Die Fallhöhe der Krake

In ihrer Stopp-Acta-Kampagne verwenden Piratenparteien verschiedener Länder das Motiv einer Krake, die den Erdball mit ihren Tentakeln umschlingt. Die Bildkomposition ist faktisch identisch, mit einer Darstellung aus dem Jahr 1938, die in der antisemitische Wochenzeitung „der Stürmer“ publiziert wurde. Die Metapher der Krake scheint seit Ende des 19. Jahrhunderts zum Standardrepertoir der Karikaturisten zu gehören. Sie dient dabei als Sinnbild für eine erdrückende, alles an sich raffende Übermacht.

Von Dipl.-Des. „Visuelle Kommunikation“ Robert Hampicke

In den allermeisten Fällen wird dabei jedem einzelnen Tentakel eine spezielle Funktion zugeordnet oder der dargestellte Sachverhalt wird durch die Hinzufügung von weiteren Attributen erklärt. Die Krake aus der Zeitung „Der Stürmer“, die den Erdball umspannt, ist dabei durch ihren hohen Abstraktionsgrad einzigartig und sticht unter der Vielzahl der Darstellungen heraus.

krake

Der Philosoph und Logiker Charles Sanders Peirce (*10.September 1839) gilt als Begründer der modernen Semiotik, einer Wissenschaft, die sich mit Zeichensystemen aller Art (z. B.: Bilderschrift, Gestik, Sprache, Verkehrszeichen) befasst und versucht, sie zu beschreiben und zu erklären. Er benannte drei Idealtypen eines Zeichens:

-Index
-Ikon
-Symbol

Ein Index ist dabei die „niedrigste“ Form eines Zeichens, eine Abbildung die auf nichts Weiteres, als ihren eigenen Inhalt verweist.(z. B. die Fotografie eines gebrauchten Autos bei Ebay) .

Um ein Ikon handelt es sich nach Peirce, wenn die Darstellung vereinfacht und stilisiert ist, wie zum Beispiel bei einem Piktogramm. Diese Art von Zeichen verweist über sich selbst hinaus auf alles, für das es stehen könnte.(z.B. die stark vereinfachte Darstellung eines Autos auf einem Verkehrszeichen steht synonym für alle Fahrzeuge).

Zu einem Symbol wird ein Zeichen hingegen, wenn sich über den reinen Bildgegenstand hinaus weitere Inhalte mit ihm verknüpfen. Wenn sich im idealtypischen Fall ein ganzes Weltbild dahinter verbirgt.(z.B. Politische oder religiöse Symbole wie Hammer und Sichel oder das Kreuz der Christen)

Bei der Darstellung der Acta-Kampagne handelt es sich im ersten Augenblick unweigerlich um ein Ikon. Die Krake der Piratenparteien ist Metapher für die Bestrebungen der am ACTA-Abkommen beteiligten Länder. Für das Ikon hat Peirce eine Art der Bewertung vorgeschlagen: die Ikonizität. Diese beschreibt den Grad der Verdichtung und Abstraktion. Wenn der beschriebene Sachverhalt deutlich erkennbar ist, besteht niedrige Ikonizität, wenn der Inhalt einer Abbildung stark abstrahiert, liegt eine hohe Ikonizität vor. Dabei ist davon auszugehen, dass sich bei hoher Ikonizität die Darstellung für ein mehr an Bedeutungsinhalt öffnet. Es kann (Hintergrund-)Wissen über den Inhalt des Zeichens nötig werden, um es zu lesen. Wenn das der Fall ist, wenn das Zeichen sich nicht mehr nur durch sich selbst erklärt, kommen wir nach Peirce dem Bereich des Symbols nahe.

Extrem erklärungsbedürftig

Die Krake der Piratenpartei ist extrem erklärungsbedürftig, denn sie ist – ohne den entsprechenden Kontext –  nicht als Daten-Krake erkennbar. Dieses gestalterische Problem hätte einfach gelöst werden können, indem zum Beispiel die Tentakeln der Krake als Computerkabel dargestellt werden. Frühere Kraken-Karikaturen differenzieren so weit, das sogar jedem einzelnen Fangarm eine spezielle Funktion zugeteilt wird, das ist bei dem Kraken-Zeichen der Piratenparteien nicht der Fall. Es beschreibt nur den Sachverhalt einer dunklen Bedrohung der Welt, worin diese Bedrohung besteht, darüber gibt die Darstellung keine weitere Auskunft. Das macht sie der Krake aus dem „Stürmer“ von 1938 so ähnlich und legt die Vermutung nahe, dass sich hinter ihr ebenfalls ein geschlossenes Weltbild verbergen könnte.

Um die Tragweite der Ähnlichkeit der beiden Darstellungen einschätzen zu können, ist es nötig, etwas über das nationalsozialistische Propagandaorgan „Der Stürmer“ zu erfahren. Bei der am 20. April 1923 von Julius Streicher in Nürnberg gegründeten antisemitischen Wochenzeitung handelt es sich keinesfalls um ein harmloses Witzblättchen, wie man auf Grund der teilweise obszönen und lächerlich naiven Darstellungen vermuten könnte. Mit Machtergreifung der NSDAP stieg die Auflage sprunghaft und erreichte im weiteren Verlauf der nationalsozialistischen Diktatur eine Höhe von 600.000 Exemplaren. Sonderausgaben erreichten eine Auflage von zwei Millionen. „Der Stürmer“ war nicht nur in Deutschland, sondern in allen besetzten Gebieten verbreitet und darüber hinaus bekannt. Der Besitzer und Chefredakteur Julius Streicher wurde während der Nürnberger Prozesse 1946 als einer der wichtigsten Nazifunktionäre neben Göring, Saukel und Ribbentrop, aufgrund seiner Propagandatätigkeit, wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, angeklagt.

Um die Tragweite seiner Veröffentlichungen zu verdeutlichen, nur wenig gekürzte Zitate aus dem Urteil vom 1. Oktober 1946:

„Auf Grund der 25 Jahre des Redens, Schreibens und Predigens des Judenhasses war Streicher als »Judenhetzer Nummer Eins« weithin bekannt. In seinen Woche um Woche, Monat um Monat erscheinenden Reden und Artikeln verseuchte er die Gedankengänge der Deutschen mit dem Giftstoff des Antisemitismus, und hetzte das deutsche Volk zur aktiven Verfolgung auf. Jede Ausgabe des Stürmers, der 1935 eine Auflage von 600000 erreichte, war mit solchen oft pornographischen und widerlichen Artikeln angefüllt.

Jedoch nicht nur in Deutschland allein vertrat dieser Angeklagte seine Lehren. Schon 1938 begann er, die Ausrottung der jüdischen Rasse zu fordern. 23 verschiedene Artikel aus Ausgaben des »Stürmers« aus den Jahren 1938 bis 1941, die die Ausrottung »mit Stumpf und Stiel« predigen, sind als Beweismittel vorgelegt worden. (…) Im Februar 1940 veröffentlichte Streicher einen Brief eines Lesers des »Stürmers«, der Juden mit Heuschreckenschwärmen verglich, die völlig ausgerottet werden müßten. Das war die Art, wie Streicher die Gedankengänge Tausender von Deutschen vergiftete, und dies war der Anlaß dafür, daß die Deutschen der nationalsozialistischen Politik der Verfolgung und Vernichtung der Juden Folge leisteten.

Das Beweismaterial ergibt jedoch klar, daß er unausgesetzt laufend Kenntnis von den Fortschritten der »Endlösung« erhielt.

Streichers Aufreizung zum Mord und zur Ausrottung, die zu einen Zeitpunkt erging, als die Juden im Osten unter den fürchterlichsten Bedingungen umgebracht wurden, stellt eine klare Verfolgung aus politischen und rassischen Gründen in Verbindung mit solchen Kriegsverbrechen, wie sie im Statut festgelegt sind, und ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar.“

Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Streicher sich auf Grund seiner systemstabilisierenden Propagandatätigkeit, der Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht hatte und verurteilte ihn zum Tode durch den Strick. Während Göring sich mit einer Giftkapsel töten kann und Ernst Kaltenbrunner gefasst die Hinrichtung erwartet, schreit Streicher ohne Nerven noch bei seiner Hinrichtung „Heil Hitler“.

Zeitungskontext und politischer Kontext

Doch wie schuldig kann ein Bild sein? Die Aufgabe einer Karikatur im Alltagsgeschäft einer Zeitung ist es zu überspitzen. Sie überzeichnet bis ins Groteske, um zu verdeutlichen. Hierbei ist aber zu beobachten, dass solch eine Überzeichnung, wie sie durch die Darstellung der Krake erreicht wird, heutzutage nicht mehr zeitgemäß erscheint und im normalen deutschen Zeitungsspektrum unüblich ist.

In der politischen Agitation wird dieses Mittel zum Beispiel im Nahen Osten – beispielsweise als Propaganda gegen Israel – sehr wohl noch eingesetzt und findet auf diesem Umweg in den politischen Alltag Deutschlands zurück. Es ist also zu unterscheiden: Zeitungskontext und politischer Kontext. Für den politischen Kontext der „Visuellen Kommunikation“ ist charakteristisch, dass diese zum Erreichen eines politischen Zieles eingesetzt wird. Zu einer Zeit, als das Wort „Propaganda“ noch nicht aus offensichtlichen Gründen negativ besetzt war, benutzte man dafür diesen Begriff. Während die Karikatur in der Zeitung ohne schlechtes Gewissen überspitzen darf, verfolgt sie eben kein direktes politisches Ziel, ist die „Fallhöhe“ der Karikatur in der politischen Agitation unweit höher. Wenn sie zur Diffamierung des politischen Gegners eingesetzt wird, ist Obacht geboten.

Schlussendlich zeigt sich der ganze Bedeutungsumfang eines Zeichens, in der Summe seiner Lesarten. Nicht nur in der Lesart der Zustimmenden und „Erkennenden“ sondern auch in der Lesart der dem Zeichen gegenüber neutralen und seiner „Gegner“.

Siehe auch: Antisemitische Bildsprache bei der Piratenpartei

38 thoughts on “Die Fallhöhe der Krake

  1. siehe die Warnungen Ozdemirs alternativ auch hier:

    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,609288,00.html

    und hier:

    http://www.fr-online.de/politik/-staat-darf-sich-nicht-wegducken-/-/1472596/3352604/-/index.html

    Und wie gesagt, wenn sogar dieser Mann, der es ja sonst mit der Wahrheit nicht so hat (siehe Bonus-Meilen-Affäre, unqualifizierten Äusserungen zu Sarrazin usw. )
    das einräumt. Hallejulja, dann möchte man nicht wissen wie die ganze Wahrheit ist

  2. …es wird dort auch auf „88 judenfeindliche Straftaten mit muslimischen Tatverdächtigen“ (für das Jahr 2006) hingewiesen, die in diesem Blog vermutlich unter „rechtsextreme Straftaten“ auftauchen, gell 😉

    Hallo Frank, voll höhö. Nein, diese Taten tauchen nicht unter rechtsextrem auf. Ihre Gegenrechnungen machen rechte Straftaten auch nicht besser. Zudem möchten wir Sie bitten, sich auch mal zum Thema zu äußern, sonst werden die Beiträge nicht mehr freigeschaltet.

  3. „Laut der Studie „Integration und Integrationsbarrieren von Muslimen in Deutschland“ des Bundesinnenministeriums definieren 14 Prozent aller Muslime in Deutschland ihre Gemeinschaftsidentität politisch-ideologischund sympathisieren mit islamistischen Gesellschaftsvisionen. Israel, diffamiert als „zionistisches Gebilde“, spielt dabei eine wichtige Rolle. “

    „…der 3,4 Millionen Muslime in Deutschland…“

    Das sind also maximal ca. 476.000 Muslime, die laut der Studie mit antisemitistischen Gesellschaftsvisionen sympatisieren.

    „Warum werden die Millionen Muslime in Deutschland die eine antisemitische Einstellung haben“
    Wie sehr setzen sie sich eigentlich mit Quellen auseinander, wenn sie diese zitieren? Und warum trotz wissenschaftlicher argumentation ad personam argumentieren?

    Relativieren und verallgemeinern… scheint sich wie eine Seuche durch einige Gehirne zu fressen!

  4. @35 („demokrat“):

    ich verstehe ja, dass sie mit dem, was sie als argument anführen, auf irgend etwas hinaus wollen. was das aber mit dem artikel oben zu tun haben soll, kann ich beim besten willen nicht nachvollziehen.

    melden sie sich doch später noch einmal mit der genannten studie zu wort. über die kann man in anderem zusammenhang sicher sprechen. ihren schlusssatz sollte ich mir merken, der ist ja geradeaus filmreif.

    was sie von sich geben, kann hier nur eine ablenkung von der fragwürdigen bildsprache eines kommunikationsmittes der piratenparteien sein. aber vielen dank für ihren beitrag.

    .~.

  5. Hat mit dem Artikel nichts zu tun. Nur mit den Kommentaren des „Frank“. Ich werde mich in Zukunft ein wenig zügeln und mehr am Thema bleiben, versprochen 😉

  6. Der Artikel ist mir wurscht. Ist sowieso nur Schwachsinn, da er von der N(SDAP)PD stammt.
    Was mir jedoch ins Auge gestochen ist, ist die hübsche Mc Donalds-Werbung auf der rechten Seite. Muahaha, was für eine Ironie…

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