sei wenig effektiv, weil die Menschen eher etwas gegen Moscheen als Synagogen hätten. Daher solle die Partei dagegen polemisieren (was sie übrigens seit Längerem tut, siehe LTW in NRW beispielsweise).

Die neurechte BN möchte in diesem Zusammenhang aber die Gefahr bannen, an ihr könnte der Stallgeruch des Philosemitismus` hängen bleiben – und stellt daher klar:

die politisch korrekten Gralswächter vom Zentralrat der Juden finde ich, finden die meisten Menschen, die ich kenne, mit Verlaub, zum Kotzen. Noch mal, warum wählen in den Teilen Westdeutschlands, die ich kenne, Menschen die CDU und keine rechten Parteien? Die Leute sagen: „Dat sind keine Christen.“ Und: „Ich glaub’ die sind gewalttätig.“ Daher nimmt es nicht Wunder, warum im konfessionslosen Osten viele Menschen NPD wählen, im Westen so gut wie niemand.

Und weil es im Osten keinen stört, dass die gewalttätig sind? Interessante These.

„Kommunistischer Beigeschmack“

Die Art Narcissus pseudonarcissus wird laut Wikipedia auch Osterglocke genannt. Der natürliche Verbreitungsschwerpunkt liegt in Südwesteuropa und Nordwestafrika. Nur wenige Arten kommen auch im Küstengebiet des östlichen Mittelmeers vor. Es handelt sich bei der Pflanze also um einen Nachkommen von Migranten!!! (Foto: Olaf_S)
Die Art Narcissus pseudonarcissus wird laut Wikipedia auch Osterglocke genannt. Der natürliche Verbreitungsschwerpunkt liegt in Südwesteuropa und Nordwestafrika. Nur wenige Arten kommen auch im Küstengebiet des östlichen Mittelmeers vor. Es handelt sich bei der Pflanze also um einen Nachkommen von Migranten!!! (Foto: Olaf_S)

Was den neurechten Strebern ebenfalls stinkt, ist das „Revoluzzertum“ der NPD. Inhaltlich sei man möglicherweise gar nicht weit voneinander entfernt, leitet die BN ein, aber „die Begriffe, die die Partei und ihre Sympathisanten verwenden, haben einen kommunistischen Beigeschmack und stoßen allein deswegen schon auf Ablehnung“. Ganz abgesehen davon, so heißt es im Folgenden – um deutlich zu machen, dass man die Sozialromantik und Kapitalismuskritik a la „raffendes“ gegen „schaffendes“ Kapital teilt – dass man „mit sozialistischen Parolen, ganz gleich ob national oder international, vielleicht in Großstadtmilieus seine Abnehmer findet, aber sicher nicht bei den fleißigen und tüchtigen Menschen auf dem Land“.

Und in diesem Land sei „der Islam die größte Gefahr. […] 1000 Jahre führte der Islam einen Angriffskrieg gegen Europa – mit Landraub, Vertreibung, Versklavung und Islamisierung, nur unterbrochen durch die Kreuzzüge. Und nun ist er mitten unter uns.“ Sogar, oh Graus, fast in der NPD – zumindest Multikulti ist hier eingezogen:

„Multikulti ist am Ende, oder doch nicht? In meiner Geburtsstadt Trier sitzt für die NPD Safet Babic im Stadtrat, der bosnische Wurzeln hat. Warum regt sich die NPD über einen einzigen Dunkelhäutigen in der thüringischen CDU auf, obwohl sie selbst Ausländer und Nichtdeutsche in Stellung bringt?“

Abschließend beurteilt die Blaue Narzisse die eigenen Argumente selbst – und zwar als „diskussionswürdig“. Die Neurechten äußern die Hoffnung, eine Stellungnahme von Voigt zu erhalten.

Das rote Reh und der verruchte Konservative

Aber auch bei anderen Personen hatte man bereits vorgewinselt, um etwas Aufmerksamkeit zu bekommen. So beispielsweise mit Hilfe eines „Blauen Briefs“ an Katja Kipping von der Linkspartei. Hier langweilte der Autor die Leser mit öden Erfahrungen aus der Schulzeit sowie dem allseits bekannten Lamento der Rechtsradikalen über die Verkommenheit der Welt, welche sich durch schwule Bürgermeister oder Fritten aus der Mülltonne zeige. Schließlich nimmt das Ganze aber doch noch Fahrt auf und wird endlich vollkommen grotesk, denn der BN-Schreiber möchte sich der Linkspartei-Politikerin mit den „Reh-Augen“ als Untersuchungsobjekt andienen. Kommunisten-Katja soll dabei mit dem Verbotenen gelockt werden, der Charme des Outlaw soll das linke Bundestagsabgeordneten-Rehlein über die ideologischen Klippen locken. Lesen Sie selbst:

mit dem Erzbösen sind Sie jetzt schon in Kontakt getreten, wenn Sie bis hierhin gelesen haben. Sie haben es überlebt, aber Sie sind kontaminiert. […] Seien Sie doch mal „autonom“ und schreiben Sie zurück, bevor Sie das alles mit Ihren Genossen besprochen haben, das Für und Wider und überhaupt diese Widerlichkeit der rechten Blutsauger und Frechdachse. Linke sind doch schon immer davon fasziniert gewesen, die dunkle Natur des Menschen durch Resozialisierung zu heilen. Bitte beantworten Sie uns doch die Frage, warum Sie alles Konservative so beharrlich hassen und verdammen. Und warum Sie allen Menschen, die an Gott und Nation glauben für gefährliche Individuen halten, die gleich andere Völker bedrohen und ausrauben wollen. […] Und der Kommunismus hat eine Blutspur sondergleichen in der Geschichte der Menschheit gezogen, das wissen Sie. Also, in Erwartung einer Antwort […] Trauen Sie sich!

Fehlt nur noch „Ruf mich an! Ich bin sehr, sehr konservativ und rechne dir die Verbrechen des Kommunismus vor! 0190-uswusf“

Wo ist das Bewusstsein für Traditionen?

Die Bezeichnung „Blauer Brief“ stammt laut Wikipedia übrigens aus dem 18. Jahrhundert, als königliche Anordnungen häufig blickdicht verpackt und gesiegelt werden mussten. Dafür eignete sich demnach Papier, das aus Lumpen hergestellt wurde, oft von Uniformen, die in dieser Zeit preußisch Blau waren, besonders gut.

Wie wäre es denn, wenn die aufrechten Konservativen diese Tradition wieder aufleben ließen – und ihre „Blauen Briefe“ – welche so zum Fremdschämen einladen – ebenfalls in Lumpen verschwinden lassen und so sämtlichen Beteiligten, inklusive sich selbst, einen Gefallen erweisen würden? Man wird ja wohl noch mal kritisch fragen dürfen, oder? Das wissen Sie!

Siehe auch: Getrennt marschieren oder den rechten Flügel stärken?, “Dem Konservatismus fehlt es an klugen Denkern”, “Nationale Sozialisten” laufen Bundesbanker Sarrazin nach, Leipziger Burschenschafter und ihre Verbindungen nach rechtsaußen, Brinkmann sucht die extreme Rechte ohne Antisemitismus, Rechte Revolte: Mehr Gott, mehr Staat, mehr Vaterland, NPD-Ideologie: Alte Rechte mit etwas Neuer Rechten

3 thoughts on “Blaue Narzisse: Jammern auf hohem Niveau

  1. Die Jungs hätten Ihren Pups mal besser „Braune Narzisse“ nennen sollen. Aber vermutlich wollen die ja auch neue Rekruten; müssen ja nicht ihre alten Braunhemden überzeugen …

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