Ungeliebte Groupies: Sarrazin zeigt die NPD an

Zuerst war er ihr Gegner, nun sind sie die größten Fans – doch Thilo Sarrazin ist davon offenbar weniger begeistert. Daher erstattete der scheidende Bundesbanker Anzeige gegen die Neonazi-Partei. Was war geschehen? Die Berliner Polizei entfernte nach eigenen Angaben am 10. September 2010 an der NPD-Bundeszentrale im Stadtteil Köpenick ein Plakat mit dem Konterfei des ehemaligen Berliner Finanzsenators, wie ein Polizeisprecher laut Tagesspiegel am Samstag bestätigte.

Von Patrick Gensing

Medienberichten zufolge trug das Plakat die Aufschrift: „Sarrazin hat recht.“ Daraufhin erstattete der 65-Jährige laut Polizei Anzeige.

Sarrazin auf den Seiten der NPD (Screenshot, zuletzt eingesehen 11.9.2010/11:37 Uhr)
Sarrazin auf den Seiten der NPD (Screenshot, zuletzt eingesehen 11.9.2010/11:37 Uhr)

Die NPD hatte auch im Sächsischen Landtag Plakate mit der Parole „Jeder weiß: Sarrazin hat recht“ gezeigt. Auch auf der Homepage der NPD wird das Motiv weiterhin verbreitet.

Der Vorsitzende der NPD, Udo Voigt, sah sich und andere Rechtsextreme durch die Thesen von Thilo Sarrazin bei künftigen Prozessen wegen Volksverhetzung geschützt. Gegenüber dem ARD-Politikmagazin “Report Mainz” sagte Voigt: “Unsere Aussagen werden damit salonfähiger und es ist dann auch immer schwerer, Volksverhetzungsverurteilungen gegen NPD-Funktionäre anzustreben, wenn wir uns zur Ausländerpolitik äußern, wenn sich etablierte Politiker auch trauen, das zu äußern.”

Keine neue Zuneigung

Und bereits im Jahr 2009 erklärte der innenpolitische Sprecher der NPD-Fraktion Sachsen, Andreas Storr, zu Äußerungen von Sarrazin: „Der ehemalige Finanzsenator von Berlin bringt die politische Lage in unserem Land auf den Punkt. Die Äußerungen von Thilo Sarrazin gehören zu den wenigen konstruktiven Vorschlägen, die ein Angehöriger der politischen und ökonomischen Eliten der BRD in den vergangenen Jahren zur Lösung der mit der Zuwanderung verbundenen Probleme gemacht hat. Ein Ausschluß der in Deutschland lebenden Ausländer vom Bezug staatlicher Transferleistungen, wie Sarrazin ihn vorschlägt, würde in der Tat Wunder wirken, und nicht nur zahlreiche Haushaltsprobleme lösen, sondern auch der Bildung von Parallelgesellschaften auf deutschem Boden einen Riegel vorschieben.“

Weiterhin bringt die NPD eines ihrer Lieblingsthemen, die Deportierung von Migranten, ins Gespräch: „Ein Ausländerrückführungsprogramm ist vor dem Hintergrund der sich abzeichnenden Wirtschafts- und Finanzkrise das Gebot der Stunde.“ Deshalb habe „die NPD jetzt ihren Fünf-Punkte-Plan zur Ausländerrückführung vorgelegt, in dem sie unter anderem auch die Ausgliederung der in Deutschland lebenden Ausländer aus den Sozialversicherungssystemen verlangt. Diese NPD-Forderung hat Thilo Sarrazin nun aufgegriffen.“

In dem Buch ANGRIFF VON RECHTS hieß es zu Sarrazin:

Thilo Sarrazin am 3. Juli 2009 (own Work by Nina)
Thilo Sarrazin am 3. Juli 2009 (own Work by Nina)

Berlins Finanzsenator Thilo Sarrazin beispielsweise gibt im Juli 2008 Menschen, die wegen der immens gestiegenen Preise für das Heizen nicht mehr mit ihrem knappen Budget auskommen, den Rat, doch einfach einen Pullover überzuziehen. “Bei uns waren es zu Hause immer 16 Grad. Am Morgen hat mein Vater die Koksheizung befeuert und sie erst am Abend, wenn er von der Arbeit zurückkam, wieder angemacht. Das hielt dann immer gerade für 16 Grad. Ich habe es überlebt.” Sarrazin scheint es für ausreichend zu halten, wenn Menschen überleben. Dass Menschen vielleicht mehr wollen als nur existieren, scheint ihm nicht in den Sinn zu kommen. Eine Steilvorlage für die NPD, die mit dieser Munition gegen die Linkspartei schoss, um dieser Wähler abspenstig zu machen. Gitta Schüßler aus dem NPD-Bundesvorstand forderte die Linkspartei umgehend zum Bruch der rot-roten Koalition in Berlin auf. Vollkommen richtig stellte sie fest: „Herr Sarrazin kann sich seine ‚warmen Tipps‛, die für viele Betroffene nur blanker Zynismus sind, sparen. In Deutschland leben unzählige alte und kranke Menschen, deren Wärmebedürftigkeit die von Sarrazin empfohlenen 15 oder 16 Grad übersteigt.“ Auch das Bild des faulen Arbeitslosen zeichnet Sarrazin gerne: “Ehe jetzt einer im 20. Stock sitzt und den ganzen Tag nur fernsieht, bin ich schon fast erleichtert, wenn er ein bisschen schwarz arbeitet.” Und Finanzminister Peer Steinbrück hat auch offenbar nichts Besseres zu tun, als vielen  Eltern zu unterstellen, sie würden ein erhöhtes Kindergeld in Bier und Zigaretten investieren: “Eine Erhöhung um acht oder zehn Euro hat den Gegenwert von zwei Schachteln Zigaretten oder zwei großen Pils. Ich fürchte, das Geld kommt bei den Kindern in vielen Fällen nicht an.” Dabei erwähnte er aber nicht, dass das Kindergeld beispielsweise bei Beziehern von Arbeitslosengeld II als Einkommen angerechnet wird – es reicht also nur für eine Schachtel Kippen. In einem Elternforum schreibt ein Kommentator dazu:

Typisch für die aktuelle Politikergeneration ist nun einmal Beratungsresistenz, Unfähigkeit in der Realität zu leben und die Vorliebe Schwächere zu quälen und zu beleidigen.

So demütigt man Menschen, macht sie zum dümmlichen Objekt staatlicher Politik. Für eine Demokratisierung der Gesellschaft sind solche Aussagen und deren nachvollziehbare Wirkung bei den Betroffenen pures Gift. Der Wissenschaftler Richard Stöss schrieb dazu:

Die Identifikation mit den Werten, Institutionen und Verfahren des demokratischen Systems erwächst vor allem aus der Erfahrung, dass in dessen Rahmen die wesentlichen gesellschaftlichen Probleme fair gelöst oder doch zumindest besser gelöst werden können als in jeder anderen politischen Ordnung.

Alle Meldungen zu Thilo Sarrazin auf NPD-BLOG.INFO.

7 thoughts on “Ungeliebte Groupies: Sarrazin zeigt die NPD an

  1. Ich erinnere mich an ein Sprichwort:

    „Wer sich mit einem Hund ins Bett legt, darf sich nicht wundern, wenn er Flöhe bekommt.“

  2. Soweit ich es in dem im SPIEGEL vorab gedruckten Auszug und in den ersten Kapiteln seines Buches schon gelesen habe, hat Sarrazins Weltbild eine mindestens faschistoide Grundtendenz. Äußerungen wie die immer wiederkehrende „Bedrohung durch die enorme Fruchtbarkeit der Migrantinnen“ sind doch wohl purer Faschismus. Es wundert mich daher nicht, wenn die NPD sich von ihm ermutigt fühlt.

    Das Buch war ja inzwischen vergriffen, so dass ich erst gestern die Neuauflage kaufen konnte (dem Menschen auch noch Geld zu geben – Ärger :-( !); ich bin gespannt, was von der Art ich noch darin finden werde!

  3. Herr Sarrazin hat Anzeige erstattet, da er (bzw. sein Rechtsbeistand) das … öhm … Kunst-Urhebergesetz verletzt sehen.

    Mehr gibt es aus der Sicht Sarrazins offenbar auch nicht anzuzeigen, denn man stelle sich einmal vor, Sarrazin würde die NPD wegen Verleumdung verklagen, da Jene (die NPD nebst Anhang) ihre Propaganda ja auf den Aussagen Sarrazin`s fährt bzw. auf sie zurück führt. – Eine solche Klage müsste eigentlich (für Sarrazin) nach Hinten losgehen, sofern die NPD und ihr Anhängsel Sarrazin zitieren würden.

    Und während die Polizei in Berlin den Fassadenkletterer „spielen“ durfte, ist Sarrazin immer noch „der Gott“ der NPD:

    http://www.npd.de/

    … Und sein Konterfei wird u.A. im schönen „Mitteldeutschland“ und „Nieder“- und „Oberschlesien“ die Laternen und Haltestellen „verschönern“ …

    http://npd-materialdienst.de/

    Aber Hauptsache das Kunst-Urhebergesetz wird nicht verletzt. 😉

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