Nazi-Nachwuchs auf dem Lande

Großkaufhalle zum Feierabend in Prenzlau oder Ludwigslust: Vor mir, ein junger Mann, sportlich, munter, selbstbewusst; er kauft Bio, auf seinem T-Shirt steht „Braune Musik Fraktion“, in Frakturschrift. Gitarre und Maschinengewehr kreuzen sich auf dem Rücken. Eine Regalweite entfernt steht eine junge Mutter, schlank, totschwarz-pink gefärbtes Haar. Sie stopft ihr Kind in den Sitz des Einkaufswagens, wortlos. Bei den Nudeln treffen sich die jungen Eltern.

von Anetta Kahane, Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung

Ein weiteres, etwas älteres Pärchen kommt hinzu. Das Kind dieser beiden kaut eine Möhre, die Eltern sind sehr blond, und unter ihren Thor-Steinar-Klamotten blitzen Tattoos mit Totenköpfen hervor. Die Frauen checken ihre lange Einkaufsliste. Später steigen alle in einen Kleinbus, auf dessen Hinterteil klebt ein Sticker, darauf steht, ebenfalls in Fraktur, „Todesstrafe für Kinderschänder“. Ich schaue mich um. Außer mir scheint niemandem etwas aufzufallen. Ja, und? Weiß man doch. Junge Familien im ländlichen Raum. Nazimilieu. Sie sind mittendrin im Alltag: beim Kinderarzt, auf Ämtern, in der Kita, auf dem Spielplatz, mit anderen Familien bei Kinderfesten mit Grillen am See. Die Frage, sonst ausschließlich und mit Nachdruck an Migranten gestellt, lautet: Wie steht es mit der Integration?

Wenn Nazi-Eltern beim Spielplatzbau initiativ werden, nehmen dann die anderen in Kauf, dass Kinder aus Flüchtlingsfamilien nicht mitspielen dürfen? Oder dass beim Kinderarzt, die Fotos von schwarzen Babys verschwinden, weil sich einige Mütter freundlich, aber energisch beschweren? Und was passiert, wenn die neue Kita gleich voll einsteigt in die Welt der Ariosophen und des „reinen Blutes“? Und den Kindern daher rät, ihre „natürliche“ Wut an schwarzen Puppen auszulassen?

Stört es die Mitarbeiterin des Jugendamts, beim Hausbesuch unter einer Hakenkreuzfahne Platz zu nehmen, mit der Klientin ein Käffchen zu trinken und dabei Adolf und Odin beim Spielen zuzuschauen? Was tut die Mehrheit, wenn die tüchtige Elternsprecherin in der Schule es mit klaren Sätzen ablehnt, an dem Programm „Schule ohne Rassismus“ teilzunehmen? Schweigt sie? Ist es ihr wurscht oder gar recht? Alles nur Kinderkram?

Die sozialdemokratische Sozialministerin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig, hat nun einen Kita-Erlass veröffentlicht, nach dem Träger von Kindergärten und deren Mitarbeiter unterschreiben sollen, dass sie auf dem Boden der Freiheitlich Demokratischen Grundordnung (FDGO) stehen. Obwohl dies an den Radikalenerlass aus dem vorigen Jahrhundert erinnert, hat dieser Schritt einen Sinn: Er bestätigt amtlich, dass Nazis massiv in die Erziehung und damit ideologisch in den Alltag drängen, also wirklich eine Gefahr sind. Aber das ist nur ein Anfang. Denn mit der FDGO können Kinder nicht spielen, Mitarbeiterinnen beantwortet sie keine Fragen.

Junge Nazis, die ökologisch eingefärbt aus Blut und Boden blubbern, schicken sich an, das Klima in ländlichen Regionen zu prägen und machen sich in den mit Steuern finanzierten Kitas breit. Das muss gestoppt werden. Mit einem Erlass und auch im täglichen Konflikt mit dem braunen Geist solcher Leute, wie die da in der Kaufhalle. Und während ich nachdenke, höre ich die Reifen quietschen und schaue dem abfahrenden Bus mit den Nazifamilien nur noch hinterher.

Siehe auch: Kitas in MVP: Zunehmend Kinder aus rechtsextremen Elternhäusern

4 thoughts on “Nazi-Nachwuchs auf dem Lande

  1. Ja, Problem erkannt, um ehrlich zu sein, bekannt seit langem.

    Aber was tun?

    Auf ein Problem hinweisen ohne auch nur den Anflug einer Loesung parat zu haben oder wenigstens einen Denkanstoss zu geben, ist meiner Meinung nach ziemlich sinnfrei.

  2. Ich weiß nicht aus welcher Welt Frau Kahane zu kommen vermag, aber eines ist deifnitiv sicher :

    In dieser Welt scheint es überall böse Nazis zu geben, die inständig versuchen die Weltherrschaft durch -„Oh Nein“- Geburten zu erlangen und den ganzen Tag nichts anderes zu tun haben als in Fr. Kahanes Kopf rumzugeistern.

    Mal ehrlich :
    Wie weltfremd und paranoid muss man sein um solch einen Quatsch zu verzapfen.

    Grüße,
    Hartmut F.

Comments are closed.