Moralische Nazis für Recht und Ordnung?

„Todesstrafe für Kinderschänder!“ – eine er erfolgreichsten Parolen der rechtsextremen Bewegung in den vergangenen Jahren. Auf zahlreichen Heckscheiben von Autos klebt neben den Kindernamen der stolzen deutschen Eltern gerne auch noch diese Forderung. Das Thema zieht. Und für die braunen Strategen bietet es mehrere attraktive Optionen.

Von Patrick Gensing

Durch den vermeintlichen Opferschutz können sich die Neonazis als moralische Instanz aufspielen. Dieses erscheint besonders schändlich, da sie mit ihrer Forderung vielen Kindern einen Bärendienst erweisen, wie Experten betonen. Doch das ist den Neonazis egal, im Instrumentalisieren sind sie Meister.

Ordnungsmacht Neonazis?

Zudem können sie sich als Ordnungsmacht aufspielen, wie beispielsweise der Fall der NPD-Hotline in Mecklenburg-Vorpommern anschaulich zeigt. Dies ist Teil der Strategie zur Errichtung einer „National befreiten Zone“, in der Neonazis als Parallelmacht zur Polizei angesehen werden.

Gezielt schürt die NPD Ängste bei Familien.

Der Vorwurf, Polizei und Justiz täten nichts gegen Sexualstraftäter, hilft zudem, den demokratischen Rechtsstaat zu delegitimieren. Die Bürger sollen glauben, sie würden nicht vor angeblich massenhaft herumvagabundierenden „Kinderschändern“ geschützt – und daher wäre das Eingreifen der NPD notwendig.

Die Forderung der NPD für eine „Todesstrafe für Kinderschäner“ dürfte weit über die rechtsextreme Bewegung hinweg Zustimmung finden. Auch die Boulevard-Zeitungen machen immer wieder Auflage mit Horrorgeschichten über angebliches Justizversagen.

Meist ist es leicht, die NPD-Propaganda zu enttarnen. In Sachen Sexualstraftäter gestaltet es sich hingegen deutlich schwieriger, da sofort der Vorwurf erhoben wird, man kümmere sich nicht um die Opfer, sondern nur um die Täter. Komplexe Antworten wollen die Wenigsten hören. So lange sich demokratische Politiker mit Forderungen nach einem Internet-Pranger und anderen Unsinn öffentlich profilieren wollen, wird die Diskussion auch kaum sachlicher werden. Und die NPD kann weiterhin zur Menschenjagd aufrufen.

Hintergrund: Todesstrafe für Sexualstraftäter  – was nützt das den Opfern?

Die Forderung „Todesstrafe für Kinderschäner“ zeige, dass die Neonazis von dem Thema keine Ahnung haben, wie die Leiterin der Beratungsstellte „Zartbitter“, Ursula Enders, betont. Wer das Wort „Kinderschänder“ benutze, disqualifiziere sich fachlich, so Enders im Gespräch mit NPD-BLOG.INFO. Denn dies bedeute, die Opfer lebten fortan in Schande – damit verletze man die Opfer. Aber auch der Begriff Pädophilie sei in Fachkreisen verpönt, sagt Enders. Denn wenn jemand beispielsweise frankophil sei, bedeute dies nicht, er missbrauche Franzosen.

Die hier angegebene Nummer soll ein "NPD-Bürgertelefon" sein.
Die hier angegebene Nummer soll ein "NPD-Bürgertelefon" sein.

Durch die Forderung nach drakonischen Sprachen werde es den Opfern erschwert, über das erlebte Leid zu sprechen, sagt Enders. Zurzeit wird oft gefordert, es müsse bei einem Verdachtsfall sofort Strafanzeigen geben. „Wenn wir in Fällen von sexuellen Missbrauch sofort Anzeige erstatten müssen, werden sich viele Opfer uns nicht mehr anvertrauen, weil sie Angst haben, selbst angezeigt zu werden.“ Denn beispielsweise in der Odenwaldschule haben Täter mehrere Kinder in sexuellen Missbrauch verstrickt, daher fürchteten Kinder, sie würden auch bestraft. „Die Täter sagen dann, du hast es ja auch getan“, betont Enders diese besondere Täterstrategie, die zumeist auch erst später aufgedeckt wird – so auch im Fall der Odenwaldschule.

Die meisten Täter kommen aus dem sozialen Nahbereich

Zudem sind drakonische Strafen kontraproduktiv, da Opfer diese nicht verantworten wollen. Die meisten Täter kommen aus dem sozialen Nahbereich der Kinder – also Freunde der Familie, Verwandte, Mitarbeiter von Institutionen. Wenn diesen Personen die Todesstrafe drohe, würden viele Opfer schweigen, so Enders weiter. Der Anteil des sexuellen Missbrauchs in der Familie mache bei Mädchen etwa 30 Prozent aus. Bei Jungen sei der Anteil deutlich niedriger. Mädchen würden zu etwa 60 Prozent im sozialen Umfeld missbraucht: Nachbarn, Freunde der Familie oder Verwandte, Mitarbeiter aus Institutionen. Bei Jungen liege der Anteil der Fremdtäter etwas höher – etwas über zehn Prozent.

Enders betont, in Gesprächen mit Opfern äußern Kinder oft die Vorstellung, die Täter säßen bei Brot und Wasser im Gefängnis. Dies empfänden die Opfer aber nicht als erstrebenswert. Daher frage Enders, ob das Opfer möchte, dass der Täter im Gefängnis Kurse besuchen, damit er solche Taten nicht wieder begehe. Dies befürworten die Opfer zumeist.

Siehe auch: NPD-Hotline zur Menschenjagd, Sexualstraftäter: Möge die Menschenjagd beginnen 

9 thoughts on “Moralische Nazis für Recht und Ordnung?

  1. Als ai-föfermitglied bin ich absoluter Gegner von Todesstrafe und Folter. und es ist auch zweifelsohne richtig, dass hohe Strafen weder auf den Täter selbst noch auf die Allgemeinheit vergleichsweise höhere besondere Abschreckungsfunktionen erfüllen (spezial- und Generalprävention).
    ABER: Die Strafe hat auch eine Sühnefunktion! Also der Täter soll für die Tat auch bestraft werden. Seine Lebensqualität soll also merklich eingeschränkt werden, weil er ein abscheuliches verbrechen begannen hat! Und in dieser Hinsicht finde ich, herrscht ein besonderes Missverhältnis zwischen Tat und Strafe bei „Kinderschändern“. Es kann doch nicht sein, dass ein Kind lebenslang geprägt wird, während der Täter gerademal mit 5 Jahren Gefängnis davon kommt! Ich fände es dann schon ganz nett, wenn der Staat die Sühnefunktion auch beachten würde und dann auch mal 20 Jahre gibt. Und das ist bitte nicht zu verwechseln mit der Todesstrafe!

    Und der Aussage, das viel zu wenig für die Opfer getan wird, während die Täter nach allen Regeln der Kunst psychiatrisch aufgepäppelt werden, würde ich jetzt auch als absoluter Gegner brauner Ansichten intuitiv zustimmen!

    Hier noch mal ein Hinweis zur „Härte“ der Gefängnsstrafe:
    http://retrolum.de/2010/05/15/jva-spielhalle/

  2. So, wie ich das sehe, haben die Täter bewiesen, dass sie nicht in der Lage sind, ihre Triebe zu kontrollieren.

    Sie stellen daher eine Gefahr für die Gesellschaft dar und müssen von ihr ferngehalten werden. Nicht als Strafe, sondern um die Gesellschaft zu schützen. In gewisser Hinsicht sind die Täter ebenso Opfer, wie die Opfer selber. Daher sollte man die Umstände des „Fernhaltens“ so human wie möglich, aber so streng wie notwendig gestalten.

  3. „So, wie ich das sehe, haben die Täter bewiesen, dass sie nicht in der Lage sind, ihre Triebe zu kontrollieren.“

    „Viele die Leben verdienen den Tod, und viele die tot sind verdienen das Leben. Kannst du es ihnen geben? Also sei nicht so schnell mit einem Todesurteil bei der Hand.“ Gandalf der Graue 😉

    Ähnlich sieht es mit lebenslanger Freiheitsentziehung aus.

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