Querfront: Rosa Luxemburgs Erben für Rudolf Heß

Während die NPD in Hamburg von einer Querfront mit linken Antiimperialisten träumt, schafft „Die Rote Fahne“ bereits Tatsachen. Zu einem geplanten Neonazi-Aufmarsch am 21. August 2010 in Karlsruhe* fragt das „sozialistische Magazin – gegründet von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht“: „Quo vadis Antifaschismus?“ In seinem Beitrag greift Chefredakteur Stephan Steins den Neonazi-Kult um Rudolf Heß auf und schreibt von der „offiziellen imperialen Version vom ‚Selbstmord‘“ des Kriegsverbrechers.

Von Patrick Gensing

Selbstverständlich hängt der „Roten Fahne“ zufolge einmal mehr alles zusammen: 2. Weltkrieg, 11. September, Gaza, Afghanistan, Irak. Wie das geht? Mehr oder weniger einfach:

Jene Kräfte, welche den Fall Heß (und im weiteren Sinne die Geschichte des 20. Jahrhunderts) nicht aufklären wollen, wollen den Nebel der Desinformation ebenso über den Krieg gegen Jugoslawien, die Vorgänge um 9/11 in den USA, die Kriege und Kriegspropaganda gegen Irak und Afghanistan, den zionistischen Terror in Palästina und die derzeitigen Kriegsvorbereitungen gegen Iran legen.  Das Prinzip ist einfach: Eine Realität die nicht erkannt und nicht verbalisiert wird, kann auch nicht zielgerichtet kritisiert und verändert werden. In diesem Lichte sind Identifikation, Beschreibung und Kommunikation der Realität bereits ein revolutionärer Akt, weil durch das in Frage stellen imperialer Mythen der Herrschaftsanspruch selbst delegitimiert wird.

"Rote Fahne"-News meint zu Rudolf Heß: "Mord bleibt Mord!"
"Rote Fahne"-News meint zu Rudolf Heß: "Mord bleibt Mord!"

Damit aber noch nicht genug – auch Heß` Wirken im 2. Weltkrieg hat es der „Roten Fahne“, bei der es sich übrigens nicht um das gleichnamige Parteiblatt der MLPD bzw. KPD handelt, offenbar angetan – und so kündigt man an, „Die Rote Fahne“ werde „den Fall Heß, nicht nur die Umstände seines Todes, sondern seine Rolle im zweiten Weltkrieg, im Rahmen historischer Forschung demnächst in einem Projekt ausführlich behandeln“.

Der Hauptfeind der selbsternannten Erben von Luxemburg und Liebknecht heißt „imperiale Rechte“. Diese benutze „die nationale Rechte, um von sich selbst abzulenken“. 

Castro sieht Verschwörung einer Weltregierung

Nun könnte man „Die Rote Fahne“ als isoliertes Organ einiger Spinner abtun, allerdings boomt der Markt der Verschwörungstheorien – und auch andere Antiimperialisten äußern sich ganz ähnlich – und die haben deutlich mehr Einfluss. So meldet die Nachrichtenagentur dpa, die Jugend der Welt ist nach Meinung des kubanischen Revolutionsführers Fidel Castro Opfer der Verschwörung einer Weltregierung, die sie in einen «atomaren Holocaust» führen wolle. In zwei seit dem vergangenen Wochenende veröffentlichten Kommentaren beschuldigte er demnach die 1954 in den Niederlanden entstandenen Bilderberg-Konferenzen, hinter dieser Verschwörung zu stehen. Er plädierte dafür, alles zu tun, um die «physische und mentale Kraft» der Jugendlichen vor allem in den USA wieder herzustellen.

Dies dürfte bei deutschen Neonazis auf ungeteilte Zustimmung stoßen. Zudem darf auch bei Castro – wie bei jedem Verschwörungstheoretiker, der etwas auf sich hält – der jüdische Staat nicht fehlen. Und so heißt es weiter:

So schließt sich Castro der Meinung des Autors [Daniel Estulin] an, die NATO sei vom «Club Bilderberg» gegründet worden. Auch sei der israelisch-arabische Krieg 1973 Jahren von diesem Club eingefädelt worden, um Einfluss auf die Ölmärkte zu erlangen. «Hitler, die Bestie, wurde durch dieselben geschaffen, die heute an den Zusammenkünften des Clubs Bilderberg teilnehmen», ließ Castro den Autor behaupten. Ebenso sei die britische Band «Die Beatles» und die esoterische Kulturbewegung «New Age» eine «gut geplante und koordinierte Aktion», um die Massen der USA von politischen Themen abzulenken. Und der Musiksender MTV sei eine «perfekte Maschine zur Gehirnwäsche», geschaffen von Bilderberg, um die Jugend zum Hedonismus und hemmungslosen Konsum zu verleiten.

Bei so viel Wahnsinn und so wenig Fakten drängt sich geradezu die Frage auf: Wurde auch Rudolf Heß Opfer des Clubs? Die (Braun-)“Rote Fahne“ lässt sich da nicht zwei Mal bitten – und fordert abschließend in dem „Quo Vadis, Antifaschismus“-Artikel:

Neonazi-Mobilisierungsplakat für den Heß-Gedenkmarsch am 21. August
Neonazi-Mobilisierungsplakat für den Heß-Gedenkmarsch am 21. August

Für Linke kann es am 21. August in Karlsruhe nur eine Losung geben: Nein zu nationalem UND imperialem Faschismus und die Forderung nach vollständiger Aufklärung der Umstände des Todes Rudolf Heß`.

Und so unterstützen deutsche Linke im 21. Jahrhundert den Neonazi-Kult um den Kriegsverbrecher Heß, denn es geht immerhin gegen das Imperium – und da müssen die antiimperialistischen Kräfte zusammenhalten.

*Der Neonazi-Aufmarsch wurde mittlerweile angeblich abgesagt. Muss „Die Rote Fahne“ wohl allein für Heß marschieren… Der Aufmarsch war von der Stadt verboten worden, die Neonazis verzichten nun nach eigenen Angaben auf rechtliche Schritte. In einer Erklärung heißt es:

nach der Rücksprache mit unseren Anwälten und unter Abwägung des prozessualen Kostenrisikos, sind wir zu dem Entschluss gekommen, gegen die Verbotsverfügunng der Demonstration, mit dem Motto „Trotz § 130, Mord bleibt Mord“, für den 21.08.2010, in Karlsruhe im einstweiligen Rechtsschutzverfahren, den Rechtsweg nicht zu beschreiten. Eine Überprüfung des Versammlungsverbotes durch eine Fortsetzungsfeststellungsklage behalten wir uns jedoch vor. 

Siehe auch: Träume vom Hitler-Stalin-Pakt, Brauner Totenkult: Heß-Gedenkmarsch in Karlsruhe?

40 thoughts on “Querfront: Rosa Luxemburgs Erben für Rudolf Heß

  1. O.B.
    Es ist auch bemerkenswert, dass Heß zu Lebzeiten keine Rolle in der Szene gespielt hat. Man hat ihn mit Ignoranz gestraft und im Knast rotten lassen. Das muss man immer wieder betonen. Der Kult ging ja erst nach dem Tod los. Mit toten Märtyrern kann man eben besser Propaganda treiben. Denn sie widersprechen nicht mehr, wenn man ihnen alle möglichen Taten und angebliche Motive aus ihrem Leben unterstellt. Der lebende Heß wäre womöglich zu unbequem geworden, zumal er sich selbst kritisch zu den neuen Nazis geäußert hat.

  2. 1.) @Gensing: War npd-blog.info nicht mal nen blog mit Infos über die NPD ohne antid. oder antiimp. Müll? (ist etwas länger her ich weiß, aber schade) Bitte Szene-Streitigkeiten ins AZ verlegen oder ganz lassen.

    2.) Fürs Protokoll: Nicht jeder Linke muss zwischen der Hamas-Unterstützung kombiniert mit der Auslöschung Israels oder der unbedingten Solidarität mit Israel kombiniert mit der Auslöschung Palestinas wählen. Es gibt durchaus Ansätze die nicht in Nationalstaatlichen Grenzen denken und z.B. die Auflösung beider Staaten kombiniert mit der Solidarität zur Zivilbevölkerung fordern.

  3. Hallo, ich verstehe die Überschrift vom Artikel nicht. Wieso soll jemand für Rudolf Heß sein, weil sie historisch arbeiten? Das ist doch Quatsch!
    Es ist auch ziemlich geschmacklos die Rote Fahne mit Lügen anzugreifen, die 1933 von den Nazis verboten wurde und die traditionsreichste antifaschistische Zeitung in Deutschland ist.
    Mein Gott, was habt ihr euch nur dabei gedacht?, das ist ja wirklich grauenhaft absurd.

  4. @blub: Wenn JU-Mitglieder auf NPD-Demos mitlaufen, ist das ein Thema für NPD-BLOG.INFO. Wenn eine Seite wie „Die Rote Fahne“ Neonazi-Verschwörungstheorien im Bezug auf einen geplanten Aufmarsch verbreitet, ist dies ein Thema für NPD-BLOG.INFO.

    Mir sind irgendwelche Szenen egal. Wenn in linken Kreisen so ein NPD-affiner Müll verbreitet wird, dann thematisiere ich das auch. Es geht um Inhalte, nicht um Etiketten.

    Gruß
    Patrick Gensing

  5. Ich denke, es wäre wichtig diese ‚Rote Fahne‘ als das einzuordnen was sie ist, nämlich das Produkt einer wirklich kleinen Zahl von Sektieren, die rein quantitativ nicht einmal eine Front bilden könnten, geschweige denn eine Querfront. Natürlich sollte man den Inhalt kritisieren und als das bezeichnen war er ist, typisches Aufgreifen von NS-Propaganda mit Verschwörungstheorien usw. Entsprechend sollte man auch mit dieser Gruppe umgehen und weiter Kritik üben, aber diese Gruppierung beispielsweise als „Rosa Luxemburgs Erben“ zu bezeichnen hört sich für mich ein bisschen „Bild“-mäßig an. Tschuldigung, aber das ist zu polemisch und ist wenn dann deren Selbstbezeichnung, aber sicherlich nicht mehr.

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