Das Innenministerium und die Vielfalt der „Rassen“

Am 1. September 2010 haben Bundesinnenminister Thomas de Maizière und Staatsministerin Maria Böhmer nach Angaben des Innenministeriums die Charta der Vielfalt gezeichnet. Mit der Unterzeichnung verpflichten sich das Bundesministerium des Innern und seine Geschäftsbereichsbehörden, ein Arbeitsumfeld zu schaffen, das frei von Vorurteilen und Ausgrenzung ist. So weit, so gut – doch jetzt kommt es: „Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen Wertschätzung erfahren – unabhängig von Geschlecht, Rasse (!), Nationalität, ethnischer Herkunft, Religion oder Weltanschauung, Behinderung, Alter, sexueller Orientierung und Identität. Menschen sollen also nicht wegen ihrer „Rasse“ diskriminiert werden.

Von Patrick Gensing

Das Deutsche Institut für Menschenrechte empfiehlt bereits seit Jahren den Parlamenten und Regierungen auf Bundes- und Landesebene, auf die Verwendung des Begriffs “Rasse” zu verzichten. Dies soll bereits bestehende Bemühungen im Kampf gegen Rassismus unterstützen. Die Empfehlung beinhaltet eine Änderung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes und des deutschen Grundgesetzes.

Maria Böhmer bei einer Veranstaltung zur "Charta der Vielfalt"
Maria Böhmer bei einer Veranstaltung zur "Charta der Vielfalt"

Der Begriff “Rasse” ist historisch extrem belastet und enthält rassistische Implikationen. Theorien und gedankliche Konstrukte, die Menschen in unterschiedliche “Rassen” einteilen, waren und sind schon immer rassistisch. Sie schreiben Menschen pauschal bestimmte Eigenschaften zu und gipfeln in der Annahme höher- und minderwertiger “Rassen”. Dennoch wird bis heute in rechtlichen Bestimmungen, die eigentlich der Bekämpfung rassistischer Diskriminierung dienen, der Ausdruck “Rasse” verwendet. In einigen anderen europäischen Ländern ist es bereits üblich, in Gesetzestexten von dem Begriff Abstand zu nehmen. In Deutschland ist dieser Schritt längst überfällig. Zudem sollte sich Deutschland gegen einen weiteren Gebrauch des Ausdrucks “Rasse” in internationalen Dokumenten einsetzen.

Vorstoß gegen Hasskriminalität – mit dem Begriff “Rasse”

Auch bei einem Vorstoß mehrere Bundesländer zum schärferen Vorgehen gegen Hass-Verbrechen war der Begriff aufgetaucht. Die Vorschrift sollte nach dem Willen mehrere Länder gelten, wenn “ein Beweggrund der Tat die politische Einstellung, Nationalität, Volkszugehörigkeit, Rasse, Hautfarbe, Religion, Weltanschauung, Herkunft oder das äußere Erscheinungsbild, eine Behinderung oder die sexuelle Orientierung des Opfers ist”.

Der Rassismus schließt den Glauben mit ein, Menschen könnten wegen ihrer genetisch bedingten ethnischen Merkmale auch bestimmte Prädispositionen haben. Von Menschenrassen zu sprechen, ist wissenschaftlicher Unsinn. Leider wird immer wieder aus dem Englischen der Begriff “race” falsch mit Rasse übersetzt.

Die Charta der Vielfalt existiert seit Dezember 2006 und wurde seitdem von mehr als 800 Unternehmen und Organisationen mit insgesamt über 4,6 Millionen Beschäftigten gezeichnet. 

Siehe auch: Sind Ossis eine eigene “Rasse”?, Polizeiberichte: “Deutscher Gruß” und Schwarzafrikaner, Welttag gegen Rassismus, Institut für Menschenrechte kritisiert Aktionsplan gegen Rassismus, 60. Internationaler Menschenrechtstag: Sind “Volkstum und Kultur” die Grundlagen für die Würde des Menschen?, Rassismus in Deutschland: Bundesregierung nimmt Stellung zu UN-Vorwürfen, “Rasse” soll aus Gesetzestexten verschwinden, Buchtipp: “Deutschland Schwarz Weiß – Der alltägliche Rassismus” UN-Experten kritisieren mangelhafte Maßnahmen gegen Rassismus, Leitfaden für Journalisten.

5 thoughts on “Das Innenministerium und die Vielfalt der „Rassen“

  1. Welche Bundesländer haben denn den Vorstoß bezüglich „Hassverbrechen“ mit diesem unsäglichem Text eingebracht?

    Außerdem frage ich mich, wie man den englischen Begriff „race“ richtig ins Deutsche übersetzen kann ohne dabei rassistisch zu werden? (Mit „Ethnie“?)

    Beste Grüße
    A.

  2. und wie verhält es sich mit ethnie? rasze wird einfach durch „ethnische“ zugehörigkeit ersetzt. ethnie impliziert genauso raszistische eigenschaften.
    rasze. volk. nation. ethnie. kapital. religion. staat.
    SCHEIßE!
    danke

  3. @ Gordon:

    Es stimmt, mancher Rassist von heute verwendet lieber den Begriff „Ethnie“ oder weicht auf „kulturelle Eigenschaften“ aus, aber dennoch ist der Begriff im eigentlichen Sinne nicht rassistisch. „Ethnie“ impliziert keinen Biologismus, keinen Glauben an angeborenen Eigenschaften, sondern meint eine Gruppe von Menschen, die kulturelle Vorstellungen usw. (möglicherweise auch die einer gemeinsamen Abstammung) teilen.

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