Nazi-Aussteiger: Vom Saulus zum Paulus

Etwas pathetisch gesagt könnte man es eine fast „biblische Wandlung“ nennen: In Herrmannsburg im Landkreis Celle hat am Wochenende ein Mann in der Kirche eine Predigt gehalten, der elf Jahre zuvor einen anderen mutwillig  zu Tode geprügelt hatte: Damals war er Neonazi – nach Jahren im Gefängnis studiert er heute Theologie.

Von Stefan Schölermann NDR Info

Für rund 300 Konfirmanden aus der Region Celle ist es ein überraschender Anblick: Da steht vor ihnen ein junger Mann in der Großen Kreuzkirche in Hermannsburg und spricht über den Nationalsozialismus. Der Mann spricht frei, ohne Manuskript – nur die Bibel in seiner Hand hält er fest umklammert. Sie soll ihm Halt geben – in dieser Situation, wie in seinem „neuen Leben“. Der Mann heißt Johannes Kneifel, ist 28 Jahre alt und weiß genau, wovon er spricht, wenn er zu den Konfirmanden sagt: „Viele im rechtsextremen Lager glauben, dass sie etwas besseres sind, nur weil sie sich einer bestimmten Rasse zugehörig fühlen.“

Johannes Kneifel war selber einmal Rechtsextremist – und er hat schwere Schuld auf sich geladen. Im Jahre 1999 verprügelten er und ein weiterer Neonazi einen anderen Menschen so schwer, dass das Opfer an seinen Verletzungen starb. Der Grund für die Tat: Das Opfer, Peter Deutschmann, vertrat andere Ansichten als die beiden Neonazis.

Kneifel und sein Mittäter kommen vor Gericht. Fünf Jahre Jugendhaft in Hameln lautet das Urteil für Kneifel. Da ist er 17 Jahre alt und noch immer Neonazi: „Es hat einige Jahre gedauert, bis ich mich besonnen habe“, erzählt Kneifel den Jugendlichen über seine Hafterfahrungen: „Irgendwann konnte ich mir meine eigenen Schwächen eingestehen. Erst im Gefängnis habe ich gemerkt, dass ich mich in einem Teufelskreis befinde.“

Ein Teufelskreis, von dem er heute sagt, dass irgendwann möglicherweise wieder einen Menschen töten, oder selbst getötet würde, sagt Kneifel: „Diesen Weg wollte ich nicht weitergehen – aber allein hätte ich das nicht geschafft.“

Die ersten Jahre hinter Gittern aber war er das, was Justizexperten einen „harten Brocken nennen“: Er blieb zunächst seiner braunen Ideologie treu, durch körperliche Schlagfertigkeit und Intelligenz verschaffte er sich in der Knast- Subkultur eine Spitzenstellung hinter Gittern. Doch irgendwann merkte er, dass der Weg in die Sackgasse führt. „Ich habe im Knast weitere Strafen eingefangen. Selbst die Psychologen hatten mich aufgegeben.“ Dann erst kam die Umkehr: Für Johannes Kneifel führte der Weg zum evangelischen Glauben: „In dem Moment, wo ich Gott erlebt habe, habe ich zum ersten mal inneren Frieden erlebt.“

Kneifel sucht danach Anschluss bei einer evangelischen Freikirche, beginnt nach der Haftentlassung eine Ausbildung zum Diakon – heute studiert er Theologie. Den Konfirmanden in Hermansburg aber ist vor allem eines wichtig: Sie wollen wissen, warum Johannes Kneifel in die rechte Szene abrutschte, als er gerade einmal so alt war, wie sie selbst. Seine Antwort macht viele seiner Zuhörer nachdenklich: „Das reizvolle an der Szene war die Gemeinschaft, der Zusammenhalt und die Anerkennung.“ Sehnsüchte, die viele der Konfirmanden heute ebenso haben dürften, wie er damals .

„Verlorene Jahre“

Um so eindringlicher ist seine Warnung, Kneifel spricht von „verlorenen Jahren“: „Ich bin zwar für viele Erfahrungen dankbar, die ich im Knast erlebt habe, gerade auch für den zwangläufigen Kontakt mit Ausländern, der auch ein Umdenken bewirkt hat. Aber ich habe viele Jahre im Gefängnis fremdbestimmt gelebt, in einer sehr wichtigen Entwicklungsphase. Das macht das Leben nicht einfacher.“

Die schwerste Last aber sei für ihn bis heute die „Endgültigkeit der Tat“. Zwar habe er seine Strafe verbüßt und er sei dankbar für die zweite Chance, die ihm die Gesellschaft gebe, aber: „Ich habe einem anderen Menschen die Möglichkeit genommen, etwas mit seinem Leben zu machen. Ich habe sein Leben beendet, und mit der Endgültigkeit dieser Tatsache umzugehen, ist sehr schwer.“

Seine knapp halbstündige Predigt schließt Kneifel mit den Worten: „Ich habe eine große Bereicherung darin erlebt, mit Menschen gemeinsam Grenzen zu überschreiten, die ganz anders sind, als ich.“ Viele der Konfirmanden sind ganz still, als der 28-Jährige mit den muskulösen Oberarmen seine Ansprache beendet. Die jungen Leute im Alter zwischen 12 und 15 Jahren waren Teilnehmer eines Projekttages der evangelischen Landeskirche Hannover zum Thema Rechtsextremismus.

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6 thoughts on “Nazi-Aussteiger: Vom Saulus zum Paulus

  1. der „mittäter“ war der schaumburger nazi marco s., immernoch neonazi und zur zeit in haft wegen körperverletzungsdelikten.

  2. Toll. Vom Nazi zum Popen. Dann kann er ja jetzt sein Geltungsbewusstsein und seine Aggressivität woanders ausleben.

  3. @2 (cantona):

    das gefühl, über das sie berichten und ihre haltung zu religion in allen ehren, aber könnten sie nicht etwas sinnvolles zum artikel schreiben?

    man könnte über hermannsburg und haltung und geschichte des missionswerkes sprechen, könnte fragen, um was für ein kaliber freikirche es sich oben im text handelt, und so weiter. könnte inhaltlich diskutieren.

    aber sie setzen stattdessen neonazis mit kirchlichen mitarbeitern gleich. egal, was wir beide von unterschiedlichen religionen und kirchen halten mögen, ich finde das unanständig und auch politisch unklug.

    sind sie der meinung, dass es sich nicht lohnt, in evangelischen kirchen um antifaschismus zu werben, weil sie glauben, deren strukturen seien dem faschismus ähnlich?

    ich finde ihren kommentar aggressiv und halte das für einen ausdruck eines übermäßigen geltungsbedürfnisses (nicht -bewusstsein).

    .~.

  4. krass, ne coole story!

    finde das aber etwas mehr als seltsam, dass nun darauf rumgeritten wird, dass er jetzt christ ist. apropos namensschwindel: mir ist das lieber als, die nazis, die sich jetzt ex-nazi nennen, auf die tour soz-päd in leitender stelle in jugendclubs wurden und den gleichen mist wie immer in andere köpfe trichtern. außer glatze und störkraftshirt hat sich nichts geändert. und die öffentlichen stellen fallen drauf rein.

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