Soziale Netzwerke gegen Nazis – eine Bilanz

Am 18. Oktober 2010 ist die Aktionswoche „Soziale Netzwerke gegen Nazis“ zu Ende gegangen. 57 beteiligte soziale Netzkwerke, 345.300 Gruppenmitglieder und tausende begeisterter Zuschriften sowie hunderte hasserfüllter Zuschriften sprechen eine deutliche Sprache: Das Thema Neonazis und rechtsextreme Einstellungen im Web 2.0 bewegt viele und muss weiter bearbeitet werden.

Die Idee zur Kampagne „Soziale Netzwerke gegen Nazis“ entsprang aus der praktischen Arbeit des Internetportals www.netz-gegen-nazis.de: Sowohl die Leserinnen und Leser als auch die Redaktion nahmen wahr, wie Neonazis, Rassisten und Antisemiten sich im Web 2.0 vernetzten und versuchten, dort ihre Hetze zu verbreiten. Weil viele Userinnen und User verunsichert waren, wie sie darauf reagieren sollten, entstand – als erster Schritt der Bewusstseinsmachung – die Kampagne „Soziale Netzwerke gegen Nazis“: Eine Aktionswoche lang wiesen die Betreiber sozialer Netzwerke darauf hin, dass sie Neonazis, Rassisten und Antisemiten keine Plattform geben wollen. Durch die Positionierung der Betreiber sollten nicht-rechte User bestärkt und Rechtsaußen-Nutzern klargemacht werden, dass sie nicht erwünscht sind.

Wie war es?

Die Aktionswoche fand vom 11. bis zum 17. Oktober 2010 statt – anfangs in zwanzig sozialen Netzwerken. Aufgabe einer Aktionswoche kann nur „Awareness Raising“ sein: Aufmerksamkeit auf ein Thema lenken, es Menschen ins Bewusstsein bringen. Dies hat so gut funktioniert, dass es unsere Erwartungen bei weitem übertroffen hat. Hunderte Presse- und Internetartikel und rund fünfzig Radio- und Fernsehberichte – bis zur 20 Uhr-Tagesschau – haben über die Kampagne berichtet, die sozialen Netzwerke haben die Aktion auf ihren Startseiten und Newslettern bekannt gemacht und mit Gruppen begleitet. 37 weitere große und kleine Netzwerke und Foren haben sich in der Aktionswoche angeschlossen und hinter die Ideen von „Soziale Netzwerke gegen Nazis“ gestellt. Beeindruckende 345.300 Menschen haben sich bis zum Montagmorgen durch ihre Teilnahme in den Gruppen für die Aktion und damit für demokratische Kultur und gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus ausgesprochen. Tausende begeisterter Kommentare bestärkten uns und die sozialen Netzwerke, dass den Nutzerinnen und Nutzern dieses Thema wichtig ist und der Wunsch besteht, daran weiter zu arbeiten. Es wurde über Facetten diskutiert und gestritten, wie es für eine lebendige Demokratie wichtig und notwendig ist – auch wenn das die Moderatorinnen und Moderatoren der Gruppen oft an den Rand des Machbaren brachte.

Denn eines zeigte die Aktionswoche ebenfalls: Wie viel in den sozialen Netzwerken zu tun ist. Auch Nazis, Rassisten und Antisemiten mit Mitteilungsbedürfnis strömten in die Gruppen zur Aktion, um zu agitieren, zu pöbeln, rechtsextreme Musik zu posten oder lautstark zu beklagen, wie stark ihre Meinungsfreiheit beschnitten werde, wenn sie nicht unbehelligt den Holocaust relativieren oder nicht jeden, der sich gegen Rechtsextremismus aussprach, als „Linksextremisten“ diffamieren durften. Etliche soziale Netzwerke machten sich daran, diese Nutzerinnen und Nutzer zu verwarnen und auszuschließen – zum Wohle ihrer User, die ernsthaft an einer Auseinandersetzung über die Themen interessiert sind, die Deutschland aktuell politisch bewegen.

Wie geht es weiter?

Über Rassismus, Antisemitismus, Neonazismus in sozialen Netzwerken (und im Leben) aufzuklären, Methoden zu entwickeln, um Unbedarfte zu schützen und Unentschlossene argumentativ von der Demokratie zu überzeugen, ist eine lebensbegleitende Aufgabe, die nie zu Ende gehen wird. Demokratie muss im Alltag mit Leben gefüllt werden – hier muss auch um sie gestritten werden. Wenn wir durch die Aktionswoche tausenden Menschen klar machen konnten, dass sie im Leben und auch im Internet gebraucht werden, damit das kein formaldemokratischer, sondern auch ein wirklich demokratischer Raum ist, in dem Menschenrechte als Handlungsgrundlage zählen, haben wir viel gewonnen.

Es ist allerdings ein erster Schritt. Es liegt in der Hand der Userinnen und User, wirklich aktiv zu werden, über den Klick in die Gruppe hinaus. Es liegt in der Hand der Netzwerke, ihren (kritischen) Userinnen und Usern zu beweisen, dass sie „Soziale Netzwerke gegen Nazis“ ernst meinen und entschlossen gegen Rechsextremismus auf ihren Plattformen vorgehen. Dazu gehört auch, die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Kundenbetreuung im Thema fit zu machen – und überhaupt genügend Mitarbeiter zu haben. Mit diesem Problem kämpft etwa Facebook, das in Deutschland stetig an Bedeutung gewinnt, ohne derzeit der damit verbundenen gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden zu können. Immerhin drang unsere Aktion bis zum US-Unternehmenssprecher vor, der sagte, man sei in Deutschland noch im Aufbau, werde aber in Zukunft durchaus an solchen Aktionen teilnehmen. Das lässt hoffen.

Netz-gegen-Nazis.de wird natürlich weiter berichten und aufklären. Außerdem wollen wir mit interessierten Netzwerkbetreibern und Aktivisten eine Arbeitsgruppe bilden, um neue Methoden im Umgang mit Neonazis, Rassisten und Antisemiten in sozialen Netzwerken zu erarbeiten. Ich hoffe, dass wir gemeinsam auf immer neue Ideen kommen, wie wir für demokratische Kultur und Werte begeistern können. Das Internet bietet fantastische Möglichkeiten für wichtige Themen, viele Menschen relativ unkompliziert zu erreichen. Das müssen wir einfach für die Arbeit gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ausnutzen.

Siehe auch: Aktionswoche gegen Neonazis im Web 2.0

2 thoughts on “Soziale Netzwerke gegen Nazis – eine Bilanz

  1. Die Idee gefaellt mir:
    Die Nazis mit solchen simplen Aktionen aus der Reserve locken, damit sie sich protokolliert daneben benehmen koennen und dann ausgeschlossen werden.
    Jetzt nur nicht nachlassen!

Comments are closed.