Auswärtiges Amt als „verbrecherische Organisation“

Die von Ex-Außenminister Joschka Fischer eingesetzte Historikerkommission zur Geschichte des Auswärtigen Amts hat ihren Bericht zur Rolle des Auswärtigen Amts in der NS-Zeit vorgelegt. Demnach war das Amt tief in den Holocaust verstrickt. Nach dem 2. Weltkrieg behinderten zudem Diplomaten die Aufklärung nach Kräften. Das berichtet der Spiegel vorab.

"Selektion" in Auschwitz
"Selektion" in Auschwitz

Demnach werden Außenminister Guido Westerwelle (FDP) sowie seine beiden Vorgänger Frank-Walter Steinmeier (SPD) und Fischer (Die Grünen) im Haus der Kulturen der Welt in Berlin bei einer Veranstaltung des Blessing Verlags vorstellen. Das Buch werde von einer Kommission vorgelegt, zu der die deutschen Historiker Eckart Conze und Norbert Frei gehören, der Amerikaner Peter Hayes und der Israeli Moshe Zimmermann. Ihr Bericht behandele die Geschichte des „vornehmsten Ministeriums in einer düsteren Epoche und die Frage, wie das Amt nach dem Krieg mit dieser Vergangenheit umging“, so der Spiegel.

„Aktiv an der Judenpolitik beteiligt“

Das Urteil der Experten sei vernichtend. „Die Diplomaten waren zu jedem Zeitpunkt über die Judenpolitik im Bilde“, schreiben sie, und „aktiv an ihr beteiligt“. Die Mitwirkung am Massenmord sei „ein Tätigkeitsfeld“ von Amtsangehörigen „überall in Europa“ gewesen. Fischer zeigte sich laut Spiegel von dem Ergebnis schockiert: „Mir wird immer noch schlecht.“ Der Leiter der Kommission Eckart Conze erklärte im Spiegel-Gespräch das Auswärtige Amt sogar zur „verbrecherischen Organisation“. Mit diesem Begriff war 1946 die SS im Nürnberger Hauptkriegsverbrechertribunal belegt worden.

Conzes Einschätzung sei zugleich ein Urteil über die adliggroßbürgerliche Oberschicht, berichtet das Nachrichtenmagazin weiter. In keiner anderen Institution waren demnach so viele bekannte Familien vertreten wie im Auswärtigen Amt: die Weizsäckers, die Bismarcks, die Mackensens. Doch auch was die Historiker über die alte Bundesrepublik zusammengetragen haben, sei voller Brisanz. Kanzler Konrad Adenauer, 1951 bis 1955 zugleich Außenminister, ließ demnach – trotz besseren Wissens – alte Seilschaften im Amt gewähren. Noch in den achtziger Jahren, in der Amtszeit Hans-Dietrich Genschers, stießen Wissenschaftler im Ministeriumsarchiv dem Bericht zufolge auf eine Mauer des Schweigens, wenn sie dort belastende Unterlagen einsehen wollten, um die offizielle Version zu widerlegen, das Amt sei ein „Hort des Widerstandes“ gewesen.

Ausgangspunkt für die Untersuchung sei ein „lächerlicher Nachruf in einem mistigen Blättchen“ gewesen, sagte Fischer. 2003 hatte die Mitarbeiterpostille „intern AA“ einen ehrenden Nachruf auf den früheren Generalkonsul Franz Nüßlein veröffentlicht. Dieser verschwieg, dass Nüßlein als Oberstaatsanwalt im besetzten Prag Hunderte Hinrichtungen mitverantwortet haben soll. Fischer verfügte, Ex-NSDAP-Mitglieder sollten fortan keine Würdigungen mehr erhalten.

Aufstand im AA

Zum ersten Mal wurde diese Ehrensperre laut Spiegel ein Jahr später gegen den verstorbenen Franz Krapf verhängt. Der Nato-Botschafter unter Genscher war sowohl Mitglied der SS (ab 1933) als auch der NSDAP (ab 1936) gewesen. Die „Mumien“, wie sich ehemalige Diplomaten selbstironisch nennen, rebellierten öffentlich. Fischer beauftragte als Reaktion die Kommission – und könne, so der Spiegel, nun triumphieren – angesichts des Ergebnisses: „Das ist der Nachruf, den die Herren verdienen.“

Der Spiegel schränkt allerdings ein, aus dem Bericht gehe eindeutig hervor, dass eine NSDAP-Mitgliedschaft allein über das Ausmaß der Verstrickung nichts aussage. Vor allem aber zähle das Buch nicht „zu jenen ausgewogenen Kommissionsberichten, die üblicherweise historische Debatten Beschließen“, schreibt das Magazin und beklagt angebliche Pauschalisierungen. Zudem sei eine Studie aus dem Jahr 2008 durchaus im AA zur Kenntnis genommen worden.

Konkret bezieht sich das Nachrichtenmagazin auf eine Arbeit von Hans-Jürgen Döscher zur Rolle des AA. Auch Sebastian Weitkamp untersuchte diesen Aspekt in seiner Studie „Braune Diplomaten: Horst Wagner und Eberhard von Thadden als Funktionäre der „Endlösung“.

Die Süddeutsche Zeitung hatte zu der Studie geschrieben:

Hans-Jürgen Döschers schonungsloses Buch über die nationalsozialistische Vergangenheit des Auswärtigen Amts ist bereits im Jahr 1995 erschienen. Die Neuauflage rechtfertigt für Rezensent Jörg Später die Debatte um die Nachrufe für Diplomaten, die in den nationalsozialistischen Apparat verstrickt waren. Döscher zeige zum einen in seinem Buch, wie stark das Auswärtige Amt in den nationalsozialistischen Apparat integriert war, wie gern sich die Diplomaten der NSDAP angeschlossen habe und wie einzelne Abteilungen an den Deportationen von Juden mitgewirkt haben. Zum anderen zeige er, wie wenig nach 1945 eine NS-Karriere einem Diplomaten geschadet habe. Im Gegenteil, in kaum einem Berufszweig wurden Altnazis derartig protegiert, wie Später feststellt. Nicht sei daher „absurder“ als das Bild des vornehm-neutralen Diplomaten, der im eher Widerstand geleistet hätte als sich dem Regime anzudienen. Allerdings muss Später auch einräumen, dass das buch erhebliche Schwächen aufweist. Es sei recht ermüdend geschrieben, weder sonderlich spannend noch analytisch bestechend geschrieben. Und es lasse wichtige Fragen offen. Inhaltlich scheint es den Rezensenten trotzdem überzeugt zu haben.

Siehe auch: Die gewonnene Ehre des Revisionisten Konrad Löw, Nürnberger Gesetze: “Zum Schutze des deutschen Blutes”, Eichmann-Akten: “Kanzleramt behindert historische Aufklärung”, NS-Vergangenheit: Offenlegung der BND-Akten gefordert, Beflissener Verwalter der Vernichtungsmaschinerie

5 thoughts on “Auswärtiges Amt als „verbrecherische Organisation“

  1. Diese Studie ist in Buchform bereits im Buchhandel bereits (seit Freitag) erhältlich. Zumindest war mein Amazon-Päckchen am Freitag da (ISBN 978-3-89667-430-2)

  2. Die Studie von Weitkamp erschien 2008 und ist ebenfalls im AA zur Kenntnis genommen worden. Der SPIEGEL bezieht sich aber auf Döscher.

Comments are closed.