Integrationsdebatte: Wann habt Ihr fertig?

Die schweigende Mehrheit schnattert – und das seit Wochen. Vermeintliche Wahrheiten, die angeblich nicht ausgesprochen werden dürfen, dominieren die öffentliche Debatte. Das Internet müsste demnächst mit Kommentaren von selbsternannten „Integrationskritikern“ voll geschrieben sein – und ein Ende scheint – die „Wulff-Debatte“ zeigt es – nicht in Sicht. Dabei wird immer deutlicher: Die derzeit viel beschworenen Konservativen, die mutigen Tabubrecher, sie führen die Diskussion nicht um konstruktive Lösungen zu erreichen, sondern ausschließlich der Diskussion wegen. Diese ist identitätsstiftend, der einzige gemeinsame Nenner einer beachtlich großen Bevölkerungsgruppe, die Abneigungen und Ängste teilt, aber keine Konzepte.

Von Patrick Gensing

Fremde sind nicht gleich Fremde...

Dabei wird jeder Anlass gesucht, um die Debatte zu befeuern. Jüngste Gelegenheit: Die Rede von Bundespräsident Christian Wulff, der gesagt hatte, auch der Islam gehöre mittlerweile zu Deutschland. Angesichts von rund vier Millionen Moslems in der Bundesrepublik keine allzu gewagte These, möchte man meinen, sondern eine banale Feststellung. Doch weit gefehlt: Die BILD-Zeitung, selbsternannte Verteidigerin der Meinungsfreiheit, wirft Wulff vor, er hofiere den Islam. Der rechte Rand der Union betont lauthals die christlich-jüdische Geschichte Deutschlands – so als habe Wulff diese in Abrede gestellt.

Interessant ist dabei der Bezug auf die christlich-jüdischen Wurzeln (Merkel und andere) in Deutschland. Das ist neu in Sachen Integrationsdebatte, bislang war in diesem Zusammenhang zumeist von der abendländisch-christlichen Kultur die Rede. Von allgemeiner Religionskritik war ohnehin nie die Rede.Nun sollen also die Juden in das Bollwerk gegen den angeblich anstürmenden Islam eingemeindet werden. Dabei dürfte der Einfluss von islamistischen Strategen in wichtigen gesellschaftlichen Institutionen wie Medien, Gewerkschaften oder Sportvereinen in etwa mit denen von Neonazis vergleichbar sein, bzw. in Sportvereinen noch deutlich geringer. Dennoch wird weiterhin so getan, als würde Wulff demnächst fünf Mal am Tag beten und der Intendant des MDR verschickt entsprechende Witzchen über Twitter. Wer Mario Barth mag, wird diesen Kalauer lieben.

Da wird es glücklicherweise dem Zentralrat der Juden zu bunt. Generalsekretär Stephan Kramer lobte Wulff, weil dieser Flagge gezeigt habe, obwohl die Empörung abzusehen gewesen sei. Die hierzulande lebenden Muslime seien Teil unserer Gesellschaft, sagte er der Nachrichtenagentur dapd. „Daher gehört natürlich auch ihre Religion in dieses Land.“ Schließlich sei das Recht auf freie Religionsausübung im Grundgesetz verankert.

Wulffs Kritiker dagegen erweckten den Eindruck, Deutschland stünde unmittelbar vor der Wahl zwischen Grundgesetz und Scharia, sagte Kramer weiter. Die Debatte über die Äußerungen des Bundespräsidenten sei „nahezu schon hysterisch“. Dies zeige, „dass sich offensichtlich viele Politiker bis heute den Realitäten einer Einwanderungsgesellschaft verschließen“. Es sei kaum nachzuvollziehen, mit welcher Vehemenz manche Politiker jetzt die jüdischen Wurzeln Deutschlands betonten und versuchten, das Judentum gegen den Islam in Stellung zu bringen.

Wahre Worte. Den aufrechten Konservativen und der schweigenden Mehrheit ist es egal, sie haben ihr Thema gefunden, welches erbarmungslos weiter breit getreten wird. Doch was hat diese angeblich so überfällige Debatte bislang genützt?

Positiv gesehen: Möglicherweise (!) werden selbst die härtesten Paranoiker nach diesem medialen Sperrfeuer nicht mehr behaupten, man dürfe in Deutschland nicht über Integration diskutieren. Aber hat diese Debatte, so wie sie in den vergangenen Wochen geführt wurde, etwas gebracht? Sind sich die Menschen in der Bundesrepublik dadurch näher gekommen? Wurde Misstrauen abgebaut? Und welche Konzepte sowie Vorschläge haben die Integrationskritiker eigentlich vorgelegt?

Keine. Sie tragen gebetsmühlenartig vor, was sie nicht wollen, entwerfen Szenarien, die Angst schüren – und gemeinden Bundesbürger aus. Auf dem Ticket Islam können auch Bundesbürger endlich wieder zu Ausländern gemacht werden, die nicht zu Deutschland gehören. Die NPD ist da ehrlicher und spricht von „Plastedeutschen“. Da war die Empörung aber groß!

Wer zu „uns“ gehört – das wird nun über Religion definiert – so die Strategie. Dass der Islam dabei auch eine Chiffre ist für Türke und Araber, scheint nahe liegend. Aber nochmal: Was wollen die Integrationskritiker? Das wird offen bleiben, denn es geht um die eigene Identität durch Abgrenzung. Eine gemeinsame konstruktive Agenda existiert nicht. Und daher haben sie auch noch lange nicht fertig – und die ernsthaften Beiträge zu einem wichtigen Thema – nämlich der Frage, wie wir hier sinn- und respektvoll zusammenleben wollen – gehen in der Hysterie unter.

*Der Generalsekretär der CDU, Hermann Gröhe, hat die oben formulierte These dankenswerterweise umgehend bestätigt. Die umstrittene Rede des Bundespräsidenten Christian Wulff zur gewachsenen Bedeutung des Islam in Deutschland sollte als „Chance zur Selbstvergewisserung“ aufgegriffen werden, so Gröhe gegenüber der dpapd.

Siehe auch: Getrennt marschieren oder den rechten Flügel stärken?, “Kante zeigen – gegen einen Ruck nach Rechts”, Sarrazin und die Suche nach dem neuen Fremden

18 thoughts on “Integrationsdebatte: Wann habt Ihr fertig?

  1. „Sind sich die Menschen in der Bundesrepublik dadurch näher gekommen? Wurde Misstrauen abgebaut?“

    Berechtigte Fragen – aber war der Abbau von Misstrauen je Ziel dieser Debatte? Eher im Gegenteil.

    Ich weiß nicht, über wen hier diskutiert wird. Jeder sollte mal drüber nachdenken, wie viele Muslime er überhaupt persönlich kennt. Und dann kann man mal darüber nachdenken, wieso man eigentlich genau glaubt zu wissen, wie „die Muslime“ so ticken, wenn man doch nur ein paar oder – meistens zutreffender – keinen kennt.

    Eigentlich sollte jeder Muslime kennen. Es gibt ja genug. Wollen sie sich nicht integrieren, oder wollen wir sie nicht integrieren? Die Antwort der Sarrazyniker ist klar, beruht aber auf Glauben und nicht auf Wissen.

  2. Zitate Demokrat“
    „@Anonymous

    Die eigenen Muttersprache durch semantische und syntaktische Fehler zu vergewaltigen ist Hochverrat!

    Mehr Bildung für Nazis!“

    „Es muss natürlich “die wo eigene! Muttersprache” heißen“

    Tja Demokrat, wie war das noch mit „wer im Glashaus sitzt….“

    Deswegen fordere ich jetzt gerne und genüsslich:
    „Mehr Bildung für rechtschreibschwache Linkspopulisten“

  3. Anonymous, und was ist mit der Zeichensetzung und Groß- und Kleinschreibung?
    Für was braucht Deutschland Leute wie Sie?

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