„Dorfgemeinschaft Jamel“

Am kommenden Samstag will der berüchtigte NPD-Politiker Sven Krüger mitten in Jamel in Mecklenburg-Vorpommern auf dem Dorfplatz seine Hochzeit feiern. Die Menschen dort leben in Angst. Am vergangenen Wochenende hatten Neonazis das Vielfalt-Festival angegriffen.

Von Andrea Röpke und Maik Baumgärtner für den bnr, Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Autoren

Ein geschmückter Festsaal reicht ihm nicht. Neonazi Sven Krüger will für seine geplante Hochzeitsfeier am kommenden Samstag den gesamten Dorfplatz von Jamel in Anspruch nehmen. Um 14.00 Uhr soll es mit Kaffee trinken und Volkstanz losgehen, nach dem Abendbrot wird die private Feier des NPD-Paares dann zum „Dorffest“ mit Musik.

Krüger wollte schon immer das ganze Dorf. Jamel sollte es sein. Dieser kleine, abgelegene Weiler in der Gemeinde Gägelow, unweit der Ostsee. In der Dorfmitte wurde ein großer Findling aufgestellt auf dem steht: „Dorfgemeinschaft Jamel – Frei Sozial National“.

Wegweiser nach Braunau

Kinder spielen in Indianer-Zelten im Ort, auf denen die Odalrune gemalt ist, an einem Sandkasten hängt ein aufgemaltes Polizei-Schild. „JA-MEL 88“ lautet ein selbstentworfenes Kennzeichen am schwarzen Pickup vor Krügers Haus. Und am Dorfeingang von Jamel weist ein Holzpfahl mit zahlreichen Wegweisern in Frakturschrift in Richtung ehemaliger einschlägiger Orte wie Breslau, Königsberg und Braunau.

Schon Krügers Vater galt zu DDR-Zeiten im Dorf als Rechter. Die Mutter führte einen Marktstand in Wismar. Den Sohn verschlug es in die gewaltbereite braune Skinhead-Szene. Immer wieder musste er sich vor Gericht verantworten. Mitte der 90er Jahre fing der Glatzkopf an gemeinsam mit Kameraden die übrigen Anwohner zu tyrannisieren.

Ein Dorf in Angst

Seine Anhänger siedelten sich seitdem im Dorf an. Sieben der zehn Häuser sollen zu ihnen gehören. Die Rechtsextremisten feierten Hitler-Geburtstage, beschmierten Wände mit Parolen, ängstigten mit Drohgebärden und führten Wehrübungen im Wald durch. Selten beschränkten sie sich dabei auf Krügersches Privatgelände, hieß es. Die Medien berichteten von einem Dorf in Angst. Eingeschüchterte Neubürger verließen den Ort wieder.

Dann die offenkundige Wende: Ein mutiges Ehepaar aus dem Hamburger Stadtteil St. Pauli übernahm den Forsthof am Rande des Dorfes. Zivilcourage war nun auch in Jamel sichtbar. Das Paar hielt durch und initiiert seit vier Jahren ein Konzert für kulturelle Vielfalt gegen Rechts auf seinem Hof. Der Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern Erwin Sellering übernahm die Patenschaft. Junge, alternative Menschen trauten sich wieder ins Dorf – wenn auch nur unter dem Schutz breitschultriger Wachleute, die das „Jamel rockt den Förster“-Festival seitdem beschützen. Es wurde ruhig um Jamel. Das Interesse an Krüger und seinen Umtrieben erlahmte.

Riesiger Feuerscheit auf dem Dorfplatz

Eine „neue Qualität der Bedrohung“ gab es am vergangenen Samstag, als das vierte „Rock den Förster“-Festival in Jamel lief und zwei Rechte Gäste angriffen. Polizeisirenen und Krankenwagen sorgten für Getuschel im Dorf. Schnell sprach sich der Vorfall hinter vorgehaltener Hand herum.

Dabei hatte alles wieder ganz friedlich begonnen. Fünf Bands spielten seit Freitag jeweils an drei Tagen. Das Gelände des Forsthofs wurde vorsorglich eingezäunt und bewacht. Wie in jedem Jahr lud Neonazi Krüger parallel dazu zum eigenen Fest mit riesigem Feuerscheit auf den Dorfplatz. „Sah aus wie ein Scheiterhaufen“, gruselt sich ein älterer Mann, der mit dem Fahrrad unterwegs war. Rund 50 Krüger-Anhänger reisten an, saßen am Feuer und sangen Lieder. Während es in den letzten Jahren trotz Provokationen ruhig geblieben war, eskalierte diesmal die Situation.

Angreifer „renitent“ gegen die Beamten vorgegangen

In den späten Abendstunden am 7. August sprangen zwei Rechtextremisten über die Absperrungen zum Festivalgelände. Sie trugen Shirts mit der Aufschrift: „Hier rocken wir!“, stellten sich an einen Stehtisch, pöbelten, es kam zu Handgreiflichkeiten. Die Polizei reagierte prompt auf den Notruf. Während Festivalgäste berichteten, einem jungen Mann sei das Nasenbein gebrochen worden, sprach Polizeisprecher Niels Borgmann auf Anfrage von „Schlägen“, das Opfer sei „ambulant“ behandelt worden.

Einig sind sich Festivalgäste und Polizei jedoch darin, dass die Angreifer „renitent“ beziehungsweise aggressiv gegen die eintreffenden Beamten vorgegangen seien und auf Platzverweise nicht reagiert hätten. So sei es laut Borgmann zur Verhaftung und Ingewahrsamnahme der beiden gekommen. „Der hat hier doch Narrenfreiheit“ empört sich eine Frau aus einem Nachbarort nach diesem Vorfall leise.

Der freundliche Onkel beim NPD-Kinderfest

In den letzten Jahren hatte Krüger ungestört das Geschäft aufgebaut. Sein Abrissunternehmen mit dem Slogan „Die Jungs fürs Grobe“ (Im Logo ein zerschlagener Davidstern) expandiert. Mittlerweile soll er fast ein Dutzend Männer beschäftigen – zumeist Glatzköpfe wie er. Oft fahren Geschäftsleute mit teuren Autos aus Wismar, Güstrow oder Ratzeburg durch den Ort, steigen aus und verschwinden im rot getünchten Haus von Krüger.

Aus dem Neonazi, der einst ein Jugendlager mit überfallen hatte, wurde der freundliche Onkel beim NPD-Kinderfest in Grevesmühlen. Krüger ist jetzt offiziell Politiker. Nach den Kommunalwahlen 2009 gelang es Sven Krüger, für die NPD in den Kreistag von Nordwestmecklenburg einzuziehen. Seine Partnerin, Mutter zweier kleiner Kinder, verzichtete kürzlich als Nachrückerin „aus persönlichen Gründen“ auf ihr NPD-Mandat zugunsten eines Kameraden ihres Mannes.

Die Hochzeit als Meisterstück

Im Gewerbegebiet in Grevesmühlen erwarb der Jungunternehmer einen Teil des Betonwerks ausgerechnet vom örtlichen Bürgermeister, wie die „Ostsee-Zeitung“ schrieb. Er verwandelte es in eine Festung mit Wachturm und Zäunen und stellte es der NPD als Bürgerbüro zur Verfügung. Aus dem rechten Skinhead Krüger ist ein völkischer Neonazi geworden. In Zimmermannshosen und blauem Fischerhemd beteiligt er sich an Aufmärschen.

Auch privat umgeben ihn die ehemaligen Anhänger der verbotenen „Einheit Mecklenburg und Pommern“ der „Heimattreuen Deutschen Jugend“ (HDJ). Einer der jungen Studenten aus der HDJ baut mit seinem Vater ein Haus in Jamel. Ein anderer soll bei Krüger zur Miete wohnen. Am Samstag werden sie wohl alle zur Hochzeit im Dorf erscheinen. Sven Krüger hat keinesfalls aufgegeben, „sein“ Dorf zu annektieren. Die Hochzeit könnte sein Meisterstück werden.

Die wenigen kritischen Bürgerinnen und Bürger in Jamel und den anliegenden Dörfern leben in Angst. Obwohl viele Menschen Einladungen im Briefkasten hatten, trauen sie sich nicht zum völkischen Festgelage am kommenden Wochenende. Die Braut soll bereits ein Mittelalterkleid erworben haben. Doch Neugier zählt nicht. Lieber wollen sie ihr Hab und Gut bewachen, heißt es aus der Bevölkerung. Auf die Polizei möchte sich niemand verlassen. Auch nicht auf die Behörden. Die unternehmen wenig, sagen sie. Dabei melden Personen aus der Region immer wieder Schussgeräusche, manche glauben, dass sie vom Krüger-Grundstück stammen.

Alle Meldungen zu Jamel.

12 thoughts on “„Dorfgemeinschaft Jamel“

  1. Wie gut das wir alle wissen das die Medien gerne das erzählen was nicht ist sondern was sie gerne hätten!!! Die sollen mal drüber nachdenken was sie sich da zusammenschreiben! Machen können sie eh nichts!!! Jeder hat seine meinung und geht den weg den er für richtig hällt!!! Und das ist er!!!!;)

Comments are closed.