Hack von KZ-Gedenkseiten: Image-Coup für Neonazis

„Braun is beautiful“ stand auf der Website der KZ Gedenkstätte Mittelbau Dora – es war ein Hack von Rechten, zeitgleich wurden Besucher der Homepage des KZ Buchenwald auf die Internetauftritte von Holocaust-Leugnern umgeleitet. Rechte Netz-Straftaten, die zunehmen, sagt Patrick Gensing, Journalist und Betreiber des aufklärenden NPD-BLOG.INFO, im on3-Interview mit dem Bayerischen Rundfunk. Ein Gespräch über eine neue Generation von Nazis.

Patrick, hat dich der Hack der Websites der KZ Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau Dora überrascht?

Die Hacks der Websites waren herausragende Fälle. Allerdings war es auch abzusehen, dass so etwas früher oder später passiert.

Dead workers lie in uneven rows on floors of barracks, found by American 3rd Armored Div., FUSA when it captured the German slave labor camp at Nordhausen.
Dead workers lie in uneven rows on floors of barracks, found by American 3rd Armored Div., FUSA when it captured the German slave labor camp at Nordhausen.

Wieso das?

Viele Neo-Nazis haben sich in den vergangenen Jahren immer mehr Aktionsformen von linken Gruppen abgeschaut…

…zum Beispiel kleiden sich junge Neo-Nazis immer öfter wie Linksradikale, genauso werden Musik-Stile wie zum Beispiel „Hardcore“ von Rechten übernommen.

Die kopieren und klauen hemmungslos – um attraktiv zu sein für junge Leute. Im Prinzip müsste man ja drüber lachen, dass Neo-Nazis als Autonome herum rennen, aber leider funktioniert es: viele junge Leute finden das sehr anziehend. Von daher picken sich die Neo-Nazis von überall die erfolgreichen Aktionsformen heraus und integrieren sie in die eigene Szene. Die sogenannte Daten-Antifa hat in den letzten Jahren wirklich große Erfolge gefeiert. Deshalb war es naheliegend, dass nun auch die Neo-Nazis dazu übergehen, ihre Gegner im Netz anzugreifen.

Die linken Hacker der Daten-Antifa haben zum Beispiel immer wieder rechte Foren und Online-Shops geknackt. Die Namen, die sie dort gefunden haben, stellten sie dann ins Netz. Traust du solche Aktionen auch den Rechten zu?

Das ist schwer zu beurteilen. Die Medienkompetenz ist in den letzten Jahren extrem gestiegen. Da ist es nur folgerichtig, dass junge Neo-Nazis, die mit dem Netz aufgewachsen sind, es auch schaffen, Seiten zu hacken. Wie groß das Potential aber wirklich ist, lässt sich nur schwer abschätzen. Genauso wie es in der rechten Szene Kindergärtner gibt, so gibt es eben auch Leute, die sich mit Computern gut auskennen.

Wie hat man denn in der rechten Szene auf den Hack der Gedenkseiten reagiert?

Internet-Seite des KZ-Gedenkstätte
Internet-Seite des KZ-Gedenkstätte

Natürlich wurde das in den Neo-Nazi-Foren abgefeiert. Ohnehin freut sich diese Szene immer, wenn sie die Opfer des Nationalsozialismus verhöhnen kann – und das war jetzt eine sehr wirkungsvolle Tat.

Wie oft kommen denn solche Hacks vor?

Es ist nicht das erste Mal, dass Neo-Nazis im Netz versuchen ihre Position auszubauen. Die haben beispielsweise auch schon versucht, gefakte Antifa-Seiten zu bauen, um so an Adressen zu kommen. Sie haben dort geschrieben: Schickt uns eure Adresse, dann schicken wir euch ein paar Gratis-Aufkleber. Zumeist waren diese Seiten dann aber so dilettantisch aufgebaut und so lächerlich getextet, dass die User das schnell gemerkt haben.

Bei den Hacks auf die Seiten der KZ Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau Dora ging es aber nicht um Adressen. Welchen Nutzen haben die Rechten davon?

Das ist ein Zeichen, das nach innen und nach außen gesendet werden soll. Nach innen soll es zeigen: Schaut her, wir können das auch, wir sind nicht immer uncooler als die Linken, inzwischen haben wir das auch drauf. Nach außen ist es das Zeichen einer modernisierten Aktionsform, eines modernisierten Rechtsxtremismus – und es ist natürlich auch ein Versuch, Aufmerksamkeit zu erhaschen.

Hier der Hörfunkbericht beim BR.

Siehe auch: Standortantifa scheitert: Facebook auch für Nazis, NPD 2.0: Neonazis bieten “Verbandsserver” an, Wikileaks will 37.000 Emails der NPD veröffentlichen, Immer dieses Internet! Google vs Android-App-Adolf, Süddeutsche Zeitung verkauft rechtsextreme Literatur,