Wird Sarrazin der deutsche Wilders?

Schon lange wird über ein angeblich beträchtliches Wählerpotenzial rechts von der Union spekuliert. Sollte es dieses überhaupt geben: NPD und DVU schaffen es auf jeden Fall nicht, es abzuschöpfen; mit dem Krawall-Image der Neonazi-Partei NPD können bundesweit keine Wahlen erfolgreich bestritten werden – und die DVU ist politisch so gut wie tot. Auch die PRO-Partei konnte bislang kaum nennenswerte Erfolge einfahren – obwohl bei der Landtagswahl in NRW die Rahmenbedingungen äußert günstig für die Rechtsradikalen waren.

Von Patrick Gensing

Doch es fehlte eine Führungsfigur – mit funktionierenden Netzwerken und einem Zugang zu den Massenmedien. Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin verfügt über beides – und er ist als SPD-Mitglied für viele offenbar unverdächtig, was Rassismus angeht. Dabei sind seine Thesen durchaus NPD-affin.

Thilo Sarrazin am 3. Juli 2009 (own Work by Nina)
Thilo Sarrazin am 3. Juli 2009 (own Work by Nina)

Darauf versucht die NPD nun auch hinzuweisen. „Thilo Sarrazin schreibt ein regelrechtes NPD-Buch“, meint der sächsische NPD-Landtagsabgeordnete Jürgen Gansel. „Der Bundesbanker macht die Überfremdungskritik der NPD endgültig salonfähig“, hofft der NPD-Stratege.

Der stern schrieb am 15. Oktober 2009: Womöglich [ist] auch Thilo Sarrazin, dessen Name von einem sabäischen Volksstamm herrührt, der über Nordafrika nach Spanien und Südfrankreich wanderte und sich dort mit den Hugenotten vermischte, Teil eines Eroberungsfeldzuges von Mauren. 

Banker als Vorbild für die NPD-Basis?

Nun stellt die Person Sarrazin für die NPD aber eine besondere Herausforderung dar, denn ein Bundesbankvorstandsmitglied sowie „Systempolitiker“ von der SPD passt eigentlich so gar nicht in das Anforderungsprofil eines „nationalen“ Erlösers, auf den die Rechtsaußen seit Jahrzehnten sehnsüchtig warten. Dementsprechend schränkt Gansel sein Lob für Sarrazin auch ein:

Zwar gehört Thilo Sarrazin mit seinen Ausfällen gegen deutsche Hartz-IV-Bezieher und seiner Gleichgültigkeit gegenüber der Not sozial ausgegrenzter Landsleute definitiv nicht in die soziale Heimatpartei NPD. Seine ausländerpolitischen Aussagen atmen dagegen durch und durch den Geist nationaldemokratischer Überfremdungskritik.

Wohl wahr, denn unseriöse Berechnungen der Bevölkerungsentwicklung gepaart mit stereotypen Behauptungen über Migranten sind tatsächlich das Leib- und Magen-Thema der NPD. Daher lobt Gansel auch die pseudowissenschaftlichen Prophezeiungen Sarrazins:

Zum drohenden Volkstod stellt er fest, daß beim gegenwärtigen demographischen Trend in 100 Jahren noch 25 Millionen und in 200 Jahren noch acht Millionen Menschen auf dem Gebiet des früheren Deutschlands leben werden, darunter kaum noch ethnische Deutsche.

Ist Sarrazin ein „Extremist“?

Einige Schlaumeier werden nun einwenden, es sei total gewieft, NPD-Positionen aufzugreifen, um Extremisten zu schwächen. Das Gegenteil ist der Fall, da es langfristig um Inhalte geht – und nicht um Etiketten. Warum ist ein NPD-Mitglied mit entsprechenden Einstellungen ein Extremist, während ein SPD-Politiker solche Auslassungen via Bild und Spiegel massenhaft verbreiten kann, ohne als solcher zu gelten? Würde die NPD behaupten, es gäbe im Jahr 2210 noch acht Millionen Deutsche (bzw. was Sarrazin und die NPD dafür halten), wäre das öffentliche Urteil eindeutig: Schwachsinnige Kaffeesatzleserei! Bei Sarrazin mutieren solche Aussagen zu vermeintlich ernstzunehmenden Alarmsignalen.

Der Gesellschaft erweist der SPD-Politiker mit seinen vermeintlichen Tabubrüchen einen Bärendienst. Eine verantwortungsvolle Debatte über das Zusammenleben in Deutschland geht anders. Zudem werden Gräben aufgerissen, Vorurteile gestärkt – und Stammtisch-Rassisten fühlen sich möglicherweise ermutigt, ihre dumpfen Vorurteile auszuleben. Anfang der 1990er Jahre ging die rassistische Gewaltwelle in Deutschland mit einer medialen Kampagne gegen die „Asylantenschwemme“ einher. Nicht umsonst hofft NPD-Mann Gansel nun:

Hier hat jemand ein regelrechtes NPD-Buch geschrieben, das die Deutschen zum politischen und zivilen Widerstand gegen Landraub und Überfremdung aufruft.

Warum sollten Bürger bei anstehenden Landtagswahlen im Osten nicht ihr Kreuz bei einer rassistischen Partei wie der NPD machen, wenn solche Positionen in Massenmedien als ernsthafter Beitrag zur politischen Debatte dargestellt werden? Dies zu vermitteln, erscheint unmöglich. Schlimmer aber ist: Das politische Klima wird vergiftet, einfache Antworten auf komplexe Fragen werden als Allheilmittel gepriesen. Und Migranten gedemütigt.

„Lernprozeß für beide Seiten“

Der Migrationsforscher Klaus Bade sagte im Interview mit NPD-BLOG.INFO zu der Angst vor Einwanderungsbewegungen und „Überfremdung“:

Kultur ist kein Zustand, sondern ein Prozeß. Darin findet jede Zeit ihre eigene Form. Man muß also immer genau hinsehen, was zu welcher Zeit unter ‚Kultur’, ‚deutsch’ und ‚Volk’ verstanden wurde. Die deutsche Kultur wie das deutsche Volk sind Ergebnis der verschiedensten kulturellen Einflüsse in einem Kulturaustausch, aus dem Europa als Kulturregion hervorgegangen ist. Durch Zuwanderung geprägte Zeiten hat es dabei immer wieder gegeben – und viele dieser Zeiten kannten die Angst vor der damit verbundenen Veränderung und die Idealisierung erträumter vergangener Zustände. Die aber waren in Wirklichkeit meist nur ersehnte Traumbilder im Gegenentwurf zu einer schwarz in schwarz gemalten Gegenwart und gefürchteten Zukunft. Wenn aber diese Zukunft später erlebte Gegenwart geworden war und andere Wanderungsbewegungen ins Land kamen, dann erschienen die seinerzeit beklagten, inzwischen Geschichte gewordenen Migrations- und Integrationsprobleme oft in harmonischen Farben als neue Gegenbilder zu den dann wieder als viel düsterer erlebten Migrations- und Integrationsverhältnissen.

Bade betont zudem, Integration sei „keine fröhliche Rutschbahn in ein buntes Paradies, sondern ein mitunter anstrengender Lernprozeß für beide Seiten“. Dabei ist Offenheit gefragt, denn „wer diesen Lernprozeß verweigert und mit einem unhistorischen, statischen Gesellschaftsbild lebt, kann leicht zum Feind von Einwanderung und Einwanderern werden“. Genau scheint hier der Fall zu sein.

Lesetipp: Klaus Bade: “Tausendjährige deutsche Kultur ist eine völkische Fiktion”

Wird Sarrazin also der deutsche Gerd Wilders? Die Voraussetzungen dafür bringt er mit; allerdings dürfte der SPD-Politiker vorerst mit dem Abverkaufen von Büchern und Verfassen von Gastbeiträgen genug zu tun haben. Ein Platz in den Bestsellerlisten dürfte ihm sicher sein. Auch wenn andere Medien außer BILD und Spiegel vorerst nicht über das Werk berichten dürften, wie die taz schreibt. Sarrazins Verlag DVA habe allen anderen Journalisten untersagt, über das Buch zu berichten, bevor es offiziell am 30. August erscheint. Ansonsten drohe eine Vertragsstrafe von 50.000 Euro.

Für einen angeblich mutigen Tabubrecher ganz schön feige.

Siehe auch: Gutachten bescheinigt Sarrazin Rassismus, SPD-Berlin-NordOst besteht auf Sarrazin-Rauswurf, NPD feiert Bundesbank-Vorstand Sarrazin,

46 thoughts on “Wird Sarrazin der deutsche Wilders?

  1. @Tom

    Ja und nun? – Keine moralische Wertung bei jüdischen Namen parat? – Warum so geheimnisvoll?

    Die von dir, unvollständig, wiedergegebene „Rede“ lautete übrigens im Original, und Rückblickend auf das Ende des Kalten Krieges und in Anbetracht des finanziellen Kraftaktes einer Wiedervereingung Deutschlands, wie folgt:

    The opening speech by David Rockefeller in June of 1991,

    “We are grateful to the Washington Post, the New York Times, Time magazine, and other great publications whose directors have attended our meetings and respected their promises of discretion for almost forty years. It would have been impossible for us to develop our plan for the world if we had been subject to the bright lights of publicity during these years. But the world is now more sophisticated and prepared to march towards a world government which will never again know war, but only peace and prosperity for the whole of humanity. The supranational sovereignty of an intellectual elite and world bankers is surely preferable to the national auto-determination practiced in the past centuries.”

    Und nun gehe weiter deine, offenbar favorisierte, Science Fiction-Page voller „zionistischer UFO`s“ etc. lesen. http://www.bilderberg.org/ *lol*

  2. @Axel: Das macht es auch nicht gerade besser.

    Trotzdem hat es Spaß gemacht, mit Euch zu streiten! Ich klinke mich jetzt aus. Wenn Ihr Euch von den nicht gerade mitteilsamen Eliten demokratisch vertreten fühlt und sonst auch alles supi ist, freue ich mich für Euch. Ich recherchiere weiter meinen Zweifeln nach, zumindest bis man im Irak Massenvernichtungswaffen gefunden hat – oder später vielleicht gerade weil man sie gefunden hat. Frei nach Volker Pispers: „Putin an Bushs Stelle hätte welche gefunden.“

  3. Man hat es also nicht geschafft, verdeckt ein paar Massenvernichtungswaffen im Irak zu verstecken, um die kriegstreiberischen Behauptungen zu untermauern?

    Was für unlgaublich mächtige Männer da im Schatten die Fäden ziehen…
    Sind es nicht diese Männer die multivariate Finanz- und Politiksysteme unentdeckt beeinflussen? Naja, vielleicht kommen diese Leute einfach nicht aus dem Transportwesen…

  4. Na, nun mach mal halb lang! Immerhin diente die Lüge der Existenz der Massenvernichtungswaffen tatsächlich als Vorwand für den Irak-Krieg – das kann man nicht leugnen. Man hat damit die Weltöffentlichkeit getäuscht und sich in Erwartung ausbleibender Konsequenzen nicht einmal mehr die Mühe gegeben, das zu vertuschen.

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